Achtsamkeit – eine kleine Auszeit

Ich betrachte den großen Baum vor meinem Bürofenster. Er verliert schon Blätter.
Das Laub wird immer bunter, viele Blätter sind schon gelb, einige rot. Ein Vogel
fliegt in den Baum. Der Himmel ist mit dichten grauen Wolken überzogen, aber
es regnet nicht. Ich betrachte wieder den herbstlich gefärbten Baum. Den Vogel
kann ich nicht mehr entdecken.

Ich spüre die Wärme der Teetasse in meiner Hand. Ich hebe die Tasse an den Mund
und rieche das würzige Aroma des Yogi-Tees. Ich kann Zimt riechen, die anderen
Gewürze kann ich nicht erkennen. Ich nehme einen Schluck und schmecke den
würzigen Tee. Er rinnt meine Kehle hinunter. Sein Geruch liegt in der Luft.

Ein gelbes Blatt fällt von dem Baum auf den Boden.

In dem Gebäude gegenüber gehen ab und zu Menschen aus und ein.
Auf der Baustelle wird nicht gearbeitet. Es ist ruhig.
Der Himmel ist immer noch grau und bewölkt.

Ich trinke einen weiteren Schluck Tee, rieche und schmecke das würzige Aroma,
spüre nach, wie das warme Getränk meine Kehle hinunter läuft. Ich betrachte
wieder den Baum vor dem Fenster mit seinen bunten Blättern und den bewölkten
Himmel darüber.

Ich stehe mit beiden Füßen fest auf der Erde. Ich spüre die Kanten des Stehpults
in meinem Rücken, als ich mich dagegeben lehne. Ich nehme einen weiteren Schluck
Tee, trinke und genieße ihn ganz bewusst, nehme seinen würzigen Geruch und seinen
Geschmack wahr und wie das warme Getränk meine Kehle hinunter rinnt.

Die Tasse ist noch halb voll. Ich fühle mich ruhig und möchte weiter arbeiten.

Tägliche kleine Auszeit von der Arbeit mit viel Achtsamkeit

Ich setze mich an meinen PC, mache mir bewusst, was ich in den beiden letzten Stunden geschafft habe und erkenne, dass ich den Stress relativ gelassen genommen habe und die unerklärlichen Programmier-Probleme als Herausforderung gesehen habe, weil ich wusste,
dass ich den Fehler finden würde, wenn ich systematisch und in aller Ruhe danach suchen würde.

Anschließend gönne ich mir eine Teepause – meine tägliche kleine Auszeit von der Arbeit
mit viel Achtsamkeit, so wie ich das in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen gelernt
habe. In der Gruppe wird aus der Achtsamkeit öfter „Lachsamkeit.“ Eigentlich nicht wirklich zielführend, aber eine schöne Erinnerung an die Zeit in der psychosomatischen Tagesklinik.

Einen kurzen Moment lasse ich die Gedanken noch schweifen, denke an die Menschen,
die ich in der Gruppentherapie kennen gelernt habe und überlege, wie es ihnen geht
und ob auch sie noch regelmäßig ihre Achtsamkeits-Übungen machen und an die „Lachsamkeit“ denken.

Achtsamkeit statt Zwangshandlung und Gedankenkarrussell

Mit einem Lächeln greife ich zur Maus und konzentriere mich wieder auf meine Arbeit.

Auch Konzentration ist eine Form von Achtsamkeit. Wenn wir uns voll und ganz auf eine Aufgabe konzentrieren, sind wir ganz bei uns. Wenn wir nichts tun, kreisen die Gedanken
in unserem Kopf unaufhaltsam. Wir haben zwei Möglickkeiten, das Gedankenkarrussell
für einen Moment abzustellen: Mit einer Zwangshandlung oder mit ein paar Minuten Achtsamkeit.

Achtsamkeit geht immer und überall. Auch am Arbeitsplatz. Wenn du nicht allein im
Büro bist, kannst du an einen Ort gehen, an dem du ungestört bist. Wenn du deinen
Blick nicht auf etwas Schönes in deiner Umgebung richten kannst, kannst du deine
Augen schließen und auf deine Atmung achten und deinen Körper wahrnehmen.

Wie ein Stück Schokolade durch Achtsamkeit zum Hochgenuss wird

Oder du kannst ganz bewusst einen Apfel oder ein Stück Schokolade essen.
In der Gruppentherapie hat unsere Therapeutin uns die Achtsamkeitsübung nach
dem Mittagessen mit einem Schoko-Bon versüßt, den wir erst aufmerksam betrachten,
dann ganz langsam auswickeln, nochmals betrachten, in den Mund stecken und dann
auf der Zunge zergehen lassen. Die meisten merken bei dieser Übung zum ersten Mal,
dass in der süßen Leckerei kleine Nusssplitter stecken, die noch für ein zusätzlichen
Genusserlebnis sorgen.

Und so wird so etwas Alltägliches wie der Verzehr einer kleinen Schokokugel zu einem
ganz besonderen Erlebnis und einem schönen Moment, den wir jederzeit wiederholen
können: Mit ein wenig Achtsamkeit in unserem Alltag.

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