Bloggen als Therapie?

Ein besorgter Leidensgenosse hat mich auf Facebook gefragt, ob mich das
Bloggen nicht triggert, weil das doch auch eine Form von Dokumentation ist.
Schließlich habe ich über 10 Jahre an einem Dokumentierzwang gelitten.
Ich ich habe zwanghaft alles aufgeschrieben, was so um mich herum
oder in mir drin vorgegangen ist.

Nun, ich kann euch alle beruhigen: Mein Blog ist absolut zwangsfrei!

Ich schreibe zwar immer noch sehr gerne, aber mittlerweile nur noch,
wenn ich Lust darauf habe und/oder etwas mitteilen möchte –
so wie jetzt gerade.

Okay, am Anfang habe ich mir schon noch einiges von der Seele geschrieben.
Da hatte das Bloggen vielleicht wirklich noch ein wenig was von Therapie,
vielleicht auch als Ersatz für die Gespräche und den Erfahrungsaustausch
mit meinen MitpatientInnen in der Gruppentherapie, die mir unheimlich
geholfen haben. Und auch gefehlt, als ich plötzlich wieder alleine zu Hause
gesessen bin und nur einmal pro Woche mit meinem Mann und meiner
ambulaten Verhaltenstherapeutin über meine Probleme reden konnte,
weil meine Freunde alle nichts von meiner Zwangsstörung wissen.
Heimliche Krankheit und so. Ihr kennt das sicher auch…

Facebook als Therapie ?

Deshalb sind so viele wie ich auf Facebook und auch in der
Gruppe für Angststörung,Depressionen,Zwangsstörung u. Co.
Die kann ich übrigens wärmstens weiter empfehlen.

Auch wenn das Schreiben keine Therapie ersetzen kann und Facebook
keine echten Freunde in der realen Welt: Es tut trotzdem gut, wenn man
sich einfach mal etwas von der Seele schreiben kann und sieht, dass man
mit seinen Problemen nicht allein da steht, sondern dass es da draußen
ganz viele andere liebe Menschen gibt, die dich verstehen und ein paar
ermunternde oder tröstende Worte für dich finden.

Deshalb werde ich auch weiter bloggen und auf Facebook posten,
wenn ich  das Gefühl habe, dass ich vielleicht jemandem ein wenig
helfen oder zumindest für einen Moment ein wenig aus seinem
Seelentief herausholen kann.

Und das hoffentlich auch weiterhin ganz zwanglos 🙂

Von der Angst zur Zwangsstörung

Angst ist der gemeinsame Auslöser vieler psychischer Erkrankungen, einschließlich Zwangsstörungen. Egal ob Kontrollzwang, Perfektionismus, Waschzwang, Keimphobie, Sammelzwang, oder Dokumentierzwang: Der gemeinsame Nenner dieser Zwangsstörungen
ist Angst.

Der Teufelskreis aus Angst und Zwangsstörung am Arbeitsplatz

Die Angst, das wir etwas vergessen oder nicht richtig gemacht haben und deswegen eine Katastrophe passiert, lässt uns immer wieder alles kontrollieren, zwanghaft. Wir schauen
am Morgen so oft nach, ob der Herd ausgeschaltet ist, alle Fenster zu sind und die Türe verschlossen ist, dass wir zu spät zur Arbeit kommen. Dort werden wir nie rechtzeitig mit unserer Arbeit fertig, weil wir auch alles unzählige Male überprüfen und kontrollieren müssen. Oder alles perfekt machen wollen, aus Angst, dass wir sonst Probleme mit dem Chef bekommen, bei der nächsten Beförderung übergangen werden oder sogar unseren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Dabei sind wir mit unserem zwanghaften Verhalten auf dem besten Weg, dass genau das passieren könnte. Paradox, oder ? Wir geraten zwangsläufig in einen Teufelskreis aus Angst
und Zwangshandlungen.

Ordnungszwang als Beziehungskiller

Die Angst vor Schmutz, Bakterien, Ansteckung, Krankheiten und auch die Angst, dass uns andere für schmutzig oder unordentlich halten, zwingt uns in Waschzwänge, Keimphobien
und Ordnungszwänge. Übertriebene Ordnungsliebe ist die Nummer Eins unter den Beziehungskillern. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Mutter ist zwanghaft ordentlich…
Mein Vater hat sich zwar nicht scheiden lassen, aber der Putz- und Ordnungsfimmel
meiner Mutter ist ihm und auch mir unser ganzes Leben auf die Nerven gegangen und
vielleicht einer der Gründe, warum ich schon als Kind Zwangsstörungen entwickelt habe.

Bloß nichts Wichtiges wegwerfen oder vergessen!

Die Angst, dass wir etwas Wichtiges vergessen könnten und dann etwas Schlimmes
passiert, lässt uns immer wieder alles aufschreiben. Wir führen endlose To-Do-Listen
oder dokumentieren jede Kleinigkeit, egal wie unbedeutend sie ist. Anstatt etwas einfach anzupacken und zu machen, schreiben wir ständig alles auf. Im Arbeitsleben kann das
fatale Folgen haben. Ich spreche aus Erfahrung.

