Ein Jahr nach der Gruppentherapie

Am 08.04.2016 verabschiede ich mich von meiner Therapiegruppe in einer psychosomatischen Tagklinik. Über neun Wochen haben wir offen über unsere Probleme gesprochen und nach Lösungen gesucht. Wir haben uns gegenseitig Mut zugesprochen und Trost gespendet.
Oft sind Tränen geflossen. Aber wir haben auch viel gelacht, auch über die eigenen Zwänge.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Aber wir haben nie einen anderen ausgelacht. Jeder respektiert jeden und zeigt Verständnis, auch wenn es sogar uns „Zwänglern“ manchmal schwer fällt, die Zwänge der anderen zu verstehen. Wie schwer verständlich sind unsere seltsamen Verhaltensweisen dann erst für Nicht-Betroffene?

Angst, dass ich nicht in die Gruppe passen könnte

Ich habe Angst vor der Therapie. Das ist ganz normal.
Ich befürchte, dass ich an meine Grenzen komme, wenn ich nicht mehr aufschreiben darf,
was um mich herum passiert. Oder dass ich am Abend Stunden lang Tagebuch schreiben muss.
Und das vielleicht gar nicht mehr schaffe nach einem langen und erfüllten Therapie-Tag.
Außerdem habe ich Angst, nicht richtig in die Gruppe zu passen mit meinem extrem seltenen Dokumentierzwang. Alle anderen haben klassische Zwangsstörungen: Waschzwang, Putzzwang, Ordnungszwänge, Kontrollzwang, Wiederholzwänge und (aggressive) Zwangsgedanken.
Niemand in der Gruppe hat zuvor etwas von einem „Dokumentierzwang“ gehört.
Auch mir war nicht klar, dass es neben den „Klassikern“ noch so viele weitere unterschiedliche Zwangserkrankungen gibt.

Die Gruppentherapie ist hart – aber sie hilft

Aber wir sitzen alle in einem Boot: In der Gruppentherapie in einer psychosomatischen Tagklinik. Und wir haben alle dasselbe Ziel: Raus aus dem Zwang und zurück in ein selbstbestimmtes und zwangsfreies Leben.

Dafür nehmen wir einiges auf uns: Wir stellen uns vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn wir unseren Zwängen nicht mehr nachgeben. Immer wenn der Zwang sich meldet, sollen wir in die „Befürchtungskette“ gehen.
In der Exposition müssen wir uns unseren schlimmsten Ängsten und Phobien stellen. Kontrollzwängler müssen am Morgen den Herd benutzen und dürfen nur noch einmal kontrollieren, ob er auch wirklich aus ist. Leute mit Waschzwang dürfen nur noch kurz
Hände waschen und duschen. Keimphobiker müssen U-Bahn-Toiletten benutzen…

Oft sitze ich wie gebannt auf meinem Stuhl und höre zu, wie meine Mitpatientinnen und Mitpatienten ihre Erfahrungen schildern, ihre Befürchtungsketten vorlesen oder über die
Probleme berichten, die ihre Zwangserkrankungen ausgelöst haben.
Oft denke ich: „Das könnte jetzt auch von mir sein…“
Wir haben viele Gemeinsamkeiten, Parallelen in der Kindheit. Viele von uns haben ein Trauma.
Eine junge Frau spricht in der Gruppentherapie zum ersten Mal über sexuellen Missbrauch in
der Kindheit. So viel Mut verdient Anerkennung.

Anerkennung, Lob und Kritik

Anerkennung und Komplimente annehmen können fällt vielen schwer, manchen sogar noch schwerer als mit Kritik umzugehen. In der Gruppentherapie lernen wir das. Und noch vieles andere, wie Grenzen setzen, unserem Gedankenkarrusell STOP zu sagen, mit Achtsamkeit
kleine Auszeiten zu schaffen und unsere Zwänge besser unter Kontrolle zu bringen.
Nicht jeder ist nach 9-12 Wochen in der Klinik völlig zwangsfrei. Aber es geht allen deutlich besser. Nach eigenen Aussagen geht es den meisten Patienten immer noch gut.

Die Therapiegruppe ist wie eine Familie

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie ich es geschafft habe, meinen Dokumentierzwang zu überwinden. Vermutlich hat es mir einfach geholfen, dass ich endlich über alles offen reden kann, was mich Jahrzehnte lang belastet hat, dass ich Menschen um mich habe, die mir zuhören und mich verstehen. Menschen, die genau wie ich Jahre lang unheimlich unter dieser „heimlichen Krankheit“ leiden, die für Nicht-Betroffene so schwer zu verstehen ist.

Die Therapiegruppe ist für uns alle wie eine Familie – wie die Familie, die wir gerne gehabt hätten. Der Abschied von unseren Mitpatienntinnen und Mitpatienten fällt allen schwer. Die meisten würden am liebsten noch länger in der Klinik bleiben und als Co-Therapeuten andere Menschen unterstützen auf ihrem Weg raus aus dem Zwang.

Ich möchte anderen helfen

Ich wollte in meiner Jugend Sozialarbeiterin oder Journalistin werden, musste aber leider einsehen, dass ich für diese Berufe nicht hart genug bin. Ich möchte immer noch Menschen helfen. Seitdem ich meinen Dokumentierzwang überwunden habe, habe ich wieder Freude
am Schreiben. Ab und zu muss ich mir auch mal etwas von der Seele schreiben.

Leider gibt es kein Patentrezept und ich kann euch nicht sagen, wie ihr es schaffen könnt
raus aus dem Zwang.

Aber vielleicht findet ihr auf meinem Blog die eine oder andere Anregung, wie ihr euch das Leben hin und wieder ein wenig leichter machen könnt.

Über Rückmeldungen oder Anregungen würde ich mich sehr freuen !

Alles Gute
Eure Betty Gruebel

Erfolg durch Psychotherapie

Seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen in einer psychosomatischen Tagesklinik
sehe ich vieles anders. Auch bei meinen Mitmenschen. Mir ist erst in der Gruppentherapie bewusst geworden, dass meine Mutter eine zwanghafte Persönlichkeit ist und deshalb Zwangsstörungen bei uns in der Familie liegen.

Andere besser verstehen

Diese Erkenntnis hilft mir, meine eigenen Zwangsstörungen besser zu verstehen und zu akzeptieren. Aber vor allem kann ich jetzt auch meine Mutter besser verstehen und ihr vieles verzeihen, was sie in meiner Kindheit und Jugend falsch gemacht hat. Die Erziehungsfehler unserer Eltern können nicht rückgängig gemacht werden. Was war, das war. Wir können die
Uhr nicht zurückdrehen und noch einmal von vorne beginnen und alles anders machen.
In meinem Fall bräuchte ich andere Eltern – oder zumindest eine andere Mutter.
Das geht natürlich nicht, weil wir unsere Eltern halt nicht aussuchen können.
Genau so wenig wie unsere Chefs, Kollegen, Nachbarn und viele und vieles andere,
was uns belastet und Probleme bereitet.

