Von der Angst zur Zwangsstörung

Angst ist der gemeinsame Auslöser vieler psychischer Erkrankungen, einschließlich Zwangsstörungen. Egal ob Kontrollzwang, Perfektionismus, Waschzwang, Keimphobie, Sammelzwang, oder Dokumentierzwang: Der gemeinsame Nenner dieser Zwangsstörungen
ist Angst.

Der Teufelskreis aus Angst und Zwangsstörung am Arbeitsplatz

Die Angst, das wir etwas vergessen oder nicht richtig gemacht haben und deswegen eine Katastrophe passiert, lässt uns immer wieder alles kontrollieren, zwanghaft. Wir schauen
am Morgen so oft nach, ob der Herd ausgeschaltet ist, alle Fenster zu sind und die Türe verschlossen ist, dass wir zu spät zur Arbeit kommen. Dort werden wir nie rechtzeitig mit unserer Arbeit fertig, weil wir auch alles unzählige Male überprüfen und kontrollieren müssen. Oder alles perfekt machen wollen, aus Angst, dass wir sonst Probleme mit dem Chef bekommen, bei der nächsten Beförderung übergangen werden oder sogar unseren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Dabei sind wir mit unserem zwanghaften Verhalten auf dem besten Weg, dass genau das passieren könnte. Paradox, oder ? Wir geraten zwangsläufig in einen Teufelskreis aus Angst
und Zwangshandlungen.

Ordnungszwang als Beziehungskiller

Die Angst vor Schmutz, Bakterien, Ansteckung, Krankheiten und auch die Angst, dass uns andere für schmutzig oder unordentlich halten, zwingt uns in Waschzwänge, Keimphobien
und Ordnungszwänge. Übertriebene Ordnungsliebe ist die Nummer Eins unter den Beziehungskillern. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Mutter ist zwanghaft ordentlich…
Mein Vater hat sich zwar nicht scheiden lassen, aber der Putz- und Ordnungsfimmel
meiner Mutter ist ihm und auch mir unser ganzes Leben auf die Nerven gegangen und
vielleicht einer der Gründe, warum ich schon als Kind Zwangsstörungen entwickelt habe.

Bloß nichts Wichtiges wegwerfen oder vergessen!

Die Angst, dass wir etwas Wichtiges vergessen könnten und dann etwas Schlimmes
passiert, lässt uns immer wieder alles aufschreiben. Wir führen endlose To-Do-Listen
oder dokumentieren jede Kleinigkeit, egal wie unbedeutend sie ist. Anstatt etwas einfach anzupacken und zu machen, schreiben wir ständig alles auf. Im Arbeitsleben kann das
fatale Folgen haben. Ich spreche aus Erfahrung.

Die Angst, dass wir etwas wegwerfen könnten, was wir irgendwann noch brauchen,
lässt unsere Schränke und Schubladen überquellen. Wenn wir dann etwas suchen,
können wir es in dem Chaos an unnützem Zeug oft nicht finden. Es sei denn, wir
leiden an einem Ordnungszwang oder dokumentieren haargenau, wo wir alles
verstaut haben. Schon wieder so eine paradoxe Situation…

Egal, ob wir nun Ordnung in unser Chaos bringen oder in einer Messie-Wohnung leben:
Wir wollen niemanden mehr in unsere Wohnung lassen, aus Angst, dass die anderen unser zwanghaftes Chaos entdecken – oder unsere zwanghafte Ordnung durcheinander bringen
und gar nicht merken, welches Chaos sie in uns dabei auslösen.

Habe ich gerade jemanden überfahren?

Manche Menschen haben ständig Angst, jemanden überfahren zu haben. Auch wenn sie das vermeintliche Opfer im Rückspiegel noch unversehrt über die Straße gehen sehen und ihre Beifahrer ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist, leiden sie immer noch an der Vorstellung, gerade einen Menschen überfahren zu haben. Oft Stunden lang oder sogar Tage lang. Schlimm, wenn solchen Menschen auch noch an einer Keimphobie leiden und Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln haben…

Therapie von Ängsten und Zwangsstörungen

Die Liste an Angst-bedingten Zwangsstörungen ließe sich noch lange fortsetzen. Natürlich ist Angst nicht die einzige Ursache für eine Zwangsstörung. Aber Angst spielt immer eine große Rolle, oft die Hauptrolle. Einige Patientinnen in meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen waren vorher in der Angst-Gruppe und wurden in die Zwangsgruppe versetzt, als Ärzte und Therapeutinnen erkannten, dass ihre Zwangsstörung das Hauptproblem ist.

Nicht umsonst ist eines der Hauptinstrumente bei der Behandlung von Zwangsstörungen
die sog. Befürchtungskette: Hier stellst du dir vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn du deine Zwangshandlungen nicht mehr ausübst. Dann stellst du dich deinen Ängsten – in der Exposition.

Der einzige Weg raus aus dem Zwang ist: Raus aus der Angst.

Gedankenkarrussell statt Ruhe

Gehörst du auch zu den Leuten, die immer eine Beschäftigung brauchen?
Wenn ja: Was passiert, wenn du mal nichts zu tun hast? Oder nichts tun kannst?
Fühlst du dich unnütz? Wirst du unruhig? Kommst du ins Grübeln? Warum?

Was ist falsch daran, dir eine Pause zu gönnen, zu entschleunigen, Zeit für dich zu nehmen,
die Seele baumeln zu lassen, einfach mal zu entspannen und den Alltag hinter dir zu lassen?
In der Therapie nennt man das „Selbstfürsorge.“ Und die ist ganz wichtig.

Aber warum fällt es uns so schwer, einfach mal nichts zu tun?
Woher kommt diese innere Unruhe, dieses ungute Gefühl? Dieses ständige Getrieben-Sein?

„Müßiggang ist aller Laster Anfang“

Vielleicht aus der Kindheit?  „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt mein Mutter immer.
Das lerne ich schon als kleines Kind. Meine Mutter kann nie still sitzen, hat immer etwas
zu tun, wird nie müde, zu putzen und Ordnung zu schaffen, obwohl bereits alles sauber und
ordentlich ist. Freizeit? Fehlanzeige! Mütter, die zum Sport gehen oder sich mit Freundinnen
treffen: Ganz schlimm! Haben die denn zu Hause nichts zu tun?
Nun ist meine Mutter fast 90 und leidet darunter, dass sie nicht mehr so viel Energie hat wie früher. Die Hausarbeit fällt ihr immer schwerer, sie muss zwangsläufig Pausen machen und weiß dann nichts mit sich anzufangen, weil sie nie gelernt hat, einfach mal nichts zu tun und das Leben zu genießen. Denn: Nichts tun = Müßiggang = böse, schlimm, der Anfang vom Ende.