Die Angst, dass wir etwas wegwerfen könnten, was wir irgendwann noch brauchen,
lässt unsere Schränke und Schubladen überquellen. Wenn wir dann etwas suchen,
können wir es in dem Chaos an unnützem Zeug oft nicht finden. Es sei denn, wir
leiden an einem Ordnungszwang oder dokumentieren haargenau, wo wir alles
verstaut haben. Schon wieder so eine paradoxe Situation…

Egal, ob wir nun Ordnung in unser Chaos bringen oder in einer Messie-Wohnung leben:
Wir wollen niemanden mehr in unsere Wohnung lassen, aus Angst, dass die anderen unser zwanghaftes Chaos entdecken – oder unsere zwanghafte Ordnung durcheinander bringen
und gar nicht merken, welches Chaos sie in uns dabei auslösen.

Habe ich gerade jemanden überfahren?

Manche Menschen haben ständig Angst, jemanden überfahren zu haben. Auch wenn sie das vermeintliche Opfer im Rückspiegel noch unversehrt über die Straße gehen sehen und ihre Beifahrer ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist, leiden sie immer noch an der Vorstellung, gerade einen Menschen überfahren zu haben. Oft Stunden lang oder sogar Tage lang. Schlimm, wenn solchen Menschen auch noch an einer Keimphobie leiden und Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln haben…

Therapie von Ängsten und Zwangsstörungen

Die Liste an Angst-bedingten Zwangsstörungen ließe sich noch lange fortsetzen. Natürlich ist Angst nicht die einzige Ursache für eine Zwangsstörung. Aber Angst spielt immer eine große Rolle, oft die Hauptrolle. Einige Patientinnen in meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen waren vorher in der Angst-Gruppe und wurden in die Zwangsgruppe versetzt, als Ärzte und Therapeutinnen erkannten, dass ihre Zwangsstörung das Hauptproblem ist.

Nicht umsonst ist eines der Hauptinstrumente bei der Behandlung von Zwangsstörungen
die sog. Befürchtungskette: Hier stellst du dir vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn du deine Zwangshandlungen nicht mehr ausübst. Dann stellst du dich deinen Ängsten – in der Exposition.

Der einzige Weg raus aus dem Zwang ist: Raus aus der Angst.

Dokumentierzwang

Wenn Schreiben zum Zwang wird

Nein, heute schreibe ich nichts auf ! Das nehme ich mir immer wieder fest vor,
wenn ich mit Freunden zusammen sitze. Meistens fange ich trotzdem sofort zu
schreiben an, sobald ich daheim bin. Weil ich schreiben muss. Zwanghaft.

Manchmal kann ich mich bis zum nächsten Tag beherrschen, vor allem, wenn es spät wird.
Dann muss ich aber schreiben. Unbedingt. Oft schreibe ich einen halben Tag und länger.
Natürlich muss ich auch aufschreiben, wie ich geschlafen habe, was ich geträumt habe,
wann wir aufgestanden sind, ob am Morgen irgendetwas vorgefallen ist, und und und…
Ich leide unter zwanghaftem Dokumentieren, einem Dokumentierzwang, auch Dokumentationszwang oder Schreibzwang genannt.

Ich dokumentiere immer mehr und immer ausführlicher

Dieses manische Schreiben hat sich im Laufe der Jahre entwickelt.
Zunächst notiere ich nur wichtige Ereignisse im Kalender: Ein Treffen mit Freunden, Veranstaltungen, die wir besucht haben, Bergtouren, Ausflüge. Dann dokumentiere
ich auch meine sportlichen Aktivitäten, beim Schwimmen und Radfahren auch mit
Zeiten und Entfernungen. Das machen andere auch und die meisten enwickeln dabei
keinen Dokumentierzwang. Ich schon. Irgendwann schreibe ich nicht nur auf, wie weit
und wie schnell ich geschwommen bin, sondern auch, ob ich jemanden gesehen habe,
ob mich jemand gegrüßt hat, ob mich jemand angerempelt hat oder ein Kind neben
mir ins Wasser gesprungen ist.

Ständig unter Spannung

Im Fitnessstudio schreibe ich nicht nur auf, wen ich getroffen habe, sondern auch
worüber wir geredet haben. Immer ausführlicher, oft mit wörtlichen Dialogen.
Ich sitze Stunden lang um PC und tippe ununterbrochen. Mein Mann stellt fest,
dass sich meine Atmung verändert. Pressatmung. Ein Zeichen für hohe Anspannung.
Ich möchte am liebsten alles auf einmal schreiben. Wenn ich nicht schreiben kann,
werde ich total unruhig, irgendwann ist die Anspannung kaum noch auszuhalten.