Wir können unsere Mitmenschen nicht ändern. Jeder Mensch hat Fehler und das ist gut so.
Oder möchtest du mit einem perfekten Menschen zusammen leben? Ich ehrlich gesagt nicht.
Es reicht schon, wenn nicht perfekte Menschen ständig erwarten, dass ich alles perfekt machen soll, z. B. meine Mutter, der keiner etwas gut genug machen kann. Genau wie den Müttern
oder Vätern vieler meiner Mitpatientinnen und Mitpatienten in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Gelassener mit den Schwächen und Fehlern der anderen umgehen

Natürlich lernen wir auch in der Therapie nicht, wie wir das Verhalten dieser Menschen ändern, die einen so großen Einfluss auf unser Leben und unsere Persönlichkeit hatten und immer noch haben. Weil wir andere Menschen eben nicht ändern können.

Aber wir können die Art und Weise ändern, wie wir mit den Fehlern und Schwächen der anderen umgehen, vor allem mit den Verhaltensweisen, die uns am meisten auf die Nerven gehen.
Es gibt unzählige Bücher, die uns hier hier kluge Ratschläge erteilen. Ein paar dieser Ratgeber machen wirklich Spaß und bringen auch etwas. Zumindest haben sie mir etwas gebracht. Deshalb stelle ich sie auch auf meinem Blog vor.

Warum Therapie so wichtig ist

Aber auch der beste Ratgeber ersetzt im Ernstfall keine Therapie. Bei einer schweren Krankheit reicht es auch nicht, wenn wir im Internet nach Heilmitteln googlen. Wir müssen die Medikamente auch einnehmen auch einen Arzt aufsuchen.

Bei einer schweren Grippe, Lungenentzündung, Magengeschwüren oder chronischen Rückenschmerzen gehen die meisten zum Arzt. Früher oder später, einige vielleicht zu spät…
Aber sicher schaut dich keiner schief an oder hält dich für einen Schwächling, wenn du bei
39 ° C Fieber oder mit unerträglichen Schmerzen professionelle Hilfe suchst. Wenn doch,
dann sollte der andere vielleicht selbst professionelle Hilfe suchen. Und zwar die Art von
Hilfe, die immer noch ein wenig verpönt ist.

Bei psychischen Erkrankungen ist es keineswegs „normal“, dass man zum Psychiater geht.
In den USA gehört die Psychoanalyse zum guten Ton. Im Rest der Welt gibt keiner gerne zu,
dass er mit seinen psychischen Problemen nicht alleine fertig wird und eine Therapie braucht.
Obwohl so mancher Bandscheibenvorfall und manches Magengeschwür durch psychische probleme ausgelöst werden. Natürlich wissen wir das längst alle. Der Stress und so.
Das gehört einfach zum Alltag in unserer leistungsorientierten Gesellschaft.

Wer nichts leistet, ist nichts wert. Deshalb können wir uns natürlich keine Schwächen leisten.
Und schon gar keine psychischen Probleme. Trotzdem steigt die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen extrem an. Und da sind die vielen körperlichen Erkrankungen, die eigentlich psychosomatisch sind, noch gar nicht mitgerechnet. Übrigens sind psychisch Erkrankte auch überdurchschnittlich lang krankgeschrieben. Ich war wegen meines Dokumentationszwangs neun Monate im Krankenstand, davon neun Wochen in einer Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Ohne Therapie hätte ich das nicht geschafft…

Mittlerweile arbeite ich wieder regulär und gehe weiterhin regelmäßig zu einer ambulaten Verhaltenstherapie. Meine Zwangsstörungen sind meistens kein Thema mehr, weil ich meinen Dokumentierzwang in der Gruppentherapie überwunden habe und meine anderen Zwänge so weit im Griff habe, dass sie mich nicht mehr stören.

Ohne Therapie hätte ich das nie geschafft. Trotz all der tollen Ratgeber. Da bin ich mir sicher.
Zur Zeit lese ich wieder Andrew Matthews „Tu, was dir am Herzen liegt“.  Matthews gibt in seinen Welt-Bestsellern auch ganz viele Tipps, wie wir etwas gelassener mit unseren Problemen und auch den Fehlern anderer Menschen umgehen sollen. Und seine Ratgeber machen echt Spaß.

Aber wie sagte meine Mathematik-Lehrer immer: „Wenn ich weiß, wie man einen Handstand macht, heißt es noch lange nicht, dass ich auch einen zustande bringe“.

Das kann ich bestätigen. Ich kann auch keinen Handstand machen. Das muss ich auch nicht.
Aber ich muss mit meinen Problemen umgehen können, meinen Vorgesetzten und Kollegen, meiner Mutter, die mich regelmäßig anruft und im Oktober ihren 90. Geburtstag hat und manchmal auch mit den kleinen Marotten meines geliebten Ehemanns, der beim Autofahren und beim Einkaufen überhaupt keine Geduld hat und uns bei unserem letzten Großeinkauf fast unseren vorletzten Urlaubstag versaut hätte. Aber nur fast. Weil ich in der Therapie gelernt habe, wie ich mich von solchen Kleinigkeiten nicht klein kriegen lasse. Und weil ich jetzt auch vieles besser verstehen kann. Auch bei Mitmenschen, die ich mir nicht freiwillig ausgesucht habe.

Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich einen Platz in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen bekommen und auch eine gute ambulante Therapeutin gefunden habe.
Ich werde am Montag wieder gerne in die ambulante Therapie gehen – auch wenn dann
das Wochenende (und auch mein Urlaub) zu Ende ist.

Aber seit meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen gehe ich auch wieder viel lieber
in die Arbeit – und ich gehe auch gelassener mit meinen Problemen um  🙂

Lob und konstruktive Kritik

Jeden Freitag Nachmittag werden in der Gruppentherapie die Namen aller PatientInnen
auf ein Flipchart geschrieben. Dann muss jeder einen grünen und einen roten Pfeil vergeben:

Den Gruener_und_roter_Pfeilgrünen für etwas Positives, den roten für etwas, was man nicht
so optimal gefunden hat. Der grüne Pfeil symbolisiert also Lob oder Dank. 
Der rote Pfeil steht für konstruktive Kritik (die Betonung liegt auf konstruktiv).
Auf eine Person dürfen auch mehrere grüne und rote Pfeile abgeschossen werden.

Unterschiedliche Meinungen sind ganz normal

Ich bekomme einmal einen grünen und einen roten Pfeil dafür, wie ich meine Lebensgeschichte erzählt habe, weil zwei Patientinnen das unterschiedlich beurteilen. Die Patientin mit dem roten Pfeil meint, ich hätte mich an einem bestimmten Punkt kürzer fassen sollen (und ist mit dieser Meinung nicht allein). Die Patientin, die mir den grünen Pfeil gibt, bewundert, wie tapfer ich das durchgestanden habe.
Das ist ganz normal. Wie im richtigen Leben … Diese völlig unterschiedliche Einschätzung finden auch Ärtzin und Therapeutinnen richtig spannend.

Wir erfahren erst am Montag, was wir falsch gemacht haben

Wir müssen uns bis Montag gedulden, bis wir erfahren, womit wir unsere roten Pfeile verdient haben und was die anderen so viel besser gemacht haben, wenn wir bei den grünen Pfeilen leer
ausgegangen sind, obwohl wir uns doch die ganze Woche so sehr um die anderen bemüht haben.

Auch das ist ein Teil der Therapie: Diese Ungewissheit über das Wochenende auszuhalten,
ohne sich das Wochenende verderben zu lassen. Wir halten es alle aus, weil wir wissen,
dass die Kritik unsere MitpatientInnen immer von Herzen kommt und sie uns mit ihren
roten Pfeilen nicht verletzen wollen, sondern uns helfen, besser mit unseren Problemen
und Schwachstellen fertig zu werden.

Lob fällt leichter als Kritik

Trotzdem fällt uns allen Lob leichter als Kritik. Jeder könnte jede Woche  mehrere grüne Pfeile vergeben. Am liebsten würde ich jeden Montag der ganzen Gruppe dafür danken, dass sie so
toll zusammen halten, sich gegenseitig unterstützen, zuhören, trösten, aufmuntern, Hilfe anbieten… Leider dürfen wir nur einer Person unseren besonderen Dank oder ein dickes
Lob aussprechen.

Noch schwerer fällt es, einen Mitpatienten oder eine Mitpatientin vor versammelter Runde
zu kritisieren. Oft fällt uns partout nichts ein, was uns an einem anderen wirklich gestört hat.
Dann müssen wir eben irgendwelche Kleinigkeiten kritisieren, über die wir normalerweise
hinweg sehen würden. Wir wissen, dass der oder die andere weiß, dass es nicht böse gemeint ist.

„Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage…“

Konstruktive Kritik erteilen und Kritik annehmen sind wichtige Bestandteile der Therapie.
Die meisten von uns sind ziemlich konfliktscheu. Und das ist eines unserer ganz großen Probleme: Wir schlucken viel zu viel runter und stecken viel zu viel ein, anstatt dem anderen mal ordentlich die Meinung zu geigen. Und das oft schon unser ganzes Leben lang.

Einer Smiley_Mund_verklebtmeiner Standardsprüche lautet:
„Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage.“
Aber das ist meistens nicht so bedrohlich wie die Vorstellung,
wie die anderen reagieren könnten, WENN ich sagen würde,
was ich tatsächlich denke, z. B. meine früheren Chefs oder meine Mutter.
Allein bei dem Gedanken schnürt sich mir schon der Hals zu. Also lieber
Klappe halten und versuchen, anderweitig damit fertig zu werden. Zwangsläufig. Oder zwanghaft…

Der richtige Umgang mit Kritik

In der Gruppentherapie lernen wir, besser mit Kritik umzugehen. Unsere Mitpatienten machen
uns keine halbherzige Komplimente oder hauen uns unsere jüngsten Fehltritte um die Ohren.
Ganz im Gegenteil. Jeder muss erklären, warum er dem anderen einen grünen oder roten Pfeil gegeben hat und welche Gefühle das bei ihm ausgelöst hat. Dabei sitzen sich die beiden „Kontrahenten“ direkt gegenüber und schauen sich in die Augen.

Hier ein konkretes Beispiel:

GrübelBetty, du bekommst von mir heute einen roten Pfeil, weil ich es schade fand,
dass du am Dienstag mein Kompliment nicht angenommen hast. Du hast da in einer
knappen Stunde auf deinem Laptop eine ganz tolle Collage gemacht, wie du dir deinen
optimalen Arbeitsplatz vorstellen würdest. Ich habe gesagt:
„Dafür würde ich eine ganze Woche brauchen. Und dann bekäme ich es wahrscheinlich
immer noch nicht so gut hin.“
Du hast geantwortet: „Ich mache das schon seit Jahren beruflich!“ anstatt dich über mein Kompliment zu freuen. Das hat mich echt traurig gemacht!

ScDepressivheinbar macht es meinen Mitpatienten immer noch traurig,
als er sich diese Szene ins Gedächtnis ruft. Obwohl das schon fast
eine Woche her ist. Ich muss erst einmal tief durchatmen und dann wiederholen, was mir mein Gegenüber gerade mitgeteilt hat:
„Du hast mir heute einen roten Pfeil gegeben, weil ich am Dienstag
dein Kompliment nicht angenommen habe (…) Das hat dich traurig gemacht. Danke, dass du mir das gesagt hast.“

Nicht sofort verteidigen und Kritik zunächst nicht bewerten

Verteidigen darf ich mich jetzt nicht. Ich darf die Kritik an mir auch nicht bewerten,
auch dann nicht, wenn ich sie für ungerechtfertigt halte.

Einmal bekomme ich einen roten Pfeil, weil ich den Tischdienst nicht machen wollte, weil ich ausgerechnet in dieser Woche eine Erkältung mit Husten und Schnupfen habe.

Hier muss ich etwas tiefer Luft holen als bei der absolut gerechtfertigten Kritik,
dass ich kein Lob annehmen kann. Ich darf meiner jungen Mitpatientin nicht sagen,
was Sache ist: Dass es doch total blöd ist, ausgerechnet dann den Tischdienst zu übernehmen,
wenn ich nicht fit bin. Ich bin noch ein paar Wochen da und habe noch genug Gelegenheit, diese Aufgabe zu übernehmen. Und abgesehen davon haben einige in der Gruppe eine Keimphobie.
Ich möchte nicht wissen, wie die reagieren, wenn ich ihnen ins Essen huste oder niese.
Das sollte sie eigentlich am besten wissen – mit ihrer Angst, sich durch Essen oder Trinken
zu vergiften. Diese Kritik kommt echt genau von der Richtigen…!

Mit scheinbar ungerechtfertigte Kritik konstruktiv umgehen

Das wäre wohl die „normale“ Reaktion auf ungerechtfertigte Kritik.
In der Therapie muss ich mich beherrschen und ganz ruhig und sachlich wiederholen,
was meine Mitpatientin an mir gestört hat. Ich darf mich auch nicht rechtfertigen. Noch nicht.

