Der Klügere gibt nach…

Wirklich? Das würde einiges erklären: Wenn die Klügeren ständig nachgeben, übernehmen
zwangsläufig die Dümmeren das Regiment.
Im richtigen Leben geben meistens nicht die Klügeren nach, sondern eher die Schwächeren.
Das alte Sprichwort ist eines der vielen Instrumente, wie man aus aufgeweckten Kindern
unsichere Erwachsene macht, die sich nicht durchsetzen können, nicht Nein sagen können,
ausgenutzt oder gemobbt werden und im besten Fall irgendwann in einer Therapie landen.
Da kann ihnen wenigstens geholfen werden.

Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin

Dieses Buch ist nicht umsonst ein Bestseller geworden.
Ich bin Jahre lang ein braves Mädchen und kann mich nie richtig durchsetzen.
Gegen meine Eltern und meinen großen Bruder habe ich sowieso keine Chance, vor allem als
Mädchen. Von den Nachbarskindern, im Kindergarten und in der Schule werde ich „gehänselt“
(heute würde man es Mobbing nennen). Meine pubertären Rebellionsversuche hätten mich
fast ins Grab gebracht, weil meine Mutter mir ständig vorwirft, dass ich sie zehn Jahre
früher ins Grab bringen würde. Also komme ich zu der Überzeugung, dass meine Eltern
ohne mich besser dran wären und will sie von dieser schrecklichen Last befreien, die
plötzlich kein braves Mädchen mehr sein will. Hat nicht geklappt, wie man sieht.

Also gebe ich weiter nach und mich passe mich zwangsläufig an, bis ich von zu Hause
ausziehen und im Studium endlich meine verpasste Jugend nachholen kann. Ein braves
Mädchen bin ich da nicht mehr… Ganz im Gegenteil. Vor allem auch, weil ich nicht
„Nein“ sagen kann. Zu niemandem. Meinen Nachbarn interessiert es nicht (damals gibt
es das „Nein heißt Nein“-Gesetz noch nicht. Aber er hätte sich eh nicht dran gehalten.)
Also ist es in diesem Fall wohl wirklich klüger, nachzugeben, weil ich definitiv die
Schwächere bin (und nicht im Krankenhaus landen will…)

Später hätte ich mir viele Probleme ersparen können, wenn ich mich nicht an das alte
Sprichwort gehalten hätte, obwohl es natürlich schmeichelt, wenn man klüger gehalten
wird als seine Kontrahenten.

Spielerisch lernen, wie man nicht ständig nachgibt

Zum Glück führt mein Weg zwangsläufig in eine Gruppentherapie.
Hier treffe ich auf viele nette Menschen, denen es ähnlich geht wie mir.
Alle waren als Kinder schüchtern, wurden autoritär erzogen, gemobbtund haben Probleme,
Grenzen zu setzen. Kein Wunder: Sie sind alle intelligent. Und der Klügere gibt nach…

Wir lernen in Rollenspielen, wie wir das besser machen können.
Ich kann mich auf ein wichtiges Personalgespräch vorbereiten, bei dem es um meine
berufliche Zukunft nach meiner 9-monatigen Zwangspause geht. Beim dritten Versuch
kann ich mich gegen meinen Mitpatienten durchsetzen, der die Chefrolle perfekt verkörpert.

Er kann sich ein paar Tage zuvor auch sehr gut gegen mich durchsetzen, als ich in die
Rolle seiner dominanten Mutter schlüpfe. Das fällt mir leicht, weil ich nur meine eigene
Mutter parodieren muss.

Beim ersten Durchgang wird mein 37-jähriger „Sohn“, der mich um mehr als einen
Kopf überragt, plötzlich ganz klein geworden. Im zweiten Durchgang tritt er ziemlich
selbstbewusst auf und spielt mich glatt gegen die Wand. ich gebe mich geschlagen.
Wir ernten viel Applaus für unsere (schauspielerischen) Leistungen.
Und wir profitieren enorm von der neuen Rollenverteilung, in der nicht der vermeintlich
Klügere und defacto Schwächere nachgibt, sondern der mit den schwächeren Argumenten.

Ein besserer Arbeitsplatz, weil ich nicht nachgegeben habe

Wenn ich in meinem Wiedereingliederungsgespräch so stark nachgegeben hätte wie in
meinen 28 Berufsjahren zuvor, würde ich jetzt trotz Uniabschluss bei deutlich niedrigerem
Gehalt in der Pforte oder im Schreibdienst arbeiten, weil da gerade Stellen frei waren.
Stattdessen bestehe ich auf meinem Recht auf eine gleichwertige Stelle und weise auf eine
entsprechende schriftliche Bestätigung der Rechtsabteilung meiner Gewerkschaft hin.
Außerdem führe ich an, dass ich ein Projekt fertig stellen möchte, das schon vor Jahren
begonnen wurde und das mir wirklich am Herzen liegt.

Nachdem ich wegen meines Jahrelangen Dokumentierzwangs nicht an meinen IT-Arbeitsplatz zurück kehren kann, schafft unsere Personalstelle eine neue IT-Stelle in der Abteilung, für die ich nun mein Projekt fertig stellen kann. Das ist im Öffentlichen Dienst theoretisch fast ein
Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem hat mein Arbeitgeber meinem Wunsch nachgegeben.
Vielleicht, weil er rechtlich gesehen in der schwächeren Position ist. Vielleicht auch, weil
das eine klügere Entscheidung ist als eine IT-Spezialistin mit 28 Jahren Berufserfahrung
auf eine Stelle zu versetzen, für die sie völlig überqualifiziert ist und für die es zahlreiche
andere interessierte und qualifizierte BewerberInnen gibt.

Recht geben ist besser als Nachgeben

An meiner neuen Arbeitsstelle fühle ich mich deutlich wohler.
Natürlich spreche ich meine Ideen mit meinem Kollegen ab. Und ich gebe auch nach,
wenn ich das Gefühl habe, dass er einen besseren Lösungsansatz hat.
Genau genommen gebe ich dann nicht nach, sondern ich gebe dem anderen Recht.
Ein guter Teamplayer gibt zu, wenn der andere etwas besser weiß oder besser kann.
Mit ein wenig Lob und Anerkennung fällt auch das Nachgeben leichter.

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