Von der Angst zur Zwangsstörung

Angst ist der gemeinsame Auslöser vieler psychischer Erkrankungen, einschließlich Zwangsstörungen. Egal ob Kontrollzwang, Perfektionismus, Waschzwang, Keimphobie, Sammelzwang, oder Dokumentierzwang: Der gemeinsame Nenner dieser Zwangsstörungen
ist Angst.

Der Teufelskreis aus Angst und Zwangsstörung am Arbeitsplatz

Die Angst, das wir etwas vergessen oder nicht richtig gemacht haben und deswegen eine Katastrophe passiert, lässt uns immer wieder alles kontrollieren, zwanghaft. Wir schauen
am Morgen so oft nach, ob der Herd ausgeschaltet ist, alle Fenster zu sind und die Türe verschlossen ist, dass wir zu spät zur Arbeit kommen. Dort werden wir nie rechtzeitig mit unserer Arbeit fertig, weil wir auch alles unzählige Male überprüfen und kontrollieren müssen. Oder alles perfekt machen wollen, aus Angst, dass wir sonst Probleme mit dem Chef bekommen, bei der nächsten Beförderung übergangen werden oder sogar unseren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Dabei sind wir mit unserem zwanghaften Verhalten auf dem besten Weg, dass genau das passieren könnte. Paradox, oder ? Wir geraten zwangsläufig in einen Teufelskreis aus Angst
und Zwangshandlungen.

Ordnungszwang als Beziehungskiller

Die Angst vor Schmutz, Bakterien, Ansteckung, Krankheiten und auch die Angst, dass uns andere für schmutzig oder unordentlich halten, zwingt uns in Waschzwänge, Keimphobien
und Ordnungszwänge. Übertriebene Ordnungsliebe ist die Nummer Eins unter den Beziehungskillern. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Mutter ist zwanghaft ordentlich…
Mein Vater hat sich zwar nicht scheiden lassen, aber der Putz- und Ordnungsfimmel
meiner Mutter ist ihm und auch mir unser ganzes Leben auf die Nerven gegangen und
vielleicht einer der Gründe, warum ich schon als Kind Zwangsstörungen entwickelt habe.

Bloß nichts Wichtiges wegwerfen oder vergessen!

Die Angst, dass wir etwas Wichtiges vergessen könnten und dann etwas Schlimmes
passiert, lässt uns immer wieder alles aufschreiben. Wir führen endlose To-Do-Listen
oder dokumentieren jede Kleinigkeit, egal wie unbedeutend sie ist. Anstatt etwas einfach anzupacken und zu machen, schreiben wir ständig alles auf. Im Arbeitsleben kann das
fatale Folgen haben. Ich spreche aus Erfahrung.

Die Angst, dass wir etwas wegwerfen könnten, was wir irgendwann noch brauchen,
lässt unsere Schränke und Schubladen überquellen. Wenn wir dann etwas suchen,
können wir es in dem Chaos an unnützem Zeug oft nicht finden. Es sei denn, wir
leiden an einem Ordnungszwang oder dokumentieren haargenau, wo wir alles
verstaut haben. Schon wieder so eine paradoxe Situation…

Egal, ob wir nun Ordnung in unser Chaos bringen oder in einer Messie-Wohnung leben:
Wir wollen niemanden mehr in unsere Wohnung lassen, aus Angst, dass die anderen unser zwanghaftes Chaos entdecken – oder unsere zwanghafte Ordnung durcheinander bringen
und gar nicht merken, welches Chaos sie in uns dabei auslösen.

Habe ich gerade jemanden überfahren?

Manche Menschen haben ständig Angst, jemanden überfahren zu haben. Auch wenn sie das vermeintliche Opfer im Rückspiegel noch unversehrt über die Straße gehen sehen und ihre Beifahrer ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist, leiden sie immer noch an der Vorstellung, gerade einen Menschen überfahren zu haben. Oft Stunden lang oder sogar Tage lang. Schlimm, wenn solchen Menschen auch noch an einer Keimphobie leiden und Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln haben…

Therapie von Ängsten und Zwangsstörungen

Die Liste an Angst-bedingten Zwangsstörungen ließe sich noch lange fortsetzen. Natürlich ist Angst nicht die einzige Ursache für eine Zwangsstörung. Aber Angst spielt immer eine große Rolle, oft die Hauptrolle. Einige Patientinnen in meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen waren vorher in der Angst-Gruppe und wurden in die Zwangsgruppe versetzt, als Ärzte und Therapeutinnen erkannten, dass ihre Zwangsstörung das Hauptproblem ist.

Nicht umsonst ist eines der Hauptinstrumente bei der Behandlung von Zwangsstörungen
die sog. Befürchtungskette: Hier stellst du dir vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn du deine Zwangshandlungen nicht mehr ausübst. Dann stellst du dich deinen Ängsten – in der Exposition.

Der einzige Weg raus aus dem Zwang ist: Raus aus der Angst.

Gedankenkarrussell statt Ruhe

Gehörst du auch zu den Leuten, die immer eine Beschäftigung brauchen?
Wenn ja: Was passiert, wenn du mal nichts zu tun hast? Oder nichts tun kannst?
Fühlst du dich unnütz? Wirst du unruhig? Kommst du ins Grübeln? Warum?

Was ist falsch daran, dir eine Pause zu gönnen, zu entschleunigen, Zeit für dich zu nehmen,
die Seele baumeln zu lassen, einfach mal zu entspannen und den Alltag hinter dir zu lassen?
In der Therapie nennt man das „Selbstfürsorge.“ Und die ist ganz wichtig.

Aber warum fällt es uns so schwer, einfach mal nichts zu tun?
Woher kommt diese innere Unruhe, dieses ungute Gefühl? Dieses ständige Getrieben-Sein?

„Müßiggang ist aller Laster Anfang“

Vielleicht aus der Kindheit?  „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt mein Mutter immer.
Das lerne ich schon als kleines Kind. Meine Mutter kann nie still sitzen, hat immer etwas
zu tun, wird nie müde, zu putzen und Ordnung zu schaffen, obwohl bereits alles sauber und
ordentlich ist. Freizeit? Fehlanzeige! Mütter, die zum Sport gehen oder sich mit Freundinnen
treffen: Ganz schlimm! Haben die denn zu Hause nichts zu tun?
Nun ist meine Mutter fast 90 und leidet darunter, dass sie nicht mehr so viel Energie hat wie früher. Die Hausarbeit fällt ihr immer schwerer, sie muss zwangsläufig Pausen machen und weiß dann nichts mit sich anzufangen, weil sie nie gelernt hat, einfach mal nichts zu tun und das Leben zu genießen. Denn: Nichts tun = Müßiggang = böse, schlimm, der Anfang vom Ende.