Nach der Stunde darf ich natürlich erklären, dass ich den Tischdienst wegen
meiner Erkältung nicht machen wollte. Passenderweise mache ich das beim Mittagessen, damit auch die anderen mitkriegen, dass ich mich nicht drücken wollte.

Die Patientin, deren roter Pfeil für mich eher ein rotes Tuch war, fragt dann ganz besorgt
nach,  ob ich vielleicht ein Problem mit dem Tischdienst hätte. Das gibt es nämlich auch,
dass sich jemand keine Tabletts anfassen traut oder Angst hat, dass seine Keime auf
andere übertragen werden, wenn sie etwas anfassen, was sie vorher in der Hand hatten.
Ein paar Wochen später stößt tatsächlich eine Patientin zu unserer Gruppe, die genau diese Probleme hat.

Ich kann alle beruhigen: Es war wirklch nur wegen der Erkältung. Wenn ich eine Keimphobie
hätte, hätte ich es gesagt. Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass wir offen über alles reden können – auch über etwas, was uns an jemandem nicht passt. Ruhig und sachlich und bei Bedarf mit konstruktiver Kritik.

Gruener_und_roter_PfeilMeistens treffen auch die roten Pfeile ins Schwarze.
Und jeder Pfeil bringt uns ein Stück weiter auf unserem Weg:
Raus aus dem Zwang und zurück in ein zwangfreies Leben.

Keine Sorge – Selbstfürsorge

Selbstfürsorge wird in der Therapie groß geschrieben.

Das ist das absolute Kontrastprogramm zu dem, was unsere Eltern Jahre lang gepredigt haben:
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ – „Ohne Fleiß kein Preis“
„Müßiggang ist aller Laster Anfang“
„Ich hatte es nicht so schön, als ich in deinem Alter war. Ich musste den ganzen Tag arbeiten“.
„Für so was habe ich keine Zeit. Ich habe noch nie ein Fitnessstudio gebraucht oder oder
musste zum Schwimmen oder Joggen. Ich habe daheim genug Arbeit…“

Habt ihr das auch so oft gehört, dass ihr es nicht mehr hören könnt ?
Dann geht es euch so wie mir und meinen Mitpatienten und Mitpatientinnen aus der Klinik
(und zigtausend anderen…)

Vielleicht denkt ihr mal kurz über folgende Fragen nach
(muss nicht gleich sein, ist nur eine Anregung…)

a) Wie ging es euch dabei als Kind ?
b) Wie habt ihr als Jugendliche darüber gedacht ?
c) Wie denkt ihr jetzt darüber ?
d) Was würde ein Therapeut dazu sagen ?

Therpeuten sind sich einig: Das Zauberwort heißt „Selbstfürsorge.“

In der Therapie sollen wir uns nach besonders anstrengenden Aktivitäten mindestens
eine Viertelstunde Zeit für uns selbst nehmen. In dieser Zeit sollen wir etwas machen,
was uns gut tut: Musik hören, spazieren gehen, lesen, einen Tee trinken…
Auch Videospiele auf dem Handy sind erlaubt.
Hauptsache, es geht uns gut dabei und wir können wieder Kraft tanken für die nächsten anstrengenden Herausforderungen.

Selbstfürsorge ist auch im Alltag wichtig. Auch am Arbeitsplatz.
Das hat mir vor kurzem auch meine Therapeutin klar gemacht, als sie mir dringend geraten
hat, regelmäßig Pausen einzulegen. Ihr guter Rat hat sich bewährt und mich zu einem weiteren
Beitrag inspiriert.

Ich werde auch weiterhin viel Wert auf Selbstfürsorge legen. Deshalb schließe ich meine
Arbeitam PC für heute ab und genieße mein freies Wochenende bei strahlendem Sonnenschein,
mit einem guten Buch und einer Tasse Kaffee und einem Stück selbst gebackenem Kirschkuchen.

Morgen ist auch noch ein Tag zum Bloggen…

Schließlich will ich nicht irgendwann einen Blog über Burnout machen…

Exposition in der Psychotherapie – Stelle dich deinen Zwängen

Es gibt noch eine Steigerung zur Befürchtungskette: Die Exposition, kurz Expo.
Hier begibst du dich bewusst in Situationen, die du normalerweise vermeiden möchtest
und versuchst, keine Zwänge auszuüben. Am Anfang ist eine Therapeutin dabei, meistens
musst du da aber allein durch.
Am Ende sollst du noch eine Viertelstunde für Selbstfürsorge reservieren, sprich:
Du sollst dir zur Belohnung etwas Gutes gönnen, z. B. Musik hören, einen Tee trinken,
ein wenig spazieren. Alles, was dir gut tut und entspannt.
Anschließend werden die Erfahrungen in der Gruppe besprochen.
Da ist grundsätzlich eine Therapeutin dabei. Und das ist auch gut so.

Skulptur_SitzendNachdem ich keine klassische Zwangsstörung habe, verbringe ich die
Expo-Zeit meistens mit Befürchtungsketten – oder wie ich es nenne –
mit „therapeutischem Grübeln“. Eigentlich möchte ich weniger grübeln
und mir weniger Sorgen um meine Zukunft machen.
Jetzt muss ich mir ständig die schlimmsten Szenarien vorstellen…
Dann auch noch aufschreiben, was mir so durch den Kopf geht.
Ich muss also meine Befürchtungsketten dokumentieren.
Obwohl ich wegen eines Dokumentierzwangs in Behandlung bin
und Jahre lang zwanghaft alles aufschreiben musste.
Irgendwie paradox. Aber es geht nicht anders. Und es hilft. Irre.

Klassische Beispiele für Expositionen in der Zwangstherapie

Und es ist bei weitem nicht so schlimm wie das, was meine Mitpatientinnen und Mitpatienten
in der Expo-Zeit über sich ergehen lassen müssen. Bei mir spielen sich die potentiellen Dramen
nur im Kopf ab. Die anderen müssen sich ihren schlimmsten Ängsten in der realen Welt stellen:
So wie jemand mit Höhenangst auf eine hohe Brücke oder einen hohen Turm steigen und dann ganz tapfer runter schauen muss.

Eine junge Patientin mit Kontrollzwang darf am Morgen nichts kontrollieren, bevor sie aus dem Haus geht und muss mit der Vorstellung fertig werden, dass der Herd noch eingeschaltet ist und das ganze Haus abbrennt mit allem, was sie hat incl. ihrem geliebten Haustier.

Toilette

Einige Patienten und Patientinnen mit einer Schmutzphobie müssen
in einer Toilette in der U-Bahn-Station alles anfassen und dürfen sich
erst vor dem Mittagessen wieder die Hände waschen – also nach 1,5 Stunden.
(Das Foto ist nicht an der U-Bahnstation bei der Klinik aufgenommen).

