Die „Lachsamkeit“

In der Gruppentherapie beginnt jeder Tag mit einer Achtsamkeitsübung.
Achtsamkeit muss nicht unbedingt entspannend wirken.
Natürlich kann das ein angenehmer Nebeneffekt sein.
Manchmal kann Achtsamkeit auch richtig Spaß machen.

Smiley-lachend

Wenn beispielsweise ein Patient plölzlich zu lachen beginnt und
gar nicht mehr aufhören kann. Lachen ist die beste Medizin.
Und Lachen wirkt ansteckend. Auch in der Therapie.
Und schon ist es vorbei mit der Achtsamkeit.
Bei den meisten zumindest. Bei mir natürlich auch.

Die Therapeutin findet das nicht so lustig. Sie nimmt ihren Beruf ernst und dazu gehört auch
die Achtsamkeit am Beginn des Tages. Damit sich alle auf die nachfolgende Therapie einstellen können. Im Hier und Jetzt ankommen. Sich auf das konzentrieren, was in den nächsten Stunden
auf uns zukommt. Auch auf das, was die anderen uns mitzuteilen haben. Teilen wird groß geschrieben in der Therapie. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Auch wenn der Zeitpunkt gerade ziemlich ungünstig ist. Ungefähr so, wie wenn jemand Grimassen schneidet, während man einen Vortrag halten soll oder ein Referat in der Schule.
Und dann versucht einer, dich draus zu bringen. Und natürlich kannst du nicht mehr weg schauen. Je mehr du dich bemühst, den Klassenclown zu ignorieren, umso schlimmer wird es.
Genauso ist es, wenn man mit allen Mitteln versucht, nicht zu lachen. Das klappt einfach nicht.

Es ist endgültig vorbei mit der Achtsamkeit

Der Patient, der ungewollt für die kleine Aufmunterung zum falschen Zeitpunkt gesorgt
hat, wird zur Rede gestellt und muss sich für sein ungebührliches Verhalten entschuldigen.
Unser Spaßvogel war einmal in einer stationären Klinik und da war ein anderer Patient,
der sich immer über die Achtsamkeit lustig gemacht hat. Natürlich nicht während der
Therapie, aber in den Pausen.
Und das ist ihm jetzt eingefallen und er konnte sich einfach nicht mehr beherrschen.
Er wird aber versuchen, das in Zukunft zu unterdrücken. Sonst muss er sofort raus gehen,
wenn er wieder lachen muss.

Lachen gegen Depressionen

Natürlich fragen wir in der nächsten Pause sofort nach Details. Unser Mitpatient, der wegen Depressionen in stationärer Behandlung war und immer wieder von schweren Depressionen geplagt wird, legt sein ganzes schauspielerisches Talent an den Tag und imitiert seinen
ehemaligen Mitpatienten aus der Depressions-Therapie.

Wer uns hier beobachtet, kann sich vermutlich gar nicht vorstellen, dass wir unter so ernsthaften psychischen Problemen leiden, dass wir eine teilstationäre Therapie brauchen.

Und ich kann mir kaum vorstellen, dass bei der nächsten Achtsamkeit irgendjemand ernst bleiben kann, der jetzt dabei ist. Zum Glück sind wir nur zu fünft. Die anderen haben gerade etwas anderes zu tun.

Achtsamkeit und „Lachsamkeit“

Wir taufen die Achtsamkeit um in „Lachsamkeit“. Aber natürlich ist uns durchaus bewusst,
dass Achtsamkeit eine sehr wichtige Funktion erfüllt – nicht nur in der Therapie.
Achtsamkeit kann auch im Alltag helfen, das Gedankenkarrusell im Kopf zu stoppen
und sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und im Hier und Jetzt zu leben –
und nicht in einer Katastrophenwelt, die uns unsere Zwänge vorgaukeln.

Und so schaffen wir es auch meistens, einigermaßen ernst zu bleiben bei den Achtsamkeits-Übungen. Auch unser unfreiwilliger Spaßvogel hat irgendwann die Kurve gekriegt und muss
nicht jedes Mal den Raum verlassen, damit die anderen nicht in ihrer Achtsamkeit gestört werden. Aber in den Pausen ist „Lachsamkeit“ immer wieder ein Thema.

Smile-lächelndIch denke noch oft und gerne an die „Lachsamkeit“ in der Therapie zurück.
Das bringt immer wieder ein Lächeln auf mein Gesicht und einen schönen
Moment in meinen Alltag.

Mir hat dieser Beitrag richtig Spaß gemacht. Ich hoffe, euch auch !

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