Erfolg durch Psychotherapie

Seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen in einer psychosomatischen Tagesklinik
sehe ich vieles anders. Auch bei meinen Mitmenschen. Mir ist erst in der Gruppentherapie bewusst geworden, dass meine Mutter eine zwanghafte Persönlichkeit ist und deshalb Zwangsstörungen bei uns in der Familie liegen.

Andere besser verstehen

Diese Erkenntnis hilft mir, meine eigenen Zwangsstörungen besser zu verstehen und zu akzeptieren. Aber vor allem kann ich jetzt auch meine Mutter besser verstehen und ihr vieles verzeihen, was sie in meiner Kindheit und Jugend falsch gemacht hat. Die Erziehungsfehler unserer Eltern können nicht rückgängig gemacht werden. Was war, das war. Wir können die
Uhr nicht zurückdrehen und noch einmal von vorne beginnen und alles anders machen.
In meinem Fall bräuchte ich andere Eltern – oder zumindest eine andere Mutter.
Das geht natürlich nicht, weil wir unsere Eltern halt nicht aussuchen können.
Genau so wenig wie unsere Chefs, Kollegen, Nachbarn und viele und vieles andere,
was uns belastet und Probleme bereitet.

Wir können unsere Mitmenschen nicht ändern. Jeder Mensch hat Fehler und das ist gut so.
Oder möchtest du mit einem perfekten Menschen zusammen leben? Ich ehrlich gesagt nicht.
Es reicht schon, wenn nicht perfekte Menschen ständig erwarten, dass ich alles perfekt machen soll, z. B. meine Mutter, der keiner etwas gut genug machen kann. Genau wie den Müttern
oder Vätern vieler meiner Mitpatientinnen und Mitpatienten in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Gelassener mit den Schwächen und Fehlern der anderen umgehen

Natürlich lernen wir auch in der Therapie nicht, wie wir das Verhalten dieser Menschen ändern, die einen so großen Einfluss auf unser Leben und unsere Persönlichkeit hatten und immer noch haben. Weil wir andere Menschen eben nicht ändern können.

Aber wir können die Art und Weise ändern, wie wir mit den Fehlern und Schwächen der anderen umgehen, vor allem mit den Verhaltensweisen, die uns am meisten auf die Nerven gehen.
Es gibt unzählige Bücher, die uns hier hier kluge Ratschläge erteilen. Ein paar dieser Ratgeber machen wirklich Spaß und bringen auch etwas. Zumindest haben sie mir etwas gebracht. Deshalb stelle ich sie auch auf meinem Blog vor.

Warum Therapie so wichtig ist

Aber auch der beste Ratgeber ersetzt im Ernstfall keine Therapie. Bei einer schweren Krankheit reicht es auch nicht, wenn wir im Internet nach Heilmitteln googlen. Wir müssen die Medikamente auch einnehmen auch einen Arzt aufsuchen.

Bei einer schweren Grippe, Lungenentzündung, Magengeschwüren oder chronischen Rückenschmerzen gehen die meisten zum Arzt. Früher oder später, einige vielleicht zu spät…
Aber sicher schaut dich keiner schief an oder hält dich für einen Schwächling, wenn du bei
39 ° C Fieber oder mit unerträglichen Schmerzen professionelle Hilfe suchst. Wenn doch,
dann sollte der andere vielleicht selbst professionelle Hilfe suchen. Und zwar die Art von
Hilfe, die immer noch ein wenig verpönt ist.

Bei psychischen Erkrankungen ist es keineswegs „normal“, dass man zum Psychiater geht.
In den USA gehört die Psychoanalyse zum guten Ton. Im Rest der Welt gibt keiner gerne zu,
dass er mit seinen psychischen Problemen nicht alleine fertig wird und eine Therapie braucht.
Obwohl so mancher Bandscheibenvorfall und manches Magengeschwür durch psychische probleme ausgelöst werden. Natürlich wissen wir das längst alle. Der Stress und so.
Das gehört einfach zum Alltag in unserer leistungsorientierten Gesellschaft.

Wer nichts leistet, ist nichts wert. Deshalb können wir uns natürlich keine Schwächen leisten.
Und schon gar keine psychischen Probleme. Trotzdem steigt die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen extrem an. Und da sind die vielen körperlichen Erkrankungen, die eigentlich psychosomatisch sind, noch gar nicht mitgerechnet. Übrigens sind psychisch Erkrankte auch überdurchschnittlich lang krankgeschrieben. Ich war wegen meines Dokumentationszwangs neun Monate im Krankenstand, davon neun Wochen in einer Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Ohne Therapie hätte ich das nicht geschafft…

Mittlerweile arbeite ich wieder regulär und gehe weiterhin regelmäßig zu einer ambulaten Verhaltenstherapie. Meine Zwangsstörungen sind meistens kein Thema mehr, weil ich meinen Dokumentierzwang in der Gruppentherapie überwunden habe und meine anderen Zwänge so weit im Griff habe, dass sie mich nicht mehr stören.

Ohne Therapie hätte ich das nie geschafft. Trotz all der tollen Ratgeber. Da bin ich mir sicher.
Zur Zeit lese ich wieder Andrew Matthews „Tu, was dir am Herzen liegt“.  Matthews gibt in seinen Welt-Bestsellern auch ganz viele Tipps, wie wir etwas gelassener mit unseren Problemen und auch den Fehlern anderer Menschen umgehen sollen. Und seine Ratgeber machen echt Spaß.

Aber wie sagte meine Mathematik-Lehrer immer: „Wenn ich weiß, wie man einen Handstand macht, heißt es noch lange nicht, dass ich auch einen zustande bringe“.

Das kann ich bestätigen. Ich kann auch keinen Handstand machen. Das muss ich auch nicht.
Aber ich muss mit meinen Problemen umgehen können, meinen Vorgesetzten und Kollegen, meiner Mutter, die mich regelmäßig anruft und im Oktober ihren 90. Geburtstag hat und manchmal auch mit den kleinen Marotten meines geliebten Ehemanns, der beim Autofahren und beim Einkaufen überhaupt keine Geduld hat und uns bei unserem letzten Großeinkauf fast unseren vorletzten Urlaubstag versaut hätte. Aber nur fast. Weil ich in der Therapie gelernt habe, wie ich mich von solchen Kleinigkeiten nicht klein kriegen lasse. Und weil ich jetzt auch vieles besser verstehen kann. Auch bei Mitmenschen, die ich mir nicht freiwillig ausgesucht habe.

Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich einen Platz in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen bekommen und auch eine gute ambulante Therapeutin gefunden habe.
Ich werde am Montag wieder gerne in die ambulante Therapie gehen – auch wenn dann
das Wochenende (und auch mein Urlaub) zu Ende ist.

Aber seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen gehe ich auch wieder viel lieber
in die Arbeit – und ich gehe auch gelassener mit meinen Problemen um  🙂

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