Lob und konstruktive Kritik

Jeden Freitag Nachmittag werden in der Gruppentherapie die Namen aller PatientInnen
auf ein Flipchart geschrieben. Dann muss jeder einen grünen und einen roten Pfeil vergeben:

Den Gruener_und_roter_Pfeilgrünen für etwas Positives, den roten für etwas, was man nicht
so optimal gefunden hat. Der grüne Pfeil symbolisiert also Lob oder Dank. 
Der rote Pfeil steht für konstruktive Kritik (die Betonung liegt auf konstruktiv).
Auf eine Person dürfen auch mehrere grüne und rote Pfeile abgeschossen werden.

Unterschiedliche Meinungen sind ganz normal

Ich bekomme einmal einen grünen und einen roten Pfeil dafür, wie ich meine Lebensgeschichte erzählt habe, weil zwei Patientinnen das unterschiedlich beurteilen. Die Patientin mit dem roten Pfeil meint, ich hätte mich an einem bestimmten Punkt kürzer fassen sollen (und ist mit dieser Meinung nicht allein). Die Patientin, die mir den grünen Pfeil gibt, bewundert, wie tapfer ich das durchgestanden habe.
Das ist ganz normal. Wie im richtigen Leben … Diese völlig unterschiedliche Einschätzung finden auch Ärtzin und Therapeutinnen richtig spannend.

Wir erfahren erst am Montag, was wir falsch gemacht haben

Wir müssen uns bis Montag gedulden, bis wir erfahren, womit wir unsere roten Pfeile verdient haben und was die anderen so viel besser gemacht haben, wenn wir bei den grünen Pfeilen leer
ausgegangen sind, obwohl wir uns doch die ganze Woche so sehr um die anderen bemüht haben.

Auch das ist ein Teil der Therapie: Diese Ungewissheit über das Wochenende auszuhalten,
ohne sich das Wochenende verderben zu lassen. Wir halten es alle aus, weil wir wissen,
dass die Kritik unsere MitpatientInnen immer von Herzen kommt und sie uns mit ihren
roten Pfeilen nicht verletzen wollen, sondern uns helfen, besser mit unseren Problemen
und Schwachstellen fertig zu werden.

Lob fällt leichter als Kritik

Trotzdem fällt uns allen Lob leichter als Kritik. Jeder könnte jede Woche  mehrere grüne Pfeile vergeben. Am liebsten würde ich jeden Montag der ganzen Gruppe dafür danken, dass sie so
toll zusammen halten, sich gegenseitig unterstützen, zuhören, trösten, aufmuntern, Hilfe anbieten… Leider dürfen wir nur einer Person unseren besonderen Dank oder ein dickes
Lob aussprechen.

Noch schwerer fällt es, einen Mitpatienten oder eine Mitpatientin vor versammelter Runde
zu kritisieren. Oft fällt uns partout nichts ein, was uns an einem anderen wirklich gestört hat.
Dann müssen wir eben irgendwelche Kleinigkeiten kritisieren, über die wir normalerweise
hinweg sehen würden. Wir wissen, dass der oder die andere weiß, dass es nicht böse gemeint ist.

„Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage…“

Konstruktive Kritik erteilen und Kritik annehmen sind wichtige Bestandteile der Therapie.
Die meisten von uns sind ziemlich konfliktscheu. Und das ist eines unserer ganz großen Probleme: Wir schlucken viel zu viel runter und stecken viel zu viel ein, anstatt dem anderen mal ordentlich die Meinung zu geigen. Und das oft schon unser ganzes Leben lang.

Einer Smiley_Mund_verklebtmeiner Standardsprüche lautet:
„Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage.“
Aber das ist meistens nicht so bedrohlich wie die Vorstellung,
wie die anderen reagieren könnten, WENN ich sagen würde,
was ich tatsächlich denke, z. B. meine früheren Chefs oder meine Mutter.
Allein bei dem Gedanken schnürt sich mir schon der Hals zu. Also lieber
Klappe halten und versuchen, anderweitig damit fertig zu werden. Zwangsläufig. Oder zwanghaft…

Der richtige Umgang mit Kritik

In der Gruppentherapie lernen wir, besser mit Kritik umzugehen. Unsere Mitpatienten machen
uns keine halbherzige Komplimente oder hauen uns unsere jüngsten Fehltritte um die Ohren.
Ganz im Gegenteil. Jeder muss erklären, warum er dem anderen einen grünen oder roten Pfeil gegeben hat und welche Gefühle das bei ihm ausgelöst hat. Dabei sitzen sich die beiden „Kontrahenten“ direkt gegenüber und schauen sich in die Augen.

