Gesundheit geht vor – auch im Job?

Die vergangene Arbeitswoche war ziemlich stressig. Die kommende wird es vermutlich auch noch. Dann kann ich mir die Arbeit hoffentlich wieder etwas besser einteilen und etwas weniger stressige Aufgaben bearbeiten, bevor ich die Schmerzgrenze erreiche.
Zur Zeit bin ich mit einer komplexe Programmierung beschäftigt. Die ist die Voraussetzung dafür, dass ich vernünftig weiter machen kann: Sprich, dass ich nicht ständig weitere komplexere Aufgaben zurückstellen muss, so wie ich das in den letzten Wochen gemacht habe. Ich habe das alte Jahr ruhig ausklingen lassen und lasse es auch im neuen Jahr erst mal etwas ruhiger angehen: Ich erledige Routine-Arbeiten halte auch brav meine Bildschirmpausen ein.
Es geht mir gesundheitlich noch ganz gut und ich kann auch relativ gut von der Arbeit abschalten.

Mit Mitte 30 die HWS eines 60-70-Jährigen…

Letzte Woche fange ich endlich mit den schwierigeren Aufgaben an.
Und schon geht es wieder mit den gesundheitlichen Problemen los:
Ich habe von Geburt an eine starke Rückgratverkrümmung und leide seit über 20 Jahren an einem chronischen HWS-Syndrom. Die ersten Probleme treten bereits mit 29 auf, also vor
25 Jahren. Mit Mitte 30 habe ich zwei Bandscheibenvorfälle in der HWS. In der Reha bin die zweitjüngste Patientin mit Rückenbeschwerden und die einzige mit Problemen in der Halswirbelsäule.

Das hat sich seitdem sicher geändert. Ich bin mit 23 zum ersten Mal am PC gesessen.
Die nachfolgenden Generationen wachsen mit PC und anderen elektronischen Medien
auf und entwickeln schon in sehr jungen Jahren den sprichwörtlichen „Handy-Nacken“.
Also war ich mit meinen Beschwerden gewissermaßen meiner Zeit voraus.

Der Orthopäde, der meine Kernspin-Aufnahmen begutachtet, lässt sich von der starken Abnutzung meiner Halswirbel zu einem trockenen Kommentar hinreißen:
„Meine Wirbelsäule würde eher zu einem 60-70-jährigen passen als zu jemandem mit
Mitte 30“, meint er. Diesen Spruch kann er mittlerweile sicher öfter ablassen.
Ich habe nach der Reha den Arzt gewechselt.

Klassische Berufskrankheit

Den Beruf kann ich nicht wechseln, obwohl mir klar ist, dass mein IT-Job meine Beschwerden  schlimmer macht. Das HWS-Syndrom ist eine klassische Berufskrankheit bei PC-Berufen. Aufregung oder Stress macht das Ganze grundsätzlich schlimmer.

Bis Dienstag wird das Ziehen im oberen Rücken zu Hause schnell besser und spricht gut auf Wärme an. Ab Mittwoch tun meine Bandscheibenvorfälle wieder richtig weh. Am Donnerstag helfen auch keine Kirschkernkissen mehr.

Also lege ich am Freitag gleich am Morgen ein ThermaCare-Wärmepflaster auf.
Das scheint tatsächlich zu helfen – bis das erste Programmier-Problem auftritt.
Schon sind die Schmerzen wieder da: Mit voller Wucht.
Als ich das Problem gelöst habe, entspannt sich meine Nackenmuskulatur wieder
und die Schmerzen gehen weg. Bis zum nächsten Problem.
Aber es hilft nichts: Da muss ich jetzt durch. Also Zähne zusammen beißen und weiter arbeiten. Gegen 11 Uhr habe ich den Fehler gefunden. Na bitte, geht doch! Ich atme erleichtert auf.

Die Programmierung ist zwar noch nicht ganz fertig, aber der Rest kann warten bis nächste Woche. In einer halben Stunde kann ich ins Wochenende starten und meiner angeschlagenen HWS eine dringend nötige PC-Pause gönnen. Eigentlich habe ich mir fürs Wochenende einiges vorgenommen, auch am PC. Aber das kann auch warten. Gesundheit geht vor. Ganz klar.

