Ein Jahr nach der Gruppentherapie

Am 08.04.2016 verabschiede ich mich von meiner Therapiegruppe in einer psychosomatischen Tagklinik. Über neun Wochen haben wir offen über unsere Probleme gesprochen und nach Lösungen gesucht. Wir haben uns gegenseitig Mut zugesprochen und Trost gespendet.
Oft sind Tränen geflossen. Aber wir haben auch viel gelacht, auch über die eigenen Zwänge.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Aber wir haben nie einen anderen ausgelacht. Jeder respektiert jeden und zeigt Verständnis, auch wenn es sogar uns „Zwänglern“ manchmal schwer fällt, die Zwänge der anderen zu verstehen. Wie schwer verständlich sind unsere seltsamen Verhaltensweisen dann erst für Nicht-Betroffene?

Angst, dass ich nicht in die Gruppe passen könnte

Ich habe Angst vor der Therapie. Das ist ganz normal.
Ich befürchte, dass ich an meine Grenzen komme, wenn ich nicht mehr aufschreiben darf,
was um mich herum passiert. Oder dass ich am Abend Stunden lang Tagebuch schreiben muss.
Und das vielleicht gar nicht mehr schaffe nach einem langen und erfüllten Therapie-Tag.
Außerdem habe ich Angst, nicht richtig in die Gruppe zu passen mit meinem extrem seltenen Dokumentierzwang. Alle anderen haben klassische Zwangsstörungen: Waschzwang, Putzzwang, Ordnungszwänge, Kontrollzwang, Wiederholzwänge und (aggressive) Zwangsgedanken.
Niemand in der Gruppe hat zuvor etwas von einem „Dokumentierzwang“ gehört.
Auch mir war nicht klar, dass es neben den „Klassikern“ noch so viele weitere unterschiedliche Zwangserkrankungen gibt.

Die Gruppentherapie ist hart – aber sie hilft

Aber wir sitzen alle in einem Boot: In der Gruppentherapie in einer psychosomatischen Tagklinik. Und wir haben alle dasselbe Ziel: Raus aus dem Zwang und zurück in ein selbstbestimmtes und zwangsfreies Leben.

Dafür nehmen wir einiges auf uns: Wir stellen uns vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn wir unseren Zwängen nicht mehr nachgeben. Immer wenn der Zwang sich meldet, sollen wir in die „Befürchtungskette“ gehen.
In der Exposition müssen wir uns unseren schlimmsten Ängsten und Phobien stellen. Kontrollzwängler müssen am Morgen den Herd benutzen und dürfen nur noch einmal kontrollieren, ob er auch wirklich aus ist. Leute mit Waschzwang dürfen nur noch kurz
Hände waschen und duschen. Keimphobiker müssen U-Bahn-Toiletten benutzen…

Oft sitze ich wie gebannt auf meinem Stuhl und höre zu, wie meine Mitpatientinnen und Mitpatienten ihre Erfahrungen schildern, ihre Befürchtungsketten vorlesen oder über die
Probleme berichten, die ihre Zwangserkrankungen ausgelöst haben.
Oft denke ich: „Das könnte jetzt auch von mir sein…“
Wir haben viele Gemeinsamkeiten, Parallelen in der Kindheit. Viele von uns haben ein Trauma.
Eine junge Frau spricht in der Gruppentherapie zum ersten Mal über sexuellen Missbrauch in
der Kindheit. So viel Mut verdient Anerkennung.

Anerkennung, Lob und Kritik

Anerkennung und Komplimente annehmen können fällt vielen schwer, manchen sogar noch schwerer als mit Kritik umzugehen. In der Gruppentherapie lernen wir das. Und noch vieles andere, wie Grenzen setzen, unserem Gedankenkarrusell STOP zu sagen, mit Achtsamkeit
kleine Auszeiten zu schaffen und unsere Zwänge besser unter Kontrolle zu bringen.
Nicht jeder ist nach 9-12 Wochen in der Klinik völlig zwangsfrei. Aber es geht allen deutlich besser. Nach eigenen Aussagen geht es den meisten Patienten immer noch gut.

Die Therapiegruppe ist wie eine Familie

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie ich es geschafft habe, meinen Dokumentierzwang zu überwinden. Vermutlich hat es mir einfach geholfen, dass ich endlich über alles offen reden kann, was mich Jahrzehnte lang belastet hat, dass ich Menschen um mich habe, die mir zuhören und mich verstehen. Menschen, die genau wie ich Jahre lang unheimlich unter dieser „heimlichen Krankheit“ leiden, die für Nicht-Betroffene so schwer zu verstehen ist.

Die Therapiegruppe ist für uns alle wie eine Familie – wie die Familie, die wir gerne gehabt hätten. Der Abschied von unseren Mitpatienntinnen und Mitpatienten fällt allen schwer. Die meisten würden am liebsten noch länger in der Klinik bleiben und als Co-Therapeuten andere Menschen unterstützen auf ihrem Weg raus aus dem Zwang.

Ich möchte anderen helfen

Ich wollte in meiner Jugend Sozialarbeiterin oder Journalistin werden, musste aber leider einsehen, dass ich für diese Berufe nicht hart genug bin. Ich möchte immer noch Menschen helfen. Seitdem ich meinen Dokumentierzwang überwunden habe, habe ich wieder Freude
am Schreiben. Ab und zu muss ich mir auch mal etwas von der Seele schreiben.