Nichts tun will gelernt sein

Mit gutem Gewissen „nichts tun“ will gelernt sein. Das kann nicht jeder.
Ich fühle mich auch nicht wohl, wenn ich längere Zeit gar nichts mache. Im Urlaub nur faul
am Strand liegen oder am Wochenende nur auf der Couch sitzen, wäre mir viel zu langweilig.
Vor kurzem habe ich frei und will den Tag „sinnvoll“ nutzen. Leider habe ich einen gewaltigen Durchhänger und gebe nach einem kurzen und etwas frustrierten Beitrag für meinen Blog
meine Pläne für einen erfüllten Tag auf.

Natürlich ärgert es mich, dass ich an meinem freien Tag nichts Gescheites auf die Reihe kriege. Aber jeder hat mal einen schlechten Tag und vielleicht brauche ich einfach eine Pause. Die letzten Wochen waren doch etwas anstregend. Ich muss wirklich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein paar Stunden nur Musik höre, E-Mails lese oder einfach aus dem Fenster schaue und „nichts“ tue. Das nennt sich Selbstfürsorge und ist ganz wichtig. Das haben wir in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen gelernt und meine ambulante Therapeutin mahnt mich auch immer wieder, rechtzeitig Pausen zu machen und nicht erst, wenn ich mit meiner Energie am Ende bin.

Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen

Also akzeptiere ich, dass ich heute nicht so aktiv bin wie ich gehofft habe und genieße meinen freien Tag. Draußen ist es noch ein wenig frisch. Also bleibe ich erst mal drin. Und habe ständig die ganze Arbeit vor der Nase, die ich eigentlich zu erledigen hätte. Und auf die ich heute so überhaupt keine Lust habe.

Aber warum nur? Warum sitze ich jetzt dumm rum und schaffe nichts?
Okay: Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen.
Aber waren die letzten Tage und Wochen wirklich so anstrengend ?
Und was soll ich dann heute den ganzen Tag machen?
Wann soll ich den ganzen Kram erledigen, den ich schon seit Wochen vor mir herschiebe?
Wo doch in den nächsten Wochen noch so viel ansteht: Arzttermine, Familiengeburtstage,
meine Schulfreundin will mal wieder vorbei kommen in den Herbstferien, für meinen alten
Freund aus dem Studium würde ich mir auch gerne wieder Zeit nehmen, der hat es gerade
nicht leicht mit seinen Eltern, meine Schwiegermutter baut auch ziemlich ab, da sollten
wir auf jeden Fall auch bald mal wieder vorbei schauen…

STOP !!! Halte das Gedankenkarrussell an!

Kaum sitze ich eine halbe Stunde auf der Couch, schon gehen mir wieder die unmöglichsten Dinge durch den Kopf, mit denen ich mir meinen freien Tag eigentlich auch nicht verderben wollte. GrübelBetty live…

Aber so ist das halt nun mal: Kaum sind wir aus unserer Tretmühle raus, kommt das Gedanken-Karussell im Kopf in Schwung und lässt sich nicht mehr anhalten.

Also suchen wir uns so schnell wie möglich wieder eine Beschäftigung, die uns von unseren Grübeleien ablenkt. Im Extremfall entwickeln wir eine Zwangsstörung.

Aber es gibt einen Weg raus aus dem Zwang und raus aus stopden Grübeleien:
Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe ein schwere Zwangsstörung überwunden
und gelernt, rechtzeitig STOP! zu sagen und mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge für einen positiven Ausgleich zu sorgen. Mit etwas Übung geht es immer besser. Wenn ich fleißig weiter übe, brauche vielleicht sogar einen neuen Spitznamen 🙂

Raus aus dem Zwang – und dann ?

 

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„Was machen Sie denn nun mit der vielen Zeit, die Ihnen bleibt?“

Diese Frage stellt unsere Therapeutin einer Mitpatientin in der Gruppentherapie.
„Lauter schöne Sachen“, strahlt die junge Mutter, die ihren Hygiene- und Ordnungszwang überwunden hat. „Und meine kleine Tochter freut sich, dass ich jetzt mehr Zeit für sie habe
und dass sie nicht mehr so oft duschen muss“.

Die Frage ist berechtigt: Wir verbringen viel Zeit mit unseren Zwangshandlungen:
Mit Stunden langem Aufräumen, Putzen, Kontrollieren, Listen erstellen usw.
Ich habe Jahre lang alles ausführlich dokumentiert und mir immer überlegt,
wie viel ich doch schaffen könnte, wenn ich nicht ständig so viel schreiben müsste.

Jetzt schreibe ich nur noch, wenn ich Lust dazu habe. Im Beruf habe ich viel mehr Zeit für
meine eigentlichen Aufgaben, komme viel beser mit meinem Projekt voran und habe nicht
ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich so viel Zeit mit privaten Notizen verschwende.

Ich habe plötzlich viel mehr Zeit

Privat habe ich natürlich auch viel mehr Zeit. Ich habe keine Kinder und mein Mann
kann sich sehr gut selbst beschäftigten. Also habe ich wirklich viel Zeit. Zeit für mich.
Zeit, die ich nicht mehr mit Schreiben verbringe – außer wenn ich mal einen Beitrag
für meinen Blog erstelle. Das dauert höchstens 1-2 Stunden – incl. Korrekturlesen.

Auch meine ambulante Therapeutin fragt immer wieder, was ich mit meiner neu gewonnenen Freizeit mache. Sie macht sich Sorgen, dass ich wieder in meine Zwangsstörung zurückfallen könnte, wenn ich keine anderen Beschäftigungen finde, mit denen ich meinen Tag füllen kann.

250 Vorschläge für eine sinnvolle Freizeitgestaltung

In der Gruppentherapie bekommen wir eine mehrseitige Liste mit über 250 Vorschlägen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung. „Tagebuch schreiben“ ist vielleicht nicht unbedingt der optimale Vorschlag für jemanden mit Dokumentierzwang. Aber bei über 250 Vorschlägen ist wirklich für jeden etwas dabei.

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Vielleicht sollte ich mal wieder ein wenig aufräumen, denn ich kann die Liste momentan nicht finden. Aber mir ist in den letzten Monaten auch ohne therapeutische Unterstützung nicht langweilig geworden und das, obwohl es mir nicht leicht fällt, nichts zu tun. Ich bestimme nun wieder selbst, was ich mit der Zeit anfange,
die ich früher mit meinen Zwangshandlungen verbracht habe.
Und ich habe wieder viel mehr Freude am Leben.

 

Erfolg durch Psychotherapie

Seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen in einer psychosomatischen Tagesklinik
sehe ich vieles anders. Auch bei meinen Mitmenschen. Mir ist erst in der Gruppentherapie bewusst geworden, dass meine Mutter eine zwanghafte Persönlichkeit ist und deshalb Zwangsstörungen bei uns in der Familie liegen.

Andere besser verstehen

Diese Erkenntnis hilft mir, meine eigenen Zwangsstörungen besser zu verstehen und zu akzeptieren. Aber vor allem kann ich jetzt auch meine Mutter besser verstehen und ihr vieles verzeihen, was sie in meiner Kindheit und Jugend falsch gemacht hat. Die Erziehungsfehler unserer Eltern können nicht rückgängig gemacht werden. Was war, das war. Wir können die
Uhr nicht zurückdrehen und noch einmal von vorne beginnen und alles anders machen.
In meinem Fall bräuchte ich andere Eltern – oder zumindest eine andere Mutter.
Das geht natürlich nicht, weil wir unsere Eltern halt nicht aussuchen können.
Genau so wenig wie unsere Chefs, Kollegen, Nachbarn und viele und vieles andere,
was uns belastet und Probleme bereitet.

Wir können unsere Mitmenschen nicht ändern. Jeder Mensch hat Fehler und das ist gut so.
Oder möchtest du mit einem perfekten Menschen zusammen leben? Ich ehrlich gesagt nicht.
Es reicht schon, wenn nicht perfekte Menschen ständig erwarten, dass ich alles perfekt machen soll, z. B. meine Mutter, der keiner etwas gut genug machen kann. Genau wie den Müttern
oder Vätern vieler meiner Mitpatientinnen und Mitpatienten in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Gelassener mit den Schwächen und Fehlern der anderen umgehen

Natürlich lernen wir auch in der Therapie nicht, wie wir das Verhalten dieser Menschen ändern, die einen so großen Einfluss auf unser Leben und unsere Persönlichkeit hatten und immer noch haben. Weil wir andere Menschen eben nicht ändern können.

Aber wir können die Art und Weise ändern, wie wir mit den Fehlern und Schwächen der anderen umgehen, vor allem mit den Verhaltensweisen, die uns am meisten auf die Nerven gehen.
Es gibt unzählige Bücher, die uns hier hier kluge Ratschläge erteilen. Ein paar dieser Ratgeber machen wirklich Spaß und bringen auch etwas. Zumindest haben sie mir etwas gebracht. Deshalb stelle ich sie auch auf meinem Blog vor.

Warum Therapie so wichtig ist

Aber auch der beste Ratgeber ersetzt im Ernstfall keine Therapie. Bei einer schweren Krankheit reicht es auch nicht, wenn wir im Internet nach Heilmitteln googlen. Wir müssen die Medikamente auch einnehmen auch einen Arzt aufsuchen.

Bei einer schweren Grippe, Lungenentzündung, Magengeschwüren oder chronischen Rückenschmerzen gehen die meisten zum Arzt. Früher oder später, einige vielleicht zu spät…
Aber sicher schaut dich keiner schief an oder hält dich für einen Schwächling, wenn du bei
39 ° C Fieber oder mit unerträglichen Schmerzen professionelle Hilfe suchst. Wenn doch,
dann sollte der andere vielleicht selbst professionelle Hilfe suchen. Und zwar die Art von
Hilfe, die immer noch ein wenig verpönt ist.

Bei psychischen Erkrankungen ist es keineswegs „normal“, dass man zum Psychiater geht.
In den USA gehört die Psychoanalyse zum guten Ton. Im Rest der Welt gibt keiner gerne zu,
dass er mit seinen psychischen Problemen nicht alleine fertig wird und eine Therapie braucht.
Obwohl so mancher Bandscheibenvorfall und manches Magengeschwür durch psychische probleme ausgelöst werden. Natürlich wissen wir das längst alle. Der Stress und so.
Das gehört einfach zum Alltag in unserer leistungsorientierten Gesellschaft.

Wer nichts leistet, ist nichts wert. Deshalb können wir uns natürlich keine Schwächen leisten.
Und schon gar keine psychischen Probleme. Trotzdem steigt die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen extrem an. Und da sind die vielen körperlichen Erkrankungen, die eigentlich psychosomatisch sind, noch gar nicht mitgerechnet. Übrigens sind psychisch Erkrankte auch überdurchschnittlich lang krankgeschrieben. Ich war wegen meines Dokumentationszwangs neun Monate im Krankenstand, davon neun Wochen in einer Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Ohne Therapie hätte ich das nicht geschafft…

Mittlerweile arbeite ich wieder regulär und gehe weiterhin regelmäßig zu einer ambulaten Verhaltenstherapie. Meine Zwangsstörungen sind meistens kein Thema mehr, weil ich meinen Dokumentierzwang in der Gruppentherapie überwunden habe und meine anderen Zwänge so weit im Griff habe, dass sie mich nicht mehr stören.

Ohne Therapie hätte ich das nie geschafft. Trotz all der tollen Ratgeber. Da bin ich mir sicher.
Zur Zeit lese ich wieder Andrew Matthews „Tu, was dir am Herzen liegt“.  Matthews gibt in seinen Welt-Bestsellern auch ganz viele Tipps, wie wir etwas gelassener mit unseren Problemen und auch den Fehlern anderer Menschen umgehen sollen. Und seine Ratgeber machen echt Spaß.

Aber wie sagte meine Mathematik-Lehrer immer: „Wenn ich weiß, wie man einen Handstand macht, heißt es noch lange nicht, dass ich auch einen zustande bringe“.

Das kann ich bestätigen. Ich kann auch keinen Handstand machen. Das muss ich auch nicht.
Aber ich muss mit meinen Problemen umgehen können, meinen Vorgesetzten und Kollegen, meiner Mutter, die mich regelmäßig anruft und im Oktober ihren 90. Geburtstag hat und manchmal auch mit den kleinen Marotten meines geliebten Ehemanns, der beim Autofahren und beim Einkaufen überhaupt keine Geduld hat und uns bei unserem letzten Großeinkauf fast unseren vorletzten Urlaubstag versaut hätte. Aber nur fast. Weil ich in der Therapie gelernt habe, wie ich mich von solchen Kleinigkeiten nicht klein kriegen lasse. Und weil ich jetzt auch vieles besser verstehen kann. Auch bei Mitmenschen, die ich mir nicht freiwillig ausgesucht habe.

Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich einen Platz in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen bekommen und auch eine gute ambulante Therapeutin gefunden habe.
Ich werde am Montag wieder gerne in die ambulante Therapie gehen – auch wenn dann
das Wochenende (und auch mein Urlaub) zu Ende ist.

Aber seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen gehe ich auch wieder viel lieber
in die Arbeit – und ich gehe auch gelassener mit meinen Problemen um  🙂

Perfektionismus als Zwangsstörung ?

Mit Perfektionismus ist es ein wenig wie mit Burnout. Beides ist gesellschaftlich anerkannt
oder zeichnet die Betroffenen sogar aus. Viele große Schauspieler und Regisseure sind Perfektionisten. Und alle finden es gut, dass die so tolle Filme machen. Außer den Leuten,
die an diesen Filmen mitarbeiten und nichts gut genug machen können für die großen Meister.
Auch Psychologen sehen den ständigen Drang nach Perfektion kritisch. Im Grunde genommen
ist Perfektionismus eine Zwangsstörung, genau gesagt ein klassisches Merkmal für eine zwanghafte Persönlichkeit. Am verbreitetsten sind vermutlich übertriebene Ordnungsliebe
und ein ausgeprägter Putzfimmel (Hygienezwang).

Perfektionismus als Beziehungskiller

Übrigens ist übertriebene Ordnungsliebe laut einer Umfrage die unangefochte Nummer 1
der Eigenschaften, die am Partner am meisten nerven. Das kann ich bestätigen.
Meine Mutter ist extrem ordnungsliebend. Mein Vater war extrem schlampig.
Keine Ahnung, wie die beiden das 54 Jahre miteinander ausgehalten haben.
Ich war jedenfalls felsenfest überzeugt, dass ich nie heiraten werde, bis ich mit 30 Jahren
meinen Mann kennen gelernt habe, der genauso unordentlich ist wie mein Vater und ich.

Können Perfektionisten einen „Schlamper“ beneiden ?

Manchmal wünsche ich mir, dass meine Mann oder ich etwas mehr Lust zum Aufräumen hätten. Aber spätestens seit meiner Gruppentherapie in einer pychsosomatischen Tagesklinik bin ich froh, dass ich das „Schlamper-Gen“ meines Vaters geerbt habe. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie sehr ein zwanghaft ordentlicher Mensch unter der geringsten Unordnung leidet, wenn ich es nicht bei meinen MitpatientInnen erlebt hätte. Der Gedanke, dass die Jacke nicht richtig aufgehängt ist, sondern einfach achtlos über einen Stuhl geworfen wurde, kann extreme Unruhe, Angstzustände, Herzrasen und andere körperliche Beschwerden auslösen.

Ich möchte nicht wissen, was meine Mutter über 50 Jahre lang durchgemacht hat mit ihrem schlampigen Ehemann und ihrer schlampigen Tochter…

Anders als meine Mutter akzeptieren mich meine ordnungsliebenden und perfektionistischen Mitpatientinnen und Mitpatienten so, wie ich bin. Sie beneiden mich sogar darum, dass ich es
mit der Ordnung nicht so genau nehme. Bis dahin war ich immer der Meinung, ich hätte von meinen Eltern jeweils das mitgekriegt, was ich nicht brauchen kann: Von meiner Mutter die schlechten Nerven und von meinem Vater das schlechte Benehmen, also eine gewisse Nachlässigkeit in Sachen Ordnung, Kleidung (ich hasse es, wenn ich mich gut anziehen muss)
oder „unangemessene Gelassenheit“, wenn ich etwas nicht perfekt hin kriege.
Und jetzt sind da plötzlich Leute, die total ordentlich sind und immer alles perfekt machen
wollen. Und die beneiden mich darum, dass ich nicht so ordentlich bin!
Meine Güte, ich kann es kaum glauben!
Scheinbar bin ich gar nicht so schlimm, wie ich immer dachte 🙂

Perfektionismus als Spaß-Killer

In der Therapie muss keiner alles perfekt machen. Im Gegenteil.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie die gesamte Therapiegruppe incl. Kunsttherapeutin
ganz entsetzt ist, als ein Mitpatient eine Zeichnung zerreißt, weil sie seiner Meinung nach
nicht gut genug ist. Ich sitze damals neben ihm und kann es nicht fassen, wie fertig er ist,
weil er dieses Bild nicht besser hingekriegt hat.

Ich würde mich freuen, wenn ich nur annähernd so gut malen und zeichnen könnte wie er.
Dann könnte ich auch ein paar eigene Illustrationen für meinen Blog machen. Aber bei mir
kommen immer Kinderzeichnungen raus. Trotzdem macht mir die Kunsttherapie Spaß.
Bei der Besprechung am Ende der Stunde präsentiere ich meine „Kunstwerke“ immer
mit Humor und ein wenig Selbstironie. Und ich bekomme immer viel Zustimmung,
auch wenn meine Bilder nie mit den Werken einiger MitpatientInnen mithalten können,
die wirklich künstlerisch begabt sind, so wie der Patient, der sein fertiges Bild zerrissen
hat, das allen anderen gefallen hat. Aber eben nur den anderen. Dass er das Bild zerrissen
hat, gefällt keinem. Er muss dafür sehr viel Kritik einstecken (auch in Form von roten Pfeilen).
Aber Perfektionisten sind ohnehin selbst ihre härtesten Kritiker.

Wenn es perfekt sein müsste, würde nie etwas fertig

Zugegeben: Ein bisschen perfektionistisch bin ich auch, z. B. bei meinen Texten.
Ich habe über zwei Monate gewartet, bis ich die Leute aus meiner Therapiegruppe
über meinen Blog informiert habe, weil ich unbedingt ein paar Dinge drin haben wollte,
z. B. die Beiträge über die „Lachsamkeit“ und Positiv-Liste. Die kommen auch ganz gut an.
Aber deswegen ist mein Blog nicht um Klassen besser als vorher und schon gar nicht perfekt.

Den perfekten Zeilenumbruch habe ich mittlerweile weitgehend aufgegeben. Das ist im Internet sowieso sinnlos, weil die verschiedenen Webbrowser teilweise ihre eigenen Gesetze haben. Das fängt schon beim Hauptmenü an. Keine Ahnung, wie lange ich daran rum getüftelt und nichts erreicht habe. Wenn alles in allen Browsern perfekt ausschauen müsste, könnte ich nie etwas veröffentlichen.

Also schreibe ich jetzt einfach munter drauf los, wenn mir etwas einfällt, was andere
auch interessieren könnte, lese das Ganze noch mal durch, mache ein paar Korrekturen –
und dann geht’s ab ins World Wide Web. Sicher nicht perfekt.