Wenn ich mit jemandem rede, hoffe ich, dass das Gespräch nicht zu lange dauert,
damit ich nicht so viel aufschreiben muss. In Gedanken sitze ich schon wieder am
PC und dokumentiere das ganze Gespräch. Auch in der Arbeit. Oft denke ich, dass
ich wohl den Eindruck mache, als wäre ich ständig total im Stress oder auf der Flucht.
Immer auf dem Sprung, geistig schon wieder vor meinem PC.

„Das muss ich gleich aufschreiben“

Das bin ich auch. Aber nicht, weil ich so dringende Arbeiten zu erledigen habe oder mir
gerade etwas kolossal Wichtiges eingefallen ist – vielleicht die Lösung für ein Problem,
an dem ich schon ewig rum bastle, also etwas, was ich wirklich sofort umsetzen sollte.
Ab und zu kommt das natürlich auch vor. Oder meine Kollegen haben einen Lösungsansatz
parat. Mein Standardsatz in solchen Situationen ist: „Das muss ich gleich aufschreiben.“

Leider muss ich nicht nur die fachlichen Informationen aufschreiben, sondern auch,
was mein Kollege sonst noch gesagt hat, was er gerade getan hat, als ich ins Büro
gekommen bin, ob mein Chef oder die anderen Kollegen gerade beim Rauchen draußen
stehen oder sich irgendwo unterhalten. Einfach alles, was mich eigentlich gar nicht
interessieren sollte am Arbeitsplatz.

Zwang macht einsam

Ich distanziere mich zunehmend von meinen Kollegen.
Das fällt nicht schwer, weil ich schon lange nicht mehr richtig dazu gehöre, seitdem ich
wegen meiner Teilzeit aus dem Systembereich raus gefallen bin. Das ist jetzt eine reine Männerdomäne, typisch IT. Irgendwie passe ich da nicht richtig rein. Auch ein Grund,
warum ich lieber schreibe als rede. Weil die anderen mich nicht verstehen. Oder nicht
verstehen wollen und meine Probleme mit nichts-sagenden Sätzen abtun wie
„Du musst einfach ruhiger werden und dir ein dickeres Fell zulegen.“

Also ziehe ich mich in mein Büro zurück und hacke auf meinen PC ein, anstatt mit
einem Kollegen zu reden. Erschwerend kommt hinzu, dass wir in einem kleinen
Nebengebäude sitzen, weit weg von den anderen. Meine Kollegen finden das toll.
Dann können uns die Anwender nicht ständig die Bude einrennen, wenn sie ein
Problem haben. Ich wäre lieber im Hauptgebäude (wo ich jetzt auch tatsächlich bin)
und nicht so isoliert. Als einzige Frau in einer klassischen Männerdomäne.

Schreiben als „Ventil“

Unser Personalratsvorsitzender erkennt richtig, dass das Schreiben für mich ein
„Ventil“ ist und ich es ohne Schreiben vielleicht gar nicht mehr ausgehalten hätte.
Dass ich todunglücklich bin mit meinem Arbeitsplatz weiß jeder. Auch mein Chef.
Dem habe ich das sogar wörtlich gesagt.
Dass ich immer weiter aus dem Team raus falle, müsste auch allen auffallen.
Genau wie meine ständige Tipperei, die meinen Zimmer-kollegen ziemlich auf die
Nerven geht. Das erfahre ich erst später, als ich schon aus der IT-Abteiolung raus bin.
Weil der neue Chef – unser langjähriger Systemadministrator, der zehn Jahre zuvor mit
ein paar Schlüsselsätzen endgültig die Weichen für meinen beruflichen Niedergang gestellt
hat
– nicht mehr mit mir zusammen arbeiten kann (oder will), weil das Vertrauensverhältnis gestört ist. Aufgrund meines Dokumentierzwangs. Weil ich alles aufgeschrieben habe.
Auch Dinge, die ich theoretisch gegen ihn oder meine Kollegen verwenden könnte.
Was ich nie vorhatte.

Meinen Mann stört es nicht, dass ich so viel schreiben

Ich wollte den ganzen Mist nicht aufschreiben. Ich musste.
Weil ich an einem Dokumentierzwang gelitten habe. Jahre lang. Unbemerkt.
Obwohl es alle hätten merken müssen. Meinem Mann fällt natürlich auch auf dass ich
immer so viel schreibe.  Aber ihn stört es nicht und er empfindet mein Verhalten auch
nicht als zwanghaft. Trotz meiner angespannten Körperhaltung und Pressatmung,
auf die er mich immer wieder aufmerksam macht, wenn ich am PC sitze. Aber nach
über 20 Jahren  gewöhnt man sich an die Eigenheiten seines Partners und akzeptiert
sie auch. Das ist vermutlich eines der „Geheimnisse“ einer guten Beziehung.