Leider gibt es kein Patentrezept und ich kann euch nicht sagen, wie ihr es schaffen könnt
raus aus dem Zwang.

Aber vielleicht findet ihr auf meinem Blog die eine oder andere Anregung, wie ihr euch das Leben hin und wieder ein wenig leichter machen könnt.

Über Rückmeldungen oder Anregungen würde ich mich sehr freuen !

Alles Gute
Eure Betty Gruebel

Etwas sagen kann sehr hilfreich sein

In der ersten Therapiesitzung im neuen Jahr spreche ich natürlich an, dass ich an Weihnachten ziemlich viel von mir preis gegeben habe: Genau gesagt über meine Kindheit. Im nächsten Moment ist mir das schon furchtbar unangenehm, dass ich all diese sehr persönlichen und
auch höchst problematischen Dinge gesagt habe – in Gegenwart meines Schwagers, meiner Schwägerin, unserer Nichte, eines unserer Neffen und meines Mannes. Der war bis dahin der einzige, der davon wusste, dass ich mit 15 am liebsten gestorben wäre und davon überzeugt
war, dass meine Eltern ohne mich besser dran wären.
Die Stimmung ist vorher schon nicht sehr weihnachtlich, ganz im Gegenteil: Wir haben zu diesem Zeitpunkt gefühlt schon mindestens eine Stunde nur über sehr schwierige aktuelle Themen gesprochen, die auch mich betreffen. Irgendwann wird mir das dann einfach zu viel.
Wie gesagt: Ich bereue es sofort und bedauere meinen Gefühlsausbruch den ganzen Abend und
die nächsten Tage noch zutiefst, obwohl die Reaktionen meiner Verwandten sehr positiv sind:

Meine Schwägerin legt mir die Hand auf den Arm und stellt fest, dass sie und ihre Geschwister es als Kinder leichter hatten. Mein Schwager berichtet von seinen Problemen mit seiner eigenen Mutter und vermittelt mir auch ein Gefühl von Solidarität. Verständnis zeigen alle. Keiner ist mir böse. Ganz im Gegenteil.

Ich fühle mich verstanden und akzeptiert

Meine Schwägerin versichert mir, dass es gut ist, dass ich (noch) da bin.
Ich fühle mich von der Familie meines Mannes verstanden und akzeptiert.
Etwas, was mir in meiner eigenen Familie immer gefehlt hat.

Positive Gefühle festhalten

Dieses Gefühl soll ich festhalten. Das Gefühl, verstanden und angenommen zu werden.
Es ist in Ordnung, dass ich über meine Probleme gesprochen habe, auch wenn diese
schon lange zurück liegen und es aktuell um die Probleme meiner Schwiegermutter
geht, bei der sich das hohe Alter zunehmend bemerkbar macht.

Ich will nicht, dass meine Verwandten in mir jetzt einen weiteren „Problemfall“ sehen.
Aber um mich müssen sie sich nicht kümmern… Sie können sich weiterhin auf die Probleme ihrer Mutter konzentrieren. Und müssen dabei auch keine Rücksicht auf mich nehmen.
Aber vielleicht ist es trotzdem gut, dass sie nun wissen, warum ich kein so inniges Verhältnis
zu meiner Mutter habe wie sie zu ihrer und oft etwas gereizt reagiere, wenn ich auf meine Mutter angesprochen werde.

Ruhig mal was sagen – das brauchen wir Menschen

Meine Therapeutin versichert mir immer wieder, dass ich ab und zu mal was sagen soll.
Natürlich nicht zu jedem und ungefiltert. Aber zu Menschen, die mich verstehen.
Das brauchen wir Menschen. Einfach mal was raus zu lassen.

Ich schlucke schon mein ganzes Leben viel zu viel runter. Einer meiner Standardsprüche
lautet: „Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage…“
Und weil ich so oft nichts sagen kann, schreibe ich das Ungesagte auf:
So lange und so viel, dass es zwanghaft wird.

Ich würde immer noch unkontrolliert und zwanghaft schreiben, wenn nicht mein Chef
etwas zu mir gesagt hätte. Vielleicht wäre das Vertrauensverhältnis nicht komplett gestört,
wenn ich den Mut gefunden hätte, ihm etwas von meinen Problemen zu sagen, bevor er sie selbst entdeckt hat. Ich werde es nie erfahren.

Unsere Personalchefin und der Personalrat reagieren mit Verständnis, als sie von meinem Dokumentationszwang erfahren. Sie unternehmen alles erdenklich Mögliche unternommen,
damit ich im IT-Bereich weiter arbeiten kann – in einer anderen Abteilung.

Nicht jedem alles sagen

Meinen neuen Kolleginnen und Kollegen sollte ich aber lieber nichts sagen, meint die Personalratskollegin, als ich meine neue Stelle antrete. Aber mit ihr und den anderen Personalratsmitgliedern kann ich jederzeit über meine Probleme sprechen.
Und auch mit einigen Familienmitgliedern, wie ich an Weihnachten festgestellt habe.
Und natürlich mit meiner Verhaltenstherapeutin, die keineswegs nur gute Ratschläge
für das richtige Verhalten parat hat, sondern auch sehr intensiv nach den Ursachen
meiner Probleme forscht.