Nichts tun will gelernt sein

Mit gutem Gewissen „nichts tun“ will gelernt sein. Das kann nicht jeder.
Ich fühle mich auch nicht wohl, wenn ich längere Zeit gar nichts mache. Im Urlaub nur faul
am Strand liegen oder am Wochenende nur auf der Couch sitzen, wäre mir viel zu langweilig.
Vor kurzem habe ich frei und will den Tag „sinnvoll“ nutzen. Leider habe ich einen gewaltigen Durchhänger und gebe nach einem kurzen und etwas frustrierten Beitrag für meinen Blog
meine Pläne für einen erfüllten Tag auf.

Natürlich ärgert es mich, dass ich an meinem freien Tag nichts Gescheites auf die Reihe kriege. Aber jeder hat mal einen schlechten Tag und vielleicht brauche ich einfach eine Pause. Die letzten Wochen waren doch etwas anstregend. Ich muss wirklich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein paar Stunden nur Musik höre, E-Mails lese oder einfach aus dem Fenster schaue und „nichts“ tue. Das nennt sich Selbstfürsorge und ist ganz wichtig. Das haben wir in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen gelernt und meine ambulante Therapeutin mahnt mich auch immer wieder, rechtzeitig Pausen zu machen und nicht erst, wenn ich mit meiner Energie am Ende bin.

Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen

Also akzeptiere ich, dass ich heute nicht so aktiv bin wie ich gehofft habe und genieße meinen freien Tag. Draußen ist es noch ein wenig frisch. Also bleibe ich erst mal drin. Und habe ständig die ganze Arbeit vor der Nase, die ich eigentlich zu erledigen hätte. Und auf die ich heute so überhaupt keine Lust habe.

Aber warum nur? Warum sitze ich jetzt dumm rum und schaffe nichts?
Okay: Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen.
Aber waren die letzten Tage und Wochen wirklich so anstrengend ?
Und was soll ich dann heute den ganzen Tag machen?
Wann soll ich den ganzen Kram erledigen, den ich schon seit Wochen vor mir herschiebe?
Wo doch in den nächsten Wochen noch so viel ansteht: Arzttermine, Familiengeburtstage,
meine Schulfreundin will mal wieder vorbei kommen in den Herbstferien, für meinen alten
Freund aus dem Studium würde ich mir auch gerne wieder Zeit nehmen, der hat es gerade
nicht leicht mit seinen Eltern, meine Schwiegermutter baut auch ziemlich ab, da sollten
wir auf jeden Fall auch bald mal wieder vorbei schauen…

STOP !!! Halte das Gedankenkarrussell an!

Kaum sitze ich eine halbe Stunde auf der Couch, schon gehen mir wieder die unmöglichsten Dinge durch den Kopf, mit denen ich mir meinen freien Tag eigentlich auch nicht verderben wollte. GrübelBetty live…

Aber so ist das halt nun mal: Kaum sind wir aus unserer Tretmühle raus, kommt das Gedanken-Karussell im Kopf in Schwung und lässt sich nicht mehr anhalten.

Also suchen wir uns so schnell wie möglich wieder eine Beschäftigung, die uns von unseren Grübeleien ablenkt. Im Extremfall entwickeln wir eine Zwangsstörung.

Aber es gibt einen Weg raus aus dem Zwang und raus aus stopden Grübeleien:
Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe ein schwere Zwangsstörung überwunden
und gelernt, rechtzeitig STOP! zu sagen und mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge für einen positiven Ausgleich zu sorgen. Mit etwas Übung geht es immer besser. Wenn ich fleißig weiter übe, brauche vielleicht sogar einen neuen Spitznamen 🙂

Bloß nichts sagen !

Als ich den Beitrag „Nicht so bescheiden!“ schreibe, fängt mein Mann an, unser Arbeitszimmer aufzuräumen. Er entsorgt endlich die ganzen Kartons, die schon seit einer halben Ewigkeit auf
dem Schrank liegen.

Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten: Sagen, dass mich die Rumkramerei stört und riskieren,
dass mein Mann sauer wird und sagt, dass ich meinen Kram dann eben selber machen soll
oder dass ich doch auch will, dass die alten Kartons endlich weg kommen.
Er beruhigt sich normalerweise wieder ziemlich schnell und ist auch nicht nachtragend.
Ich hätte dann meine Ruhe und wir würden die Kartons später entsorgen, vielleicht sogar gemeinsam.

Ich überlege dreimal, ob ich etwas sagen soll. So oft kommt mein eifriger Gefährte rein und
schafft Ordnung in unserem leicht chaotischen Reich. Dann bringt er den ganzen Krempel weg.

Warum sage ich nichts ?

Es herrscht wieder Ruhe. Abgesehen vom Lärm der Baustelle nebenan, gegen den ich eh
nichts machen kann. Gegen die Störung im Arbeitszimmer hätte ich etwas machen können.
Eine freundliche Frage hätte genügt: „Könntest du das bitte später machen? Ich schreibe
gerade einen Beitrag für meinen Blog und das Rumräumen stört mich ein wenig. Ich kann
mich nicht mehr richtig konzentrieren.“

Wenn eine pampige Antwort gekommen wäre, hätte ich gewusst, dass das nicht böse gemeint
ist und keine Folgen hätte. Eine Stunde später hätte ich sicher einen zufriedenen Menschen vorgefunden, der gerade mit etwas anderem beschäftigt ist.

Trotzdem sage ich nichts und ärgere mich. Aus zwei Gründen:
Erstens, weil ich nicht ungestört arbeiten kann.
Aber am meisten, weil ich nichts sage. Obwohl ich weiß, dass das keine ernsthaften
Konsequenzen hätte. Die Befürchtungskette wäre hier sehr kurz und alles andere als furchteinflößend.

Aber ich atme nur ein paar Mal tief durch und sage mal wieder nichts.
Mein Beitrag wird trotzdem fertig und der häusliche Frieden bleibt auch gewahrt.

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Meine Mutter hatte eine extrem schwere Kindheit, weil ihre Mutter ihren tyrannischen
Ehemann nie in die Schranken gewiesen hat. Dazu war sie einfach zu gutmütig. Immer
wenn ich zu meiner Mutter gesagt habe, meine Oma  hätte sich nicht alles gefallen lassen
sollen, hat sie geantwortet: „Dann hätte es Streit gegeben.“
Meine Schwiegereltern haben auch selten gestritten, weil sich auch meine Schwiegermutter
alles gefallen lassen hat.

Das tue ich nicht. Natürlich stecke ich immer wieder zurück. Aber das tut mein Mann auch.
Wir führen eine gleichberechtigte Beziehung auf Augenhöhe und zoffen uns auch mal. Streit
gehört dazu. Sonst zieht einer der Kürzeren und geht langfristig unter. Wie meine Oma und
meine Schwiegermutter.

