Ein Jahr nach der Gruppentherapie

Am 08.04.2016 verabschiede ich mich von meiner Therapiegruppe in einer psychosomatischen Tagklinik. Über neun Wochen haben wir offen über unsere Probleme gesprochen und nach Lösungen gesucht. Wir haben uns gegenseitig Mut zugesprochen und Trost gespendet.
Oft sind Tränen geflossen. Aber wir haben auch viel gelacht, auch über die eigenen Zwänge.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Aber wir haben nie einen anderen ausgelacht. Jeder respektiert jeden und zeigt Verständnis, auch wenn es sogar uns „Zwänglern“ manchmal schwer fällt, die Zwänge der anderen zu verstehen. Wie schwer verständlich sind unsere seltsamen Verhaltensweisen dann erst für Nicht-Betroffene?

Angst, dass ich nicht in die Gruppe passen könnte

Ich habe Angst vor der Therapie. Das ist ganz normal.
Ich befürchte, dass ich an meine Grenzen komme, wenn ich nicht mehr aufschreiben darf,
was um mich herum passiert. Oder dass ich am Abend Stunden lang Tagebuch schreiben muss.
Und das vielleicht gar nicht mehr schaffe nach einem langen und erfüllten Therapie-Tag.
Außerdem habe ich Angst, nicht richtig in die Gruppe zu passen mit meinem extrem seltenen Dokumentierzwang. Alle anderen haben klassische Zwangsstörungen: Waschzwang, Putzzwang, Ordnungszwänge, Kontrollzwang, Wiederholzwänge und (aggressive) Zwangsgedanken.
Niemand in der Gruppe hat zuvor etwas von einem „Dokumentierzwang“ gehört.
Auch mir war nicht klar, dass es neben den „Klassikern“ noch so viele weitere unterschiedliche Zwangserkrankungen gibt.

Die Gruppentherapie ist hart – aber sie hilft

Aber wir sitzen alle in einem Boot: In der Gruppentherapie in einer psychosomatischen Tagklinik. Und wir haben alle dasselbe Ziel: Raus aus dem Zwang und zurück in ein selbstbestimmtes und zwangsfreies Leben.

Dafür nehmen wir einiges auf uns: Wir stellen uns vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn wir unseren Zwängen nicht mehr nachgeben. Immer wenn der Zwang sich meldet, sollen wir in die „Befürchtungskette“ gehen.
In der Exposition müssen wir uns unseren schlimmsten Ängsten und Phobien stellen. Kontrollzwängler müssen am Morgen den Herd benutzen und dürfen nur noch einmal kontrollieren, ob er auch wirklich aus ist. Leute mit Waschzwang dürfen nur noch kurz
Hände waschen und duschen. Keimphobiker müssen U-Bahn-Toiletten benutzen…

Oft sitze ich wie gebannt auf meinem Stuhl und höre zu, wie meine Mitpatientinnen und Mitpatienten ihre Erfahrungen schildern, ihre Befürchtungsketten vorlesen oder über die
Probleme berichten, die ihre Zwangserkrankungen ausgelöst haben.
Oft denke ich: „Das könnte jetzt auch von mir sein…“
Wir haben viele Gemeinsamkeiten, Parallelen in der Kindheit. Viele von uns haben ein Trauma.
Eine junge Frau spricht in der Gruppentherapie zum ersten Mal über sexuellen Missbrauch in
der Kindheit. So viel Mut verdient Anerkennung.

Anerkennung, Lob und Kritik

Anerkennung und Komplimente annehmen können fällt vielen schwer, manchen sogar noch schwerer als mit Kritik umzugehen. In der Gruppentherapie lernen wir das. Und noch vieles andere, wie Grenzen setzen, unserem Gedankenkarrusell STOP zu sagen, mit Achtsamkeit
kleine Auszeiten zu schaffen und unsere Zwänge besser unter Kontrolle zu bringen.
Nicht jeder ist nach 9-12 Wochen in der Klinik völlig zwangsfrei. Aber es geht allen deutlich besser. Nach eigenen Aussagen geht es den meisten Patienten immer noch gut.

Die Therapiegruppe ist wie eine Familie

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie ich es geschafft habe, meinen Dokumentierzwang zu überwinden. Vermutlich hat es mir einfach geholfen, dass ich endlich über alles offen reden kann, was mich Jahrzehnte lang belastet hat, dass ich Menschen um mich habe, die mir zuhören und mich verstehen. Menschen, die genau wie ich Jahre lang unheimlich unter dieser „heimlichen Krankheit“ leiden, die für Nicht-Betroffene so schwer zu verstehen ist.

Die Therapiegruppe ist für uns alle wie eine Familie – wie die Familie, die wir gerne gehabt hätten. Der Abschied von unseren Mitpatienntinnen und Mitpatienten fällt allen schwer. Die meisten würden am liebsten noch länger in der Klinik bleiben und als Co-Therapeuten andere Menschen unterstützen auf ihrem Weg raus aus dem Zwang.

Ich möchte anderen helfen

Ich wollte in meiner Jugend Sozialarbeiterin oder Journalistin werden, musste aber leider einsehen, dass ich für diese Berufe nicht hart genug bin. Ich möchte immer noch Menschen helfen. Seitdem ich meinen Dokumentierzwang überwunden habe, habe ich wieder Freude
am Schreiben. Ab und zu muss ich mir auch mal etwas von der Seele schreiben.

Leider gibt es kein Patentrezept und ich kann euch nicht sagen, wie ihr es schaffen könnt
raus aus dem Zwang.

Aber vielleicht findet ihr auf meinem Blog die eine oder andere Anregung, wie ihr euch das Leben hin und wieder ein wenig leichter machen könnt.

Über Rückmeldungen oder Anregungen würde ich mich sehr freuen !

Alles Gute
Eure Betty Gruebel

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