Machen Sie auch mal eine Pause ?

Nach zwei Monaten Wiedereingliederung mit 2-4 Stunden pro Tag arbeite ich nun wieder
regulär, sprich halbtags, also ca. 5 Stunden pro Tag.

An meinem ersten regulären Arbeitstag freue ich mich, dass ich endlich nicht mehr krank geschrieben bin und wieder ganz normal arbeiten kann. Ich kann auch die zusätzliche Stunde gut gebrauchen, weil ich gerade an etwas Interessantem dran bin und das noch fertig machen kann.

Am nächsten Tag bin ich nach drei Stunden schon total ausgepowert und frage mich,
wie ich  den Rest des Vormittags rum kriegen soll. Irgendwie schaffe ich es. Die letzte
halbe Stunde schlage ich allerdings nur noch Zeit tot.

Am dritten Tag ist das Leistungstief schon nach einer Stunde da, obwohl sich herausstellt,
dass das Problem vom Vortag gar nicht so kompliziert ist wie ich dachte, sondern sogar
ganz banal. Ich darf keine Großbuchstaben verwenden. Kleine Ursache, große Wirkung.
Wie so oft in der IT…

Anstatt mich darüber zu freuen, dass ich mir eine Menge Arbeit und viel Programmiererei
sparen kann, bin ich total frustriert, dass ich die Fehlerursache nicht sofort bemerkt habe.
Aber am Tag zuvor war ich schon ziemlich k.o., als dieses Problem aufgetaucht ist. Deshalb
will ich es erst am nächsten Tag bearbeiten – mit frischen Kräften. Und die sind jetzt dahin.
Es ist kurz vor 8 Uhr. Noch 3,5 Stunden bis zum Kernzeitende. Und ich habe den vollen Durchhänger …

Solche Tage kennt jeder. Bei mir ist das eher der Normalzustand. Seit über 20 Jahren.

Machen Sie denn auch mal Pausen ?

Heute kann ich mein Dauerproblem am Nachmittag mit meiner  Therapeutin besprechen.
Das Gefühl, mit meinen Kräften viel zu schnell am Ende zu sein, habe ich nicht nur in der
Arbeit, sondern auch daheim, auch bei Sachen, die mir Spaß machen, z. B. bei meinem Blog.
Da bin ich manchmal auch nach ein oder zwei Stunden so fertig, dass ich erst längere Zeit
etwas anderes machen muss, bevor ich wieder etwas Vernünftiges am PC zustande bringe.

Meine Therapeutin stellt mir eine ganz einfache Frage: Machen Sie denn auch mal Pausen ?

Ja klar, daheim schon. Wenn ich nicht mehr kann, mache ich etwas anderes. Einkaufen oder Haushalt oder ich setze mich einfach mal eine halbe Stunde auf die Couch und höre Musik.

Und in der Arbeit ? Gibt es da keine Pausen ?

So richtige Pausen gibt es bei uns nicht. Also z. B. eine gemeinsame Kaffeepause am Vormittag.
Und Mittag gehe ich heim. Also fällt die Mittagspause in der Arbeit auch flach.

Aber machen Sie denn mal eine Pause ?

Ich muss überlegen: Pause … in der Arbeit …? Äh… Eigentlich nicht so wirklich…

Aber Sie müssen Pausen machen ! Jeder Mensch braucht Pausen!
(Stimmt nicht. Meine Mutter nicht und meine Tante auch nicht und mein Bruder arbeitet
scheinbar auch Tag und Nacht…)

Sie haben eine anstrengende und anspruchsvolle Tätigkeit.
Das haben meine Kollegen auch und die arbeiten Vollzeit…

Und Ihre Bildschirmarbeit ist sehr anstrengend für die Augen.
Stimmt. Manchmal sehe ich trotz Bildschirmbrille nicht wirklich scharf. Das kennt auch jeder. Tagesform. Oder Überlastung…?
Aber meine Kollegen sitzen den ganzen Tag am PC, ich nur fünf Stunden. Trotzdem bin ich
Mittag oft so ausgepowert, dass ich daheim fast nichts mehr schaffe. PC-Arbeiten mache ich
fast nur noch am Wochenende. Manchmal habe ich nicht mal mehr die Energie fürs Schwimmen, obwohl mir das Spaß machen würde.

„Der Schwächel vom Dienst“

Wie ich mich dabei fühle ?
Wie der „Schwächel vom Dienst“. Mit diesen Worten habe ich auch meine Rolle in der Kindheit
in meiner Familie charakterisiert. Scheinbar bin ich das geblieben. Meine fast 90-jährige Mutter schafft scheinbar noch mehr als ich und beklagt sich dann auch noch, dass sie nicht mehr so fit
ist wie vor 20-30 Jahren…

Die Therapeutin erteilt mir meine Hausaufgabe bis zur nächsten Sitzung:
Ich soll in der Arbeit Pausen machen.

Einen kurzen Moment muss ich fast lachen. Das ist ja mal eine tolle Hausaufgabe !
Aber so komisch ist das nicht.