Meine Kollegen stört meine Tipperei, aber sie sagen nichts

Meine Kollegen stört meine ständige Tipperei schon. Aber sie sind  vermutlich einfach
zu bequem, um etwas zu sagen. Ich könnte ja irgendwie reagieren. Mit meinen schlechten
Nerven und meinem dünnen Fell…

Und so schreibe ich weiter. Über zehn Jahre lang. Immer mehr und immer zwanghafter.
Oft überlege ich, ob ich nicht zu meinem alten Chef gehen sollte, der mir über 20 Jahre
lang das Leben schwer gemacht hat und seit März 2015 in Rente ist. Vielleicht sollte ich
diesem ignoranten Chauvi, der nie eine Frau in seinem Team haben wollte, einfach sagen,
dass ich alles aufschreiben muss. Zwangsweise. Zwanghaft. Dass ich das nicht will, aber
einfach nicht anders kann. Und unheimlich darunter leide.

Meinen Schreibzwang ansprechen wäre eine Katastrophe gewesen

Aber das wäre sicher eine Katastrophe geworden. Ich konnte mit meinem alten Chef nicht
einmal über deutlich einfachere Probleme vernünftig sprechen. Und dem soll ich sage sagen,
dass ich einen Schreibzwang habe? Nein, bloß nicht !

Und so schreibe und leide ich weiter bis zu jenem fatalen Donnerstag im August 2015, als mein neuer Chef endlich die entscheidende Frage stellt: „Was schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“

Das ist das Beste, was mir passieren konnte.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durch gehalten hätte. Denn mein Schreibzwang ist
wirklich immer schlimmer geworden und ich habe mich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück gezogen, damit ich nicht noch mehr aufschreiben musste.

Zwang macht einsam und kann vieles kaputt machen

Zwang macht einsam. Und er kann Leben zerstören und viel kaputt machen. Freundschaften, Beziehungen, Karrieren. Meine „Karriere“ in der IT-Abteilung ist schlagartig beendet, als mein Chef und meine Kollegen von meinem Dokumentierzwang erfahren.

Meine Mitgliedschaft im Personalrat wird mir erst aufgekündigt, als ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurück kehre. Natürlich habe ich auch während den Personalratssitzungen immer ziemlich viel mitgeschrieben. Nicht immer. Manchmal konnte ich mich auch beherrschen,
bis ich daheim war. Natürlich habe ich mir immer wieder vorgenommen, nichts aufzuschreiben. Weil ich das gar nicht durfte. Und das wussste ich auch. Aber ich musste.
Auch wenn ich damit einen massiven Verstoß gegen den Datenschutz begangen habe.
Als Personalratsmitglied und als IT-Mitarbeiterin. Da wiegt dieses Vergehen doppelt schwer.
Trotzdem konnte ich das Dokumentieren nicht bleiben lassen.

Meine Kollegen reden noch mit mir

Meine Kollegen sind nicht mehr zu einem klärenden Gespräch bereit, als ich nach 9 Monaten unfreiwilliger Auszeit und einer 9-wöchigen Therapie in einer psychosomatischen Tagesklinik
an meinen neuen Arbeitsplatz zurück kehre. In einer anderen Abteilung und einem anderen Gebäude, aber immer noch im IT-Bereich. Aber sie reden noch mit mir, wenn ich aus fachlichen
Gründen in der IT anrufen muss.
Mein ehemaliger Zimmerkollege ist sogar in mein neues Büro gekommen und hat mir lange
und ausführlich erklärt, warum die hilfreichen Links auf PDF-Dateien im Internet und Intranet nicht mehr funktionieren (aus Sicherheitsgründen und weil es da größere Probleme gab in der langen Zeit, in der ich weg war). Er hat mir wahrscheinich deutlich mehr erzählt als seinem
Chef lieb ist.

Scheinbar hat mein Kollege trotz meines Dokumentierzwangs noch Vertrauen zu mir.
Und ich habe sein Vertrauen nicht enttäuscht.

Ich schreibe nur noch, wenn es mir Spaß macht

Ich habe nicht aufgeschrieben, was er mir alles berichtet hat.
Und ich werde es auch nicht mehr aufschreiben.
Weil ich meinen Dokumentationszwang überwunden habe.
Ich schreibe nur noch, wenn es mir Spaß macht. Und nicht, weil ich schreiben muss.

So habe ich meinen Dokumentationszwang überwunden

Das Beste, was mir passieren konnte

An einem heißen Augusttag im Jahr 2015 stellt mein Chef die entscheidende Frage:
„Was schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“

Meine Kollegen haben Jahre lang geschwiegen

Eigentlich hätte es meinen Kollegen all die Jahre auffallen müssen, dass ich sehr viel
geschrieben habe. Im Zehn-Finger-System und enorm schnell. In der IT. Wo man eigentlich
mehr klickt als tippt und eher kurze Texte verfasst. Oft habe ich sogar ununterbrochen weiter
getippt, während ich mit meinem Zimmerkollegen geredet habe oder wenn noch andere in
unserem Büro waren, incl. meinem ehemaligen Chef, der im März 2015 in Rente gegangen ist.
Meine Kollegen haben sich sicher gewundert, warum ich so viel schreibe. Im Nachhinein habe
ich erfahren, dass sie meine Tipperei sogar ziemlich gestört hat. Aber gesagt hat keiner was.
Fast zehn Jahre lang. Weil es einfacher ist, dass Offensichtliche großzügig zu ignorieren als jemanden zur Rede zu stellen.