Mehrere Patientinnen und Patienten, die wegen ihrer Schmutzphobie öffentliche Verkehrsmittel meiden, müssen mit einer Therapeutin in die U-Bahn steigen und an alle möglichen Stellen hin fassen, wo es besonders dreckig ist. Und sich natürlich auch hinsetzen – egal, wie schmutzig die Sitze sein könnten. Natürlich dürfen auch sie sich erst vor dem Essen die Hände waschen.
Und umziehen geht natürlich gar nicht. Zu Hause würden sie sofort die getragene Kleidung
in die Waschmaschine werfen. Jetzt müssen sie die schmutzige Hose den ganzen Tag anbehalten.
Sie halten es aus – auch wenn es ihnen am Anfang schwer fällt. Aber mit der Zeit wird es
leichter und irgendwann kommen die meisten ganz gut klar.

Eine Patientin mit Ordnungs- und Putzzwang muss in ihrer Wohnung und in ihren Taschen bewusst Unordnung schaffen und darf Tage lang nicht aufräumen. Nach ein paar Wochen
gelingt ihr das sehr gut.

Der Patient neben mir, der ebenfalls unter einem Ordnungs- und Putzzwang leidet und ständig befürchtet, dass seine Sachen kaputt gehen könnten, muss seine Jacke achtlos über einen Stuhl neben der Tür werfen, der zu allem Überfluss direkt neben dem Mülleimer steht.

Gift-Warnschild

Eine junge Patientin, die unter der ständigen Angst leidet, sich mit etwas
zu vergiften, muss einen Cappuccino aus der Tankstelle neben einer Eibe trinken und dann die Vorstellung ertragen, dass irgendwas mit dem Tankstellen-Kaffee nicht in Ordnung gewesen sein könnte und sie sich
an der Eibe vergiftet hat. Dass Eiben giftig sind, wusste bisher keiner.
Die meisten wussten nicht einmal, wie eine Eibe aussieht geschweige
denn, dass eine direkt neben der U-Bahn-Station steht.
Die Patientin wird von ihrem Mann mit dem Auto in die Klinik gebracht und wieder abgeholt,
weil sie sich weder öffentliche Verkehrsmittel benutzen noch selbst Auto fahren traut.
Am Ende der Therapie kommt die junge Frau selbst mit dem Auto oder mit der U-Bahn
und sie traut sich auch alles essen und trinken – sogar neben der giftigen Eibe.

DepressivIch muss wohl nicht schildern, welche Dramen sich nach den Expos
in unserem Gruppenraum abspielen. Da kommen mir meine Zukunftsängste plötzlich klein und nichtig vor.
Ich sitze wie fest gewurzelt auf meinem Stuhl und höre mir fassungslos
all die Ängste an, die diese netten Leute um mich herum durchstehen.
Ich halte die Luft an. Ich höre unbewusst auf zu atmen.
Mein Hals wird immer enger.
Am liebsten würde ich weinen. Aber ich kann nicht. Ich bin in neun Wochen die einzige,
die nie weint. Oft weinen nicht (nur) diejenigen, die gerade über ihre schlimmsten
Befürchtungen reden, sondern auch andere. Männer und Frauen gleichermaßen.
Alle außer mir.

Ich höre nur zu und weiß, dass ich jetzt nichts sagen darf. Den anderen nicht gut zureden darf.
Bei der Expo darf man keine Beruhiger einsetzen. Da muss man einfach durch.
Die Betroffenen und die anderen in der Gruppe, die genauso betroffen sind von all dem Elend,
das sie hier zu hören bekommen. Die die Sorgen und Nöte mit ihren MitpatientInnen teilen,
die schon lange zu Freunden geworden sind.

Gruppentherapie ist hart. Aber sie hilft.

Gruppentherapie ist hart – und hilft

Im Alltag sind wir mit unseren Ängsten, Sorgen und Problemen oft allein. Meistens können
wir mit keinem über unsere Zwänge reden reden, weil uns die anderen sonst für verrückt
erklären. Also sagen wir nichts und begehen Zwangshandlungen. Wir wollen das nicht.
Aber wir müssen.

In der Gruppentherapie schüttelt keiner über uns den Kopf oder sagt irgendwas Blödes,
wie „Stell dich nicht so an!“ oder „Du bist doch verrückt.“

Hier versteht jeder die Probleme des anderen oder versucht zumindest, sie zu verstehen.
Jeder akzeptiert jeden so, wie er oder sie ist. Und jeder will dem anderen helfen.

Ich hSkulptur_Gemeinsschaft02abe selten einen so starken Zusammenhalt erlebt wie in der
Gruppentherapie in der Tagesklinik. Wir sind nicht nur ein paar
Leute mit einer psychischen Krankheit. Wir sind eine Schicksals-
gemeinschaft, Freunde, fast wie eine Familie. Wie die Familie,
die wir uns alle gewünscht hätten und nicht hatten. Unsere neue
Familie hilft uns, mit unseren Zwängen fertig zu werden.

Mir hat die Gruppentherapie geholfen. Meinen Freunden auch.
Ich bin froh und dankbar, dass ich all diese netten Leute kennen lernen durfte,
die mir so oft Mut zugesprochen haben oder einen Rat von mir angenommen
und mir das Gefühl gegeben haben, etwas Gutes bewirken zu können.

Für euch alle mache ich diesen Blog. Und auch für alle anderen, die ähnliche Probleme
haben und vielleicht noch nicht den Mut finden, eine Gruppentherapie zu machen.

Schilder-Zwang-Lebensfreude-Selbtbestimmung_Zeit.jpg

Ich habe meine Zwangsstörung überwunden.
Auch meinen MitpatientInnen geht nach der Therapie
zumindest deutlich besser. Auch ihr könnt es schaffen !
Raus aus dem Zwang. Rein in ein besseres Leben!

Befürchtungskette

„Therapeutisches Grübeln“: Die Befürchtungskette

Befürchtungskette – fürchterliches Wort. Und es ist tatsächlich so schlimm, wie es sich anhört.
Wenn sich der Zwang meldet, sollen wir keine Zwangshandlung ausführen, sondern in die „Befürchtungskette“ gehen. Sprich: Wir sollen uns vorstellen, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn wir die Zwangshandlung jetzt nicht ausführen. Und zwar bis zum bitteren Ende.

Hier eine klassische Befürchtungskette bei Kontrollzwang:

Brennendes Haus

Ich habe am Morgen den Herd nicht ausgeschaltet und bin den ganzen Tag nicht zu Hause. Der Herd löst einen Zimmerbrand aus. Meine ganze Wohnung brennt aus und ich verliere alles, was ich habe. Mein geliebtes Haustier geht elendig zu Grunde. Das ganze Haus brennt ab. Meine Nachbarn verlieren auch alles, was sie haben. Das Baby der Frau im ersten Stock stirbt bei dem Brand. Meine gehbehinderte Nachbarin kommt auch nicht mehr raus und stirbt auch. Das ganze Haus brennt ab, Menschen sterben und ich bin an allem schuld, weil ich den Herd angelassen habe.
Ich komme ins Gefängnis. Ich verliere meinen Arbeitsplatz. Ich habe keine Freunde mehr.
Keiner will mehr etwas mit mir zu tun haben. Ich stehe völlig allein da – ohne alles, ohne Freunde. Und ich bin schuld, dass auch meine Nachbarn alles verloren haben. Ich bin ein fürchterlicher Mensch.

Hier eine klassische Reaktion eines hilfsbereiten Menschen mit „Normalverhalten:“

Ganz ruhig ! Du hast einen Induktionsherd. Da kann gar nichts durchbrennen !
Und außerdem: Hast du den Herd am Morgen überhaupt eingeschaltet ?
Du frühstückst doch immer Tee und ein Müsli.

Hier die klassische Reaktion auf die hilfsbereite Reaktion des unwissenden Neulings in der Gruppentherapie:

„Du darfst jetzt nichts sagen ! Bei der Befürchtungskette darf man keine Beruhiger einsetzen !“
Die Therapeutin stimmt zu. Mein Engagement ehrt mich. Aber bei der Befürchtungkette darf
ich niemandem helfen. Da muss man durch. Das gehört zur Therapie.

DAS soll Therapie sein ?

Ich bin fertig. DAS soll THERAPIE sein ? Für mich ist das „Tierquälerei“. Das sage ich immer,
wenn mir die Worte fehlen oder ich einfach nicht aussprechen kann oder will, was man einem Menschen antut. Das richtige Wort wäre hier wohl „Psychoterror“.

Aber wir sind in einer psychosomatischen Tagesklinik, die einen sehr guten Ruf genießt,
speziell bei der Behandlung von Zwangsstörungen. Die wissen sicher, was sie tun.

Langsam befürchte ich, dass mein Mann Recht haben könnte. Dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden könnten: Dass mich die Therapie noch fertiger macht als
ich schon bin. Weil ich eigentlich keine klassische Zwangsstörung habe und jetzt mit
Problemen und Ängsten konfrontiert werde, die ich mir bisher gar nicht vorstellen konnte.

Kein Wunder, dass Zwang die heimliche Krankheit ist. Ich habe auch keinem gesagt,
dass ich alles aufschreiben muss, egal wie unwichtig es ist. Weil das keiner nachvollziehen
kann, der es selbst nicht tut.

Was passiert nun, wenn ich nichts mehr aufschreibe ?

Ich werde nervös, unruhig. Denke ständig an das, was ich aufschreiben möchte,
dass ich schreiben möchte. Oder es aufschreiben muss.
Und wenn ich es tatsächlich nicht aufschreibe ? Was passiert dann im schlimmsten Fall ?
Schlimmstenfalls vergesse ich es.
Und dann ?
Eigentlich ist es meistens egal. Ich lese den Mist hinterher sowieso nicht mehr.
Und wenn es was Wichtiges war, fällt es mir vermutlich auch wieder ein.
Und wenn es mir nicht mehr einfällt ? Was passiert dann ?
Keine Ahnung. Kommt drauf an, ob es wirklich wichtig war. Aber ich bin ziemlich sicher,
dass es keinem anderen so sehr schadet oder dass es so weit kommt, dass keiner mehr mit
mir redet. Bei mir ist das Problem eher umgekehrt: Einige Leuten reden vielleicht nicht mehr
mit mir, WEIL ich alles aufgeschrieben habe. Und gegen sie verwenden könnte, allem voran
mein Chef und meine Kollegen.

Damit steht meine Befürchtungskette fest:

Ich soll mir vorstellen, wie es ist, wenn ich wieder in die Arbeit zurück kehre. Wie es mir dann geht. In meinem ungeliebten Beruf, der mir schon über 20 Jahre das Leben schwer macht. Mit ausschließlich männlichen Kollegen, die vorher schon vieles nicht verstanden haben. Und jetzt vielleicht Dinge über mich wissen, die sie nie hätten erfahren sollen. Nicht nur von meiner Zwangsstörung, sondern vielleicht auch sehr persönliche Dinge, die ich aufgeschrieben habe. Natürlich dürfen die das nicht lesen – nicht ohne Zustimmung der Personalstelle und des Personalrats. Und der will definitiv NICHT zustimmen, nicht nur, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch Personalratsmitglied bin. Wollen die Leute vom Personalrat dann eigentlich noch was mit
mir zu tun haben ? Die müssen – wohl oder übel. Von Amts wegen. Dafür sind sie gewählt worden. Aber wollen die mir dann noch helfen ? Oder stehe ich am Ende so da wie die Frau mit Kontrollzwang, die sich vorstellt, dass ihre kleine Katze verbrennt und sie und ihr Freund und ihre Nachbarn alles verlieren und keiner mehr mit ihr redet, weil sie an allem Schuld ist…

„Therapeutisches Grübeln“ im „Unruhe-Raum“

Skulptur_SitzendDie Befürchtungskette ist wirklich so schlimm wie es sich anhört.
Oder sogar noch schlimmer.
Um dem ganzen ein wenig seinen Schrecken zu nehmen,
taufe ich dieses bewährte Instrument in der Zwangstherapie um
in „Therapeutisches Grübeln“. Dann gehe ich in den Ruheraum,
den ich ab jetzt „Unruheraum“ nenne, lege mich auf eine der Liegen
beim Fenster, schließe die Augen und stelle mir meine Rückkehr an
den Arbeitsplatz vor – mit allen Konsequenzen für meine Gesundheit
und mein seelisches Befinden.
Am Ende lande ich wieder in der psychosomatischen Tagesklinik.
Vielleicht nicht in der Zwangsgruppe, sondern in einer der Depressions-Gruppen, vermutlich bei Depression und Angststörungen.