Ich kann wieder nicht von der Arbeit abschalten

Auf dem Heimweg fällt mir eine potentielle Lösung für den Teil ein, den ich nicht mehr geschafft habe. Ich verfolge den Gedanken weiter, während ich in die Pedale trete und schreibe es zu Hause gleich  auf.

Jetzt könnte ich eigentlich ins wohl verdiente und vor allem dringend benötigte Wochenende starten. Aber die Gedanken an die Arbeit lassen mich  nicht los.

Früher war das ein Dauerproblem bei mir: Dass ich einfach nicht abschalten konnte. Auch nicht am Wochenende. Ich habe sogar schon an Weihnachten fachliche Probleme für die Arbeit gelöst. Oft habe ich Dateien nach Hause gemailt und daheim daran weiter gearbeitet, bis ich eine Lösung gefunden habe.

Steuere ich schon wieder auf eine Überlastungsreaktion zu?

Heute mache ich das nicht. Ich kann mich beherrschen. Meine schmerzende Halswirbelsäule macht es mir leichter. Außerdem bin ich stehend k.o. und habe das Gefühl, dass ich schon wieder auf eine Überlastungsreaktion zusteuere. Wie schon so oft. Das geht jetzt gar nicht. Ich war fast neun Monate wegen meiner Zwangsstörung krank geschrieben und bin erst seit einem halben Jahr an der neuen Stelle, die extra für mich eingerichtet wurde. Genau gesagt wurde meine alte Stelle in eine andere Abteilung verlegt, für die ich in früheren Jahren schon viel gearbeitet habe. Warum ich so lange krank war, weiß da angeblich keiner. Dass ich schon öfter Rückenprobleme hatte, ist schon bekannt. Da befinde ich mich in bester Gesellschaft. Aber ich will nicht schon wieder krank geschrieben werden…

Eine kleine Auszeit im Café tut gut

Am Nachmittag gehen wir in ein Café, zum ersten Mal in diesem Jahr. Ich muss einfach raus, unter Leute, mich ablenken. Ich rede immer noch sehr viel über mein Programmierproblem.
Aber durch den Ortswechsel gewinne ich ein wenig Abstand. Die Erschöpfung fällt von mir ab. Die ansprechende Umgebung, die fröhlich plaudernden Menschen um mich herum, dazu ein großer Cappuccino und ein Stück Himbeerkuchen…

Endlich Wochenende ! Es geht doch nichts über ein wenig Selbstfürsorge!

Neue Lösungsansätze in der Nacht und beim Zähneputzen

Am Samstag wache ich mitten in der Nacht mit einer weiteren Idee für mein Programmier-Problem auf. Mir fällt öfter etwas buchstäblich im Schlaf ein. Ich kann wieder einschlafen.
Das ist keineswegs selbstverständlich bei mir. Ich habe schon Nächte lang über fachliche Probleme gegrübelt oder bin mitten in der Nacht aufgestanden und habe ganze Konzepte ausgearbeitet. Heute komme ich wieder zur Ruhe.

Beim Zähneputzen fällt mir wieder etwas ein. Ich hole Papier und Bleistift und schreibe alles ganz genau auf. In der Mathematik und auch in der Programmierung spricht man von Algorithmus. Wirklich strukturiert sind meine Notizen nicht. Ich muss nachträglich etwas einfügen und die Nummerierung anpassen.

Am liebsten würde ich die neuen Lösungsansätze sofort ausprobieren

Am liebsten würde ich meine Erkenntnisse sofort sauber am PC tippen und ins Büro mailen.
Am allerliebsten würde ich das ganze eigentlich sofort ausprobieren. Aber dann würde ich
wieder den halben Samstag am PC sitzen und meine HWS-Beschwerden wären wieder da.
Jetzt wo sie endlich weg sind, weil Wochenende ist.