Aber es macht Spaß und ich freue mich über jeden Beitrag, den ich veröffentlichen kann.
Vielleicht helfen meine Texte irgendwem da draußen in der großen weiten Welt ein bisschen
weiter – auch wenn sie nicht perfekt sind.

Das Beste, was mir passieren konnte

An einem heißen Augusttag im Jahr 2015 stellt mein Chef die entscheidende Frage:
„Was schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“

Meine Kollegen haben Jahre lang geschwiegen

Eigentlich hätte es meinen Kollegen all die Jahre auffallen müssen, dass ich sehr viel
geschrieben habe. Im Zehn-Finger-System und enorm schnell. In der IT. Wo man eigentlich
mehr klickt als tippt und eher kurze Texte verfasst. Oft habe ich sogar ununterbrochen weiter
getippt, während ich mit meinem Zimmerkollegen geredet habe oder wenn noch andere in
unserem Büro waren, incl. meinem ehemaligen Chef, der im März 2015 in Rente gegangen ist.
Meine Kollegen haben sich sicher gewundert, warum ich so viel schreibe. Im Nachhinein habe
ich erfahren, dass sie meine Tipperei sogar ziemlich gestört hat. Aber gesagt hat keiner was.
Fast zehn Jahre lang. Weil es einfacher ist, dass Offensichtliche großzügig zu ignorieren als jemanden zur Rede zu stellen.

Mein ehemaliger Chef hat mich zur Rede gestellt.
Ein paar Stunden später muss ich mich krankschreiben lassen und darf erst wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren, wenn ich wieder ganz gesund bin. Aber nicht in die IT-Abteilung,
in der ich 22 Jahre gearbeitet habe, weil meine Zwangsstörung auch das Vertrauensverhältnis
zerstört hat.

Schwere Krise als Chance für einen beruflichen Neustart

Natürlich stürzt mich das Gespräch mit meinem Chef in eine tiefe Krise und eine schwere Depression. Trotzdem ist das Bekanntwerden meines Dokumentierzwangs das Beste,
was mir passsieren konnte.
Ich muss mich endlich meinen Problemen stellen und professionelle Hilfe suchen.
Nach neun Monaten im Krankenstand und einer 9-wöchigen Therapie in einer
psychosomatischen Tagesklinik
habe ich meinen Schreibzwang überwunden.
Im Mai 2016 bekomme ich einen neuen Arbeitsplatz beim selben Arbeitgeber,
einen neuen Chef und die Verantwortung für ein großes IT-Projekt, in dem ich
meine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.

Raus aus dem Zwang

Ein Jahr nach Bekanntwerden meiner Zwangserkrankung bin ich zwar raus aus der
IT-Abteilung, aber auch raus aus dem Zwang. In der Arbeit dokumentiere ich nur noch
das, was sein muss. Privat schreibe ich nur noch das auf, was meine Therapeutin mir rät,
natürlich am liebsten in meiner Positiv-Liste.

Am ersten Jahrestag meines zwangsweisen Coming-Outs gibt es viele mögliche Einträge.
Aber ich werde mich auf 2-3 beschränken – ganz zwanglos 🙂

Exposition in der Psychotherapie – Stelle dich deinen Zwängen

Es gibt noch eine Steigerung zur Befürchtungskette: Die Exposition, kurz Expo.
Hier begibst du dich bewusst in Situationen, die du normalerweise vermeiden möchtest
und versuchst, keine Zwänge auszuüben. Am Anfang ist eine Therapeutin dabei, meistens
musst du da aber allein durch.
Am Ende sollst du noch eine Viertelstunde für Selbstfürsorge reservieren, sprich:
Du sollst dir zur Belohnung etwas Gutes gönnen, z. B. Musik hören, einen Tee trinken,
ein wenig spazieren. Alles, was dir gut tut und entspannt.
Anschließend werden die Erfahrungen in der Gruppe besprochen.
Da ist grundsätzlich eine Therapeutin dabei. Und das ist auch gut so.

Skulptur_SitzendNachdem ich keine klassische Zwangsstörung habe, verbringe ich die
Expo-Zeit meistens mit Befürchtungsketten – oder wie ich es nenne –
mit „therapeutischem Grübeln“. Eigentlich möchte ich weniger grübeln
und mir weniger Sorgen um meine Zukunft machen.
Jetzt muss ich mir ständig die schlimmsten Szenarien vorstellen…
Dann auch noch aufschreiben, was mir so durch den Kopf geht.
Ich muss also meine Befürchtungsketten dokumentieren.
Obwohl ich wegen eines Dokumentierzwangs in Behandlung bin
und Jahre lang zwanghaft alles aufschreiben musste.
Irgendwie paradox. Aber es geht nicht anders. Und es hilft. Irre.

Klassische Beispiele für Expositionen in der Zwangstherapie

Und es ist bei weitem nicht so schlimm wie das, was meine Mitpatientinnen und Mitpatienten
in der Expo-Zeit über sich ergehen lassen müssen. Bei mir spielen sich die potentiellen Dramen
nur im Kopf ab. Die anderen müssen sich ihren schlimmsten Ängsten in der realen Welt stellen:
So wie jemand mit Höhenangst auf eine hohe Brücke oder einen hohen Turm steigen und dann ganz tapfer runter schauen muss.

Eine junge Patientin mit Kontrollzwang darf am Morgen nichts kontrollieren, bevor sie aus dem Haus geht und muss mit der Vorstellung fertig werden, dass der Herd noch eingeschaltet ist und das ganze Haus abbrennt mit allem, was sie hat incl. ihrem geliebten Haustier.

Toilette

Einige Patienten und Patientinnen mit einer Schmutzphobie müssen
in einer Toilette in der U-Bahn-Station alles anfassen und dürfen sich
erst vor dem Mittagessen wieder die Hände waschen – also nach 1,5 Stunden.
(Das Foto ist nicht an der U-Bahnstation bei der Klinik aufgenommen).

Mehrere Patientinnen und Patienten, die wegen ihrer Schmutzphobie öffentliche Verkehrsmittel meiden, müssen mit einer Therapeutin in die U-Bahn steigen und an alle möglichen Stellen hin fassen, wo es besonders dreckig ist. Und sich natürlich auch hinsetzen – egal, wie schmutzig die Sitze sein könnten. Natürlich dürfen auch sie sich erst vor dem Essen die Hände waschen.
Und umziehen geht natürlich gar nicht. Zu Hause würden sie sofort die getragene Kleidung
in die Waschmaschine werfen. Jetzt müssen sie die schmutzige Hose den ganzen Tag anbehalten.
Sie halten es aus – auch wenn es ihnen am Anfang schwer fällt. Aber mit der Zeit wird es
leichter und irgendwann kommen die meisten ganz gut klar.