Mein Vater hat viel Streit vermieden, indem er sich angepasst hat. Sehr zum Leidwesen
seiner Kinder, die dem autoritären mütterlichen Erziehnungsstil natürlich auch nichts entgegensetzen konnten. Natürlich haben wir als Kinder auch nicht viel zu melden und
dürfen auch keine Gefühle wie Wut zeigen. Ich als Mädchen sowieso nicht. Das hat mich
sehr stark geprägt. Ich bin ziemlich konfliktscheu.

„Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage“
Besser als ein Drama auslösen, wenn ich was Falsches sage… Das ist einer meiner Standardsprüche.

Kommt dir das bekannt vor? Lieber nichts sagen als sich unbeliebt machen?
Alles runter schlucken, sich alles gefallen lassen. Oder zumindest ziemlich viel?
Nur damit es keinen Stress gibt?

Hast du vielleicht deswegen eine Zwangsstörung entwickelt? Vielleicht nicht nur deswegen,
aber wahrscheinlich ist es zumindest einer der Auslöser. Bei mir war es vielleicht sogar der Hauptgrund. Ich habe auch in der Arbeit nie gesagt, dass es mich gestört hat, wenn mein
Chef oder meine Kollegen endlos lange Besprechungen in unserem Büro geführt haben
anstatt in ihr eigenes zu gehen. Mein Chef hat sogar eine Besprechungsecke im Büro.
Warum muss er dann immer mich von der Arbeit abhalten, wenn er was von meinem
Kollegen braucht? Aber dann wäre ich sofort wieder als „empfindlich“ abgestempelt
worden. „Typisch Frau halt…“

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold ?

Also halte ich die Klappe, schlucke meinen Ärger runter und schreibe mir alles von der Seele.
So lange, bis das Schreiben zwanghaft wird. Als mein Schreibzwang endlich entdeckt wird,
spreche ich die ganze Problematik an: In Beisein meines neuen Chefs, des Personalrats-vorsitzenden und der Personalchefin. Jetzt habe ich ein Einzelbüro und kann in Ruhe arbeiten.

Natürlich vertröste ich meinen Kollegen nicht auf den nächsten Tag, als er um 11:30 Uhr
endlich die Zeit für die Besprechung findet, um die ich ihn schon um 8 Uhr gebeten habe.
Da ist er gerade mit einem anderen Kollegen schwer beschäftigt mit den Haushaltszahlen.
Das ist natürlich wichtiger als die Umstellung eines einzelnen Berechnungsblatts. Und ich
bin froh, dass er überhaupt noch vorbei kommt, auch wenn ich eigentlich gerade gehen
wollte. Aber so kann ich am nächsten Tag sofort los legen und muss nicht wieder warten,
bis mein Kollege endlich Zeit hat.

Auch Grenzen setzen hat Grenzen

Manchmal ist es tatsächlich sinnvoller, ein wenig zurückzustecken. Oder einen besseren
Zeitpunkt abzuwarten, wenn es gerade gar nicht passt. Den richtigen Zeitpunkt gibt es
oft nicht. Und so bleibt vieles ungesagt und man gewöhnt sich daran, seine eigenen
Bedürfnisse immer hintenan zu stellen. Solange bis es nicht mehr geht.
Aufopferung statt Selbstfürsorge. Die lernt man dann in der Therapie…

Ich gebe es zu: Das mit dem Grenzen setzen habe ich immer noch nicht richtig drauf.
Daran muss ich noch arbeiten. Aber ich bin sicher, dass meine Therapeutin mir weiter
helfen kann, wenn sie aus dem Urlaub zurück ist. Wenn etwas ist, kann ich jederzeit
anrufen, hat sie bei unserem letzten Termin gesagt. Das werde ich sicher nicht machen.
Urlaub ist Urlaub. Diese Grenze werde ich nicht verletzten 🙂

Exposition in der Psychotherapie – Stelle dich deinen Zwängen

Es gibt noch eine Steigerung zur Befürchtungskette: Die Exposition, kurz Expo.
Hier begibst du dich bewusst in Situationen, die du normalerweise vermeiden möchtest
und versuchst, keine Zwänge auszuüben. Am Anfang ist eine Therapeutin dabei, meistens
musst du da aber allein durch.
Am Ende sollst du noch eine Viertelstunde für Selbstfürsorge reservieren, sprich:
Du sollst dir zur Belohnung etwas Gutes gönnen, z. B. Musik hören, einen Tee trinken,
ein wenig spazieren. Alles, was dir gut tut und entspannt.
Anschließend werden die Erfahrungen in der Gruppe besprochen.
Da ist grundsätzlich eine Therapeutin dabei. Und das ist auch gut so.

Skulptur_SitzendNachdem ich keine klassische Zwangsstörung habe, verbringe ich die
Expo-Zeit meistens mit Befürchtungsketten – oder wie ich es nenne –
mit „therapeutischem Grübeln“. Eigentlich möchte ich weniger grübeln
und mir weniger Sorgen um meine Zukunft machen.
Jetzt muss ich mir ständig die schlimmsten Szenarien vorstellen…
Dann auch noch aufschreiben, was mir so durch den Kopf geht.
Ich muss also meine Befürchtungsketten dokumentieren.
Obwohl ich wegen eines Dokumentierzwangs in Behandlung bin
und Jahre lang zwanghaft alles aufschreiben musste.
Irgendwie paradox. Aber es geht nicht anders. Und es hilft. Irre.

Klassische Beispiele für Expositionen in der Zwangstherapie

Und es ist bei weitem nicht so schlimm wie das, was meine Mitpatientinnen und Mitpatienten
in der Expo-Zeit über sich ergehen lassen müssen. Bei mir spielen sich die potentiellen Dramen
nur im Kopf ab. Die anderen müssen sich ihren schlimmsten Ängsten in der realen Welt stellen:
So wie jemand mit Höhenangst auf eine hohe Brücke oder einen hohen Turm steigen und dann ganz tapfer runter schauen muss.

Eine junge Patientin mit Kontrollzwang darf am Morgen nichts kontrollieren, bevor sie aus dem Haus geht und muss mit der Vorstellung fertig werden, dass der Herd noch eingeschaltet ist und das ganze Haus abbrennt mit allem, was sie hat incl. ihrem geliebten Haustier.

Toilette

Einige Patienten und Patientinnen mit einer Schmutzphobie müssen
in einer Toilette in der U-Bahn-Station alles anfassen und dürfen sich
erst vor dem Mittagessen wieder die Hände waschen – also nach 1,5 Stunden.
(Das Foto ist nicht an der U-Bahnstation bei der Klinik aufgenommen).