Also mache ich das einzig Sinnvolle: Ich lege meine Notizen auf meine Bürotasche, zu den Notizen vom Vortag. Dann erledige ich ein wenig Hausarbeit, die ich eigentlich am Nachmittag machen wollte, bis ich mit meinem meinem Mann auf den Markt zum Einkaufen gehen kann. Anschließend backe ich einen kleinen Apfelkuchen her. Das hatte ich eigentlich nicht vor, aber meine Mann meint, dass die Äpfel langsam etwas schrumpelig werden. Ich habe den Wink verstanden…

Nerven-Nahrung

Mein neuer Chef hat mir zum Nikolaus zwei Pralinen geschenkt. Das ist Tradition, meint er,
und „Nerven-Nahrung“. Die kann ich brauchen.

Natürlich löst Schokolade keine Programmierprobleme. Und auch keine anderen Probleme.
Aber so eine kleine „Belohnung“ oder eine kleine Stärkung hat auch etwas mit Selbstfürsorge zu tun. Und die ist ganz wichtig – besonders dann, wenn es mal wieder besonders stressig ist und alles andere wichtiger zu sein scheint als das eigene Wohlbefinden.

Deshalb verbringe ich am Wochenende relativ wenig Zeit am PC und höre sofort auf,
sobald ich das erste Signal von meinem Körper bekomme. In der Arbeit geht das nicht so leicht. Trotzdem sollte – oder müsste – ich mich auch im Beruf ein wenig zurücknehmen, wenn mein Körper wieder deutliche Schmerzsignale sendet.

Gesundheit ist das Wichtigste im Leben. Gesundheit ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.

Machen Sie auch mal eine Pause ?

Nach zwei Monaten Wiedereingliederung mit 2-4 Stunden pro Tag arbeite ich nun wieder
regulär, sprich halbtags, also ca. 5 Stunden pro Tag.

An meinem ersten regulären Arbeitstag freue ich mich, dass ich endlich nicht mehr krank geschrieben bin und wieder ganz normal arbeiten kann. Ich kann auch die zusätzliche Stunde gut gebrauchen, weil ich gerade an etwas Interessantem dran bin und das noch fertig machen kann.

Am nächsten Tag bin ich nach drei Stunden schon total ausgepowert und frage mich,
wie ich  den Rest des Vormittags rum kriegen soll. Irgendwie schaffe ich es. Die letzte
halbe Stunde schlage ich allerdings nur noch Zeit tot.

Am dritten Tag ist das Leistungstief schon nach einer Stunde da, obwohl sich herausstellt,
dass das Problem vom Vortag gar nicht so kompliziert ist wie ich dachte, sondern sogar
ganz banal. Ich darf keine Großbuchstaben verwenden. Kleine Ursache, große Wirkung.
Wie so oft in der IT…

Anstatt mich darüber zu freuen, dass ich mir eine Menge Arbeit und viel Programmiererei
sparen kann, bin ich total frustriert, dass ich die Fehlerursache nicht sofort bemerkt habe.
Aber am Tag zuvor war ich schon ziemlich k.o., als dieses Problem aufgetaucht ist. Deshalb
will ich es erst am nächsten Tag bearbeiten – mit frischen Kräften. Und die sind jetzt dahin.
Es ist kurz vor 8 Uhr. Noch 3,5 Stunden bis zum Kernzeitende. Und ich habe den vollen Durchhänger …

Solche Tage kennt jeder. Bei mir ist das eher der Normalzustand. Seit über 20 Jahren.

Machen Sie denn auch mal Pausen ?

Heute kann ich mein Dauerproblem am Nachmittag mit meiner  Therapeutin besprechen.
Das Gefühl, mit meinen Kräften viel zu schnell am Ende zu sein, habe ich nicht nur in der
Arbeit, sondern auch daheim, auch bei Sachen, die mir Spaß machen, z. B. bei meinem Blog.
Da bin ich manchmal auch nach ein oder zwei Stunden so fertig, dass ich erst längere Zeit
etwas anderes machen muss, bevor ich wieder etwas Vernünftiges am PC zustande bringe.

Meine Therapeutin stellt mir eine ganz einfache Frage: Machen Sie denn auch mal Pausen ?

Ja klar, daheim schon. Wenn ich nicht mehr kann, mache ich etwas anderes. Einkaufen oder Haushalt oder ich setze mich einfach mal eine halbe Stunde auf die Couch und höre Musik.

Und in der Arbeit ? Gibt es da keine Pausen ?

