Das Beste, was mir passieren konnte

An einem heißen Augusttag im Jahr 2015 stellt mein Chef die entscheidende Frage:
„Was schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“

Meine Kollegen haben Jahre lang geschwiegen

Eigentlich hätte es meinen Kollegen all die Jahre auffallen müssen, dass ich sehr viel
geschrieben habe. Im Zehn-Finger-System und enorm schnell. In der IT. Wo man eigentlich
mehr klickt als tippt und eher kurze Texte verfasst. Oft habe ich sogar ununterbrochen weiter
getippt, während ich mit meinem Zimmerkollegen geredet habe oder wenn noch andere in
unserem Büro waren, incl. meinem ehemaligen Chef, der im März 2015 in Rente gegangen ist.
Meine Kollegen haben sich sicher gewundert, warum ich so viel schreibe. Im Nachhinein habe
ich erfahren, dass sie meine Tipperei sogar ziemlich gestört hat. Aber gesagt hat keiner was.
Fast zehn Jahre lang. Weil es einfacher ist, dass Offensichtliche großzügig zu ignorieren als jemanden zur Rede zu stellen.

Mein ehemaliger Chef hat mich zur Rede gestellt.
Ein paar Stunden später muss ich mich krankschreiben lassen und darf erst wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren, wenn ich wieder ganz gesund bin. Aber nicht in die IT-Abteilung,
in der ich 22 Jahre gearbeitet habe, weil meine Zwangsstörung auch das Vertrauensverhältnis
zerstört hat.

Schwere Krise als Chance für einen beruflichen Neustart

Natürlich stürzt mich das Gespräch mit meinem Chef in eine tiefe Krise und eine schwere Depression. Trotzdem ist das Bekanntwerden meines Dokumentierzwangs das Beste,
was mir passsieren konnte.
Ich muss mich endlich meinen Problemen stellen und professionelle Hilfe suchen.
Nach neun Monaten im Krankenstand und einer 9-wöchigen Therapie in einer
psychosomatischen Tagesklinik
habe ich meinen Schreibzwang überwunden.
Im Mai 2016 bekomme ich einen neuen Arbeitsplatz beim selben Arbeitgeber,
einen neuen Chef und die Verantwortung für ein großes IT-Projekt, in dem ich
meine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.

Raus aus dem Zwang

Ein Jahr nach Bekanntwerden meiner Zwangserkrankung bin ich zwar raus aus der
IT-Abteilung, aber auch raus aus dem Zwang. In der Arbeit dokumentiere ich nur noch
das, was sein muss. Privat schreibe ich nur noch das auf, was meine Therapeutin mir rät,
natürlich am liebsten in meiner Positiv-Liste.

Am ersten Jahrestag meines zwangsweisen Coming-Outs gibt es viele mögliche Einträge.
Aber ich werde mich auf 2-3 beschränken – ganz zwanglos 🙂

Reden ist besser als Schreiben

Die Personalratskollegin von gegenüber redet gerade mit ihrem Gegenüber,
als ich an meinem zweiten Arbeitstag nach neun Monaten an ihre Tür klopfe.
Ich habe vorher auf der Personalratsseite im Intranet gesehen, dass ein Mitglied
aus dem Gremium ausgeschieden ist. Das nehme ich als Aufhänger für unser Gespräch.
Dann gehen wir in mein Büro, um ein echtes Personalratsgespräch zu führen.

Es tut gut, dass ich mir einiges von der Seele reden kann

Die unterkühlte Stimmung bei meinen alten Kollegen kann sie verstehen.
Ich auch. Schließlich habe ich zehn Jahre ziemlich viel aufgeschrieben,
u. a. auch, dass mein ehemaliger Zimmerkollege immer so viel telefoniert hat.
Das ist in einer IT-Hotline ganz normal. Nur hat bei ihm das Gespräch meistens noch ewig gedauert, nachdem das IT-Problem schon gelöst war, weil es halt immer so viele interessante private Sachen zu besprechen gab. Und ich sitze gegenüber und kann mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Also protokolliere ich mit, was er so erzählt über sein Haus, seinen Garten, sein Auto, seinen vollautomatichen Rasenmäher und worüber große Jungs halt sonst noch gerne quatschen.

Erklärungsversuche – Zwangsweise…

Ja ich weiß: Das war nicht korrekt.
Aber ich konnte einfach nicht mehr anders. Zwangsweise.
Da hatte sich einfach etwas verselbständigt und ist total aus dem Ruder gelaufen.
In der Zwangstherapie gibt es eine Redewendung:
„It’s not me. It’s my OCD“ (Obsessive Cognitive Disorder).
Oder auf Deutsch: „Das bin nicht ich, sondern meine Zwangsstörung“.