Mehrere Patientinnen und Patienten, die wegen ihrer Schmutzphobie öffentliche Verkehrsmittel meiden, müssen mit einer Therapeutin in die U-Bahn steigen und an alle möglichen Stellen hin fassen, wo es besonders dreckig ist. Und sich natürlich auch hinsetzen – egal, wie schmutzig die Sitze sein könnten. Natürlich dürfen auch sie sich erst vor dem Essen die Hände waschen.
Und umziehen geht natürlich gar nicht. Zu Hause würden sie sofort die getragene Kleidung
in die Waschmaschine werfen. Jetzt müssen sie die schmutzige Hose den ganzen Tag anbehalten.
Sie halten es aus – auch wenn es ihnen am Anfang schwer fällt. Aber mit der Zeit wird es
leichter und irgendwann kommen die meisten ganz gut klar.

Eine Patientin mit Ordnungs- und Putzzwang muss in ihrer Wohnung und in ihren Taschen bewusst Unordnung schaffen und darf Tage lang nicht aufräumen. Nach ein paar Wochen
gelingt ihr das sehr gut.

Der Patient neben mir, der ebenfalls unter einem Ordnungs- und Putzzwang leidet und ständig befürchtet, dass seine Sachen kaputt gehen könnten, muss seine Jacke achtlos über einen Stuhl neben der Tür werfen, der zu allem Überfluss direkt neben dem Mülleimer steht.

Gift-Warnschild

Eine junge Patientin, die unter der ständigen Angst leidet, sich mit etwas
zu vergiften, muss einen Cappuccino aus der Tankstelle neben einer Eibe trinken und dann die Vorstellung ertragen, dass irgendwas mit dem Tankstellen-Kaffee nicht in Ordnung gewesen sein könnte und sie sich
an der Eibe vergiftet hat. Dass Eiben giftig sind, wusste bisher keiner.
Die meisten wussten nicht einmal, wie eine Eibe aussieht geschweige
denn, dass eine direkt neben der U-Bahn-Station steht.
Die Patientin wird von ihrem Mann mit dem Auto in die Klinik gebracht und wieder abgeholt,
weil sie sich weder öffentliche Verkehrsmittel benutzen noch selbst Auto fahren traut.
Am Ende der Therapie kommt die junge Frau selbst mit dem Auto oder mit der U-Bahn
und sie traut sich auch alles essen und trinken – sogar neben der giftigen Eibe.

DepressivIch muss wohl nicht schildern, welche Dramen sich nach den Expos
in unserem Gruppenraum abspielen. Da kommen mir meine Zukunftsängste plötzlich klein und nichtig vor.
Ich sitze wie fest gewurzelt auf meinem Stuhl und höre mir fassungslos
all die Ängste an, die diese netten Leute um mich herum durchstehen.
Ich halte die Luft an. Ich höre unbewusst auf zu atmen.
Mein Hals wird immer enger.
Am liebsten würde ich weinen. Aber ich kann nicht. Ich bin in neun Wochen die einzige,
die nie weint. Oft weinen nicht (nur) diejenigen, die gerade über ihre schlimmsten
Befürchtungen reden, sondern auch andere. Männer und Frauen gleichermaßen.
Alle außer mir.

Ich höre nur zu und weiß, dass ich jetzt nichts sagen darf. Den anderen nicht gut zureden darf.
Bei der Expo darf man keine Beruhiger einsetzen. Da muss man einfach durch.
Die Betroffenen und die anderen in der Gruppe, die genauso betroffen sind von all dem Elend,
das sie hier zu hören bekommen. Die die Sorgen und Nöte mit ihren MitpatientInnen teilen,
die schon lange zu Freunden geworden sind.

Gruppentherapie ist hart. Aber sie hilft.

Befürchtungskette

„Therapeutisches Grübeln“: Die Befürchtungskette

Befürchtungskette – fürchterliches Wort. Und es ist tatsächlich so schlimm, wie es sich anhört.
Wenn sich der Zwang meldet, sollen wir keine Zwangshandlung ausführen, sondern in die „Befürchtungskette“ gehen. Sprich: Wir sollen uns vorstellen, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn wir die Zwangshandlung jetzt nicht ausführen. Und zwar bis zum bitteren Ende.

Hier eine klassische Befürchtungskette bei Kontrollzwang:

Brennendes Haus

Ich habe am Morgen den Herd nicht ausgeschaltet und bin den ganzen Tag nicht zu Hause. Der Herd löst einen Zimmerbrand aus. Meine ganze Wohnung brennt aus und ich verliere alles, was ich habe. Mein geliebtes Haustier geht elendig zu Grunde. Das ganze Haus brennt ab. Meine Nachbarn verlieren auch alles, was sie haben. Das Baby der Frau im ersten Stock stirbt bei dem Brand. Meine gehbehinderte Nachbarin kommt auch nicht mehr raus und stirbt auch. Das ganze Haus brennt ab, Menschen sterben und ich bin an allem schuld, weil ich den Herd angelassen habe.
Ich komme ins Gefängnis. Ich verliere meinen Arbeitsplatz. Ich habe keine Freunde mehr.
Keiner will mehr etwas mit mir zu tun haben. Ich stehe völlig allein da – ohne alles, ohne Freunde. Und ich bin schuld, dass auch meine Nachbarn alles verloren haben. Ich bin ein fürchterlicher Mensch.

Hier eine klassische Reaktion eines hilfsbereiten Menschen mit „Normalverhalten:“

Ganz ruhig ! Du hast einen Induktionsherd. Da kann gar nichts durchbrennen !
Und außerdem: Hast du den Herd am Morgen überhaupt eingeschaltet ?
Du frühstückst doch immer Tee und ein Müsli.

Hier die klassische Reaktion auf die hilfsbereite Reaktion des unwissenden Neulings in der Gruppentherapie:

„Du darfst jetzt nichts sagen ! Bei der Befürchtungskette darf man keine Beruhiger einsetzen !“
Die Therapeutin stimmt zu. Mein Engagement ehrt mich. Aber bei der Befürchtungkette darf
ich niemandem helfen. Da muss man durch. Das gehört zur Therapie.

DAS soll Therapie sein ?

Ich bin fertig. DAS soll THERAPIE sein ? Für mich ist das „Tierquälerei“. Das sage ich immer,
wenn mir die Worte fehlen oder ich einfach nicht aussprechen kann oder will, was man einem Menschen antut. Das richtige Wort wäre hier wohl „Psychoterror“.

Aber wir sind in einer psychosomatischen Tagesklinik, die einen sehr guten Ruf genießt,
speziell bei der Behandlung von Zwangsstörungen. Die wissen sicher, was sie tun.

Langsam befürchte ich, dass mein Mann Recht haben könnte. Dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden könnten: Dass mich die Therapie noch fertiger macht als
ich schon bin. Weil ich eigentlich keine klassische Zwangsstörung habe und jetzt mit
Problemen und Ängsten konfrontiert werde, die ich mir bisher gar nicht vorstellen konnte.

Kein Wunder, dass Zwang die heimliche Krankheit ist. Ich habe auch keinem gesagt,
dass ich alles aufschreiben muss, egal wie unwichtig es ist. Weil das keiner nachvollziehen
kann, der es selbst nicht tut.