So richtige Pausen gibt es bei uns nicht. Also z. B. eine gemeinsame Kaffeepause am Vormittag.
Und Mittag gehe ich heim. Also fällt die Mittagspause in der Arbeit auch flach.

Aber machen Sie denn mal eine Pause ?

Ich muss überlegen: Pause … in der Arbeit …? Äh… Eigentlich nicht so wirklich…

Aber Sie müssen Pausen machen ! Jeder Mensch braucht Pausen!
(Stimmt nicht. Meine Mutter nicht und meine Tante auch nicht und mein Bruder arbeitet
scheinbar auch Tag und Nacht…)

Sie haben eine anstrengende und anspruchsvolle Tätigkeit.
Das haben meine Kollegen auch und die arbeiten Vollzeit…

Und Ihre Bildschirmarbeit ist sehr anstrengend für die Augen.
Stimmt. Manchmal sehe ich trotz Bildschirmbrille nicht wirklich scharf. Das kennt auch jeder. Tagesform. Oder Überlastung…?
Aber meine Kollegen sitzen den ganzen Tag am PC, ich nur fünf Stunden. Trotzdem bin ich
Mittag oft so ausgepowert, dass ich daheim fast nichts mehr schaffe. PC-Arbeiten mache ich
fast nur noch am Wochenende. Manchmal habe ich nicht mal mehr die Energie fürs Schwimmen, obwohl mir das Spaß machen würde.

„Der Schwächel vom Dienst“

Wie ich mich dabei fühle ?
Wie der „Schwächel vom Dienst“. Mit diesen Worten habe ich auch meine Rolle in der Kindheit
in meiner Familie charakterisiert. Scheinbar bin ich das geblieben. Meine fast 90-jährige Mutter schafft scheinbar noch mehr als ich und beklagt sich dann auch noch, dass sie nicht mehr so fit
ist wie vor 20-30 Jahren…

Die Therapeutin erteilt mir meine Hausaufgabe bis zur nächsten Sitzung:
Ich soll in der Arbeit Pausen machen.

Einen kurzen Moment muss ich fast lachen. Das ist ja mal eine tolle Hausaufgabe !
Aber so komisch ist das nicht.

Vor einigen Jahren hat mich ein Kollege gewarnt, ich sei Burnout-gefährdet. Das konnte
ich natürlich nicht glauben. Wo ich doch nur halbtags arbeite… Aber wie oft war ich schon
wegen Überlastungsreaktionen krank geschrieben ? Mindestens 1-2 mal pro Jahr.
Ganz zu schweigen von den psychosomatischen Erkrankungen,
meistens Folgen von Überlastungsreaktionen. Aber Rücken- oder Magenprobleme werden
etwas mehr akzeptiert als „Überlastung“. Vor allem bei Teilzeitkräften. Wovon sollen die „überlastet“ sein ?

Meine Therapeutin ergreift wieder das Wort: Jeder Mensch braucht Pausen.
Andere rauchen oder trinken Kaffee.
Stimmt, mein ehemaliger Chef und die Hälfte seines Teams sind Raucher und Kaffeetrinker.
Da ergeben sich Pausen von selbst. Ich muss eben etwas anderes machen, um den Kopf frei
zu bekommen und wieder Kräfte zu sammeln für meine Arbeit, die viel Konzentration erfordert.
(Früher habe ich geschrieben, aber das darf ich nicht mehr. Auf keinen Fall ! Raus aus dem Zwang!)

Achtsam sein und Tee trinken

Meine Therapeutin macht einige Vorschläge: Achtsamkeit. Achtsamkeit ist immer gut.
Das habe ich in der Klinik gelernt. Da machen wir jeden Tag zwei Achtsamkeitsübung:
Am Morgen und nach der Mittagspause.

Oder einen Tee machen und achtsam trinken. In der kälteren Jahreszeit eine gute Idee !
Momentan sitzen wir beide im T-Shirt rum und der Ventilator verteilt die schwül-warme
Luft im Raum, die neben dem Verkehrslärm durch das geöffnete Fenster zu uns dringt.
Nehme ich gerade meine Umgebung achtsam wahr ?