Einige dieser Ursachen habe ich an Weihnachten angesprochen: Unüberlegt, spontan
und in einem Gefühlsausbruch. Trotzdem sehe ich es im nachhinein positiv, dass das
alles aus mir heraus gebrochen ist.

Etwas sagen kann manchmal wirklich sehr hilfreich sein 🙂

Bloggen als Therapie?

Ein besorgter Leidensgenosse hat mich auf Facebook gefragt, ob mich das
Bloggen nicht triggert, weil das doch auch eine Form von Dokumentation ist.
Schließlich habe ich über 10 Jahre an einem Dokumentierzwang gelitten.
Ich ich habe zwanghaft alles aufgeschrieben, was so um mich herum
oder in mir drin vorgegangen ist.

Nun, ich kann euch alle beruhigen: Mein Blog ist absolut zwangsfrei!

Ich schreibe zwar immer noch sehr gerne, aber mittlerweile nur noch,
wenn ich Lust darauf habe und/oder etwas mitteilen möchte –
so wie jetzt gerade.

Okay, am Anfang habe ich mir schon noch einiges von der Seele geschrieben.
Da hatte das Bloggen vielleicht wirklich noch ein wenig was von Therapie,
vielleicht auch als Ersatz für die Gespräche und den Erfahrungsaustausch
mit meinen MitpatientInnen in der Gruppentherapie, die mir unheimlich
geholfen haben. Und auch gefehlt, als ich plötzlich wieder alleine zu Hause
gesessen bin und nur einmal pro Woche mit meinem Mann und meiner
ambulaten Verhaltenstherapeutin über meine Probleme reden konnte,
weil meine Freunde alle nichts von meiner Zwangsstörung wissen.
Heimliche Krankheit und so. Ihr kennt das sicher auch…

Facebook als Therapie ?

Deshalb sind so viele wie ich auf Facebook und auch in der
Gruppe für Angststörung,Depressionen,Zwangsstörung u. Co.
Die kann ich übrigens wärmstens weiter empfehlen.

Auch wenn das Schreiben keine Therapie ersetzen kann und Facebook
keine echten Freunde in der realen Welt: Es tut trotzdem gut, wenn man
sich einfach mal etwas von der Seele schreiben kann und sieht, dass man
mit seinen Problemen nicht allein da steht, sondern dass es da draußen
ganz viele andere liebe Menschen gibt, die dich verstehen und ein paar
ermunternde oder tröstende Worte für dich finden.

Deshalb werde ich auch weiter bloggen und auf Facebook posten,
wenn ich  das Gefühl habe, dass ich vielleicht jemandem ein wenig
helfen oder zumindest für einen Moment ein wenig aus seinem
Seelentief herausholen kann.

Und das hoffentlich auch weiterhin ganz zwanglos 🙂

Theatertherapie

Die Theatertherapie ist absolut freiwillig und bietet eine nette Abwechslung.
Hier können wir unsere Sorgen und Probleme für einen Augenblick hinter
uns lassen und uns einfach mal ein wenig „austoben“.

Es kommen Leute aus allen Therapiegruppen zusammen.
Wir setzen uns im Kreis auf, stellen uns kurz vor und besprechen,
was wir in den nächsten 1,5 Stunden machen wollen.

Hier ist alles ganz spontan und freiwillig

Theatertherapie hat nichts mit klassischem Theater zu tun.

Du musst also keine Texte lernen oder Rollen üben. Hier ist alles ganz spontan:
Oft spielen wir Situationen aus dem Alltag der Teilnehmer nach.
Manchmal spielen wir auch einfach munter drauf los.
Du entscheidest selbst, ob du mitmachen oder lieber zuschauen willst.
Du kannst dich auch jederzeit ausklinken, wenn dir etwas nicht so gut liegt.
Wenn dir das ganze gar nicht liegt, kannst du das auch ganz offen sagen
und beim nächsten Mal einfach weg bleiben.

Wie gesagt: Hier ist alles freiwillig.

Beim Warm-Up kommen wir richtig in Schwung

Am Anfang gibt es immer einen Warm-Up, bei dem alle richtig in Schwung kommen.
Ein bisschen Bewegung tut ganz gut, weil wir in der Therapie eh die meiste Zeit sitzen.

Mir hat die Theatertherapie unheimlich Spaß gemacht und ich habe auch nette Leute
aus den anderen Therapiegruppen kennen gelernt. Mit einigen habe ich sogar am Ende
meiner Therapie E-Mail-Adressen und Telefonnummern getauscht.

Übrigens gibt es in vielen Städten auch eine ambulante Theatertherapie.

Wie gesagt: Hier kann jeder mitmachen – auch ohne schauspielerische Begabung.
Und die Theatertherapie eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

Imagination in der Verhaltenstherapie

In der Imagination in der ambulanten Verhaltenstherapie versetze ich mich in eine schwierige Situation in meinem Leben zurück, meistens in meine Kindheit. Ich stelle mir den Ort vor, an dem ich damals war (fast immer mein Elternhaus), die Personen, die beteiligt waren (meistens meine Mutter), was meine Mutter gesagt hat und wie ich mich dabei gefühlt habe.

Zwischendurch fragt meine Therapeutin immer wieder nach, wie ich ich jetzt gerade fühle
und wo ich diese Gefühle im Körper spüre. Meistens wird mein Hals enger, manchmal auch
der Brustraum. Über meine Kindheit rede ich nicht gerne rede und ich bin froh, dass ich schon so lange erwachsen bin. Und jetzt muss ich in Gedanken wieder ein kleines Kind werden und geistig noch einmal erleben, was mich zu dem Menschen gemacht hat, der neun Wochen in einer psychosamatischen Tagklinik war und nun eine ambulante Verhaltenstherapie braucht.