Was passiert nun, wenn ich nichts mehr aufschreibe ?

Ich werde nervös, unruhig. Denke ständig an das, was ich aufschreiben möchte,
dass ich schreiben möchte. Oder es aufschreiben muss.
Und wenn ich es tatsächlich nicht aufschreibe ? Was passiert dann im schlimmsten Fall ?
Schlimmstenfalls vergesse ich es.
Und dann ?
Eigentlich ist es meistens egal. Ich lese den Mist hinterher sowieso nicht mehr.
Und wenn es was Wichtiges war, fällt es mir vermutlich auch wieder ein.
Und wenn es mir nicht mehr einfällt ? Was passiert dann ?
Keine Ahnung. Kommt drauf an, ob es wirklich wichtig war. Aber ich bin ziemlich sicher,
dass es keinem anderen so sehr schadet oder dass es so weit kommt, dass keiner mehr mit
mir redet. Bei mir ist das Problem eher umgekehrt: Einige Leuten reden vielleicht nicht mehr
mit mir, WEIL ich alles aufgeschrieben habe. Und gegen sie verwenden könnte, allem voran
mein Chef und meine Kollegen.

Damit steht meine Befürchtungskette fest:

Ich soll mir vorstellen, wie es ist, wenn ich wieder in die Arbeit zurück kehre. Wie es mir dann geht. In meinem ungeliebten Beruf, der mir schon über 20 Jahre das Leben schwer macht. Mit ausschließlich männlichen Kollegen, die vorher schon vieles nicht verstanden haben. Und jetzt vielleicht Dinge über mich wissen, die sie nie hätten erfahren sollen. Nicht nur von meiner Zwangsstörung, sondern vielleicht auch sehr persönliche Dinge, die ich aufgeschrieben habe. Natürlich dürfen die das nicht lesen – nicht ohne Zustimmung der Personalstelle und des Personalrats. Und der will definitiv NICHT zustimmen, nicht nur, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch Personalratsmitglied bin. Wollen die Leute vom Personalrat dann eigentlich noch was mit
mir zu tun haben ? Die müssen – wohl oder übel. Von Amts wegen. Dafür sind sie gewählt worden. Aber wollen die mir dann noch helfen ? Oder stehe ich am Ende so da wie die Frau mit Kontrollzwang, die sich vorstellt, dass ihre kleine Katze verbrennt und sie und ihr Freund und ihre Nachbarn alles verlieren und keiner mehr mit ihr redet, weil sie an allem Schuld ist…

„Therapeutisches Grübeln“ im „Unruhe-Raum“

Skulptur_SitzendDie Befürchtungskette ist wirklich so schlimm wie es sich anhört.
Oder sogar noch schlimmer.
Um dem ganzen ein wenig seinen Schrecken zu nehmen,
taufe ich dieses bewährte Instrument in der Zwangstherapie um
in „Therapeutisches Grübeln“. Dann gehe ich in den Ruheraum,
den ich ab jetzt „Unruheraum“ nenne, lege mich auf eine der Liegen
beim Fenster, schließe die Augen und stelle mir meine Rückkehr an
den Arbeitsplatz vor – mit allen Konsequenzen für meine Gesundheit
und mein seelisches Befinden.
Am Ende lande ich wieder in der psychosomatischen Tagesklinik.
Vielleicht nicht in der Zwangsgruppe, sondern in einer der Depressions-Gruppen, vermutlich bei Depression und Angststörungen.

Die Therapiegruppe hilft

Aber damit könnte ich leben. Die Gruppentherapie jagt mir keine Angst mehr ein.
Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. So hart es ist, sich seinen Ängsten
und Dämonen zu stellen: In der Therapie ist man mit seinen Problemen nicht allein. Nach einer Stunde treffe ich wieder auf meine Therapiegruppe und kann über alles reden, auch über meine schlimmsten Befürchtungen, die mein Chef und meine Kollegen nie nachvollziehen könnten.
Und meine Mitpatientinnen und Mitpatienten reden über ihre schlimmsten Befürchtungen und irrationalen Ängste, die jemandem ohne Kontrollzwang, Waschzwang oder Schmutzphobie so bizarr erscheinen, dass es auch mir oft schwer fällt, das eine oder andere nachzuvollziehen.
Aber ich höre aufmerksam zu, stehe ab und zu auf, um jemandem die Schachtel mit den Tissue-Tüchern zu reichen, um sich die Tränen zu trocknen und fühle mich unheimlich verbunden mit diesen freundlichen und sympathischen Menschen, die scheinbar noch viel größere Probleme
haben wie ich.

Skulptur_Gemeinsschaft02Und nach der Stunde darf ich auch wieder beruhigen, aufmuntern,
helfen und trösten. Oder einen kleinen Scherz machen, um die Situation wieder ein wenig aufzulockern. Wenn mir nicht ein anderer zuvorkommt.

Denn so hart die Therapie ist: Man wird immer aufgefangen und kann sich bei jemandem ausweinen, der Verständnis zeigt. Und manchmal fließen die Tränen auch vom Lachen.

Weiter zum nächsten Schritt: Stelle dich deinen Zwängen – die Exposition

Das Zwangsmonster

Im unserem Therapieraum steht ein Bild vom „Zwangsmonster“. Echt furchteinflößend.
Einige meiner Mitpatientinnen finden es beängstigend. Ich finde es erst mal total cool.
Das Werk eines früherer Patienten oder eine früheren Patientin trifft den Kern der Sache:
Der Zwang ist wirklich ein Monster, das von uns Besitz ergreift und uns nicht mehr los lässt.
Es macht uns Angst und gaukelt uns die unmöglichsten Dinge vor:
Dass wir schmutzig sind. Dass unsere Wohnung total chaotisch ist, obwohl alles picobello ausschaut. Dass wir den Herd angelassen haben und das Haus abbrennen könnte, obwohl
wir den Herd heute noch gar nicht eingeschaltet haben. Dass wir einen Fußgänger überfahren haben, obwohl wir noch im Rückspiegel gesehen haben, wie er die Straße überquert hat –
gesund und munter.

Habe ich gerade jemanden überfahren ?