Eine Patientin mit Ordnungs- und Putzzwang muss in ihrer Wohnung und in ihren Taschen bewusst Unordnung schaffen und darf Tage lang nicht aufräumen. Nach ein paar Wochen
gelingt ihr das sehr gut.

Der Patient neben mir, der ebenfalls unter einem Ordnungs- und Putzzwang leidet und ständig befürchtet, dass seine Sachen kaputt gehen könnten, muss seine Jacke achtlos über einen Stuhl neben der Tür werfen, der zu allem Überfluss direkt neben dem Mülleimer steht.

Gift-Warnschild

Eine junge Patientin, die unter der ständigen Angst leidet, sich mit etwas
zu vergiften, muss einen Cappuccino aus der Tankstelle neben einer Eibe trinken und dann die Vorstellung ertragen, dass irgendwas mit dem Tankstellen-Kaffee nicht in Ordnung gewesen sein könnte und sie sich
an der Eibe vergiftet hat. Dass Eiben giftig sind, wusste bisher keiner.
Die meisten wussten nicht einmal, wie eine Eibe aussieht geschweige
denn, dass eine direkt neben der U-Bahn-Station steht.
Die Patientin wird von ihrem Mann mit dem Auto in die Klinik gebracht und wieder abgeholt,
weil sie sich weder öffentliche Verkehrsmittel benutzen noch selbst Auto fahren traut.
Am Ende der Therapie kommt die junge Frau selbst mit dem Auto oder mit der U-Bahn
und sie traut sich auch alles essen und trinken – sogar neben der giftigen Eibe.

DepressivIch muss wohl nicht schildern, welche Dramen sich nach den Expos
in unserem Gruppenraum abspielen. Da kommen mir meine Zukunftsängste plötzlich klein und nichtig vor.
Ich sitze wie fest gewurzelt auf meinem Stuhl und höre mir fassungslos
all die Ängste an, die diese netten Leute um mich herum durchstehen.
Ich halte die Luft an. Ich höre unbewusst auf zu atmen.
Mein Hals wird immer enger.
Am liebsten würde ich weinen. Aber ich kann nicht. Ich bin in neun Wochen die einzige,
die nie weint. Oft weinen nicht (nur) diejenigen, die gerade über ihre schlimmsten
Befürchtungen reden, sondern auch andere. Männer und Frauen gleichermaßen.
Alle außer mir.

Ich höre nur zu und weiß, dass ich jetzt nichts sagen darf. Den anderen nicht gut zureden darf.
Bei der Expo darf man keine Beruhiger einsetzen. Da muss man einfach durch.
Die Betroffenen und die anderen in der Gruppe, die genauso betroffen sind von all dem Elend,
das sie hier zu hören bekommen. Die die Sorgen und Nöte mit ihren MitpatientInnen teilen,
die schon lange zu Freunden geworden sind.

Gruppentherapie ist hart. Aber sie hilft.

Befürchtungskette

„Therapeutisches Grübeln“: Die Befürchtungskette

Befürchtungskette – fürchterliches Wort. Und es ist tatsächlich so schlimm, wie es sich anhört.
Wenn sich der Zwang meldet, sollen wir keine Zwangshandlung ausführen, sondern in die „Befürchtungskette“ gehen. Sprich: Wir sollen uns vorstellen, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn wir die Zwangshandlung jetzt nicht ausführen. Und zwar bis zum bitteren Ende.

Hier eine klassische Befürchtungskette bei Kontrollzwang:

Brennendes Haus

Ich habe am Morgen den Herd nicht ausgeschaltet und bin den ganzen Tag nicht zu Hause. Der Herd löst einen Zimmerbrand aus. Meine ganze Wohnung brennt aus und ich verliere alles, was ich habe. Mein geliebtes Haustier geht elendig zu Grunde. Das ganze Haus brennt ab. Meine Nachbarn verlieren auch alles, was sie haben. Das Baby der Frau im ersten Stock stirbt bei dem Brand. Meine gehbehinderte Nachbarin kommt auch nicht mehr raus und stirbt auch. Das ganze Haus brennt ab, Menschen sterben und ich bin an allem schuld, weil ich den Herd angelassen habe.
Ich komme ins Gefängnis. Ich verliere meinen Arbeitsplatz. Ich habe keine Freunde mehr.
Keiner will mehr etwas mit mir zu tun haben. Ich stehe völlig allein da – ohne alles, ohne Freunde. Und ich bin schuld, dass auch meine Nachbarn alles verloren haben. Ich bin ein fürchterlicher Mensch.

Hier eine klassische Reaktion eines hilfsbereiten Menschen mit „Normalverhalten:“

Ganz ruhig ! Du hast einen Induktionsherd. Da kann gar nichts durchbrennen !
Und außerdem: Hast du den Herd am Morgen überhaupt eingeschaltet ?
Du frühstückst doch immer Tee und ein Müsli.

Hier die klassische Reaktion auf die hilfsbereite Reaktion des unwissenden Neulings in der Gruppentherapie:

„Du darfst jetzt nichts sagen ! Bei der Befürchtungskette darf man keine Beruhiger einsetzen !“
Die Therapeutin stimmt zu. Mein Engagement ehrt mich. Aber bei der Befürchtungkette darf
ich niemandem helfen. Da muss man durch. Das gehört zur Therapie.

DAS soll Therapie sein ?

Ich bin fertig. DAS soll THERAPIE sein ? Für mich ist das „Tierquälerei“. Das sage ich immer,
wenn mir die Worte fehlen oder ich einfach nicht aussprechen kann oder will, was man einem Menschen antut. Das richtige Wort wäre hier wohl „Psychoterror“.

Aber wir sind in einer psychosomatischen Tagesklinik, die einen sehr guten Ruf genießt,
speziell bei der Behandlung von Zwangsstörungen. Die wissen sicher, was sie tun.

Langsam befürchte ich, dass mein Mann Recht haben könnte. Dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden könnten: Dass mich die Therapie noch fertiger macht als
ich schon bin. Weil ich eigentlich keine klassische Zwangsstörung habe und jetzt mit
Problemen und Ängsten konfrontiert werde, die ich mir bisher gar nicht vorstellen konnte.

Kein Wunder, dass Zwang die heimliche Krankheit ist. Ich habe auch keinem gesagt,
dass ich alles aufschreiben muss, egal wie unwichtig es ist. Weil das keiner nachvollziehen
kann, der es selbst nicht tut.