Raus aus dem Personalrat

Das versuche ich meiner Personalratskollegin zu erklären. Sie weiß schon einiges vom Personalratsvorsitzenden, mit dem ich die ganze Zeit über in Kontakt war. Sie ist seine Vertretung und musste zwangsläufg eingeweiht werden, als die neue IT-Stelle für mich geschaffen wurde.
Da muss der Personalrat zustimmen. Auch dass die Stelle nicht ausgeschrieben wird,
wenn sie nur für eine Umsetzung dient.
Ich weiß da Bescheid. Ich bin eigentlich selbst noch Personalratsmitglied.
Uneigentlich bin ich es nicht mehr. Weil natürlich auch beim Personalrat das Vertrauensverhältnis empfindlich gestört ist, nachdem ich so viel aufgeschrieben habe.
Und vor allem, weil ich das teilweise nach Hause gemailt habe.
Das war ein echtes Dienstvergehen.
Das war mir auch klar.
Aber wie gesagt: Der Zwang…

Eigentlich hätte ich das den Leuten im Personalrat gerne selber erklärt. Aber ich war
neun Monate krank geschrieben und da wird man halt nicht zu Personalratssitzungen eingeladen.
Auch nicht, wenn man ausdrücklich darum gebeten hat, ggf. auch noch während der Krankschreibung. Schließlich ist das nicht verboten.
Hilft nichts. Nun wissen sie es. Und ich habe keine Ahnung, wie die wirklich darauf
reagiert haben.
Einige sicher nicht so gut. Kann ich verstehen.
Wenn einer Scheiße baut, ist immer irgendeine Krankheit dran schuld.
Da legt einer einen um. Und was war ? Er war nicht zurechnungsfähig oder besoffen
oder hatte eine schwere Kindheit oder sonst irgendwas.
Und jetzt kommt da eine Kollegin daher und behauptet, sie hätte Jahre lang alles aufgeschrieben, weil sie KRANK ist ! Wie krank ist das denn ?

Die heimliche Art, unheimlich zu leiden…

Sehr krank. Ganz im Ernst. Ich habe das Gefühl, dass meine Kollegin mich versteht
oder mir zumindest glaubt, dass das keine böse Absicht war, sondern die Folge einer
schweren psychischen Erkrankung. Der „heimlichen Krankheit“ oder der „heimlichen Art, unheimlich zu leiden“, wie ich immer sage.
Ich erzähle einiges aus der Therapie, natürlich anonym.
Aus dem Personalrat habe ich nie was ausgeplaudert. Einige andere schon ab und zu.
Aber ich nie. Ganz ehrlich. Ich habe immer alles aufgeschrieben anstatt mit jemandem zu reden. Zwangsläufig.

Immerhin hat der Vorsitzende so lange wie möglich versucht, nichts über meine Erkrankung
preis zu geben. Von einer Überlastungsreaktion war die Rede.
Die hatte ich tatsächlich. Ungefähr 3-4 mal im Jahr. Manchmal auch in Form von  Magenbeschwerden oder Kreislaufproblemen. Aber die Ursachen waren immer psychisch.
Nicht weil ich so viel Stress hatte. Der gehört in der Arbeit dazu.
Sondern weil das kollegiale Umfeld nicht gepasst hat. Und der Führungsstil meines alten Chefs. Über 20 Jahre lang.
Das ist auch dem Personalrat klar geworden.
An den Sitzungen soll ich trotzdem nicht mehr teilnehmen.
Ich bin ja auch immer recht kurz da und es ist auch ziemlich belastend.
Und ich soll oder muss jetzt wohl erst mal wieder auf die Beine kommen.
Physisch und psychisch.
Und ich soll bitte Verständnis haben, dass jetzt ein Ersatzmitglied meine Stelle eingenommen
hat bis zu den Neuwahlen Ende Juni.
Durch die Blume und doch deutlich: Ich bin raus.
Raus aus dem Zwang, raus aus der IT und auch raus aus dem Personalrat.
Das tut weh. Mir geht es noch schlechter als nach dem Büro-Ausräumen und dem unterkühlten Wiedersehen mit meinen alten Kollegen.

Neue Kollegen wissen nichts von meiner Zwangsstörung

Und dann kommt noch ein Tiefschlag: Meine neuen Kollegen wissen scheinbar gar nichts
von meiner Zwangsstörung. Auch die Direktorin nicht. Und die Vorzimmerdamen sowieso nicht. Der Geschäftsleiter könnte davon wissen. Aber der ist erst nächste Woche wieder da.

Das erklärt alles. Warum alle so nett und freundlich waren.
So offen und unvoreingenommen.  Und mich so herzlich empfangen haben.
Und sich scheinbar wirklich freuen, dass ich jetzt ihr Team verstärke und endlich dieses Projekt zu Ende gebracht werden kann, das schon einen endlos langen Bart hat, wie mein Kollege am ersten Tag festgestellt hat.
Es weiß einfach keiner, was wirklich mit mir los ist. Oder los war.
Weswegen die Situation in meiner alten Abteilung letztendlich „eskaliert“ ist,
wie meine Kollegin es ausdrückt.
Scheinbar haben meine alten Kollegen auch nicht zu viel verlauten lassen, was da passierst ist.
(Ist vielleicht auch besser für sie. Schließlich weiß ich eine ganze Menge über sie und wenn ich da zu viel raus lasse, könnte das Ansehen der IT im Haus vielleicht ziemlich leiden.
Also lieber Deckel drauf und Klappe halten).