Gesund und munter sind wir schon lange nicht mehr.
Denn das Zwangsmonster flößt uns unheimlich Angst ein.
Irrationale Ängste. So zwingt es uns zu verrückten Handlungen:
Wie ständigem Händewaschen oder Stunden langem Putzen und Aufräumen.
Oder wir müssen immer wieder kontrollieren, ob der Herd aus ist.
Oder beim Autofahren umdrehen und schauen, ob da wirklich kein Fußgänger auf der Straße liegt, den wir überfahren haben. Manchmal müssen wir sogar die Polizei anrufen, damit wir auch ganz sicher sein können, dass wir den Fußgänger vorher tatsächlich nicht überfahren haben. Auch wenn wir ihn noch im Rückspiegel gesehen haben. Quicklebendig. Und unsere Beifahrer uns schon zehnmal versichert haben, dass nichts passiert ist. Das hätten wir doch gemerkt, wenn wir jemanden angefahren hätten !
Eigentlich schon. Aber wir können es trotzdem nicht glauben.
Weil das Zwangsmonster auch an Bord ist und uns einredet, dass wir den anderen nicht trauen können. Und uns selbst schon gar nicht. Und unbedingt umdrehen und nachschauen müssen,
ob wir nicht gerade jemanden angefahren haben, der dringend Hilfe benötigt. Sonst begehen
wir am Ende noch Fahrerflucht. Oder der arme Kerl, den wir gerade angefahren haben, kommt nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus und stirbt am Ende noch. Nur weil wir nicht aufgepasst haben und nicht umgedreht sind, um noch mal zu kontrollieren, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Das Haus könnte abbrennen und ich und meine Nachbarn könnten alles verlieren

Apropos kontrollieren: Haben wir am Morgen eigentlich kontrolliert, ob der Herd aus ist ?
Wir haben ihn zwar gar nicht eingeschaltet, weil wir zum Frühstück außer Kaffee nichts kochen. Was ist, wenn wir die Kaffeemaschine nicht ausgeschaltet haben ? Da könnte doch die Warmhalteplatte durchbrennen. Und einen Kurzschluss auslösen oder einen Zimmerbrand.
Dann könnte das ganze Haus abbrennen und unser Haustier qualfall zu Tode kommen.
Und vielleicht auch noch die alte Frau, die im Stockwerk über uns wohnt und nicht mehr
so gut zu Fuß ist. Oder das Baby unserer Nachbarin.
Dann haben wir alles verloren: Unsere Wohnung und unser gesamtes Hab und Gut.
Und kein Mensch redet mehr mit uns, weil wir schuld daran sind, dass das Haus abgebrannt ist. Weil wir nicht mehr kontrolliert haben, ob wir den Herd angelassen haben. Und ins Gefängnis kommen wir vielleicht auch noch. Weil wir ja schuld an dieser Katastrophe sind, bei der wir und unsere Nachbarn alles verloren haben. Und einige vielleicht sogar ihr Leben…
Nur weil wir die Kaffeemaschine und den Herd nicht kontrolliert haben…

Alles kontrollieren ist ganz normal …

Alles kontrollieren, bevor man das Haus verlässt, ist für meine MitpatientInnen ganz normal.
Natürlich wissen sie alle, dass das nicht normal ist. Sonst wären sie jetzt nicht hier.
Aber sie können einfach nicht anders.
Und sie beineiden mich, dass ich so zwanglos mit den Gefahren des Alltags umgehe, die auf uns lauern. Immer und überall. Genau wie das Zwangsmonster, das uns dauernd Angst vor diesen Gefahren macht und uns diese total abwegigen und irrationalen Gedanken einredet und dazu bringt, ständig diese nervigen Zwangshandlungen auszuführen.

Habe ich einem anderen absichtlich weh getan ? So wie man mir weh getan hat ?

Andere glauben oft, dass sie einer andereren Person absichtlich ein Leid zugefügt haben.
Zum Beispiel einem Kind Gift in die Limonade gemischt. Oder es unsittlich berührt.
Vielleicht so wie sie in der Kindheit von Freunden der Familie berührt wurden…
Obwohl sie das nie machen würden.
Aber diese Patientiennen und Patienten übertragen die furchtbaren Dinge, die ihnen angetan wurden, auf sich selbst und glauben, dass sie diese schrecklichen Dinge anderen antun könnten.
Nicht nur Kindern, sondern auch wildfremden Leuten auf der Straße. Oder vielleicht sogar ihren Mitpatienten…

Das Zwangsmonster existiert tatsächlich

Plötzlich kann ich verstehen, warum einige meiner Mitpatientinnen das Bild mit dem Zwangsmonster gar nicht anschauen wollen. Weil sie es kennen gelernt haben. Schon als Kind.
Plötzlich finde ich das Zwangsmonster auch nicht mehr so cool.
Sondern beängstigend. Vor allem, weil es wirklich existiert.
In den Köpfen der netten Männer und Frauen um mich herum und den vielen anderen Menschen, die an einer Zwangserkrankung leiden.

Langsam verstehe ich auch, warum so viele Betroffene nicht über ihre Zwangsproblematik

sprechen können. Ich habe ja auch keinem gesagt, was mit mir los ist. Und es weiß auch nicht jeder, dass auch ich sexuellen Übergriffen ausgesetzt war. Allerdings war ich da „schon“ 19 und später schon Ende 20, als ich ein paar Jahre mit unserem „Grabscher vom Dienst“ zusammen arbeiten. Ziemlich eng sogar. Was er natürlich auch ganz anders verstanden hat…

Nicht nur der Zwang ist ein Monster, das uns einfach packt und zu Dingen zwingt, die wir nicht machen wollen.
Sondern auch der liebe Onkel oder der nette Nachbar von nebenan oder ein Freund der Familie, der das Vertrauen eines unschuldigen Kindes missbraucht und genau weiß, dass das Kind nichts sagen wird. Weil es nicht versteht, was da mit ihm passiert. Oder sich selbst die Schuld dafür gibt. Oder dass man ihr nicht glaubt. Am Ende behaupten die Eltern sogar noch, sie sei schuld gewesen an dem, was ihr als Kind passiert ist. Bei Erwachsenen ist sowieso immer die Frau Schuld. Sie hätte nicht mitten in der Nacht auf der Straße sein sollen.
Achtung liebe Krankenschwestern, Bedienungen, Zeitungszustellerinnen und andere Frauen
im Schichtdienst: Augen auf bei der Berufswahl ! Das Böse lauert immer und überall…

Wo der Zwang Regie führt, spielt die Vernunft keine Rolle mehr

Das Fatale am Zwangsmonster ist, dass es nicht zu fassen ist und uns nur zu Dingen zwingt,
die eigentlich ganz gut sind: Wie Händewaschen oder Putzen oder aufpassen, dass nichts kaputt geht und niemand zu Schaden kommt.
Solange wir das ganze in vernünftigem Umfang machen.
Nur hat die Vernunft keine Chance mehr, wenn das Zwangsmonster Regie führt.
Der Zwang ist stärker als die Vernunft. Es schaltet die Realität einfach aus und tracktiert uns mit völlig abwegigen Gedanken, die uns das Leben zur Hölle machen. So lange, bis wir nachgeben und die Zwangshandlungen ausführen, die uns Stunden unseres Lebens und jede Menge Nerven kosten.

Zwang ist eine Krankheit.„It’s not me. It’s my OCD“ (obsessive-compulsive disorder).
„Das bin nicht ich, sondern meine Zwangsstörung“.
So steht es in den Unterlagen, die wir in der Klinik bekommen haben.
Im Gruppenraum steht das Bild vom Zwangsmonster. Der Feind hat ein Gesicht bekommen.