Aber ich sehe vieles klarer. Aus der Sicht der Erwachsenen. Und auch aus der Sicht meiner Therapeutin, die mir klar macht, dass ich nicht alles falsch gemacht habe mein ganzes Leben lang, auch nicht in der Kindheit.

In der Imagination ist ein Happy End möglich

Manchmal darf ich meine Geschichte in der Imagination auch umschreiben.
Oder meine Therapeutin kommt mit ins Spiel und nimmt mich in Schutz.
Manchmal holt sie mich sogar aus der Situation raus. Für immer.
Ich kann ein neues Leben beginnen, mit einer guten Freundin, die für mich sorgt.
Was für eine herrliche Vorstellung !

Natürlich funkt da immer wieder die Erwachsene dazwischen. Aber die hat jetzt erst mal Sendepause. Das Kind in mir darf sich vorstellen, wie das alles hätte besser werden können damals. Und plötzlich wird alles leichter. Die Enge im Hals geht weg, die Stimmung wird
besser, fast heiter.

Dieses Gefühl soll ich fest halten und dann langsam wieder ins Hier und Jetzt zurück kehren:
In die Welt der Erwachsenen in der ambulanten Verhaltenstherapie, in der mir eine erwachsene Frau gegenüber sitzt, die meine Probleme versteht.

Schade, dass es diese Frau in meiner Kindheit nicht gegeben hat… Aber es gibt sie heute.

Auch eine ambulante Therapie ist nicht einfach. Aber sie hilft mir weiter.

 

 

 


Therapeutischer Brief

Der therapeutische Brief dient in erster Linie dazu, dir alles von der Seele zu schreiben,
was du einer bestimmten Person nicht (oder nicht mehr) sagen kannst, z. B. deiner
Mutter, deinem Vater, einem früheren Lebenspartner oder wer immer dir sonst noch
das Leben schwer macht oder gemacht hat. Therapeutische Briefe können auch an
Verstorbene adressiert sein.

Vielleicht werden dir beim Schreiben Dinge bewusst, die dir vorher nicht klar waren
oder die du vergessen oder verdrängt hast. Du schreibst den therapeutischen Brief
nicht für die Person, an die er sich richtet, sondern für dich.

Was du mit diesem Brief machst, ist deine Entscheidung:
Natürlich kannst du den Brief an die Person schicken, an die er adressiert ist.
Das kommt aber eher selten vor.

Wie gesagt: Der therapeutische Brief ist für dich. Du kannst den Brief behalten
und später wieder durchlesen oder auch zerreißen, wegwerfen oder verbrennen.

Meinen MitpatientInnen in der Gruppentherapie haben ihre Briefe geholfen.
Wenn ich mich dazu aufraffen kann, selbst einen therapeutischen Brief
zu schreiben, berichte ich darüber auf meinem Blog.

Vielleicht hast du schon Erfahrung mit therapeutischen Briefen?
Es wäre schön, wenn du sie uns mitteilen würdest!

Von der Angst zur Zwangsstörung

Angst ist der gemeinsame Auslöser vieler psychischer Erkrankungen, einschließlich Zwangsstörungen. Egal ob Kontrollzwang, Perfektionismus, Waschzwang, Keimphobie, Sammelzwang, oder Dokumentierzwang: Der gemeinsame Nenner dieser Zwangsstörungen
ist Angst.

Der Teufelskreis aus Angst und Zwangsstörung am Arbeitsplatz

Die Angst, das wir etwas vergessen oder nicht richtig gemacht haben und deswegen eine Katastrophe passiert, lässt uns immer wieder alles kontrollieren, zwanghaft. Wir schauen
am Morgen so oft nach, ob der Herd ausgeschaltet ist, alle Fenster zu sind und die Türe verschlossen ist, dass wir zu spät zur Arbeit kommen. Dort werden wir nie rechtzeitig mit unserer Arbeit fertig, weil wir auch alles unzählige Male überprüfen und kontrollieren müssen. Oder alles perfekt machen wollen, aus Angst, dass wir sonst Probleme mit dem Chef bekommen, bei der nächsten Beförderung übergangen werden oder sogar unseren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Dabei sind wir mit unserem zwanghaften Verhalten auf dem besten Weg, dass genau das passieren könnte. Paradox, oder ? Wir geraten zwangsläufig in einen Teufelskreis aus Angst
und Zwangshandlungen.

Ordnungszwang als Beziehungskiller

Die Angst vor Schmutz, Bakterien, Ansteckung, Krankheiten und auch die Angst, dass uns andere für schmutzig oder unordentlich halten, zwingt uns in Waschzwänge, Keimphobien
und Ordnungszwänge. Übertriebene Ordnungsliebe ist die Nummer Eins unter den Beziehungskillern. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Mutter ist zwanghaft ordentlich…
Mein Vater hat sich zwar nicht scheiden lassen, aber der Putz- und Ordnungsfimmel
meiner Mutter ist ihm und auch mir unser ganzes Leben auf die Nerven gegangen und
vielleicht einer der Gründe, warum ich schon als Kind Zwangsstörungen entwickelt habe.

