Etwas sagen kann sehr hilfreich sein

In der ersten Therapiesitzung im neuen Jahr spreche ich natürlich an, dass ich an Weihnachten ziemlich viel von mir preis gegeben habe: Genau gesagt über meine Kindheit. Im nächsten Moment ist mir das schon furchtbar unangenehm, dass ich all diese sehr persönlichen und
auch höchst problematischen Dinge gesagt habe – in Gegenwart meines Schwagers, meiner Schwägerin, unserer Nichte, eines unserer Neffen und meines Mannes. Der war bis dahin der einzige, der davon wusste, dass ich mit 15 am liebsten gestorben wäre und davon überzeugt
war, dass meine Eltern ohne mich besser dran wären.
Die Stimmung ist vorher schon nicht sehr weihnachtlich, ganz im Gegenteil: Wir haben zu diesem Zeitpunkt gefühlt schon mindestens eine Stunde nur über sehr schwierige aktuelle Themen gesprochen, die auch mich betreffen. Irgendwann wird mir das dann einfach zu viel.
Wie gesagt: Ich bereue es sofort und bedauere meinen Gefühlsausbruch den ganzen Abend und
die nächsten Tage noch zutiefst, obwohl die Reaktionen meiner Verwandten sehr positiv sind:

Meine Schwägerin legt mir die Hand auf den Arm und stellt fest, dass sie und ihre Geschwister es als Kinder leichter hatten. Mein Schwager berichtet von seinen Problemen mit seiner eigenen Mutter und vermittelt mir auch ein Gefühl von Solidarität. Verständnis zeigen alle. Keiner ist mir böse. Ganz im Gegenteil.

Ich fühle mich verstanden und akzeptiert

Meine Schwägerin versichert mir, dass es gut ist, dass ich (noch) da bin.
Ich fühle mich von der Familie meines Mannes verstanden und akzeptiert.
Etwas, was mir in meiner eigenen Familie immer gefehlt hat.

Positive Gefühle festhalten

Dieses Gefühl soll ich festhalten. Das Gefühl, verstanden und angenommen zu werden.
Es ist in Ordnung, dass ich über meine Probleme gesprochen habe, auch wenn diese
schon lange zurück liegen und es aktuell um die Probleme meiner Schwiegermutter
geht, bei der sich das hohe Alter zunehmend bemerkbar macht.

Ich will nicht, dass meine Verwandten in mir jetzt einen weiteren „Problemfall“ sehen.
Aber um mich müssen sie sich nicht kümmern… Sie können sich weiterhin auf die Probleme ihrer Mutter konzentrieren. Und müssen dabei auch keine Rücksicht auf mich nehmen.
Aber vielleicht ist es trotzdem gut, dass sie nun wissen, warum ich kein so inniges Verhältnis
zu meiner Mutter habe wie sie zu ihrer und oft etwas gereizt reagiere, wenn ich auf meine Mutter angesprochen werde.

Ruhig mal was sagen – das brauchen wir Menschen

Meine Therapeutin versichert mir immer wieder, dass ich ab und zu mal was sagen soll.
Natürlich nicht zu jedem und ungefiltert. Aber zu Menschen, die mich verstehen.
Das brauchen wir Menschen. Einfach mal was raus zu lassen.

Ich schlucke schon mein ganzes Leben viel zu viel runter. Einer meiner Standardsprüche
lautet: „Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage…“
Und weil ich so oft nichts sagen kann, schreibe ich das Ungesagte auf:
So lange und so viel, dass es zwanghaft wird.

Ich würde immer noch unkontrolliert und zwanghaft schreiben, wenn nicht mein Chef
etwas zu mir gesagt hätte. Vielleicht wäre das Vertrauensverhältnis nicht komplett gestört,
wenn ich den Mut gefunden hätte, ihm etwas von meinen Problemen zu sagen, bevor er sie selbst entdeckt hat. Ich werde es nie erfahren.