Krankheit statt Störung

Ein Mensch mit Zwängen ist nicht „gestört“, sondern krank

Der Begriff „Zwangsstörung“ spricht Bände: Wer unter Zwängen leidet, ist gestört.
Kein Wunder, dass keiner seine Zwangsstörung zugeben will.
Stichwort „Heimliche Krankheit“ und so.
Deshalb werde ich ab sofort von „Zwangserkrankung“ sprechen.
Denn genau das sind Zwänge: Eine Krankheit.
Genau wie Krebs, Aids, Alkoholismus oder Depressionen.
Die kommen bei einer Zwangserkrankung meistens noch dazu. Zwangsläufig.
Und dann muss man vielleicht doch zum Arzt oder in Therapie gehen.
Das Problem ist nur, dass die Betroffenen auch hier häufig nichts über ihre
Zwangsstörung sagen.
Weil sie sich sogar vor den Leuten schämen, die ihnen helfen könnten.
Aus Angst, dass die sie für gestört halten. Was sie ja eigentlich auch sind. Oder ?

Der Teufelskreis aus Angst und Zwängen

Angst spielt überhaupt eine große Rolle beim Zwang. Oft sogar die Hauptrolle:
Die Angst, dass die Krankheit entdeckt wird und dich keiner versteht –
nicht einmal Ärzte und Therapeuten…
Oder dich alle für total verrückt erklären. Oder eben für „gestört“ halten.
Und nichts mehr mit dir zu tun  haben wollen.
Und dann verlierst du deinen Arbeitsplatz.
Und deine Freunde.
Oder vielleicht sogar deinen Partner…
Und was macht der „Zwängler“, um seine Angst in den Griff zu kriegen
und sich wieder zu beruhigen: Genau: Er führt Zwangsrituale aus !
Und damit schließt sich der Teufelskreis aus Angst und Zwängen.
Und die Zwangsstörung wird immer schlimmer.
Die Ängste und Depressionen auch immer mehr.
Nur das Selbstwertgefühl wird immer weniger.
Und der „Zwängler“ kommt sich immer blöder vor. Weil er total „gestört“ ist.

Deshalb noch mal: Zwang ist keine „Störung“, sondern eine schwere
psychische Erkrankung.
Ein Mensch mit Zwängen ist also nicht „gestört“, sondern krank.

Angst vor Schmutz und Bakterien

Dass mit meiner Kollegin etwas nicht stimmt, wird mir sofort klar, als ich hinter ihr am Waschbecken stehe. Nachdem sie sich die Hände gewaschen hat, macht sie den Wasserhahn
mit dem Ellbogen zu. Anschließend betätigt sie den Griff am Spender für die Papierhandtücher – ebenfalls mit den Ellbogen.
Bevor sie die Türklinke mit dem Ellbogen runter drückt, erklärt sie mir:
„Da hat man sich gerade die Hände gewaschen und schon greift man wieder überall hin,
wo die ganzen Bakterien drauf sind !“
Ich stimme halbherzig zu und mache den Wasserhahn auf: Mit der Hand.
Natürlich drücke ich auch den Hebel am Handtuchspender mit zwei Fingern runter und die Türklinke mache ich auch ganz normal auf: Also mit der rechten Hand, die ich mir gerade gewaschen habe und mit der ich gleich wieder die Türklinke zum Schulungsraum aufdrücken, anschließend mit der Tastatur meinen PC entsperren und dann die Maus anfassen werde –
nicht nur meine, sondern vielleicht auch die der Schulungsteilnehmerin, die mir gerade
signalisiert hat, dass sie eine Phobie vor Schmutz, Bakterien und anderen linken Bazillen hat.
Ich habe nur eine Phobie gegen Computer-Viren. Berufsbedingt. Ich arbeite in der IT.

Angst vor Computermäusen, Tastaturen und Unterlagen

Maus_mit_TaschentuchEin paar Wochen später kontrolliert eine andere
Kursteilnehmerin erst ganz genau ihren Stuhl,
bevor sie sich hinsetzt. Anschließend putzt sie
an der Tastatur rum. Dann legt sie ein frisches
Taschentuch über die Maus, bevor sie sie anfasst.
Okay: Im Schulungsraum sitzen alle möglichen
Leute an den PCs. Keiner weiß, wo die vorher
waren und was sie alles angefasst haben.
Oder ob sie sich nach der Toilette die Hände gewaschen haben.
Ich kann gleich mal alle beruhigen: Ich mache das immer. Mit Wasser und Seife.
Meistens trockne ich sie mir auch noch ab. Mit einem Papierhandtuch.
Eines reicht – der Umwelt zuliebe.
Wenn ich es mal eilig habe – oder einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz leisten will –
wische ich sie mir auch schon mal auf dem Rückweg ins Büro oder in den Schulungsraum
einfach an der Hose ab, die normalerweise nicht frisch gewaschen ist.
Selbst wenn sie das wäre, wären sicher schon wieder erste Verschmutzungen drauf von
der morgendlichen Fahrt mit dem Rad in die Arbeit. Oder vom Toner-Wechsel am Laserdrucker oder vielleicht auch von der Breze, von der mir in der Kaffeepause was drauf gefallen.
Das kann alles passieren.
Mir macht das nichts aus. Das ist doch ganz normal.

Meine beiden überbesorgten Kursteilnehmerinnen sehen das sicher anders:

Vielleicht haben sie auch ein Problem damit, meine selbst erstellten Schulungsunterlagen anzufassen, die ich kurz vorher ausgeteilt habe – und dabei offensichtlich keine sterilen Einweghandschuhe getragen habe. Wir sind ja hier nicht in einem OP, sondern in einem Schulungsraum.
Deshalb muss ich zwischendurch auch mal an den einen oder anderen Schulungs-PC ran,
wenn jemand ein größeres Problem hat, das ich mit Worten allein nicht lösen kann.
Man kennt das ja: Man kommt irgendwo drauf und schon ist alles durcheinander. Am PC.
Manchmal auch bei dem, der davor sitzt. Aber geht man man ja auf Schulung.
Normal kann man das ganz schnell wieder in Ordnung bringen. Man muss nur wissen,
wo man hinlangen muss.

Ein Problem gelöst – ein neues Problem ausgelöst

Und habe ich das PC-Problem gelöst.
Und bei meiner Schulungsteilnehmerin ein viel größeres Problem ausgelöst, das ich leider
nicht mit ein paar Mausklicks und ein paar erklärenden Worten aus der Welt bringe:
Ich habe ihre Tastatur und ihre Maus angefasst ! Mit der rechten Hand !
Also mit der Hand, mit der ich vorher auch den Bakterien-verseuchten Handtuchspender
und die Türklinke in der TOILETTE angefasst habe. Einfach SO !

