Schöner Moment und Stolz

Psychosomatisch Tagesklinik, Therapieraum der Zwangsgruppe, Freitag um 14:30 Uhr

Nach einer anstrengenden Therapie-Woche steht das Wochenende bevor. Vielen steht es
wirklich bevor. Die Gruppe bietet Sicherheit und Rückhalt. Am Wochenende sind wir auf
uns allein gestellt – allein mit unseren Zwängen. Deshalb besprechen wir in der Gruppe
noch unsere Wochenendplanung – mit zwei Therapeutinnen oder einer Ärztin und einer Therapeutin:

Wo könnte uns der Zwang begegnen und was wollen wir dagegen unternehmen ?
Gibt es etwas, was am Wochenende schwierig werden könnte und wie wollen wir
damit umgehen ? Worauf können wir uns am Wochenende freuen ?
Was haben wir geplant, was uns Freude bereitet, gut tut, Spaß macht: Stichwort Selbstfürsorge.

Kurz vor 15 Uhr sollen alle noch zwei wichtige Fragen beantworten –
auch die Ärtzin und  die Therapeutinnen.
Was war ein in dieser Woche ein schöner Moment ? Und worauf sind wir stolz ?

Ein schöner Moment in dieser Woche

Schöne Momente gab es viele. Bei jedem. Vor allem in der Gruppe. Wir haben zusammen
gelacht, haben uns gegenseitig zugehört, unterstützt, Hilfe angeboten. Wie gesagt,
die Gruppe bietet Rückhalt und auch Geborgenheit.
Manchmal sind es Kleinigkeiten, die uns Freude bereitet haben:
Ein Schmetterling auf einer Blüte. Eine schöne Erinnerung.
Ein schöner Sonnenaufgang oder spektakuläres Abendrot.
Dass wir einer Frau mit Kinderwagen die Tür aufhalten konnten.
Das Lächeln und das Dankeschön, das wir dafür bekommen haben.

Worauf bin ich diese Woche stolz ?

Die zweite Frage können wir oft nicht so leicht beantworten.
Worauf sind wir stolz? In dieser Woche? Also nicht auf die großen Dinge, die wir in unserem
Leben schon erreicht haben. Sondern etwas, was wir die letzten fünf Tagen gut gemacht haben.
Worauf soll man stolz sein, wenn man gerade eine Therapie in einer psychosomatischen Klinik macht?

In der ersten Woche kannst du stolz sein, dass du es überhaupt in die Klinik geschafft hast
und dich deinen Zwängen stellen willst. In der zweiten Woche bist du vielleicht stolz darauf,
dass du die vielen Fragebögen ausgefüllt hast. Das ist echt eine Leistung !
In der dritten Woche machst du deine erste Exposition. Ganz egal, wie es dir dabei gegangen ist:
Du kannst stolz sein, dass du es überhaupt gemacht hast.

Irgendwann hast du dein erstes Erfolgserlebnis in der Therapie. Darauf kannst du definitiv
stolz sein! Oder du kannst einen anderen aufmuntern, dem es gerade nicht so gut geht.
Oder einfach nur zuhören und für jemanden da sein, das Gefühl geben, dass keiner mit
seinen Problemen allein ist. Vielleicht hast du auch erkannt, wo dein Problem liegen
könnte. Oder du hast eine schwierige Situtation gemeistert – ohne Zwang!

Du hast eine Woche Therapie geschafft !

Auf jeden Fall kannst du stolz darauf sein, dass du hier bist. Du hast wieder eine Woche
in der Gruppentherapie geschafft. Du kannst stolz darauf sein, dass du den Kampf gegen
das Zwangsmonster aufgenommen hast – auch wenn es immer noch an jeder Ecke auf
dich lauert und scheinbar stärker ist als du. Du bist auf jeden Fall auf dem richtigen Weg !

Und bald kannst du ganz stolz verkünden:
„Ich habe diese Woche etwas geschafft, was ich wegen meiner Zwänge lange nicht machen
konnte. Ich bin auf dem besten Weg. Raus aus dem Zwang und zurück in ein „normales“ Leben.

Wenn dir wirklich gar nichts einfällt, dann sag einfach:
„Ich bin stolz darauf, dass ich gegen meine Zwänge ankämpfe.“
Denn darauf kannst du auf jeden Fall stolz sein !

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