Büro ausräumen unter Aufsicht

Mein neues Büro ist ziemlich spartanisch eingerichtet: Ein Schreibtisch,
ein Rollcontainer unter dem Schreibtisch, eine Zimmerpflanze, die unserer
Vorzimmerdame gehört und ganz viele Aktenschränke, in denen kaum Platz
für meine Unterlagen ist.
Ich sitze in der Altakten-Registratur, weil nichts anderes frei ist.
Aber in zwei Jahren ziehen wir eh in ein neues Dienstgebäude.

Lieber in der Altakten-Registratur als in meiner alten Abteilung

Ich bin erst mal froh, dass ich nicht mehr in meinem alten Dienstgebäude sitze,
wo ich ständig meinen alten Kollegen und meinem Ex-Chef über den Weg laufen würde.
Der hat mich sofort abgeschossen, als er meinen Dokumentationszwang entdeckt hat.
Schon seltsam: Ich habe über 20 Jahre lang versucht, auf eine andere Stelle zu kommen,
weil ich mit seinem Vorgänger nicht klar gekommen bin, der endlich in Rente gegangen ist.
Ohne Erfolg.
Dann sagt der neue Chef, der gerade mal fünf Monate im Amt war, als er gemerkt hat,
dass ich entschieden zu viel schreibe, dass das Vertrauensverhältnis gestört ist und zack:
Über Nacht bin ich raus aus der IT.
Echt cool !

Hände-Schütteln und „Wie geht es dir ?“ werden überbewertet

Echt cool ist auch der Empfang, als ich am zweiten Arbeitstag mein altes Büro ausräume.
Oder eher frostig.
Absolutes Kontrastprogramm zum ersten Arbeitstag.
Ich weiß schon, warum ich mein altes Büro nicht sofort ausgeräumt habe…

Mir fällt wieder die „Erkältung wegen schlechtem Betriebsklima“ ein.
Ich muss klingeln, weil mein Schlüssel natürlich nicht mehr sperrt.
Als ich die Treppe hoch gehe, kommen gleich zwei Kollegen raus, um mich in mein
ehemaliges Büro zu begleiten. Ein einfaches „Guten Morgen“ genügt.
Händeschütteln oder Fragen wie „Wie geht es dir ?“ oder so werden eh überbewertet.
Einer sperrt mein altes Büro auf. Der andere steht hinter mir.

Büro ausräumen unter Aufsicht

Dann stellen sich die beiden vor den freien Schreibtisch gegenüber.
Der Kollege ohne Schlüssel erklärt, dass er gerne hier bleiben möchte.
„Wenn ich nichts dagegen habe“.
Ich frage nicht, was er tun würde, wenn ich schon was dagegen hätte …
Mit Sicherheit trotzdem da bleiben. Befehl von oben.
Wenigstens ist mein alter Chef auch gerade im Urlaub.
In den Pfingstferien anzufangen war echt gutes Timing.

Meine Kollegen unterhalten sich angeregt, während ich meinen Schreibtisch ausräume
und einen Großteil der Unterlagen in den Papierkorb werfe.
Schon Wahnsinn, was sich über die Jahre so ansammelt.
Ist stelle mir plötzlich vor, wie das ist, wenn man eine Wohnung auflösen muss.
Irgendwie bin ich ja für die Leute hier auch gestorben. Zumindest redet keiner mit mir.
Ob sie mich beobachten, weiß ich nicht. Wie gesagt: Meine beiden Aufpasser stehen am
Schreibtisch gegenüber. Sicherheitsabstand. Aber was ich da in meinen beiden Stofftaschen
und dem Karton verschwinden lasse, der zufällig irgendwo rumliegt, sehen sie sicher nicht.
Das können sie von da drüben gar nicht sehen.

