Angst vor Schmutz und Bakterien

Dass mit meiner Kollegin etwas nicht stimmt, wird mir sofort klar, als ich hinter ihr am Waschbecken stehe. Nachdem sie sich die Hände gewaschen hat, macht sie den Wasserhahn
mit dem Ellbogen zu. Anschließend betätigt sie den Griff am Spender für die Papierhandtücher – ebenfalls mit den Ellbogen.
Bevor sie die Türklinke mit dem Ellbogen runter drückt, erklärt sie mir:
„Da hat man sich gerade die Hände gewaschen und schon greift man wieder überall hin,
wo die ganzen Bakterien drauf sind !“
Ich stimme halbherzig zu und mache den Wasserhahn auf: Mit der Hand.
Natürlich drücke ich auch den Hebel am Handtuchspender mit zwei Fingern runter und die Türklinke mache ich auch ganz normal auf: Also mit der rechten Hand, die ich mir gerade gewaschen habe und mit der ich gleich wieder die Türklinke zum Schulungsraum aufdrücken, anschließend mit der Tastatur meinen PC entsperren und dann die Maus anfassen werde –
nicht nur meine, sondern vielleicht auch die der Schulungsteilnehmerin, die mir gerade
signalisiert hat, dass sie eine Phobie vor Schmutz, Bakterien und anderen linken Bazillen hat.
Ich habe nur eine Phobie gegen Computer-Viren. Berufsbedingt. Ich arbeite in der IT.

Angst vor Computermäusen, Tastaturen und Unterlagen

Maus_mit_TaschentuchEin paar Wochen später kontrolliert eine andere
Kursteilnehmerin erst ganz genau ihren Stuhl,
bevor sie sich hinsetzt. Anschließend putzt sie
an der Tastatur rum. Dann legt sie ein frisches
Taschentuch über die Maus, bevor sie sie anfasst.
Okay: Im Schulungsraum sitzen alle möglichen
Leute an den PCs. Keiner weiß, wo die vorher
waren und was sie alles angefasst haben.
Oder ob sie sich nach der Toilette die Hände gewaschen haben.
Ich kann gleich mal alle beruhigen: Ich mache das immer. Mit Wasser und Seife.
Meistens trockne ich sie mir auch noch ab. Mit einem Papierhandtuch.
Eines reicht – der Umwelt zuliebe.
Wenn ich es mal eilig habe – oder einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz leisten will –
wische ich sie mir auch schon mal auf dem Rückweg ins Büro oder in den Schulungsraum
einfach an der Hose ab, die normalerweise nicht frisch gewaschen ist.
Selbst wenn sie das wäre, wären sicher schon wieder erste Verschmutzungen drauf von
der morgendlichen Fahrt mit dem Rad in die Arbeit. Oder vom Toner-Wechsel am Laserdrucker oder vielleicht auch von der Breze, von der mir in der Kaffeepause was drauf gefallen.
Das kann alles passieren.
Mir macht das nichts aus. Das ist doch ganz normal.

Meine beiden überbesorgten Kursteilnehmerinnen sehen das sicher anders:

Vielleicht haben sie auch ein Problem damit, meine selbst erstellten Schulungsunterlagen anzufassen, die ich kurz vorher ausgeteilt habe – und dabei offensichtlich keine sterilen Einweghandschuhe getragen habe. Wir sind ja hier nicht in einem OP, sondern in einem Schulungsraum.
Deshalb muss ich zwischendurch auch mal an den einen oder anderen Schulungs-PC ran,
wenn jemand ein größeres Problem hat, das ich mit Worten allein nicht lösen kann.
Man kennt das ja: Man kommt irgendwo drauf und schon ist alles durcheinander. Am PC.
Manchmal auch bei dem, der davor sitzt. Aber geht man man ja auf Schulung.
Normal kann man das ganz schnell wieder in Ordnung bringen. Man muss nur wissen,
wo man hinlangen muss.

Ein Problem gelöst – ein neues Problem ausgelöst

Und habe ich das PC-Problem gelöst.
Und bei meiner Schulungsteilnehmerin ein viel größeres Problem ausgelöst, das ich leider
nicht mit ein paar Mausklicks und ein paar erklärenden Worten aus der Welt bringe:
Ich habe ihre Tastatur und ihre Maus angefasst ! Mit der rechten Hand !
Also mit der Hand, mit der ich vorher auch den Bakterien-verseuchten Handtuchspender
und die Türklinke in der TOILETTE angefasst habe. Einfach SO !

Was geht in dem Opfer meines unvorsichtigen und verantwortungslosen Verhaltens vor ?

Bazillen01HILFE ! Die fasst meine Tastatur/Maus an …
Dabei hat die gerade alles Mögliche auf dem KLO angefasst !
Wo doch eh alle erkältet sind und rumhusten und rumschnupfen
und alle möglichen Bakterien und Viren verbreiten !
Hoffentlich setzt die sich jetzt nicht auf noch auf meinen Stuhl !
Wo die doch vorhin die Hände an der Hose abgewischt hat.
Da sind ihr vorhin in Cafeterria ein paar Brösel von ihrer Butterbreze
drauf gefallen. Die hat sie einfach mit den Fingern aufgehoben und
auf den Teller zurück gelegt. Wenigstens hat sie sie nicht auf den
Boden gewischt. Aber trotzdem …

Und wer weiß, was da sonst noch alles an dieser Hose dran hängt !
Die hatte sie gestern doch auch schon an ! Frisch gewaschen sieht die nicht aus.
Außerdem fährt die am Morgen immer mit dem Rad in die Arbeit.
Womöglich hat sie da auch noch Straßenschmutz dran.
Und jetzt hat die gerade mit ihrer dreckigen Hose mein Bein berührt !
Natürlich hat sie sich sofort entschuldigt. Aber das hilft mir jetzt auch nichts mehr !
Und wer weiß, was da alles an diesen Unterlagen dran ist !
Wenn die nie richtig aufpasst und ständig irgendwo dran kommt.
Aber der ist das scheinbar völlig egal, wenn sie sich
alles Mögliche einfängt. Und das gibt sie dann an ihre Schulungsteilnehmer weiter.
Kein Wunder, dass in der EDV-Stelle schon wieder zwei Leute krank sind !

Tastatur_Reinigung

Am liebsten würde ich jetzt sofort die Tastatur
und die Maus abputzen, wo die gerade mit ihren
dreckigen Fingern hin gelangt hat. Und eine andere
Hose anziehen. Aber das geht ja nicht ! Der Kurs
dauert noch eine ganze Stunde und die würde das
sicher merken, wenn ich jetzt mein Desinfektionsspray raus hole. Die anderen würden das sicher auch wieder nicht verstehen. Genau wie meine Kolleginnen, die immer die Augen verdrehen und dumm daherreden.
Nur weil ich meinen Arbeitsplatz richtig sauber halte.
Warum sind nur alle außer mir so schlampig ?
Und die da ist genauso schlampig.
Und SO eine darf SCHULUNGEN halten !!!!
Und überall hinfassen, wo dann die anderen auch wieder hinfassen müssen.
Und wir werden dann alle krank.

Was ist schon normal ? – Das nicht !

Das ist doch nicht normal, oder ?
Doch, ist es. Keine Ahnung, was bei einem Menschen wirklich „normal“ ist.
Die Keimphobie meiner beiden Schulungsteilnehmerinnen ist es nicht.
Die zwei sind echt nett, freundlich und höflich und alles.
Sie haben beide eifrig mitgearbeitet, keinen Ärger gemacht und ich konnte mich auch
in der Kaffeepause immer recht nett mit ihnen unterhalten.
Was sie von meinem unvorsichtigen Umgang mit Straßenschmutz, Brezenkrümeln und Türklinken halten und ob sie mich für sie eine wandelnde Bakterienschleuder halten, haben sie nicht gesagt.
Ich könnte es mir aber gut vorstellen, nachdem ich neun Wochen mit vielen anderen netten, freundlichen und liebenswerten Menschen verbracht habe, die unter ähnlichen Problemen
leiden und endlich ganz offen darüber sprechen konnten, was in ihnen vorgeht, ohne dass sie
für durchgeknallt erklärt wurden oder die anderen nichts mehr mit ihnen zu tun haben sollten.

Was denken die Kollegen ?

In der Arbeit ist das natürlich besonders schlimm. Wenn einem der Chef oder die Kollegen
plötzlich nicht mehr im Team haben wollen, weil man ein ganz spezielles Problem hat.
Deshalb ist es vielleicht besser, wenn meine beiden liebenswerten Kolleginnen nichts sagen.
Sie leisten gute Arbeit und werden auch von ihren Vorgesetzten geschätzt, weil sie immer
alles ganz korrekt erledigen. (Mir sind immer mal wieder Fehler unterlaufen, aber mein
Chef war recht zufrieden mit mir – bis er gemerkt hat, was mit mir los ist …)
Ihr Schreibtisch ist immer aufgeräumt. Da findet jeder sofort alles, auch wenn die Kollegin
gerade  mal nicht da ist.
Nicht wie bei mir, wo es meistens aussieht, als wäre gerade eine Bombe eingeschlagen.
Ich bin nicht besonders ordnungsliebend … (Das hat meinen Chef scheinbar nie gestört …)

Reden ist Silber – Schweigen ist Gold ?

Aber meine beiden Kursteilnehmerinnen würde es stören.
Bei ihren Kolleginnen stört es sie natürlich auch, dass die so furchtbar unordentlich sind.
Aber wehe man sagt was …
Dann kommt höchstens wieder so ein blöder Spruch wie: „Da sieht man wenigstens,
dass hier gearbeitet wird“.
Oder man hat man gleich das halbe Kollegium gegen sich, weil man angeblich einen „Ordnungsfimmel“ hat und mehr Zeit mit Schreibtisch-Aufräumen verbringen als
mit richtiger Arbeit …

Also sagen die beiden lieber nichts. Sondern ertragen stillschweigend und stoisch all
die schrecklichen Dinge, die um sie herum vorgehen. Tag für Tag und Jahr für Jahr.
Sie reißen sich zusammen und schlucken ihre Ängste und ihren Ärger runter,
anstatt einfach mal alles raus zu lassen und den Kolleginnen und Kollegen zu sagen,
wie sehr sie unter all den Gefahren leiden, die überall auf sie lauern und wie sehr
es sie nervt, dass alle außer ihnen so furchtbar schlampig sind und die Türgriffe
mit der Hand anfassen.

Zwangsstörungen – die heimliche Krankheit

Darunter leiden sie. Unheimlich. Oft Jahre lang. Und heimlich.
Weil sie keiner versteht und jeder sog. „normale“ Mensch für überspannt oder verrückt
erklären würde. Oder gestört.
Zwangs-gestört.
Die beiden Kolleginnen leiden an einer klassischen Zwangsstörung.
Leider ist ihnen das nicht bewusst. Sie halten ihre Krankheit für Normalverhalten.
Zwangsstörungen werden oft erst nach 10-15 Jahren oder noch später erkannt.
Oder gar nicht. Wenn sie bemerkt werden, kann das ziemliche Konsequenzen haben.

Solche Folgen kann eine Zwangsstörung im Berufsleben haben …

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