Unsere Personalchefin und der Personalrat reagieren mit Verständnis, als sie von meinem Dokumentationszwang erfahren. Sie unternehmen alles erdenklich Mögliche unternommen,
damit ich im IT-Bereich weiter arbeiten kann – in einer anderen Abteilung.

Nicht jedem alles sagen

Meinen neuen Kolleginnen und Kollegen sollte ich aber lieber nichts sagen, meint die Personalratskollegin, als ich meine neue Stelle antrete. Aber mit ihr und den anderen Personalratsmitgliedern kann ich jederzeit über meine Probleme sprechen.
Und auch mit einigen Familienmitgliedern, wie ich an Weihnachten festgestellt habe.
Und natürlich mit meiner Verhaltenstherapeutin, die keineswegs nur gute Ratschläge
für das richtige Verhalten parat hat, sondern auch sehr intensiv nach den Ursachen
meiner Probleme forscht.

Einige dieser Ursachen habe ich an Weihnachten angesprochen: Unüberlegt, spontan
und in einem Gefühlsausbruch. Trotzdem sehe ich es im nachhinein positiv, dass das
alles aus mir heraus gebrochen ist.

Etwas sagen kann manchmal wirklich sehr hilfreich sein 🙂

Suche und Sucht nach Anerkennung

„Ssmombiesmobmie“ ist eines der Jugendworte des Jahres 2016. Oder ist es eines
der Un-Worte? Ich bin ohne Smartphone aufgewachsen und schalte meines
auch nur selten ein. Trotzdem kann ich verstehen, warum nicht nur junge
Leute ständig auf ihr Handy starren anstatt sich auf das zu konzentrieren,
was sie gerade in der realen Welt machen, z. B. arbeiten, Auto fahren, über
die Straße gehen oder mit einem anderen Menschen reden – ganz analog
von Angesicht zu Angesicht.

Warum greifen wir sofort beim ersten Klingeln zu unserem ständigen Begleiter,
egal wie unpassend es gerade ist? Was macht aus einem intelligenten Menschen
einen Handy-Süchtingen oder einen Smartphone-Zombie (Smombie).

Was kann uns dieses kleine Teil geben, was wir im „richtigen Leben“ nicht bekommen ?
Ganz einfach: Etwas, wonach wir uns alle sehnen und was wir viel zu selten bekommen:
Aufmerksamkeit und Anerkennung.

like-buttonWas im richtigen Leben so schwer fällt, geht im Internet per Mouse-Click.
In Nullkommanichts hast du ein paar Hundert Freunde auf Facebook.
Und denen gefällt alles, was du postest. Hauptsache, du klickst fleißig
auf den Like-Button, wenn deine „Freunde“ etwas posten.
Und zwar möglichst schnell, am besten sofort.

Suche nach Anerkennung wird zur Sucht nach Anerkennung

Endlich machst du mal etwas richtig! Was deine Eltern oder Kollegen total idiotisch finden,
findet die Facebook-Community toll. Je doofer das Video, umso mehr Likes. facebook-likes-smileys
Und so wird die Suche nach Anerkennung zur Sucht nach Anerkennung.

Ich habe mich lange gegen Facebook gewehrt, weil mir das enorme Suchtpotential
der sozialen Medien bewusst ist. Am 3. Oktober 2016 habe ich endlich einen Selbstversuch
gestartet und schon fast 40 Freunde gewonnen, von denen ich etwa die Hälfte tatsächlich
kenne. Die anderen kenne ich auch den Medien (Lokalpolitiker, Autoren) oder eben über
Facebook.

like-buttonIch gebe es zu: Auch ich freue mich über jeden Like bei Facebook.
Und ich freue mich auch, wenn jemandem einer meinen Kommentare gefällt.
Oder wenn jemand einen witzigen Kommentar zu einem meiner Posts postet,
den ich dann wieder liken kann…

Ein „Danke“ im richtigen Leben ist wichtiger als alle Likes auf Facebook

Aber wichtiger als alle Likes im Internet ist immer noch ein „Das hast du gut gemacht“
oder ein „Danke“ im richtigen Leben. Das habe ich erst gestern wieder erlebt, als ich
zusammen mit meinem Mann meine 80-jährige Schwiegermutter zu einem Arzttermin
mit zahlreichen Untersuchungen begleitet habe. Das hat natürlich keinem gefallen.
Aber ich konnte einem geliebten Menschen in einer schwierigen Situation helfen.