Vor einigen Jahren hat mich ein Kollege gewarnt, ich sei Burnout-gefährdet. Das konnte
ich natürlich nicht glauben. Wo ich doch nur halbtags arbeite… Aber wie oft war ich schon
wegen Überlastungsreaktionen krank geschrieben ? Mindestens 1-2 mal pro Jahr.
Ganz zu schweigen von den psychosomatischen Erkrankungen,
meistens Folgen von Überlastungsreaktionen. Aber Rücken- oder Magenprobleme werden
etwas mehr akzeptiert als „Überlastung“. Vor allem bei Teilzeitkräften. Wovon sollen die „überlastet“ sein ?

Meine Therapeutin ergreift wieder das Wort: Jeder Mensch braucht Pausen.
Andere rauchen oder trinken Kaffee.
Stimmt, mein ehemaliger Chef und die Hälfte seines Teams sind Raucher und Kaffeetrinker.
Da ergeben sich Pausen von selbst. Ich muss eben etwas anderes machen, um den Kopf frei
zu bekommen und wieder Kräfte zu sammeln für meine Arbeit, die viel Konzentration erfordert.
(Früher habe ich geschrieben, aber das darf ich nicht mehr. Auf keinen Fall ! Raus aus dem Zwang!)

Achtsam sein und Tee trinken

Meine Therapeutin macht einige Vorschläge: Achtsamkeit. Achtsamkeit ist immer gut.
Das habe ich in der Klinik gelernt. Da machen wir jeden Tag zwei Achtsamkeitsübung:
Am Morgen und nach der Mittagspause.

Oder einen Tee machen und achtsam trinken. In der kälteren Jahreszeit eine gute Idee !
Momentan sitzen wir beide im T-Shirt rum und der Ventilator verteilt die schwül-warme
Luft im Raum, die neben dem Verkehrslärm durch das geöffnete Fenster zu uns dringt.
Nehme ich gerade meine Umgebung achtsam wahr ?

Es gibt noch ein Leben außerhalb der Arbeit

Ich kann auch im Büro aus dem Fenster schauen und beobachten, was sich draußen abspielt: Baulärm, der meistens den Verkehrslärm übertönt. Ab und zu geht jemand durch den Flur,
den ich von meinem Büro aus sehen kann. Wenn ich aufstehe und ans Fenster gehe, sehe
ich einen großen Baum. Das beruhigt.
Ich kann auch meine Urlaubsfotos an der Wand anschauen:
Das weckt Erinnerungen an schöne Zeiten, spektakuläre Wanderungen und aufregende
Erlebnisse in (m)einem Leben außerhalb des Büros und weit weg von PC-Problemen…

Leider liegt der letzte Urlaub weit zurück und der nächste ist nicht in Sicht.
Aber es gibt auch im Alltag vieles, worauf ich mich freuen kann. Ich rufe mir kurz in
Erinnerung, was ich an meinem freien Nachmittag machen möchte oder dass ich auf
dem Heimweg noch Kirschen kaufen will.

Jeder macht Pausen – außer dir!

Ich bin nach dieser Therapiesitzung nicht so erschöpft wie sonst.
Als ich meinem Mann über den Ratschlag mit den Arbeits-Pausen berichte, sagt er etwas
Ähnliches wie meine Therapeutin: „Es macht wirklich jeder Pausen. Außer dir !“

Pflichtbewusst wie ich bin, befolge ich die therapeutischen Anweisungen und lege am nächsten Arbeitstag gegen 9 Uhr eine Pause ein. Eigentlich fühle ich mich noch ziemlich fit, obwohl ich gerade ein größeres Problem zurückgestellt habe, weil ich mich ein wenig verzettelt habe und
das Gefühl habe, dass ich damit heute nicht mehr weiter komme. Ich gehe ein wenig in mich,
schaue die Urlaubsbilder an der Wand an, stehe auf und beobachte durch das offene Fenster
den Baum im Innenhof und die dichter werdenden Wolken am Himmel.
Ich überlege, dass ich auf dem Heimweg noch zum Einkaufen und am Nachmittag zum
Schwimmen gehen könnte, weil das Wetter scheinbar nicht so schön wird wie angekündigt.
Dann ist nicht so viel los. (Ich schaffe sogar sogar meine beste Zeit in diesem Jahr!)

Dann schenke ich mir noch ganz bewusst ein Glas Wasser ein, nehme einen tiefen Schluck
und widme mich der nächsten Aufgabe. Eine Stunde später gönne ich meinen Augen wieder
ein wenig Erholung von der anstrengenden Bildschirmarbeit.

Als ich um 11:20 Uhr meinen Kollegen ein schönes Wochenende wünsche, sehe ich das
ungelöste Problem immer noch ziemlich entspannt. Immerhin habe ich wieder etwas
dazu gelernt und außerdem ist mir auch noch eingefallen, wie ich es lösen kann.
Nächste Woche dann. Vor der ersten Pause…

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