Es gibt noch ein Leben außerhalb der Arbeit

Ich kann auch im Büro aus dem Fenster schauen und beobachten, was sich draußen abspielt: Baulärm, der meistens den Verkehrslärm übertönt. Ab und zu geht jemand durch den Flur,
den ich von meinem Büro aus sehen kann. Wenn ich aufstehe und ans Fenster gehe, sehe
ich einen großen Baum. Das beruhigt.
Ich kann auch meine Urlaubsfotos an der Wand anschauen:
Das weckt Erinnerungen an schöne Zeiten, spektakuläre Wanderungen und aufregende
Erlebnisse in (m)einem Leben außerhalb des Büros und weit weg von PC-Problemen…

Leider liegt der letzte Urlaub weit zurück und der nächste ist nicht in Sicht.
Aber es gibt auch im Alltag vieles, worauf ich mich freuen kann. Ich rufe mir kurz in
Erinnerung, was ich an meinem freien Nachmittag machen möchte oder dass ich auf
dem Heimweg noch Kirschen kaufen will.

Jeder macht Pausen – außer dir!

Ich bin nach dieser Therapiesitzung nicht so erschöpft wie sonst.
Als ich meinem Mann über den Ratschlag mit den Arbeits-Pausen berichte, sagt er etwas
Ähnliches wie meine Therapeutin: „Es macht wirklich jeder Pausen. Außer dir !“

Pflichtbewusst wie ich bin, befolge ich die therapeutischen Anweisungen und lege am nächsten Arbeitstag gegen 9 Uhr eine Pause ein. Eigentlich fühle ich mich noch ziemlich fit, obwohl ich gerade ein größeres Problem zurückgestellt habe, weil ich mich ein wenig verzettelt habe und
das Gefühl habe, dass ich damit heute nicht mehr weiter komme. Ich gehe ein wenig in mich,
schaue die Urlaubsbilder an der Wand an, stehe auf und beobachte durch das offene Fenster
den Baum im Innenhof und die dichter werdenden Wolken am Himmel.
Ich überlege, dass ich auf dem Heimweg noch zum Einkaufen und am Nachmittag zum
Schwimmen gehen könnte, weil das Wetter scheinbar nicht so schön wird wie angekündigt.
Dann ist nicht so viel los. (Ich schaffe sogar sogar meine beste Zeit in diesem Jahr!)

Dann schenke ich mir noch ganz bewusst ein Glas Wasser ein, nehme einen tiefen Schluck
und widme mich der nächsten Aufgabe. Eine Stunde später gönne ich meinen Augen wieder
ein wenig Erholung von der anstrengenden Bildschirmarbeit.

Als ich um 11:20 Uhr meinen Kollegen ein schönes Wochenende wünsche, sehe ich das
ungelöste Problem immer noch ziemlich entspannt. Immerhin habe ich wieder etwas
dazu gelernt und außerdem ist mir auch noch eingefallen, wie ich es lösen kann.
Nächste Woche dann. Vor der ersten Pause…

Kampf dem Frustmonster

Nach einer relativ ruhigen Arbeitswoche, in der ich mir bewusst keinen Stress mit
Programmier-Problemen gemacht habe, stürze ich mich am Wochenende voller
Elan auf meinen Blog.
Ich habe vor kurzem die ersten Bilder eingebunden und die machen sich ganz gut.
Also lade ich noch ein paar Smileys und Like-Buttons hoch und natürlich die tollen
Bilder, die mein Mann für mich in Photoshop gebastelt hat.
Leider kriege ich die nicht in meine Medien-Übersicht rein. Stattdessen kommt
immer komische Fehlermeldung. Ich vergleiche die Bilder mit denen, die mein
Mann schon vor ein paar Wochen gemacht hat. Kein Unterschied, technisch gesehen.
An Photoshop liegt es also nicht.

Software-Foren im Internet helfen nicht weiter

In den diversen Software-Foren finde ich einige Tipps, die aber nicht weiter helfen.
Noch weniger hilfreich ist die Grundsatzdiskussion der Profis mitten in einem scheinbar
recht hilfreichen Beitrag, ob ein anderer Unwissender (also jemand wie ich) seine Anfrage
in einen fremden Beitrag mit rein bringen darf.
Die Profis meinen: NEIN, das darf man NICHT ! Hijacking verboten !

Und wo geht es jetzt mit der Problemlösung weiter ? Ach ja, da unten !
Im nächsten Absatz geht’s wieder ums „Hijacken“ von Forum-Anfragen.
Leute, langsam nervt’s ! Hier geht es um ein fachliches Problem, das scheinbar ziemlich
viele haben und nicht um die Benimm-Regeln im Forum. Dieses dauernde Dazwischen-
Gemecker gehört meiner Meinung nach auch verboten – wenn wir schon dabei sind.

Abgesehen davon helfen mir die ganzen guten Ratschläge in diesem Forum sowieso nichts.
Egal was ich ausprobiere: Ich kann immer noch keine Bilder in die Mediathek laden.

Ich suche selbst nach Alternativen

Dann lade ich die Bilder eben manuell hoch. Wozu hat man Filezilla ?
Ein paar Minuten später sind alle Bilder auf dem Server.
Aber in der Medienübersicht ist immer noch nichts von ihnen zu sehen…
Also versuche ich, die Software ein wenig auszutricksen:
Ich will bei Bildern, die schon drin sind und die ich nicht unbedingt brauche,
den Dateinamen eines Bildes eingeben, das ich schon brauche, aber nicht rein kriege.
Leider generiert das Programm die Dateinamen automatisch und lässt mich nichts ändern.
Ist natürlich absolut sinnvoll wegen Hackern und so. Aber ich will hier nichts hacken,
sondern einfach nur ein paar Bilder online stellen.
Langsam nervt es echt gewaltig !

Ist das letzte Sicherheits-Update schuld ?

Vielleicht liegt das Problem an dem Sicherheits-Update, das ein paar Tage zuvor
automatisch eingespielt worden ist?

Google bestätigt meinen Verdacht: Mein Mann findet ein schlaues Video in YouTube.
Das Teil läuft ca. 7 Minuten, die erforderliche Information kommt nach gut 4 Minuten.
Kann denn keiner auf den Punkt kommen ? Endlich die rettende Information:
Ich muss mich nur bei meinem Provider einloggen und ein bestimmtes Dienstprogramm
auf den neuesten Stand bringen. Dann sollte das Problem gelöst sein. Alles ganz easy!
Ist es aber nicht. Das Programm war schon auf dem aktuellen Stand. Das war’s also nicht…

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht ?

Ich gehe noch mal in die Medien-Übersicht und klicke auf den Button „Bilder bearbeiten“.
Scheinbar kann ich hier einen Bildausschnitt machen. Das würde zumindest einige meiner Probleme lösen. Die tollen Konstrukte, die mein Mann für mich gebastelt hat, müsste ich
dann halt ausdrucken, wieder einscannen, auf den Server laden und dann in der Bildbearbeitung
der Web-Software den gewünschten Bildausschnitt wählen. Dabei würde die Qualität etwas leiden.  Aber mit „unelegante Notlösungen“ war ich schon immer schnell zur Stelle.
Und außerdem: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht ?
Nur funktioniert das mit dem Ausschneiden in der Web-Software nicht.
Ich kann das Bild zwar zuschneiden, aber die Änderungen nirgends speichern.

Warum muss ich mir das Wochenende mit IT-Problemen versauen?

Langsam bin ich mit meinem Latein am Ende. Und mit den Nerven sowieso.
Ich habe mich echt auf die neuen Bilder in der Website gefreut, weil mir das am Wochenende
zuvor richtig Spaß gemacht hat. Jetzt ärgere ich mich schon wieder seit zwei Stunden mit technischen Problemen rum, für ich nichts kann und für die keiner eine Lösung parat hat.
Da halte ich mich die ganze Woche mit komplizierten Sachen in der Arbeit zurück, damit
ich nicht wieder total ins Rotieren komme, wenn beim Programmieren was abstürzt….

Und jetzt ärgere ich mich am Wochenende mit IT-Problemen rum, die ich eigentlich
gar nicht haben dürfte, weil so was beim Marktführer eigentlich nicht vorkommen sollte.
Oder zumindest sehr schnell eine Lösung im Internet verfügbar sein müsste.
Warum muss ich mir auch noch dauernd meine Wochenenden mit diesem IT-Mist versauen ?
Am liebsten würde ich den ganzen Blog aufgeben. Dann wäre endlich Ruhe !
Aber ich und aufgeben ? Wenn ich das könnte, hätte ich vielleicht nie einen Zwang entwickelt…

Kampf dem „Frustmonster“

Ich überlege, wer hier in meinem Kopfkino gerade das Ruder in der Hand hält:
Das kleine Kind, das das Gefühl hat, nie was richtig machen zu können ?
Der nörgelnde Kritiker ?
Oder am Ende gar irgendwer, den meine Therapeutin noch nicht geoutet hat ?
Vielleicht das „Frustmonster ?“
Oder treibe ich gar völlig orientierungslos in einem Meer aus wirren Gedanken herum ?

Ente mit Hammer am PCIch mache das, was meine Therapeutin mir geraten hat:
Ich lasse meinen Frust raus. (Nein, nicht so wie auf dem Bild !)
Mein Mann kann mir zwar auch nicht weiter helfen,
aber es tut gut, mal ein wenig Dampf abzulassen.mega
Besser als mit dem Hammer auf den PC einzudreschen 🙂

Ich entwickle eine neue Strategie

Dann setze ich mich wieder an den PC, atme ein paar Mal tief durch und entwickle eine
neue Strategie: Ich schaue mir den Code eines Bildes an, das ich bereits eingebunden habe,
vor diesem blöden Sicherheits-Update…
Diese Anweisungen könnte ich an die Stelle kopieren, an der ich ein neues Bild einbinden
will und dann einfach den Namen des Bildes austauschen. Das könnte funktionieren …
(Tut es übrigens tatsächlich ! Habe es später mal ausprobiert).

Vorher klicke ich noch einmal auf den Button „Dateien hinzufügen“.
Und was sehe ich da: Einen Button „Von URL einfügen“. Wieso habe ich den nicht früher gesehen ? (Hier meldet sich wieder der nörgelnde Kritiker zu Wort, ganz klar.)
Ich klicke auf den besagten Button und siehe da: Ich kann den Pfad meiner Bilder eingeben,
also den Ordner, in dem sie auf dem Server gespeichert sind. Anschließend muss ich nur noch
auf dem Server das gewünschte Bild anklicken, das ich schon vor einer Stunde manuell hoch geladen habe. Und voila: Das Bild ist zwar immer noch nicht in der Medienübersicht,
aber es ist auf meiner Seite. Und da soll es ja auch hin !

Ich probiere es gleich noch mal aus. In der Aufregung klappt es erst beim dritten oder
vierten Versuch. Aber dann ist auch das nächste Bild auf der Seite. Und dann noch eins.
Aller guten Dinge sind drei.

Eigentlich könnte ich einfach mein Erfolgserlebnis genießen…

Anders als bei meinem Mega-Problem in der Arbeit, als plötzlich eine eigene Programmierung nicht mehr gelaufen ist, kann ich mich heute sogar über mein Erfolgserlebnis freuen. Ich habe wieder einiges dazu gelernt und meine Seite schaut auch schon wieder ein wenig besser aus.
Wird der „nörgelnde Kritiker“ langsam ein wenig zurückhaltender ?
Eigentlich sollte ich jetzt einfach mein Erfolgserlebnis genießen und nichts riskieren,
was das Frustmonster wieder auf den Plan rufen könnte.

Stattdessen ärgere ich mich nach dem Mittagessen noch ein wenig den neuen Bildern rum,
genau gesagt mit dem Text nach den Bildern. Da wird immer die erste Zeile unter den Text
neben dem Bild gezogen und dadurch natürlich ziemlich weit eingezogen. Wenn ich eine
Leerzeile rein mache, wird der Abstand zum nächsten Absatz zu groß. Gefällt mir auch nicht.
Zum Glück habe ich mich ein paar Wochen vorher mit Absatzformatierungen rum geschlagen
und dabei einiges dazu gelernt, u. a. dass die vielen Lösungsansätze im Internet viel Nahrung
für das Frustmonster bieten und man auf die einfachsten Lösungen manchmal so ganz nebenbei kommt, wenn man nur lange genug rum tüftelt.
Nach meinen erfolglosen Internet-Recherchen vom Vormittag probiere ich es gleich mit einem kleinen Trick – und ganz ohne Google oder Foren. Und es funktioniert.

Der Blog kann warten – ich gehe ins Fitnessstudio

Das Frustmonster kann seinen Mittagsschlaf fortsetzen… Ich gehe jetzt erst mal zum Trainieren! Die Entwürfe, die ich zurück gestellt habe, bis ich die passenden Bilder habe, kann ich auch noch später veröffentlichen. Auf ein paar Tage kommt es da wirklich nicht mehr an…
Es werden dann zwar zwei Wochen, bis ich endlich dazu komme, aber trotzdem:
Selbstfürsorge geht vor. Außerdem soll dieser Blog ganz zwanglos sein…
Die Idee mit dem „Frustmonster“ habe ich übrigens auf dem Heimweg vom Fitnessstudio 🙂

Zwangsläufig neuer Arbeitsplatz

Das Vertrauensverhältnis zu meinem neuen Chef – einem langjährigen Kollegen,
der erst im Vorjahr unser IT-Leiter wurde – ist durch meinen Dokumentationszwang
so stark gestört, dass er sich eine Zusammenarbeit mit mir nicht mehr vorstellen kann.
Also brauche ich zwangsläufig einen neuen Arbeitsplatz. Buchstäblich … (Schreibzwang)

Im Vorfeld werden mir folgende Alternativen angeboten:

Rechnungsstelle, Schreibdienst, Pforte
Im Ernst, Leute ? Bei einer Frau mit Uni-Abschluss ?
Und dann auch noch Pforte ? Wo ich voll auf dem Präsentierteller sitze und auch noch regelmäßig mein alter Chef und meine ehemaligen Kollegen rein kommen und irgendwas brauchen ? Wo ich mich am liebsten ins hinterste Eck verkrümeln würde nach allem, was passiert ist ?

Zum Glück bin ich bei der Gewerkschaft und weise schon beim ersten Telefonat darauf hin,
dass ich einen rechtlichen Anspruch auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz habe.
Den gibt es aber nicht.

Neuer Arbeitsplatz in Registratur statt in IT ?

Also schlage ich vor, dass ich vielleicht die Nachfolge der Kollegin in der Registratur
(im Keller – weit ab vom Schuss) antreten könnte, die in ein paar Monaten 63 wird
und theoretisch in Rente gehen könnte. Praktisch bleibt sie uns noch 1-2 Jahre erhalten.
Die hätte ich locker daheim absitzen können. Langweilig wäre mir sicher nicht geworden
und finanziell ruiniert hätte uns diese kleine Auszeit auch nicht.

Als Alternative schlage ich gegen Ende meines Personalgesprächs noch ein IT-Projekt vor,
an dem ich einige Jahre zuvor intensiv gearbeitet habe und das auch drei Jahre später noch
nicht umgesetzt werden konnte, weil in der Fachabteilung einfach die nötige Manpower fehlt.
Es wäre mir wirklich eine Herzensangelegenheit, wenn ich dieses Projekt abschließen könnte.
Ansonsten hätte ich zwei Jahre lang ziemlich viel für den Papierkorb gearbeitet…

Witziger Weise sitze ich nun wirklich in einer Registratur. Aber nicht in der „richtigen“
im Keller, sondern in einer Altakten-Registratur im 2. Stock, weil sonst nichts frei ist.
Mein Büro liegt gleich gegenüber von meinem neuen Chef, der 23 Jahre ein Kollege war.
Genau wie unser gemeinsamer Vorgesetzter, der es zum Geschäftsleiter gebracht hat
und nur ein paar Türen weiter sitzt. Als ich hier angefangen habe, waren beide noch
für die EDV in ihrer Abteilung zuständig und haben öfter mal was von mir gebraucht.
Jetzt bin ich selbst in dieser IT-Stelle und freue mich, dass ich dieses Projekt, das ich
schon fünf Jahre zuvor begonnen habe, doch noch zu Ende bringen kann.

In jeder Krise steckt auch eine Chance …

Weiter zum nächsten Arbeitstag …