Zwang bleibt die heimliche Krankheit

Und so vermuten jetzt alle, dass ich einfach eine ganz „normale“ Überlastungsreaktion hatte.
Wie schon so oft. Halt nur etwas schwerer als sonst.
Da bin ich nicht die einzige. Es gab mehrere Burnout-Fälle in den letzten Jahren.
Jetzt gehöre ich halt auch dazu. Offiziell.
Genau wie viele meiner Mitpatienten und Mitpatientinnen, die sich auch auf einen Burnout
raus geredet haben, weil Zwang halt die „heimliche Krankheit“ ist.

Das wird sie wohl auch bleiben. Ich sage vorerst sicher nichts über meinen Dokumentationszwang.
Ich will mir nicht meine Chance verderben und mich in eine neue Krise stürzen.
Mir geht es so schon schlecht genug nach dem heutigen Tag.
Zwei Stunden Arbeit sind nicht viel, aber sie können viel auslösen und alte Ängste wieder schüren. Und dem Zwang wieder eine neue Chance geben, mich in die nächste Krise zu stürzen…
Aber nicht heute ! Geschrieben wird erst daheim und auch viel weniger als früher.
Und handschriftlich. Das kann außer mir dann eh keiner mehr lesen…

Ermutigende Worte für meinen Neustart

Am Ende findet meine Kollegin noch ermutigende Worte:
Ich soll die alte Stelle hinter mir lassen und die neue Stelle als Neustart sehen.
Sie sagt auch noch irgendwas von dieser „Krise“.
Scheinbar hat sie den auffälligen Zettel auf meinem Schreibtisch gesehen.
Ansage Personalrat Ende.
Es hat wirklich gut getan, mit ihr zu reden. Viel besser als schreiben.
Auch wenn das Gespräch gegen Ende eine unvorhergesehene Wende genommen hat.
Meine Personalratskollegin hat wirklich einen guten Job getan.
Ich werde sie im Juni wieder wählen…

Weiter zum nächsten Arbeitstag ….

Zwangsläufig neuer Arbeitsplatz

Das Vertrauensverhältnis zu meinem neuen Chef – einem langjährigen Kollegen,
der erst im Vorjahr unser IT-Leiter wurde – ist durch meinen Dokumentationszwang
so stark gestört, dass er sich eine Zusammenarbeit mit mir nicht mehr vorstellen kann.
Also brauche ich zwangsläufig einen neuen Arbeitsplatz. Buchstäblich … (Schreibzwang)

Im Vorfeld werden mir folgende Alternativen angeboten:

Rechnungsstelle, Schreibdienst, Pforte
Im Ernst, Leute ? Bei einer Frau mit Uni-Abschluss ?
Und dann auch noch Pforte ? Wo ich voll auf dem Präsentierteller sitze und auch noch regelmäßig mein alter Chef und meine ehemaligen Kollegen rein kommen und irgendwas brauchen ? Wo ich mich am liebsten ins hinterste Eck verkrümeln würde nach allem, was passiert ist ?

Zum Glück bin ich bei der Gewerkschaft und weise schon beim ersten Telefonat darauf hin,
dass ich einen rechtlichen Anspruch auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz habe.
Den gibt es aber nicht.

Neuer Arbeitsplatz in Registratur statt in IT ?

Also schlage ich vor, dass ich vielleicht die Nachfolge der Kollegin in der Registratur
(im Keller – weit ab vom Schuss) antreten könnte, die in ein paar Monaten 63 wird
und theoretisch in Rente gehen könnte. Praktisch bleibt sie uns noch 1-2 Jahre erhalten.
Die hätte ich locker daheim absitzen können. Langweilig wäre mir sicher nicht geworden
und finanziell ruiniert hätte uns diese kleine Auszeit auch nicht.

Als Alternative schlage ich gegen Ende meines Personalgesprächs noch ein IT-Projekt vor,
an dem ich einige Jahre zuvor intensiv gearbeitet habe und das auch drei Jahre später noch
nicht umgesetzt werden konnte, weil in der Fachabteilung einfach die nötige Manpower fehlt.
Es wäre mir wirklich eine Herzensangelegenheit, wenn ich dieses Projekt abschließen könnte.
Ansonsten hätte ich zwei Jahre lang ziemlich viel für den Papierkorb gearbeitet…

Witziger Weise sitze ich nun wirklich in einer Registratur. Aber nicht in der „richtigen“
im Keller, sondern in einer Altakten-Registratur im 2. Stock, weil sonst nichts frei ist.
Mein Büro liegt gleich gegenüber von meinem neuen Chef, der 23 Jahre ein Kollege war.
Genau wie unser gemeinsamer Vorgesetzter, der es zum Geschäftsleiter gebracht hat
und nur ein paar Türen weiter sitzt. Als ich hier angefangen habe, waren beide noch
für die EDV in ihrer Abteilung zuständig und haben öfter mal was von mir gebraucht.
Jetzt bin ich selbst in dieser IT-Stelle und freue mich, dass ich dieses Projekt, das ich
schon fünf Jahre zuvor begonnen habe, doch noch zu Ende bringen kann.

In jeder Krise steckt auch eine Chance …

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