Emotionale Momente

In Outlook ist eine neue Mail angekommen. Von unserem Registrator. Betreff „Danke“.
Danke wofür ? Dass ich nicht in der Registratur angefangen habe, obwohl das die einzige Alternative zu einer IT-Stelle war, die ich mir vorstellen konnte ?
Nein, nichts Persönliches. Es ist eine Rundmail an alle.
Eine Kollegin bedankt sich für die große Anteilnahme und dass so viele auf der Beerdigung
ihres Mannes waren. Das war auch für ihre Kinder sehr wichtig, auch wenn es den Schmerz
nicht weg nimmt.
Ich sitze wie versteinert da und starre fassungslos auf die Nachricht auf meinem Bildschirm.
Den Partner zu verlieren ist mitunter das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.
Ich merke, wie mein Herz schwer wird. Richtig schwer.
Viel schwerer als vorher, als mein Kollege vage meinte „Danach sehen wir weiter“.
Plötzlich wird mir wieder bewusst, wie unwichtig meine Probleme am Arbeitsplatz sind
im Vergleich zu dem tragischen Verlust eines der wichtigsten Menschen im eigenen Leben
und dem Leben der anderen Menschen, die einem alles bedeuten.
Ich brauche ziemlich lange, bis ich die richtigen Worte für die E-Mail finde, in der ich meiner Kollegin meine tief empfundene Anteilnahme teilwerden lasse und ihr und ihren Kindern viel
Kraft wünsche und liebe Menschen, die sie auf ihrem weiteren Weg unterstützen.

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz

Passend zu meiner gedrückten Stimmung rufe ich die Powerpoint-Präsentation über
Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz auf. Der geplante Vortrag auf der letzten Personalversammlung musste abgesagt werden, weil die Referentin krank geworden ist.
Wie vermutet geht es um Stress, Mobbing und Burnout.
Der Suchbegriff „Zwang“ liefert keine Ergebnisse. Damit habe ich auch nicht gerechnet.
Nur häufiges Kontrollieren (also ein eventueller Kontrollzwang) wird kurz erwähnt
als Symptom für eine mögliche psychische Beeinträchtigung.

Bei den Maßnahmen zur Wiedereingliederung wird auch der Schutz der Kollegen erwähnt,
der natürlich neben dem Schutz der erkrankten Person auch berücksichtigt werden muss.
In meinem Fall ist das 6:1
Auch das war mir vorher klar.
Und dass ich mit meinen alten Kollegen und vor allem mit meinem alten Chef nicht mehr
hätte zusammen arbeiten können. Das geht sicher vielen ähnlich, die ihr Arbeitsumfeld
krank gemacht hat. Und so dient die Umsetzung in eine andere Abteilung dem Schutz
aller Beteiligten.

Plötzlich kommen Unsicherheit und Zweifel auf

Ich hoffe nur, dass ich in dieser Abteilung auch noch gute Arbeit leisten kann, wenn mein altes Projekt abgeschlossen ist und ich aus meinem stillen Kämmerlein raus komme und mich wieder rein stürze in die Anwenderbetreuung.
Bisher sind mir noch alle wohl gesonnen. Aber es weiß auch keiner, warum ich von der zentralen IT-Stelle in das EDV-Team in  ihrer Abteilung gewechselt bin.
Keiner weiß etwas von meiner seltenen, aber am Arbeitsplatz fatalen Zwangserkrankung,
die das Vertrauensverhältnis zu meinem Chef und meinen früheren Kollegen zerstört hat.
Am Tag zuvor habe ich noch stolz meiner Fachärztin verkündet, dass ich meinen Dokumentations- zwang im Griff habe. Nun scheint das Zwangsmonster wieder wie ein ungeliebter Zimmergenosse mit mir am Schreibtisch zu sitzen.
Aber noch bin ich stärker und dokumentiere im Büro nur das, was für mein Projekt wichtig ist. Ganz zwanglos. Genau so zwanglos wie sich meine neuen Kolleginnen und Kollegen mir gegenüber verhalten. Und ich werde alles dafür tun, dass auch in Zukunft alles so zwanglos bleibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *