Gedankenkarrussell statt Ruhe

Gehörst du auch zu den Leuten, die immer eine Beschäftigung brauchen?
Wenn ja: Was passiert, wenn du mal nichts zu tun hast? Oder nichts tun kannst?
Fühlst du dich unnütz? Wirst du unruhig? Kommst du ins Grübeln? Warum?

Was ist falsch daran, dir eine Pause zu gönnen, zu entschleunigen, Zeit für dich zu nehmen,
die Seele baumeln zu lassen, einfach mal zu entspannen und den Alltag hinter dir zu lassen?
In der Therapie nennt man das „Selbstfürsorge.“ Und die ist ganz wichtig.

Aber warum fällt es uns so schwer, einfach mal nichts zu tun?
Woher kommt diese innere Unruhe, dieses ungute Gefühl? Dieses ständige Getrieben-Sein?

„Müßiggang ist aller Laster Anfang“

Vielleicht aus der Kindheit?  „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt mein Mutter immer.
Das lerne ich schon als kleines Kind. Meine Mutter kann nie still sitzen, hat immer etwas
zu tun, wird nie müde, zu putzen und Ordnung zu schaffen, obwohl bereits alles sauber und
ordentlich ist. Freizeit? Fehlanzeige! Mütter, die zum Sport gehen oder sich mit Freundinnen
treffen: Ganz schlimm! Haben die denn zu Hause nichts zu tun?
Nun ist meine Mutter fast 90 und leidet darunter, dass sie nicht mehr so viel Energie hat wie früher. Die Hausarbeit fällt ihr immer schwerer, sie muss zwangsläufig Pausen machen und weiß dann nichts mit sich anzufangen, weil sie nie gelernt hat, einfach mal nichts zu tun und das Leben zu genießen. Denn: Nichts tun = Müßiggang = böse, schlimm, der Anfang vom Ende.

Nichts tun will gelernt sein

Mit gutem Gewissen „nichts tun“ will gelernt sein. Das kann nicht jeder.
Ich fühle mich auch nicht wohl, wenn ich längere Zeit gar nichts mache. Im Urlaub nur faul
am Strand liegen oder am Wochenende nur auf der Couch sitzen, wäre mir viel zu langweilig.
Vor kurzem habe ich frei und will den Tag „sinnvoll“ nutzen. Leider habe ich einen gewaltigen Durchhänger und gebe nach einem kurzen und etwas frustrierten Beitrag für meinen Blog
meine Pläne für einen erfüllten Tag auf.

Natürlich ärgert es mich, dass ich an meinem freien Tag nichts Gescheites auf die Reihe kriege. Aber jeder hat mal einen schlechten Tag und vielleicht brauche ich einfach eine Pause. Die letzten Wochen waren doch etwas anstregend. Ich muss wirklich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein paar Stunden nur Musik höre, E-Mails lese oder einfach aus dem Fenster schaue und „nichts“ tue. Das nennt sich Selbstfürsorge und ist ganz wichtig. Das haben wir in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen gelernt und meine ambulante Therapeutin mahnt mich auch immer wieder, rechtzeitig Pausen zu machen und nicht erst, wenn ich mit meiner Energie am Ende bin.

Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen

Also akzeptiere ich, dass ich heute nicht so aktiv bin wie ich gehofft habe und genieße meinen freien Tag. Draußen ist es noch ein wenig frisch. Also bleibe ich erst mal drin. Und habe ständig die ganze Arbeit vor der Nase, die ich eigentlich zu erledigen hätte. Und auf die ich heute so überhaupt keine Lust habe.

Aber warum nur? Warum sitze ich jetzt dumm rum und schaffe nichts?
Okay: Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen.
Aber waren die letzten Tage und Wochen wirklich so anstrengend ?
Und was soll ich dann heute den ganzen Tag machen?
Wann soll ich den ganzen Kram erledigen, den ich schon seit Wochen vor mir herschiebe?
Wo doch in den nächsten Wochen noch so viel ansteht: Arzttermine, Familiengeburtstage,
meine Schulfreundin will mal wieder vorbei kommen in den Herbstferien, für meinen alten
Freund aus dem Studium würde ich mir auch gerne wieder Zeit nehmen, der hat es gerade
nicht leicht mit seinen Eltern, meine Schwiegermutter baut auch ziemlich ab, da sollten
wir auf jeden Fall auch bald mal wieder vorbei schauen…

STOP !!! Halte das Gedankenkarrussell an!

Kaum sitze ich eine halbe Stunde auf der Couch, schon gehen mir wieder die unmöglichsten Dinge durch den Kopf, mit denen ich mir meinen freien Tag eigentlich auch nicht verderben wollte. GrübelBetty live…

Aber so ist das halt nun mal: Kaum sind wir aus unserer Tretmühle raus, kommt das Gedanken-Karussell im Kopf in Schwung und lässt sich nicht mehr anhalten.

Also suchen wir uns so schnell wie möglich wieder eine Beschäftigung, die uns von unseren Grübeleien ablenkt. Im Extremfall entwickeln wir eine Zwangsstörung.

Aber es gibt einen Weg raus aus dem Zwang und raus aus stopden Grübeleien:
Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe ein schwere Zwangsstörung überwunden
und gelernt, rechtzeitig STOP! zu sagen und mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge für einen positiven Ausgleich zu sorgen. Mit etwas Übung geht es immer besser. Wenn ich fleißig weiter übe, brauche vielleicht sogar einen neuen Spitznamen 🙂

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