Immerhin fragt mich dann der Kollege mit dem Schlüssel, mit dem ich übrigens mehrere
Jahre im selben Büro gesessen bin, ob er schon mal meine Bilder abhängen soll.
Ist mir egal. Ich kann sie eh nicht mehr brauchen. Ich sitze da drüben in einer Registratur
und habe nicht mal einen Kleiderschrank oder ein Sideboard. Und viel Platz für Bilder ist
da auch nicht.
Die beiden hängen sie trotzdem ab und der andere Kollege organisiert sogar noch eine zweite Schachtel, in der er sie sorgfältig verstaut. Sehr darauf bedacht, dass nichts beschädigt wird.
Wie gesagt: Mir wäre das egal. Ich kann sie eh nicht mehr brauchen. Daheim hängen die
Wände schon voll und außerdem: Bilder aus dem Büro würde ich da sicher nicht aufhängen…

Der Aktenschrank mit den Ordnern ist abgesperrt. Den Schlüssel hat der Chef und der ist
im Urlaub. Macht nichts. Ich brauche für meinen neuen Job eh nur ein oder zwei Ordner.
Mehr bringe ich in meinem Proforma-Büro auch nicht unter.

Nach einer halben Stunde bin ich fertig. Mit Ausräumen und auch psychisch.
Meine Halswirbelsäule spüre ich schon nach fünf Minuten. Das ist auch psychisch.
Meine Sachen holt der Hausmeister ab.
Eilt nicht. Ich bin eh nur zwei Stunden da.

Symbolisches Abschiedsgeschenk für meine alten Kollegen

Ich darf noch kurz in die Küche. Natürlich auch in Begleitung.
Keine Angst. Ich nehme nichts mit. Ich will was da lassen:
Eine Flasche Sekt – manchmal muss es eben „Mumm“ sein
Ferrero Rocher – manchmal möchte man sich am liebsten die Kugel geben …
Sieben goldene Schokokugeln ordne ich als Smiley an – für jeden eine
Den Rest stelle ich auf die Küchenablage. Die sollen sie untereinander aufteilen…
Meine geliebte Igel-Karte, die ich auch meine MitpatientInnen zum Abschied geschenkt habe
Und natürlich die Ansage mit meinem neuen Lebensmotto:
In jeder Krise steckt eine Chance …

Natürlich darf ich auch noch ein Foto von diesem Arrangement machen, bei dem wirklich
alles symbolisch gemeint ist. Nachdem ich immer noch nicht besonders gut mit meinem Smartphone umgehen kann, wird das Foto unscharf. Egal. So viel liegt mir nicht an einer Erinnerung an diesen Tag …

Sorry, dass ich weiterhin in der IT bin…

Mein Kollege fragt, ob ich den anderen noch Bescheid sagen will, dass ich in der Küche
etwas für sie arrangiert habe.
Nein. Muss nicht sein.
Wenn ich fünf Jahre älter wäre, wäre ich gegangen. Ich hatte auch nicht mehr ernsthaft
damit gerechnet, dass ich noch in der IT bleibe. Sorry. Das habe ich mir selbst eingebrockt.
Weil ich im Personalgespräch dieses Projekt angesprochen habe, das ich gerne fertig machen würde. Das wäre mir eine Herzensangelegenheit, dass ich das noch abschließen kann.
Ich konnte ja nicht damit rechnen, dass die dann tatsächlich eine neue  IT-Stelle schaffen.
Also werden wir wohl zwangsläufig weiterhin zusammen arbeiten müssen.
Aber deswegen muss ich meinen Kollegen trotzdem nicht sagen, dass ich ihnen was
mitgebracht habe.

Guten Start !

Also bedankt sich mein Kollege, der übrigens auch an meinem alten-neuen Projekt beteiligt war und wieder sein wird – im Namen seiner Teamkollegen für meine Mitbringsel und wünscht mir noch einen guten Start.
Danke. Den hatte ich. Am Tag zuvor. In meinem neuen Team.
Ich weiß schon, warum ich mein altes Büro nicht gleich am ersten Tag ausgeräumt habe.
Ich habe mir einige Szenarien vorgestellt. Aber nicht dieses.

Mir geht es echt dreckig, als ich mit einem kleinen Karton und einer Tasche in der linken Hand, einem kleinen Karton unter dem linken Arm und einem Panorama-Foto des Bryce Canyons das kleine Nebengebäude verlasse, in dem ich in den letzten drei Jahren meinen Arbeitsplatz hatte. Abzüglich meiner zahlosen Krankheitstage.

Ausnahmsweise nehme ich mal den Aufzug, um in mein neues Büro im 2. Stock zu kommen.
Ich bin mit meiner Kraft ist am Ende. Vor allem psychisch.

Ich sollte noch gut eine Stunde hier bleiben. Die könnte lang werden …

Weiter ….

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