Bloß nichts Wichtiges wegwerfen oder vergessen!

Die Angst, dass wir etwas Wichtiges vergessen könnten und dann etwas Schlimmes
passiert, lässt uns immer wieder alles aufschreiben. Wir führen endlose To-Do-Listen
oder dokumentieren jede Kleinigkeit, egal wie unbedeutend sie ist. Anstatt etwas einfach anzupacken und zu machen, schreiben wir ständig alles auf. Im Arbeitsleben kann das
fatale Folgen haben. Ich spreche aus Erfahrung.

Die Angst, dass wir etwas wegwerfen könnten, was wir irgendwann noch brauchen,
lässt unsere Schränke und Schubladen überquellen. Wenn wir dann etwas suchen,
können wir es in dem Chaos an unnützem Zeug oft nicht finden. Es sei denn, wir
leiden an einem Ordnungszwang oder dokumentieren haargenau, wo wir alles
verstaut haben. Schon wieder so eine paradoxe Situation…

Egal, ob wir nun Ordnung in unser Chaos bringen oder in einer Messie-Wohnung leben:
Wir wollen niemanden mehr in unsere Wohnung lassen, aus Angst, dass die anderen unser zwanghaftes Chaos entdecken – oder unsere zwanghafte Ordnung durcheinander bringen
und gar nicht merken, welches Chaos sie in uns dabei auslösen.

Habe ich gerade jemanden überfahren?

Manche Menschen haben ständig Angst, jemanden überfahren zu haben. Auch wenn sie das vermeintliche Opfer im Rückspiegel noch unversehrt über die Straße gehen sehen und ihre Beifahrer ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist, leiden sie immer noch an der Vorstellung, gerade einen Menschen überfahren zu haben. Oft Stunden lang oder sogar Tage lang. Schlimm, wenn solchen Menschen auch noch an einer Keimphobie leiden und Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln haben…

Therapie von Ängsten und Zwangsstörungen

Die Liste an Angst-bedingten Zwangsstörungen ließe sich noch lange fortsetzen. Natürlich ist Angst nicht die einzige Ursache für eine Zwangsstörung. Aber Angst spielt immer eine große Rolle, oft die Hauptrolle. Einige Patientinnen in meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen waren vorher in der Angst-Gruppe und wurden in die Zwangsgruppe versetzt, als Ärzte und Therapeutinnen erkannten, dass ihre Zwangsstörung das Hauptproblem ist.

Nicht umsonst ist eines der Hauptinstrumente bei der Behandlung von Zwangsstörungen
die sog. Befürchtungskette: Hier stellst du dir vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn du deine Zwangshandlungen nicht mehr ausübst. Dann stellst du dich deinen Ängsten – in der Exposition.

Der einzige Weg raus aus dem Zwang ist: Raus aus der Angst.

Erfolg durch Psychotherapie

Seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen in einer psychosomatischen Tagesklinik
sehe ich vieles anders. Auch bei meinen Mitmenschen. Mir ist erst in der Gruppentherapie bewusst geworden, dass meine Mutter eine zwanghafte Persönlichkeit ist und deshalb Zwangsstörungen bei uns in der Familie liegen.

Andere besser verstehen

Diese Erkenntnis hilft mir, meine eigenen Zwangsstörungen besser zu verstehen und zu akzeptieren. Aber vor allem kann ich jetzt auch meine Mutter besser verstehen und ihr vieles verzeihen, was sie in meiner Kindheit und Jugend falsch gemacht hat. Die Erziehungsfehler unserer Eltern können nicht rückgängig gemacht werden. Was war, das war. Wir können die
Uhr nicht zurückdrehen und noch einmal von vorne beginnen und alles anders machen.
In meinem Fall bräuchte ich andere Eltern – oder zumindest eine andere Mutter.
Das geht natürlich nicht, weil wir unsere Eltern halt nicht aussuchen können.
Genau so wenig wie unsere Chefs, Kollegen, Nachbarn und viele und vieles andere,
was uns belastet und Probleme bereitet.

Wir können unsere Mitmenschen nicht ändern. Jeder Mensch hat Fehler und das ist gut so.
Oder möchtest du mit einem perfekten Menschen zusammen leben? Ich ehrlich gesagt nicht.
Es reicht schon, wenn nicht perfekte Menschen ständig erwarten, dass ich alles perfekt machen soll, z. B. meine Mutter, der keiner etwas gut genug machen kann. Genau wie den Müttern
oder Vätern vieler meiner Mitpatientinnen und Mitpatienten in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Gelassener mit den Schwächen und Fehlern der anderen umgehen

Natürlich lernen wir auch in der Therapie nicht, wie wir das Verhalten dieser Menschen ändern, die einen so großen Einfluss auf unser Leben und unsere Persönlichkeit hatten und immer noch haben. Weil wir andere Menschen eben nicht ändern können.

Aber wir können die Art und Weise ändern, wie wir mit den Fehlern und Schwächen der anderen umgehen, vor allem mit den Verhaltensweisen, die uns am meisten auf die Nerven gehen.
Es gibt unzählige Bücher, die uns hier hier kluge Ratschläge erteilen. Ein paar dieser Ratgeber machen wirklich Spaß und bringen auch etwas. Zumindest haben sie mir etwas gebracht. Deshalb stelle ich sie auch auf meinem Blog vor.