Mein ehemaliger Chef hat mich zur Rede gestellt.
Ein paar Stunden später muss ich mich krankschreiben lassen und darf erst wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren, wenn ich wieder ganz gesund bin. Aber nicht in die IT-Abteilung,
in der ich 22 Jahre gearbeitet habe, weil meine Zwangsstörung auch das Vertrauensverhältnis
zerstört hat.

Schwere Krise als Chance für einen beruflichen Neustart

Natürlich stürzt mich das Gespräch mit meinem Chef in eine tiefe Krise und eine schwere Depression. Trotzdem ist das Bekanntwerden meines Dokumentierzwangs das Beste,
was mir passsieren konnte.
Ich muss mich endlich meinen Problemen stellen und professionelle Hilfe suchen.
Nach neun Monaten im Krankenstand und einer 9-wöchigen Therapie in einer
psychosomatischen Tagesklinik
habe ich meinen Schreibzwang überwunden.
Im Mai 2016 bekomme ich einen neuen Arbeitsplatz beim selben Arbeitgeber,
einen neuen Chef und die Verantwortung für ein großes IT-Projekt, in dem ich
meine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.

Raus aus dem Zwang

Ein Jahr nach Bekanntwerden meiner Zwangserkrankung bin ich zwar raus aus der
IT-Abteilung, aber auch raus aus dem Zwang. In der Arbeit dokumentiere ich nur noch
das, was sein muss. Privat schreibe ich nur noch das auf, was meine Therapeutin mir rät,
natürlich am liebsten in meiner Positiv-Liste.

Am ersten Jahrestag meines zwangsweisen Coming-Outs gibt es viele mögliche Einträge.
Aber ich werde mich auf 2-3 beschränken – ganz zwanglos 🙂

Zwang als Kündigungsgrund ?

Jemanden wegen einer Erkrankung raus werfen ist zum Glück nicht so einfach.
Bei massivem Fehlverhalten ist das schon was anderes…
Es sei denn, das Fehlverhalten ist nachweislich „Krankheitsbedingt“.
Dann kriegt man vielleicht mildernde Umstände: Also so wie ein kranker Straftäter,
der nicht in den Knast kommt, sondern in die geschlossene Abteilung in einer
Psychiatrischen Klinik.

So ungefähr habe ich mich gefühlt, als ich nach zehn Jahren aufgeflogen bin …
Als ich neun Monate später mein altes Büro ausräume – unter Aufsicht von zwei Kollegen-
komme ich mir vor wie ein verurteilter Straftäter, der seine Gefängniszelle räumt.

Mir war lange bewusst, dass ich ein ernstes Problem hatte. Auch in der Arbeit.
Anders als bei zwei Kolleginnen, die scheinbar unter einer zwanghaften Keimphobie
leiden, hat sich meine Zwangssötrung in der Arbeit massiv ausgewirkt.
Erstens hat es viel Zeit gekostet und zweitens habe ich viele Sachen aufgeschrieben,
die mich eigentlich nichts angehen oder die ich evtl. gegen meine Kollegen verwenden
könnte. Das hatte ich nie vor, ganz ehrlich ! Ich habe alles aufgeschrieben, weil ich es
aufschreiben musste. Dokumentierzwang Schreibzwang
Ich habe zehn Jahre lang unter einem ausgeprägten Dokumentationszwang gelitten.

Eigentlich müsste mein Chef „das aushalten“…

Als mein neuer Chef (und langjähriger Kollege) mein Fehlverhalten bemerkt und
ich ihm erkläre,  dass das zwanghaft ist, fordert er mich auf, mich sofort krank
zu melden und erst wieder in die Arbeit zurück zu kommen, wenn ich
„wieder ganz gesund bin“. Was immer das bei einer Zwangsstörung heißen mag …
Und er fügt auch gleich hinzu, dass er sich eine Zusammenarbeit mit mir nicht
mehr vorstellen kann, weil das Vertrauensverhältnis durch meinen Schreibzwang
gestört ist.

Eigentlich darf er das gar nicht. Alle Ärztinnen und Therapeutinnen sind sich einig,
dass er das „als Chef aushalten muss“.
Keiner kann verstehen, warum mein Chef mich jetzt plötzlich „so mobbt“.
Aber vermutlich können alle verstehen, warum ich keinem etwas von meiner
Zwangsstörung gesagt habe. Und wahrscheinlich ist auch den meisten klar,
dass ich das nicht mehr aushalten würde. Meine Zwangsstörung hatte Gründe…

Kündigung wegen Zwangsstörung geht nicht

Raus werfen können sie mich nicht: Ich bin zu diesem Zeitpunt seit 23 Jahren dabei,
über 50 und genieße als ehemaliges Personalratsmitglied noch zusätzlichen Schutz.