Jetzt werde ich aber wieder schauen, was auf Facebook los ist. Ein paar Mitglieder der
Gruppe „Angststörung,Depressionen,Zwangsstörung u. Co“ haben gerade wieder etwas
gepostet. Vielleicht ist auch etwas dabei, wozu ich einen Kommentar abgeben und ein
wenig weiter helfen kann. Und vielleicht bekomme ich dann auch heute wieder etwas,
was wir alle so dringend brauchen: Ein wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Mangelnde Anerkennung

„Ned g’schimpft is g’lobt g’nua“ („Nicht geschimpft ist genug gelobt“) lautet eine
alte Redensart in Bayern. Dieses Prinzip gilt weit über die weiß-blauen Grenzen
hinaus, vermutlich in der ganzen Welt.

Keiner sieht meine Leistungen… Aber sehe ich die Leistungen der anderen?

Meine Mutter beklagt sich Zeit ihres Lebens darüber, dass wir und alle anderen ihre Arbeit
und ihre Leistungen nicht zu würdigen wissen. Was ihr sicher nie bewusst geworden ist:
Sie selbst hat es auch nie geschafft, die Leistungen ihrer Mitmenschen zu würdigen,
weder in der eigenen Familie noch bei anderen. Ganz im Gegenteil.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich meiner Mutter zum Muttertag eine
schöne Gebäckschale aus Porzellan gekauft habe – von meinem nicht gerade üppigen
Taschengeld. Und wie hat meine Mutter auf das Überraschungsgeschenk reagiert?
Mit Freude und Dankbarkeit? Nein, ganz im Gegenteil. Sie hat mich kritisiert,
dass ich so viel Geld ausgegeben habe und das nicht nötig gewesen wäre.
Das stimmt. Sie hat die Gebäckschale nie benutzt, genau wie den Wasserkocher,
den ich ihr vor vielen Jahren zu Weihnachten geschenkt habe.  Obwohl sie den wirklich
brauchen könnte. „Den können wir ja wieder mitnehmen, wenn unserer mal kaputt geht
oder sie nicht mehr da ist“, ist ihre lapidare Antwort auf die Frage, warum sie das Teewasser
immer noch auf dem Herd heiß macht. Genau wie die Gebäckschale, die seit 40 Jahren unbenutzt
in der Vitrine in ihrem Wohnzimmerschrank steht. Die Weihnachtsplätzchen (die ich vermutlich auch nicht hätte backen müssen), werden immer noch auf dem uralten Teller serviert, der in meiner Kindheit schon in ein Museum gepasst hätte.

Lob und Anerkennung in der Therapie

Damit gehört mangelnde Anerkennung von Kindheit an zu meinem Leben.
Das hat mich natürlich geprägt. Genau wie meine Mitpatientinnen und Mitpatienten
in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen und unzählige andere Menschen,
die mit ihren Eltern ähnliche Erfahrungen gemacht haben und immer noch machen.
In der Familie, im Beruf, überall.

Außer in der Therapie. Da gehören Anerkennung und Lob zur Tagesordnung.
Wenn etwas nicht passt, üben wir konstruktive Kritik und geben so den anderen
wertvolle Anregungen, wie sie ihre Probleme besser lösen können.
Auch meine ambulante Therapeutin macht mir immer wieder klar, dass ich vieles
gut mache und schon immer gut gemacht habe.

Lobe deinen Chef!

„Loben Sie Ihren Chef!“ rät die Trainerin in einem Seminar, das unsere Gleichstellungs-
beauftragte organisiert hat.