Warum Therapie so wichtig ist

Aber auch der beste Ratgeber ersetzt im Ernstfall keine Therapie. Bei einer schweren Krankheit reicht es auch nicht, wenn wir im Internet nach Heilmitteln googlen. Wir müssen die Medikamente auch einnehmen auch einen Arzt aufsuchen.

Bei einer schweren Grippe, Lungenentzündung, Magengeschwüren oder chronischen Rückenschmerzen gehen die meisten zum Arzt. Früher oder später, einige vielleicht zu spät…
Aber sicher schaut dich keiner schief an oder hält dich für einen Schwächling, wenn du bei
39 ° C Fieber oder mit unerträglichen Schmerzen professionelle Hilfe suchst. Wenn doch,
dann sollte der andere vielleicht selbst professionelle Hilfe suchen. Und zwar die Art von
Hilfe, die immer noch ein wenig verpönt ist.

Bei psychischen Erkrankungen ist es keineswegs „normal“, dass man zum Psychiater geht.
In den USA gehört die Psychoanalyse zum guten Ton. Im Rest der Welt gibt keiner gerne zu,
dass er mit seinen psychischen Problemen nicht alleine fertig wird und eine Therapie braucht.
Obwohl so mancher Bandscheibenvorfall und manches Magengeschwür durch psychische probleme ausgelöst werden. Natürlich wissen wir das längst alle. Der Stress und so.
Das gehört einfach zum Alltag in unserer leistungsorientierten Gesellschaft.

Wer nichts leistet, ist nichts wert. Deshalb können wir uns natürlich keine Schwächen leisten.
Und schon gar keine psychischen Probleme. Trotzdem steigt die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen extrem an. Und da sind die vielen körperlichen Erkrankungen, die eigentlich psychosomatisch sind, noch gar nicht mitgerechnet. Übrigens sind psychisch Erkrankte auch überdurchschnittlich lang krankgeschrieben. Ich war wegen meines Dokumentationszwangs neun Monate im Krankenstand, davon neun Wochen in einer Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Ohne Therapie hätte ich das nicht geschafft…

Mittlerweile arbeite ich wieder regulär und gehe weiterhin regelmäßig zu einer ambulaten Verhaltenstherapie. Meine Zwangsstörungen sind meistens kein Thema mehr, weil ich meinen Dokumentierzwang in der Gruppentherapie überwunden habe und meine anderen Zwänge so weit im Griff habe, dass sie mich nicht mehr stören.

Ohne Therapie hätte ich das nie geschafft. Trotz all der tollen Ratgeber. Da bin ich mir sicher.
Zur Zeit lese ich wieder Andrew Matthews „Tu, was dir am Herzen liegt“.  Matthews gibt in seinen Welt-Bestsellern auch ganz viele Tipps, wie wir etwas gelassener mit unseren Problemen und auch den Fehlern anderer Menschen umgehen sollen. Und seine Ratgeber machen echt Spaß.

Aber wie sagte meine Mathematik-Lehrer immer: „Wenn ich weiß, wie man einen Handstand macht, heißt es noch lange nicht, dass ich auch einen zustande bringe“.

Das kann ich bestätigen. Ich kann auch keinen Handstand machen. Das muss ich auch nicht.
Aber ich muss mit meinen Problemen umgehen können, meinen Vorgesetzten und Kollegen, meiner Mutter, die mich regelmäßig anruft und im Oktober ihren 90. Geburtstag hat und manchmal auch mit den kleinen Marotten meines geliebten Ehemanns, der beim Autofahren und beim Einkaufen überhaupt keine Geduld hat und uns bei unserem letzten Großeinkauf fast unseren vorletzten Urlaubstag versaut hätte. Aber nur fast. Weil ich in der Therapie gelernt habe, wie ich mich von solchen Kleinigkeiten nicht klein kriegen lasse. Und weil ich jetzt auch vieles besser verstehen kann. Auch bei Mitmenschen, die ich mir nicht freiwillig ausgesucht habe.

Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich einen Platz in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen bekommen und auch eine gute ambulante Therapeutin gefunden habe.
Ich werde am Montag wieder gerne in die ambulante Therapie gehen – auch wenn dann
das Wochenende (und auch mein Urlaub) zu Ende ist.

Aber seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen gehe ich auch wieder viel lieber
in die Arbeit – und ich gehe auch gelassener mit meinen Problemen um  🙂

Der Klügere gibt nach…

Wirklich? Das würde einiges erklären: Wenn die Klügeren ständig nachgeben, übernehmen
zwangsläufig die Dümmeren das Regiment.
Im richtigen Leben geben meistens nicht die Klügeren nach, sondern eher die Schwächeren.
Das alte Sprichwort ist eines der vielen Instrumente, wie man aus aufgeweckten Kindern
unsichere Erwachsene macht, die sich nicht durchsetzen können, nicht Nein sagen können,
ausgenutzt oder gemobbt werden und im besten Fall irgendwann in einer Therapie landen.
Da kann ihnen wenigstens geholfen werden.

Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin

Dieses Buch ist nicht umsonst ein Bestseller geworden.
Ich bin Jahre lang ein braves Mädchen und kann mich nie richtig durchsetzen.
Gegen meine Eltern und meinen großen Bruder habe ich sowieso keine Chance, vor allem als
Mädchen. Von den Nachbarskindern, im Kindergarten und in der Schule werde ich „gehänselt“
(heute würde man es Mobbing nennen). Meine pubertären Rebellionsversuche hätten mich
fast ins Grab gebracht, weil meine Mutter mir ständig vorwirft, dass ich sie zehn Jahre
früher ins Grab bringen würde. Also komme ich zu der Überzeugung, dass meine Eltern
ohne mich besser dran wären und will sie von dieser schrecklichen Last befreien, die
plötzlich kein braves Mädchen mehr sein will. Hat nicht geklappt, wie man sieht.

Also gebe ich weiter nach und mich passe mich zwangsläufig an, bis ich von zu Hause
ausziehen und im Studium endlich meine verpasste Jugend nachholen kann. Ein braves
Mädchen bin ich da nicht mehr… Ganz im Gegenteil. Vor allem auch, weil ich nicht
„Nein“ sagen kann. Zu niemandem. Meinen Nachbarn interessiert es nicht (damals gibt
es das „Nein heißt Nein“-Gesetz noch nicht. Aber er hätte sich eh nicht dran gehalten.)
Also ist es in diesem Fall wohl wirklich klüger, nachzugeben, weil ich definitiv die
Schwächere bin (und nicht im Krankenhaus landen will…)

Später hätte ich mir viele Probleme ersparen können, wenn ich mich nicht an das alte
Sprichwort gehalten hätte, obwohl es natürlich schmeichelt, wenn man klüger gehalten
wird als seine Kontrahenten.

Spielerisch lernen, wie man nicht ständig nachgibt

Zum Glück führt mein Weg zwangsläufig in eine Gruppentherapie.
Hier treffe ich auf viele nette Menschen, denen es ähnlich geht wie mir.
Alle waren als Kinder schüchtern, wurden autoritär erzogen, gemobbtund haben Probleme,
Grenzen zu setzen. Kein Wunder: Sie sind alle intelligent. Und der Klügere gibt nach…

Wir lernen in Rollenspielen, wie wir das besser machen können.
Ich kann mich auf ein wichtiges Personalgespräch vorbereiten, bei dem es um meine
berufliche Zukunft nach meiner 9-monatigen Zwangspause geht. Beim dritten Versuch
kann ich mich gegen meinen Mitpatienten durchsetzen, der die Chefrolle perfekt verkörpert.

Er kann sich ein paar Tage zuvor auch sehr gut gegen mich durchsetzen, als ich in die
Rolle seiner dominanten Mutter schlüpfe. Das fällt mir leicht, weil ich nur meine eigene
Mutter parodieren muss.

Beim ersten Durchgang wird mein 37-jähriger „Sohn“, der mich um mehr als einen
Kopf überragt, plötzlich ganz klein geworden. Im zweiten Durchgang tritt er ziemlich
selbstbewusst auf und spielt mich glatt gegen die Wand. ich gebe mich geschlagen.
Wir ernten viel Applaus für unsere (schauspielerischen) Leistungen.
Und wir profitieren enorm von der neuen Rollenverteilung, in der nicht der vermeintlich
Klügere und defacto Schwächere nachgibt, sondern der mit den schwächeren Argumenten.

Ein besserer Arbeitsplatz, weil ich nicht nachgegeben habe

Wenn ich in meinem Wiedereingliederungsgespräch so stark nachgegeben hätte wie in
meinen 28 Berufsjahren zuvor, würde ich jetzt trotz Uniabschluss bei deutlich niedrigerem
Gehalt in der Pforte oder im Schreibdienst arbeiten, weil da gerade Stellen frei waren.
Stattdessen bestehe ich auf meinem Recht auf eine gleichwertige Stelle und weise auf eine
entsprechende schriftliche Bestätigung der Rechtsabteilung meiner Gewerkschaft hin.
Außerdem führe ich an, dass ich ein Projekt fertig stellen möchte, das schon vor Jahren
begonnen wurde und das mir wirklich am Herzen liegt.

Nachdem ich wegen meines Jahrelangen Dokumentierzwangs nicht an meinen IT-Arbeitsplatz zurück kehren kann, schafft unsere Personalstelle eine neue IT-Stelle in der Abteilung, für die ich nun mein Projekt fertig stellen kann. Das ist im Öffentlichen Dienst theoretisch fast ein
Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem hat mein Arbeitgeber meinem Wunsch nachgegeben.
Vielleicht, weil er rechtlich gesehen in der schwächeren Position ist. Vielleicht auch, weil
das eine klügere Entscheidung ist als eine IT-Spezialistin mit 28 Jahren Berufserfahrung
auf eine Stelle zu versetzen, für die sie völlig überqualifiziert ist und für die es zahlreiche
andere interessierte und qualifizierte BewerberInnen gibt.

Recht geben ist besser als Nachgeben

An meiner neuen Arbeitsstelle fühle ich mich deutlich wohler.
Natürlich spreche ich meine Ideen mit meinem Kollegen ab. Und ich gebe auch nach,
wenn ich das Gefühl habe, dass er einen besseren Lösungsansatz hat.
Genau genommen gebe ich dann nicht nach, sondern ich gebe dem anderen Recht.
Ein guter Teamplayer gibt zu, wenn der andere etwas besser weiß oder besser kann.
Mit ein wenig Lob und Anerkennung fällt auch das Nachgeben leichter.

Nicht so bescheiden !

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr…“
Grammatikalisch nicht ganz korrekt. Trotzdem zutreffend.
„Schwätzer machen die beste Karriere“ titelt die Süddeutsche Zeitung in den späten
1980er Jahren. Daran hat sich seitdem nichts geändert.