Eine Abmahnung bekomme ich auch nicht. Allerdings halte ich es für fraglich,
ob das überhaupt möglich gewesen wäre … Schließlich haben mich Chef und Personalchefin
für krank erklärt. Und der Personalratsvorsitzende, in dessen Büro das Gespräch stattfindet,
hat nicht widersprochen. Er begleitet mich auch zur Betriebsärztin, die als kompetente
Medizinerin diese laienhafte Diagnose bestätigt.
Damit dürfte wohl klar sein, dass das mit der Abmahnung tatsächlich nicht so leicht
gewesen wäre und nicht nur eine freundliche Geste meines Arbeitgebers ist.

Neustart nach neun Monaten

Also versuche ich nach neun Monaten unfreiwilliger Auszeit – incl. vier Wochen Urlaub
und neun Wochen teilstationärer Therapie in einer Psychosomatischen Tagklinik –
einen Neustart in der Abteilung, in der mindestens eine weitere Kollegin an einer
Zwangsstörung leidet: Sie hat Angst vor Schmutz und Bakterien hat traut sich keine
Wasserhähne, Handtuchspender und Türklinken anzufassen.

Mal schauen, ob ich mich irgendwann traue, mit ihr über ihre offensichtliche
oder meine (ehemalige) Zwangsstörung zu sprechen…
Meine neuen Kolleginnen und Kollegen und auch mein neuer Chef wissen angeblich
nicht, warum ich so lange weg war und in ihre Abteilung versetzt worden bin.
Das ist sicher auch besser so…

Danke an Ärtze, Therapeutinnen und MitpatientInnen

Dass ich weiterhin einen Arbeitsplatz habe, der meiner Qualifikation entspricht,
habe ich auch meiner Ärztin, meinen Therapeutinnen und meinen Mitpatientinnen
und Mitpatienten zu verdanken. Sie alle haben mir mir während meiner Therapie
so viel Mut gemacht, dass ich mich auch in dem entscheidenden Gespräch mit
meinem Arbeitgeber nicht habe klein kriegen lassen – so wie all die Jahre davor.
Und so hat sich eine enorme Krise zu einer großen Chance für meine berufliche
Zukunft entwickelt.

Ich kann also wirklich jedem raten: Lasst euch helfen ! Geht in Therapie !
Lasst euch zeigen, wie ihr mit dem Zwangsmonster fertig werdet oder mit eurem
„Inneren Kritiker“ oder den anderen Dämonen, die euch das Leben schwer machen !
Wenn ich das geschafft habe, könnt ihr es auch schaffen !!!

Reden ist besser als Schreiben

Die Personalratskollegin von gegenüber redet gerade mit ihrem Gegenüber,
als ich an meinem zweiten Arbeitstag nach neun Monaten an ihre Tür klopfe.
Ich habe vorher auf der Personalratsseite im Intranet gesehen, dass ein Mitglied
aus dem Gremium ausgeschieden ist. Das nehme ich als Aufhänger für unser Gespräch.
Dann gehen wir in mein Büro, um ein echtes Personalratsgespräch zu führen.

Es tut gut, dass ich mir einiges von der Seele reden kann

Die unterkühlte Stimmung bei meinen alten Kollegen kann sie verstehen.
Ich auch. Schließlich habe ich zehn Jahre ziemlich viel aufgeschrieben,
u. a. auch, dass mein ehemaliger Zimmerkollege immer so viel telefoniert hat.
Das ist in einer IT-Hotline ganz normal. Nur hat bei ihm das Gespräch meistens noch ewig gedauert, nachdem das IT-Problem schon gelöst war, weil es halt immer so viele interessante private Sachen zu besprechen gab. Und ich sitze gegenüber und kann mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Also protokolliere ich mit, was er so erzählt über sein Haus, seinen Garten, sein Auto, seinen vollautomatichen Rasenmäher und worüber große Jungs halt sonst noch gerne quatschen.

Erklärungsversuche – Zwangsweise…

Ja ich weiß: Das war nicht korrekt.
Aber ich konnte einfach nicht mehr anders. Zwangsweise.
Da hatte sich einfach etwas verselbständigt und ist total aus dem Ruder gelaufen.
In der Zwangstherapie gibt es eine Redewendung:
„It’s not me. It’s my OCD“ (Obsessive Cognitive Disorder).
Oder auf Deutsch: „Das bin nicht ich, sondern meine Zwangsstörung“.

Raus aus dem Personalrat

Das versuche ich meiner Personalratskollegin zu erklären. Sie weiß schon einiges vom Personalratsvorsitzenden, mit dem ich die ganze Zeit über in Kontakt war. Sie ist seine Vertretung und musste zwangsläufg eingeweiht werden, als die neue IT-Stelle für mich geschaffen wurde.
Da muss der Personalrat zustimmen. Auch dass die Stelle nicht ausgeschrieben wird,
wenn sie nur für eine Umsetzung dient.
Ich weiß da Bescheid. Ich bin eigentlich selbst noch Personalratsmitglied.
Uneigentlich bin ich es nicht mehr. Weil natürlich auch beim Personalrat das Vertrauensverhältnis empfindlich gestört ist, nachdem ich so viel aufgeschrieben habe.
Und vor allem, weil ich das teilweise nach Hause gemailt habe.
Das war ein echtes Dienstvergehen.
Das war mir auch klar.
Aber wie gesagt: Der Zwang…

Eigentlich hätte ich das den Leuten im Personalrat gerne selber erklärt. Aber ich war
neun Monate krank geschrieben und da wird man halt nicht zu Personalratssitzungen eingeladen.
Auch nicht, wenn man ausdrücklich darum gebeten hat, ggf. auch noch während der Krankschreibung. Schließlich ist das nicht verboten.
Hilft nichts. Nun wissen sie es. Und ich habe keine Ahnung, wie die wirklich darauf
reagiert haben.
Einige sicher nicht so gut. Kann ich verstehen.
Wenn einer Scheiße baut, ist immer irgendeine Krankheit dran schuld.
Da legt einer einen um. Und was war ? Er war nicht zurechnungsfähig oder besoffen
oder hatte eine schwere Kindheit oder sonst irgendwas.
Und jetzt kommt da eine Kollegin daher und behauptet, sie hätte Jahre lang alles aufgeschrieben, weil sie KRANK ist ! Wie krank ist das denn ?

Die heimliche Art, unheimlich zu leiden…

Sehr krank. Ganz im Ernst. Ich habe das Gefühl, dass meine Kollegin mich versteht
oder mir zumindest glaubt, dass das keine böse Absicht war, sondern die Folge einer
schweren psychischen Erkrankung. Der „heimlichen Krankheit“ oder der „heimlichen Art, unheimlich zu leiden“, wie ich immer sage.
Ich erzähle einiges aus der Therapie, natürlich anonym.
Aus dem Personalrat habe ich nie was ausgeplaudert. Einige andere schon ab und zu.
Aber ich nie. Ganz ehrlich. Ich habe immer alles aufgeschrieben anstatt mit jemandem zu reden. Zwangsläufig.

Immerhin hat der Vorsitzende so lange wie möglich versucht, nichts über meine Erkrankung
preis zu geben. Von einer Überlastungsreaktion war die Rede.
Die hatte ich tatsächlich. Ungefähr 3-4 mal im Jahr. Manchmal auch in Form von  Magenbeschwerden oder Kreislaufproblemen. Aber die Ursachen waren immer psychisch.
Nicht weil ich so viel Stress hatte. Der gehört in der Arbeit dazu.
Sondern weil das kollegiale Umfeld nicht gepasst hat. Und der Führungsstil meines alten Chefs. Über 20 Jahre lang.
Das ist auch dem Personalrat klar geworden.
An den Sitzungen soll ich trotzdem nicht mehr teilnehmen.
Ich bin ja auch immer recht kurz da und es ist auch ziemlich belastend.
Und ich soll oder muss jetzt wohl erst mal wieder auf die Beine kommen.
Physisch und psychisch.
Und ich soll bitte Verständnis haben, dass jetzt ein Ersatzmitglied meine Stelle eingenommen
hat bis zu den Neuwahlen Ende Juni.
Durch die Blume und doch deutlich: Ich bin raus.
Raus aus dem Zwang, raus aus der IT und auch raus aus dem Personalrat.
Das tut weh. Mir geht es noch schlechter als nach dem Büro-Ausräumen und dem unterkühlten Wiedersehen mit meinen alten Kollegen.

Neue Kollegen wissen nichts von meiner Zwangsstörung

Und dann kommt noch ein Tiefschlag: Meine neuen Kollegen wissen scheinbar gar nichts
von meiner Zwangsstörung. Auch die Direktorin nicht. Und die Vorzimmerdamen sowieso nicht. Der Geschäftsleiter könnte davon wissen. Aber der ist erst nächste Woche wieder da.

Das erklärt alles. Warum alle so nett und freundlich waren.
So offen und unvoreingenommen.  Und mich so herzlich empfangen haben.
Und sich scheinbar wirklich freuen, dass ich jetzt ihr Team verstärke und endlich dieses Projekt zu Ende gebracht werden kann, das schon einen endlos langen Bart hat, wie mein Kollege am ersten Tag festgestellt hat.
Es weiß einfach keiner, was wirklich mit mir los ist. Oder los war.
Weswegen die Situation in meiner alten Abteilung letztendlich „eskaliert“ ist,
wie meine Kollegin es ausdrückt.
Scheinbar haben meine alten Kollegen auch nicht zu viel verlauten lassen, was da passierst ist.
(Ist vielleicht auch besser für sie. Schließlich weiß ich eine ganze Menge über sie und wenn ich da zu viel raus lasse, könnte das Ansehen der IT im Haus vielleicht ziemlich leiden.
Also lieber Deckel drauf und Klappe halten).