„Auch Ratschläge sind Schläge“, warnt der Verhaltenscoach in einem anderen Seminar,
das mein Arbeitgeber finanziert und das ich während der Arbeitszeit besuchen kann.
Der Ratschlag (oder Vorschlag), unseren Chef zu loben, fällt unter die Rubrik „Schläge.“
Die Stimmung ist gut, also reagieren wir nicht entsetzt, sondern eher ungläubig-amüsiert.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Nachdem wir alle ein wenig über den ungewöhnlichen Vorschlag unserer Verhaltenstrainerin nachgedacht haben, wird uns etwas klar: Unser Chef ist auch nur ein Mensch, der sich jeden
Tag darum bemüht, seinen Job möglichst gut zu machen. Genau wie unsere Eltern, die immer
nur unser Bestes wollten (meine zumindest und sicher auch viele andere) und trotzdem so
viel falsch gemacht haben.“Gut gemeint ist nicht gut gemacht.“ Noch so ein beliebter Spruch.

Genau wie wir werden auch unsere Chefs und unsere Eltern kritisiert, wenn sie Fehler machen, nicht immer mit konstruktiver Kritik. Dagegen wird es als völlig selbstverständlich angesehen, wenn wir unsere Arbeit richtig machen oder unsere Kinder gut behandeln.

Den muss ich doch nicht loben. Der wird doch bezahlt!

„Den muss ich doch nicht loben. Der wird doch dafür bezahlt!“ empört sich ein ehemaliger Vorgesetzter (übrigens kein Bayer) über einen (bayerischen) Kollegen, der über mangelnde Anerkennung seiner Leistungen am Arbeitsplatz klagt.

Und so einen Chef soll ich jetzt loben? Wofür? Dass er seine privaten Probleme und seinen
Dauer-Konflikt mit einem anderen Mitarbeiter nicht in den Griff kriegt? Ich kann ja verstehen,
dass er es nicht leicht hat. Aber muss er deswegen mir das Leben in der Arbeit schwer machen?
Wie war das mit der „Fürsorgepflicht des Arbeitgebers“ und den „Führungsqualitäten bei der Mitarbeiterführung?“ Als langjähriges Personalratsmitglied könnte ich hierzu viel berichten.
Aber das unterliegt natürlich der Schweigepflicht.

Verständnis – der erste Schritt zur Besserung?

„Dass Sie Verständnis für ihren Chef haben, sollte ihre Situation erleichtern“.
Meint mein Hausarzt, als er mir 1999 ein Beruhigungsmittel verschreibt und zu meiner
ersten ambulanten Therapie rät, die ich nach ein paar Monaten wieder abbreche, weil ich
mit dem Therapeuten nicht klar komme.
Obwohl die Therapie der richtige Ansatz ist und mein erster Therapeut sein Bestes gegeben hat.
Er ist mit Sicherheit ein guter Arzt und konnte sicher schon vielen helfen. Nur mir halt nicht. Immerhin habe ich nie über ihn geschimpft. Wirklich gelobt habe ich ihn aber auch nie…

Meine Verhaltenstherapeutin lobt mich regelmäßig, wenn ich von Fortschritten berichte
oder signalisiere, dass ich ihre Ratschläge und Vorschläge umsetzen will oder zumindest
darüber nachdenke, ob sie für mich hilfreich sind. Ich kann auch offen über Rückschläge
mit ihr sprechen.Die gehören natürlich auch dazu. Keiner macht immer alles richtig.
Das ist ganz normal. Irren ist menschlich.

Einer muss den Anfang machen. Warum nicht du?

Wenn jemand etwas richtig gut gemacht hat oder sich richtig angestrengt hat,
dann könntest doch du ihm oder ihr ein wenig Anerkennung zeigen.
Auch wenn der oder die andere es vielleicht nicht perfekt hinbekommen hat
oder bei einem Geschenk nicht ganz deinen Geschmack getroffen hat.

Der gute Wille zählt! Auch der Wille, dem anderen ein wenig Anerkennung zu zeigen.
Und wer weiß: Vielleicht bekommst du sogar ein wenig Anerkennung zurück.
Eine/r muss den Anfang machen und ein gutes Beispiel abgeben. Warum also nicht du ? 🙂