Was passiert nun, wenn ich nichts mehr aufschreibe ?

Ich werde nervös, unruhig. Denke ständig an das, was ich aufschreiben möchte,
dass ich schreiben möchte. Oder es aufschreiben muss.
Und wenn ich es tatsächlich nicht aufschreibe ? Was passiert dann im schlimmsten Fall ?
Schlimmstenfalls vergesse ich es.
Und dann ?
Eigentlich ist es meistens egal. Ich lese den Mist hinterher sowieso nicht mehr.
Und wenn es was Wichtiges war, fällt es mir vermutlich auch wieder ein.
Und wenn es mir nicht mehr einfällt ? Was passiert dann ?
Keine Ahnung. Kommt drauf an, ob es wirklich wichtig war. Aber ich bin ziemlich sicher,
dass es keinem anderen so sehr schadet oder dass es so weit kommt, dass keiner mehr mit
mir redet. Bei mir ist das Problem eher umgekehrt: Einige Leuten reden vielleicht nicht mehr
mit mir, WEIL ich alles aufgeschrieben habe. Und gegen sie verwenden könnte, allem voran
mein Chef und meine Kollegen.

Damit steht meine Befürchtungskette fest:

Ich soll mir vorstellen, wie es ist, wenn ich wieder in die Arbeit zurück kehre. Wie es mir dann geht. In meinem ungeliebten Beruf, der mir schon über 20 Jahre das Leben schwer macht. Mit ausschließlich männlichen Kollegen, die vorher schon vieles nicht verstanden haben. Und jetzt vielleicht Dinge über mich wissen, die sie nie hätten erfahren sollen. Nicht nur von meiner Zwangsstörung, sondern vielleicht auch sehr persönliche Dinge, die ich aufgeschrieben habe. Natürlich dürfen die das nicht lesen – nicht ohne Zustimmung der Personalstelle und des Personalrats. Und der will definitiv NICHT zustimmen, nicht nur, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch Personalratsmitglied bin. Wollen die Leute vom Personalrat dann eigentlich noch was mit
mir zu tun haben ? Die müssen – wohl oder übel. Von Amts wegen. Dafür sind sie gewählt worden. Aber wollen die mir dann noch helfen ? Oder stehe ich am Ende so da wie die Frau mit Kontrollzwang, die sich vorstellt, dass ihre kleine Katze verbrennt und sie und ihr Freund und ihre Nachbarn alles verlieren und keiner mehr mit ihr redet, weil sie an allem Schuld ist…

„Therapeutisches Grübeln“ im „Unruhe-Raum“

Skulptur_SitzendDie Befürchtungskette ist wirklich so schlimm wie es sich anhört.
Oder sogar noch schlimmer.
Um dem ganzen ein wenig seinen Schrecken zu nehmen,
taufe ich dieses bewährte Instrument in der Zwangstherapie um
in „Therapeutisches Grübeln“. Dann gehe ich in den Ruheraum,
den ich ab jetzt „Unruheraum“ nenne, lege mich auf eine der Liegen
beim Fenster, schließe die Augen und stelle mir meine Rückkehr an
den Arbeitsplatz vor – mit allen Konsequenzen für meine Gesundheit
und mein seelisches Befinden.
Am Ende lande ich wieder in der psychosomatischen Tagesklinik.
Vielleicht nicht in der Zwangsgruppe, sondern in einer der Depressions-Gruppen, vermutlich bei Depression und Angststörungen.

Die Therapiegruppe hilft

Aber damit könnte ich leben. Die Gruppentherapie jagt mir keine Angst mehr ein.
Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. So hart es ist, sich seinen Ängsten
und Dämonen zu stellen: In der Therapie ist man mit seinen Problemen nicht allein. Nach einer Stunde treffe ich wieder auf meine Therapiegruppe und kann über alles reden, auch über meine schlimmsten Befürchtungen, die mein Chef und meine Kollegen nie nachvollziehen könnten.
Und meine Mitpatientinnen und Mitpatienten reden über ihre schlimmsten Befürchtungen und irrationalen Ängste, die jemandem ohne Kontrollzwang, Waschzwang oder Schmutzphobie so bizarr erscheinen, dass es auch mir oft schwer fällt, das eine oder andere nachzuvollziehen.
Aber ich höre aufmerksam zu, stehe ab und zu auf, um jemandem die Schachtel mit den Tissue-Tüchern zu reichen, um sich die Tränen zu trocknen und fühle mich unheimlich verbunden mit diesen freundlichen und sympathischen Menschen, die scheinbar noch viel größere Probleme
haben wie ich.

Skulptur_Gemeinsschaft02Und nach der Stunde darf ich auch wieder beruhigen, aufmuntern,
helfen und trösten. Oder einen kleinen Scherz machen, um die Situation wieder ein wenig aufzulockern. Wenn mir nicht ein anderer zuvorkommt.

Denn so hart die Therapie ist: Man wird immer aufgefangen und kann sich bei jemandem ausweinen, der Verständnis zeigt. Und manchmal fließen die Tränen auch vom Lachen.

Weiter zum nächsten Schritt: Stelle dich deinen Zwängen – die Exposition

Du bist nicht allein

Skulptur_GemeinsschaftDer Empfang in der Tagesklinik ist herzlich.
Der Rundgang mit der freundlichen Dame von der Anmeldung
endet in der Cafeteria, in der jede Gruppe einen eigenen Tisch hat.
Die Zwangsgruppe sitzt zwischen Depressionen 1 und Depressionen 2.
Gegenüber sind die jungen Erwachsenen (also die 18-25-Jährigen).
Ganz hinten – gegenüber vom Kaffeeautomaten – sitzt die Angstgruppe.
Bis 9 Uhr gibt es Kaffee und Butterbrezen gratis.

An unserem Tisch sitzt bisher nur ein Patient und liest Zeitung.
Wir stellen uns vor. Er heißt Markus (Name geändert). Wie mein Chef.
Das fängt ja schon gut an … (Zwang lass nach !!!)

Natürlich frage ich ihn sofort, weshalb er hier ist. Mein Mitpatient leidet an einem Waschzwang und an einer Schmutzphobie – beides sehr verbreitet. Damit hatte ich gerechnet.
Markus hat auch Probleme, den Tischabfallbehälter anzufassen – wegen seiner Schmutzphobie.