Die Therapiegruppe hilft

Aber damit könnte ich leben. Die Gruppentherapie jagt mir keine Angst mehr ein.
Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. So hart es ist, sich seinen Ängsten
und Dämonen zu stellen: In der Therapie ist man mit seinen Problemen nicht allein. Nach einer Stunde treffe ich wieder auf meine Therapiegruppe und kann über alles reden, auch über meine schlimmsten Befürchtungen, die mein Chef und meine Kollegen nie nachvollziehen könnten.
Und meine Mitpatientinnen und Mitpatienten reden über ihre schlimmsten Befürchtungen und irrationalen Ängste, die jemandem ohne Kontrollzwang, Waschzwang oder Schmutzphobie so bizarr erscheinen, dass es auch mir oft schwer fällt, das eine oder andere nachzuvollziehen.
Aber ich höre aufmerksam zu, stehe ab und zu auf, um jemandem die Schachtel mit den Tissue-Tüchern zu reichen, um sich die Tränen zu trocknen und fühle mich unheimlich verbunden mit diesen freundlichen und sympathischen Menschen, die scheinbar noch viel größere Probleme
haben wie ich.

Skulptur_Gemeinsschaft02Und nach der Stunde darf ich auch wieder beruhigen, aufmuntern,
helfen und trösten. Oder einen kleinen Scherz machen, um die Situation wieder ein wenig aufzulockern. Wenn mir nicht ein anderer zuvorkommt.

Denn so hart die Therapie ist: Man wird immer aufgefangen und kann sich bei jemandem ausweinen, der Verständnis zeigt. Und manchmal fließen die Tränen auch vom Lachen.

Weiter zum nächsten Schritt: Stelle dich deinen Zwängen – die Exposition

Die „Lachsamkeit“

In der Gruppentherapie beginnt jeder Tag mit einer Achtsamkeitsübung.
Achtsamkeit muss nicht unbedingt entspannend wirken.
Natürlich kann das ein angenehmer Nebeneffekt sein.
Manchmal kann Achtsamkeit auch richtig Spaß machen.

Smiley-lachend

Wenn beispielsweise ein Patient plölzlich zu lachen beginnt und
gar nicht mehr aufhören kann. Lachen ist die beste Medizin.
Und Lachen wirkt ansteckend. Auch in der Therapie.
Und schon ist es vorbei mit der Achtsamkeit.
Bei den meisten zumindest. Bei mir natürlich auch.

Die Therapeutin findet das nicht so lustig. Sie nimmt ihren Beruf ernst und dazu gehört auch
die Achtsamkeit am Beginn des Tages. Damit sich alle auf die nachfolgende Therapie einstellen können. Im Hier und Jetzt ankommen. Sich auf das konzentrieren, was in den nächsten Stunden
auf uns zukommt. Auch auf das, was die anderen uns mitzuteilen haben. Teilen wird groß geschrieben in der Therapie. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Auch wenn der Zeitpunkt gerade ziemlich ungünstig ist. Ungefähr so, wie wenn jemand Grimassen schneidet, während man einen Vortrag halten soll oder ein Referat in der Schule.
Und dann versucht einer, dich draus zu bringen. Und natürlich kannst du nicht mehr weg schauen. Je mehr du dich bemühst, den Klassenclown zu ignorieren, umso schlimmer wird es.
Genauso ist es, wenn man mit allen Mitteln versucht, nicht zu lachen. Das klappt einfach nicht.

Es ist endgültig vorbei mit der Achtsamkeit

Der Patient, der ungewollt für die kleine Aufmunterung zum falschen Zeitpunkt gesorgt
hat, wird zur Rede gestellt und muss sich für sein ungebührliches Verhalten entschuldigen.
Unser Spaßvogel war einmal in einer stationären Klinik und da war ein anderer Patient,
der sich immer über die Achtsamkeit lustig gemacht hat. Natürlich nicht während der
Therapie, aber in den Pausen.
Und das ist ihm jetzt eingefallen und er konnte sich einfach nicht mehr beherrschen.
Er wird aber versuchen, das in Zukunft zu unterdrücken. Sonst muss er sofort raus gehen,
wenn er wieder lachen muss.

Lachen gegen Depressionen

Natürlich fragen wir in der nächsten Pause sofort nach Details. Unser Mitpatient, der wegen Depressionen in stationärer Behandlung war und immer wieder von schweren Depressionen geplagt wird, legt sein ganzes schauspielerisches Talent an den Tag und imitiert seinen
ehemaligen Mitpatienten aus der Depressions-Therapie.

Wer uns hier beobachtet, kann sich vermutlich gar nicht vorstellen, dass wir unter so ernsthaften psychischen Problemen leiden, dass wir eine teilstationäre Therapie brauchen.

Und ich kann mir kaum vorstellen, dass bei der nächsten Achtsamkeit irgendjemand ernst bleiben kann, der jetzt dabei ist. Zum Glück sind wir nur zu fünft. Die anderen haben gerade etwas anderes zu tun.

Achtsamkeit und „Lachsamkeit“

Wir taufen die Achtsamkeit um in „Lachsamkeit“. Aber natürlich ist uns durchaus bewusst,
dass Achtsamkeit eine sehr wichtige Funktion erfüllt – nicht nur in der Therapie.
Achtsamkeit kann auch im Alltag helfen, das Gedankenkarrusell im Kopf zu stoppen
und sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und im Hier und Jetzt zu leben –
und nicht in einer Katastrophenwelt, die uns unsere Zwänge vorgaukeln.

Und so schaffen wir es auch meistens, einigermaßen ernst zu bleiben bei den Achtsamkeits-Übungen. Auch unser unfreiwilliger Spaßvogel hat irgendwann die Kurve gekriegt und muss
nicht jedes Mal den Raum verlassen, damit die anderen nicht in ihrer Achtsamkeit gestört werden. Aber in den Pausen ist „Lachsamkeit“ immer wieder ein Thema.

Smile-lächelndIch denke noch oft und gerne an die „Lachsamkeit“ in der Therapie zurück.
Das bringt immer wieder ein Lächeln auf mein Gesicht und einen schönen
Moment in meinen Alltag.

Mir hat dieser Beitrag richtig Spaß gemacht. Ich hoffe, euch auch !

Du bist nicht allein

Skulptur_GemeinsschaftDer Empfang in der Tagesklinik ist herzlich.
Der Rundgang mit der freundlichen Dame von der Anmeldung
endet in der Cafeteria, in der jede Gruppe einen eigenen Tisch hat.
Die Zwangsgruppe sitzt zwischen Depressionen 1 und Depressionen 2.
Gegenüber sind die jungen Erwachsenen (also die 18-25-Jährigen).
Ganz hinten – gegenüber vom Kaffeeautomaten – sitzt die Angstgruppe.
Bis 9 Uhr gibt es Kaffee und Butterbrezen gratis.

An unserem Tisch sitzt bisher nur ein Patient und liest Zeitung.
Wir stellen uns vor. Er heißt Markus (Name geändert). Wie mein Chef.
Das fängt ja schon gut an … (Zwang lass nach !!!)