Was geht in dem Opfer meines unvorsichtigen und verantwortungslosen Verhaltens vor ?

Bazillen01HILFE ! Die fasst meine Tastatur/Maus an …
Dabei hat die gerade alles Mögliche auf dem KLO angefasst !
Wo doch eh alle erkältet sind und rumhusten und rumschnupfen
und alle möglichen Bakterien und Viren verbreiten !
Hoffentlich setzt die sich jetzt nicht auf noch auf meinen Stuhl !
Wo die doch vorhin die Hände an der Hose abgewischt hat.
Da sind ihr vorhin in Cafeterria ein paar Brösel von ihrer Butterbreze
drauf gefallen. Die hat sie einfach mit den Fingern aufgehoben und
auf den Teller zurück gelegt. Wenigstens hat sie sie nicht auf den
Boden gewischt. Aber trotzdem …

Und wer weiß, was da sonst noch alles an dieser Hose dran hängt !
Die hatte sie gestern doch auch schon an ! Frisch gewaschen sieht die nicht aus.
Außerdem fährt die am Morgen immer mit dem Rad in die Arbeit.
Womöglich hat sie da auch noch Straßenschmutz dran.
Und jetzt hat die gerade mit ihrer dreckigen Hose mein Bein berührt !
Natürlich hat sie sich sofort entschuldigt. Aber das hilft mir jetzt auch nichts mehr !
Und wer weiß, was da alles an diesen Unterlagen dran ist !
Wenn die nie richtig aufpasst und ständig irgendwo dran kommt.
Aber der ist das scheinbar völlig egal, wenn sie sich
alles Mögliche einfängt. Und das gibt sie dann an ihre Schulungsteilnehmer weiter.
Kein Wunder, dass in der EDV-Stelle schon wieder zwei Leute krank sind !

Tastatur_Reinigung

Am liebsten würde ich jetzt sofort die Tastatur
und die Maus abputzen, wo die gerade mit ihren
dreckigen Fingern hin gelangt hat. Und eine andere
Hose anziehen. Aber das geht ja nicht ! Der Kurs
dauert noch eine ganze Stunde und die würde das
sicher merken, wenn ich jetzt mein Desinfektionsspray raus hole. Die anderen würden das sicher auch wieder nicht verstehen. Genau wie meine Kolleginnen, die immer die Augen verdrehen und dumm daherreden.
Nur weil ich meinen Arbeitsplatz richtig sauber halte.
Warum sind nur alle außer mir so schlampig ?
Und die da ist genauso schlampig.
Und SO eine darf SCHULUNGEN halten !!!!
Und überall hinfassen, wo dann die anderen auch wieder hinfassen müssen.
Und wir werden dann alle krank.

Was ist schon normal ? – Das nicht !

Das ist doch nicht normal, oder ?
Doch, ist es. Keine Ahnung, was bei einem Menschen wirklich „normal“ ist.
Die Keimphobie meiner beiden Schulungsteilnehmerinnen ist es nicht.
Die zwei sind echt nett, freundlich und höflich und alles.
Sie haben beide eifrig mitgearbeitet, keinen Ärger gemacht und ich konnte mich auch
in der Kaffeepause immer recht nett mit ihnen unterhalten.
Was sie von meinem unvorsichtigen Umgang mit Straßenschmutz, Brezenkrümeln und Türklinken halten und ob sie mich für sie eine wandelnde Bakterienschleuder halten, haben sie nicht gesagt.
Ich könnte es mir aber gut vorstellen, nachdem ich neun Wochen mit vielen anderen netten, freundlichen und liebenswerten Menschen verbracht habe, die unter ähnlichen Problemen
leiden und endlich ganz offen darüber sprechen konnten, was in ihnen vorgeht, ohne dass sie
für durchgeknallt erklärt wurden oder die anderen nichts mehr mit ihnen zu tun haben sollten.

Was denken die Kollegen ?

In der Arbeit ist das natürlich besonders schlimm. Wenn einem der Chef oder die Kollegen
plötzlich nicht mehr im Team haben wollen, weil man ein ganz spezielles Problem hat.
Deshalb ist es vielleicht besser, wenn meine beiden liebenswerten Kolleginnen nichts sagen.
Sie leisten gute Arbeit und werden auch von ihren Vorgesetzten geschätzt, weil sie immer
alles ganz korrekt erledigen. (Mir sind immer mal wieder Fehler unterlaufen, aber mein
Chef war recht zufrieden mit mir – bis er gemerkt hat, was mit mir los ist …)
Ihr Schreibtisch ist immer aufgeräumt. Da findet jeder sofort alles, auch wenn die Kollegin
gerade  mal nicht da ist.
Nicht wie bei mir, wo es meistens aussieht, als wäre gerade eine Bombe eingeschlagen.
Ich bin nicht besonders ordnungsliebend … (Das hat meinen Chef scheinbar nie gestört …)

Reden ist Silber – Schweigen ist Gold ?

Aber meine beiden Kursteilnehmerinnen würde es stören.
Bei ihren Kolleginnen stört es sie natürlich auch, dass die so furchtbar unordentlich sind.
Aber wehe man sagt was …
Dann kommt höchstens wieder so ein blöder Spruch wie: „Da sieht man wenigstens,
dass hier gearbeitet wird“.
Oder man hat man gleich das halbe Kollegium gegen sich, weil man angeblich einen „Ordnungsfimmel“ hat und mehr Zeit mit Schreibtisch-Aufräumen verbringen als
mit richtiger Arbeit …

Also sagen die beiden lieber nichts. Sondern ertragen stillschweigend und stoisch all
die schrecklichen Dinge, die um sie herum vorgehen. Tag für Tag und Jahr für Jahr.
Sie reißen sich zusammen und schlucken ihre Ängste und ihren Ärger runter,
anstatt einfach mal alles raus zu lassen und den Kolleginnen und Kollegen zu sagen,
wie sehr sie unter all den Gefahren leiden, die überall auf sie lauern und wie sehr
es sie nervt, dass alle außer ihnen so furchtbar schlampig sind und die Türgriffe
mit der Hand anfassen.

Zwangsstörungen – die heimliche Krankheit

Darunter leiden sie. Unheimlich. Oft Jahre lang. Und heimlich.
Weil sie keiner versteht und jeder sog. „normale“ Mensch für überspannt oder verrückt
erklären würde. Oder gestört.
Zwangs-gestört.
Die beiden Kolleginnen leiden an einer klassischen Zwangsstörung.
Leider ist ihnen das nicht bewusst. Sie halten ihre Krankheit für Normalverhalten.
Zwangsstörungen werden oft erst nach 10-15 Jahren oder noch später erkannt.
Oder gar nicht. Wenn sie bemerkt werden, kann das ziemliche Konsequenzen haben.

Solche Folgen kann eine Zwangsstörung im Berufsleben haben …