Und er kann es kaum glauben, dass ich überhaupt keinen Waschzwang habe und mich auch
alles anfassen traue. Von einem „Dokumentationszwang“ hat er noch nie etwas gehört.
Der ist auch ziemlich selten. (Ich brauche halt immer was Besonderes…)
Und schon kommt wieder die Befürchtung hoch, dass ich hier nicht richtig rein passen könnte.
Es folgen weitere Patienten mit Wasch- und Kontrollzwängen. Scheinbar alles „Standard-Fälle“…

Aber alle sind total nett und scheinbar auch sehr vertraut miteinander. Kein Wunder –
einige sind schon seit 6-8 Wochen da. Der letzte Patient, der ankommt, wird schon
in ein paar Tagen entlassen. Er hat so viele Zwänge, dass die Zeit nicht mehr reicht
bis zum Beginn der ersten Therapiestunde um 9 Uhr.

Da stellen sich sowieso alle ganz offiziell vor – mit Namen, Alter und den Zwängen,
wegen denen sie hier sind. Viele leiden u. a. an „Grübel-Zwängen“. Ich wusste gar nicht,
dass Grübeln eine Zwangsstörung ist… (Im Laufe der Therapie stellt sich allerdings heraus,
dass meine Grübeleien eher depressiv als zwanghaft sind).

Von einem „Dokumentierzwang“ oder „Schreibzwang“ hat tatsächlich noch niemand gehört.
Allerdings habe ich auch nichts von vielen Problemen gehört, unter denen meine Mitpatientinnen und Mitpatienten leiden.

Zwang ist sehr vielseitig. Und ein Zwang kommt selten allein. Alle im Raum leiden unter
mehreren Zwangsstörungen – genau wie ich.

Ich bin nicht mehr allein. Endlich kann ich offen über alles reden – in einem geschützten Umfeld, in dem nichts gegen mich verwendet werden kann.
Reden ist besser als Schreiben – vor allem, wenn man unter einem „Dokumentierzwang“ leidet.

Gruppentherapie – hart aber herzlich

Angst vor den Folgen der Gruppentherapie bei Zwangsstörungen

Mein Mann, der in einem psychiatrischen Klinik in der Haustechnik arbeitet, hat Angst,
dass ich die Therapie nicht schaffe, sondern dass sie mich schafft. Dass es mir dann noch
schlechter geht als zuvor. Und ich noch einen weiteren Knacks weg kriege und dann
gar nicht mehr klar komme. Diese Angst haben sicher viele, die sich in Therapie begeben.

Trotzdem fahre ich nach den ersten Tagen leichter mit dem Zug in die Klinik als all die

Jahre mit dem Fahrrad in die Arbeit. Obwohl ich nur halbtags arbeite und Mittag schon
wieder heim radeln kann. Und mich die meiste Zeit in meinem Einzelbüro verkrümeln
und vor mich hin frusteln kann.

In der Klinik muss ich bis 16 Uhr bleiben und bin fast ausschließlich in Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Ab der zweiten Woche übernachte ich in einem nahe gelegenen Budget-Hotel, sprich in
einer spartanisch eingerichteten Schuhschachtel für 58 € pro Nacht (ohne Frühstück)
und mit Blick auf den Parkplatz vom Discounter nebenan, weil mir das Pendeln auf
Dauer zu anstrengend wird.

Menschliche Abgründe und viele Tränen

In der Gruppentherapie blicke ab dem ersten Tag in menschliche Abgründe.
Das soll die nächsten Wochen so bleiben. Nach der einstündigen „Exposition
(da konfrontiert man sich ab der dritten Woche mit aller Gewalt seinen Zwängen)
kommt eine Frau aus meiner Gruppe Tränen überströmt in den Gruppenraum zurück
und klagt, dass sie das einfach nicht schafft. Eine Mitpatientin nimmt sie sofort in den
Arm und versichert ihr, dass es ihr genau so geht bei den Expos. Das ist ganz normal…

Jetzt weiß ich also, was auf mich zukommt. Vorerst habe ich noch „Schonfrist“.
In den ersten beiden Wochen soll ich nur beobachten und von den anderen lernen,
wie das hier abläuft. Und Stapelweise Fragebögen ausfüllen: Über meine Kindheit,
mein Leben, meine Ängste und und und … Alles, was ich am liebsten ganz weit
hinter mir lassen würde, muss ich jetzt dokumentieren. Das Wichtigste wird in
der Gruppe besprochen und analysiert. Unter therapeutischer Aufsicht, manchmal
ist auch die Ärztin dabei.

Besonders schlimm sind die Tage, an denen die Neuzugänge ihre Lebens- und Leidens-
geschichte erzählen. Zunächst nur der Gruppe – ohne Therapeuten. Ein paar Tage später
wird das ganze dann wiederholt: Mit Ärztin und Therapeuten. Und nach Ursachen und Lösungsansätzen gesucht. Das gehört zu den härtesten Aktionen in der ganzen Therapie.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht mindestens eine/r meiner LeidensgenossInnen
in Tränen ausbricht oder sogar einen psychischen Zusammenbruch erleidet.
Einige erzählen in der Gruppe zum ersten Mal von ihrer Zwangsstörung oder den
schrecklichen Ereignissen in ihrem Leben, die zu ihrer Krankheit geführt hat.

Wir sitzen alle in einem Boot

In meinem Kopf bildet sich der Slogan: „Zwang ist die heimliche Art, unheimlich zu leiden.
Ich sitze teilweise wie angewurzelt auf meinem Stuhl und kann es kaum fassen, was ich hier
alles anhören muss. Von all den netten und liebenswürdigen Menschen um mich herum,
die mich am Morgen so herzlich aufgenommen und mir sofort das Gefühl gegeben haben,
dazu zu gehören. Obwohl ich ganz andere Probleme habe als alle anderen im Raum

Offenheit, Zustimmung und Anerkennung

Eigentlich bin ich die „Exotin vom Dienst“. Und trotzdem fühle ich mich zugehörig.
Weil wir „alle in einem Boot sitzen“ – wie ich in den nächsten Wochen unzählige Male
sagen werde. „Wir sind alle aus demselben Grund hier: Wegen einer Zwangsstörung.
Nur hat halt jeder unterschiedliche Symptome. Aber wir haben alle dieselbe Krankheit“.
Und die Leute um mich herum geben mir Recht. Ich erfahre Zustimmung und Anerkennung.
Ich kann anderen den einen oder anderen guten Rat geben oder zumindest Trost spenden.
Ich gewinne neue Freunde und werde selbst zum Freund.
Und ich kann endlich offen über meine Probleme sprechen, die jemand mit „Normalverhalten“ wohl kaum verstehen kann.
Das ist meine große Chance: Raus aus dem Zwang und zurück in ein zwangsfreies Leben.