Zwang bleibt die heimliche Krankheit

Und so vermuten jetzt alle, dass ich einfach eine ganz „normale“ Überlastungsreaktion hatte.
Wie schon so oft. Halt nur etwas schwerer als sonst.
Da bin ich nicht die einzige. Es gab mehrere Burnout-Fälle in den letzten Jahren.
Jetzt gehöre ich halt auch dazu. Offiziell.
Genau wie viele meiner Mitpatienten und Mitpatientinnen, die sich auch auf einen Burnout
raus geredet haben, weil Zwang halt die „heimliche Krankheit“ ist.

Das wird sie wohl auch bleiben. Ich sage vorerst sicher nichts über meinen Dokumentationszwang.
Ich will mir nicht meine Chance verderben und mich in eine neue Krise stürzen.
Mir geht es so schon schlecht genug nach dem heutigen Tag.
Zwei Stunden Arbeit sind nicht viel, aber sie können viel auslösen und alte Ängste wieder schüren. Und dem Zwang wieder eine neue Chance geben, mich in die nächste Krise zu stürzen…
Aber nicht heute ! Geschrieben wird erst daheim und auch viel weniger als früher.
Und handschriftlich. Das kann außer mir dann eh keiner mehr lesen…

Ermutigende Worte für meinen Neustart

Am Ende findet meine Kollegin noch ermutigende Worte:
Ich soll die alte Stelle hinter mir lassen und die neue Stelle als Neustart sehen.
Sie sagt auch noch irgendwas von dieser „Krise“.
Scheinbar hat sie den auffälligen Zettel auf meinem Schreibtisch gesehen.
Ansage Personalrat Ende.
Es hat wirklich gut getan, mit ihr zu reden. Viel besser als schreiben.
Auch wenn das Gespräch gegen Ende eine unvorhergesehene Wende genommen hat.
Meine Personalratskollegin hat wirklich einen guten Job getan.
Ich werde sie im Juni wieder wählen…

Weiter zum nächsten Arbeitstag ….

Zwangsläufig neuer Arbeitsplatz

Das Vertrauensverhältnis zu meinem neuen Chef – einem langjährigen Kollegen,
der erst im Vorjahr unser IT-Leiter wurde – ist durch meinen Dokumentationszwang
so stark gestört, dass er sich eine Zusammenarbeit mit mir nicht mehr vorstellen kann.
Also brauche ich zwangsläufig einen neuen Arbeitsplatz. Buchstäblich … (Schreibzwang)

Im Vorfeld werden mir folgende Alternativen angeboten:

Rechnungsstelle, Schreibdienst, Pforte
Im Ernst, Leute ? Bei einer Frau mit Uni-Abschluss ?
Und dann auch noch Pforte ? Wo ich voll auf dem Präsentierteller sitze und auch noch regelmäßig mein alter Chef und meine ehemaligen Kollegen rein kommen und irgendwas brauchen ? Wo ich mich am liebsten ins hinterste Eck verkrümeln würde nach allem, was passiert ist ?

Zum Glück bin ich bei der Gewerkschaft und weise schon beim ersten Telefonat darauf hin,
dass ich einen rechtlichen Anspruch auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz habe.
Den gibt es aber nicht.

Neuer Arbeitsplatz in Registratur statt in IT ?

Also schlage ich vor, dass ich vielleicht die Nachfolge der Kollegin in der Registratur
(im Keller – weit ab vom Schuss) antreten könnte, die in ein paar Monaten 63 wird
und theoretisch in Rente gehen könnte. Praktisch bleibt sie uns noch 1-2 Jahre erhalten.
Die hätte ich locker daheim absitzen können. Langweilig wäre mir sicher nicht geworden
und finanziell ruiniert hätte uns diese kleine Auszeit auch nicht.

Als Alternative schlage ich gegen Ende meines Personalgesprächs noch ein IT-Projekt vor,
an dem ich einige Jahre zuvor intensiv gearbeitet habe und das auch drei Jahre später noch
nicht umgesetzt werden konnte, weil in der Fachabteilung einfach die nötige Manpower fehlt.
Es wäre mir wirklich eine Herzensangelegenheit, wenn ich dieses Projekt abschließen könnte.
Ansonsten hätte ich zwei Jahre lang ziemlich viel für den Papierkorb gearbeitet…

Witziger Weise sitze ich nun wirklich in einer Registratur. Aber nicht in der „richtigen“
im Keller, sondern in einer Altakten-Registratur im 2. Stock, weil sonst nichts frei ist.
Mein Büro liegt gleich gegenüber von meinem neuen Chef, der 23 Jahre ein Kollege war.
Genau wie unser gemeinsamer Vorgesetzter, der es zum Geschäftsleiter gebracht hat
und nur ein paar Türen weiter sitzt. Als ich hier angefangen habe, waren beide noch
für die EDV in ihrer Abteilung zuständig und haben öfter mal was von mir gebraucht.
Jetzt bin ich selbst in dieser IT-Stelle und freue mich, dass ich dieses Projekt, das ich
schon fünf Jahre zuvor begonnen habe, doch noch zu Ende bringen kann.

In jeder Krise steckt auch eine Chance …

Weiter zum nächsten Arbeitstag …