Die Leute in meiner Therapiegruppe haben vieles gemeinsam, u. a. mangelndes Selbstbewusstsein oder ein schlechtes Selbstwertgefühl. Woher kommt das?

„Generation Mauerblümchen?“

„Eigenlob stinkt! Gib nicht so an!“ Klassische Ansagen aus meiner Kindheit und Jugend.
Etwas poetischer drückt es ein beliebter Vers in dem damals bei Mädchen sehr beliebten Poesiealbum aus: „Sei wie das Veilchen im Moose. Sittsam, bescheiden und rein.
Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“

So wird eine ganze Generation von Mauerblümchen herangezogen, die sich später in der Erwachsenenwelt und in der leistungsorientierten Berufswelt durchsetzen soll und nie
gelernt hat, wie das geht. Ich weiß, wovon ich rede. Der oben zitierte  Spruch steht auch
in meinem Poesiealbum. Der erweiterte Spruch mit der Bescheidenheit gefällt mir besser.
Deshalb habe ich den auch als Aufhänger für meinen Beitrag gewählt.

Das kann ich gut – darauf bin ich stolz

In der Gruppentherapie sagt jeder am Freitag Nachmittag, worauf er in dieser Woche stolz ist.
Wenn ein neues Mitglied zu unserer Therapiegruppe stößt, stellen wir uns alle vor:
Mit Namen, Alter, unseren Zwängen und – last but not least – etwas, was wir gut können.
Nach ein paar Wochen wird das immer schwieriger. Weil wir jedes Mal etwas anderes sagen müssen. Aber es fällt uns auch immer leichter, unsere positiven Eigenschaften herauszustellen. Schließlich ist vieles, was wir gut können, auch für die anderen nützlich.

Ich beschließe meine Vorstellung am ersten Tag mit der postiven Eigenschaft
„Ich kann gut zuhören“. In den nächsten Wochen betone ich vor allem gute Eigenschaften,
die in der Therpie von Nutzen sind: „Ich kann mich gut in andere hineinversetzen.“
„Ich kann andere zum Lachen bringen.“ „Ich kann gut über mich selbst lachen.“

Ich kann gut schreiben…

Passend dazu breche ich nach ein paar Wochen ein Tabu: „Ich kann gut schreiben.“
Das bringt einige zum Lachen, weil ich wegen meines Schreibzwangs in Therapie bin
und zu diesem Zeitpunkt schon über mein Problem lachen kann. Weil ich auf einem
guten Weg bin. Und weil gut schreiben auch nützlich sein kann. Ich habe mir zwar
meinen Kindheitstraum nicht erfüllt und bin keine Schriftstellerin geworden. Ich bin
auch keine Journalistin geworden, weil mir dazu ein paar andere wichtige Eigenschaften
fehlen, z. B. das nötige Durchsetzungsvermögen, um Informationen von Leuten zu
bekommen, die Journalisten nicht mögen. Wie gesagt: „Generation Mauerblümchen…“
Ich konnte mich auch in der Männer-Domäne IT nie richtig durchsetzen, vielleicht auch,
weil meine Kollegen sich und ihre Ideen immer besser „verkaufen“ konnten.

Erfolgserlebnisse nicht klein reden

Eine „stolze Rose“ werde ich wohl nie. Aber ich habe mich trotzdem aus meinem „Mauerblümchen-Dasein“ befreit und einiges erreicht in meinem Leben, auch beruflich.
Und ich habe gelernt, ein wenig stolz auf das zu sein, was ich gut kann oder wenn ich
etwas gut gemacht habe.

Meine Therapeutin ermutigt mich weiterhin, meine Erfolgserlebnisse nicht klein zu reden
und mich zu freuen, wenn ich etwas geschafft habe. Auch wenn meine Kollegen das sicher
auch geschafft oder eine Lösung im Internet gefunden hätten. Oder andere das sicher schneller
und besser hin kriegen, z. B. die Leute, die die Lösungen im Internet veröffentlicht haben.
Das ändert nichts daran, dass ich es auch geschafft habe. Und ich habe sicher Qualitäten,
die Computer-Freaks im Internet nicht haben. Die meisten von denen können wahrscheinlich
nicht so gut schreiben und vermutlich auch nicht so gut zuhören oder sich in andere hinein versetzen oder andere zum lachen bringen oder über sich selbst lachen…

Positiv-Liste statt falscher Bescheidenheit

Jeder Mensch hat Fehler und Schwächen. Aber jeder Mensch hat auch seine guten Seiten
und Stärken, also auch du ! Die musst du dir nur klar machen !
Probier’s doch mal mit einer Positiv-Liste. Schreib alles auf, was du gut kannst und schon
erreicht hast. Dann schreibe regelmäßig auf, was du heute geschafft hast. Wenn da mal
nichts drin steht, ist das auch nicht schlimm! Jeder Mensch muss auch mal Pausen machen.
Und wenn du vielleicht das Gefühl hast, dass du schon etwas zu lange Pasue machst,
dann lies dir einfach durch, was du schon alles geschafft hast in deinem Leben.
Und sei ruhig ein wenig stolz darauf !
Du weißt ja, wie das ist mit der (falschen) Bescheidenheit…
Ggf. diesen Artikel noch mal von vorne lesen ! 🙂