Hier ein konkretes Beispiel:

GrübelBetty, du bekommst von mir heute einen roten Pfeil, weil ich es schade fand,
dass du am Dienstag mein Kompliment nicht angenommen hast. Du hast da in einer
knappen Stunde auf deinem Laptop eine ganz tolle Collage gemacht, wie du dir deinen
optimalen Arbeitsplatz vorstellen würdest. Ich habe gesagt:
„Dafür würde ich eine ganze Woche brauchen. Und dann bekäme ich es wahrscheinlich
immer noch nicht so gut hin.“
Du hast geantwortet: „Ich mache das schon seit Jahren beruflich!“ anstatt dich über mein Kompliment zu freuen. Das hat mich echt traurig gemacht!

ScDepressivheinbar macht es meinen Mitpatienten immer noch traurig,
als er sich diese Szene ins Gedächtnis ruft. Obwohl das schon fast
eine Woche her ist. Ich muss erst einmal tief durchatmen und dann wiederholen, was mir mein Gegenüber gerade mitgeteilt hat:
„Du hast mir heute einen roten Pfeil gegeben, weil ich am Dienstag
dein Kompliment nicht angenommen habe (…) Das hat dich traurig gemacht. Danke, dass du mir das gesagt hast.“

Nicht sofort verteidigen und Kritik zunächst nicht bewerten

Verteidigen darf ich mich jetzt nicht. Ich darf die Kritik an mir auch nicht bewerten,
auch dann nicht, wenn ich sie für ungerechtfertigt halte.

Einmal bekomme ich einen roten Pfeil, weil ich den Tischdienst nicht machen wollte, weil ich ausgerechnet in dieser Woche eine Erkältung mit Husten und Schnupfen habe.

Hier muss ich etwas tiefer Luft holen als bei der absolut gerechtfertigten Kritik,
dass ich kein Lob annehmen kann. Ich darf meiner jungen Mitpatientin nicht sagen,
was Sache ist: Dass es doch total blöd ist, ausgerechnet dann den Tischdienst zu übernehmen,
wenn ich nicht fit bin. Ich bin noch ein paar Wochen da und habe noch genug Gelegenheit, diese Aufgabe zu übernehmen. Und abgesehen davon haben einige in der Gruppe eine Keimphobie.
Ich möchte nicht wissen, wie die reagieren, wenn ich ihnen ins Essen huste oder niese.
Das sollte sie eigentlich am besten wissen – mit ihrer Angst, sich durch Essen oder Trinken
zu vergiften. Diese Kritik kommt echt genau von der Richtigen…!

Mit scheinbar ungerechtfertigte Kritik konstruktiv umgehen

Das wäre wohl die „normale“ Reaktion auf ungerechtfertigte Kritik.
In der Therapie muss ich mich beherrschen und ganz ruhig und sachlich wiederholen,
was meine Mitpatientin an mir gestört hat. Ich darf mich auch nicht rechtfertigen. Noch nicht.

Nach der Stunde darf ich natürlich erklären, dass ich den Tischdienst wegen
meiner Erkältung nicht machen wollte. Passenderweise mache ich das beim Mittagessen, damit auch die anderen mitkriegen, dass ich mich nicht drücken wollte.

Die Patientin, deren roter Pfeil für mich eher ein rotes Tuch war, fragt dann ganz besorgt
nach,  ob ich vielleicht ein Problem mit dem Tischdienst hätte. Das gibt es nämlich auch,
dass sich jemand keine Tabletts anfassen traut oder Angst hat, dass seine Keime auf
andere übertragen werden, wenn sie etwas anfassen, was sie vorher in der Hand hatten.
Ein paar Wochen später stößt tatsächlich eine Patientin zu unserer Gruppe, die genau diese Probleme hat.

Ich kann alle beruhigen: Es war wirklch nur wegen der Erkältung. Wenn ich eine Keimphobie
hätte, hätte ich es gesagt. Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass wir offen über alles reden können – auch über etwas, was uns an jemandem nicht passt. Ruhig und sachlich und bei Bedarf mit konstruktiver Kritik.

Gruener_und_roter_PfeilMeistens treffen auch die roten Pfeile ins Schwarze.
Und jeder Pfeil bringt uns ein Stück weiter auf unserem Weg:
Raus aus dem Zwang und zurück in ein zwangfreies Leben.

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