Natürlich frage ich ihn sofort, weshalb er hier ist. Mein Mitpatient leidet an einem Waschzwang und an einer Schmutzphobie – beides sehr verbreitet. Damit hatte ich gerechnet.
Markus hat auch Probleme, den Tischabfallbehälter anzufassen – wegen seiner Schmutzphobie.

Und er kann es kaum glauben, dass ich überhaupt keinen Waschzwang habe und mich auch
alles anfassen traue. Von einem „Dokumentationszwang“ hat er noch nie etwas gehört.
Der ist auch ziemlich selten. (Ich brauche halt immer was Besonderes…)
Und schon kommt wieder die Befürchtung hoch, dass ich hier nicht richtig rein passen könnte.
Es folgen weitere Patienten mit Wasch- und Kontrollzwängen. Scheinbar alles „Standard-Fälle“…

Aber alle sind total nett und scheinbar auch sehr vertraut miteinander. Kein Wunder –
einige sind schon seit 6-8 Wochen da. Der letzte Patient, der ankommt, wird schon
in ein paar Tagen entlassen. Er hat so viele Zwänge, dass die Zeit nicht mehr reicht
bis zum Beginn der ersten Therapiestunde um 9 Uhr.

Da stellen sich sowieso alle ganz offiziell vor – mit Namen, Alter und den Zwängen,
wegen denen sie hier sind. Viele leiden u. a. an „Grübel-Zwängen“. Ich wusste gar nicht,
dass Grübeln eine Zwangsstörung ist… (Im Laufe der Therapie stellt sich allerdings heraus,
dass meine Grübeleien eher depressiv als zwanghaft sind).

Von einem „Dokumentierzwang“ oder „Schreibzwang“ hat tatsächlich noch niemand gehört.
Allerdings habe ich auch nichts von vielen Problemen gehört, unter denen meine Mitpatientinnen und Mitpatienten leiden.

Zwang ist sehr vielseitig. Und ein Zwang kommt selten allein. Alle im Raum leiden unter
mehreren Zwangsstörungen – genau wie ich.

Ich bin nicht mehr allein. Endlich kann ich offen über alles reden – in einem geschützten Umfeld, in dem nichts gegen mich verwendet werden kann.
Reden ist besser als Schreiben – vor allem, wenn man unter einem „Dokumentierzwang“ leidet.

Gruppentherapie – hart aber herzlich

Angst vor den Folgen der Gruppentherapie bei Zwangsstörungen

Mein Mann, der in einem psychiatrischen Klinik in der Haustechnik arbeitet, hat Angst,
dass ich die Therapie nicht schaffe, sondern dass sie mich schafft. Dass es mir dann noch
schlechter geht als zuvor. Und ich noch einen weiteren Knacks weg kriege und dann
gar nicht mehr klar komme. Diese Angst haben sicher viele, die sich in Therapie begeben.

Trotzdem fahre ich nach den ersten Tagen leichter mit dem Zug in die Klinik als all die

Jahre mit dem Fahrrad in die Arbeit. Obwohl ich nur halbtags arbeite und Mittag schon
wieder heim radeln kann. Und mich die meiste Zeit in meinem Einzelbüro verkrümeln
und vor mich hin frusteln kann.

In der Klinik muss ich bis 16 Uhr bleiben und bin fast ausschließlich in Gruppentherapie für Zwangsstörungen.

Ab der zweiten Woche übernachte ich in einem nahe gelegenen Budget-Hotel, sprich in
einer spartanisch eingerichteten Schuhschachtel für 58 € pro Nacht (ohne Frühstück)
und mit Blick auf den Parkplatz vom Discounter nebenan, weil mir das Pendeln auf
Dauer zu anstrengend wird.

Menschliche Abgründe und viele Tränen

In der Gruppentherapie blicke ab dem ersten Tag in menschliche Abgründe.
Das soll die nächsten Wochen so bleiben. Nach der einstündigen „Exposition
(da konfrontiert man sich ab der dritten Woche mit aller Gewalt seinen Zwängen)
kommt eine Frau aus meiner Gruppe Tränen überströmt in den Gruppenraum zurück
und klagt, dass sie das einfach nicht schafft. Eine Mitpatientin nimmt sie sofort in den
Arm und versichert ihr, dass es ihr genau so geht bei den Expos. Das ist ganz normal…

Jetzt weiß ich also, was auf mich zukommt. Vorerst habe ich noch „Schonfrist“.
In den ersten beiden Wochen soll ich nur beobachten und von den anderen lernen,
wie das hier abläuft. Und Stapelweise Fragebögen ausfüllen: Über meine Kindheit,
mein Leben, meine Ängste und und und … Alles, was ich am liebsten ganz weit
hinter mir lassen würde, muss ich jetzt dokumentieren. Das Wichtigste wird in
der Gruppe besprochen und analysiert. Unter therapeutischer Aufsicht, manchmal
ist auch die Ärztin dabei.

Besonders schlimm sind die Tage, an denen die Neuzugänge ihre Lebens- und Leidens-
geschichte erzählen. Zunächst nur der Gruppe – ohne Therapeuten. Ein paar Tage später
wird das ganze dann wiederholt: Mit Ärztin und Therapeuten. Und nach Ursachen und Lösungsansätzen gesucht. Das gehört zu den härtesten Aktionen in der ganzen Therapie.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht mindestens eine/r meiner LeidensgenossInnen
in Tränen ausbricht oder sogar einen psychischen Zusammenbruch erleidet.
Einige erzählen in der Gruppe zum ersten Mal von ihrer Zwangsstörung oder den
schrecklichen Ereignissen in ihrem Leben, die zu ihrer Krankheit geführt hat.

Wir sitzen alle in einem Boot

In meinem Kopf bildet sich der Slogan: „Zwang ist die heimliche Art, unheimlich zu leiden.
Ich sitze teilweise wie angewurzelt auf meinem Stuhl und kann es kaum fassen, was ich hier
alles anhören muss. Von all den netten und liebenswürdigen Menschen um mich herum,
die mich am Morgen so herzlich aufgenommen und mir sofort das Gefühl gegeben haben,
dazu zu gehören. Obwohl ich ganz andere Probleme habe als alle anderen im Raum

Offenheit, Zustimmung und Anerkennung

Eigentlich bin ich die „Exotin vom Dienst“. Und trotzdem fühle ich mich zugehörig.
Weil wir „alle in einem Boot sitzen“ – wie ich in den nächsten Wochen unzählige Male
sagen werde. „Wir sind alle aus demselben Grund hier: Wegen einer Zwangsstörung.
Nur hat halt jeder unterschiedliche Symptome. Aber wir haben alle dieselbe Krankheit“.
Und die Leute um mich herum geben mir Recht. Ich erfahre Zustimmung und Anerkennung.
Ich kann anderen den einen oder anderen guten Rat geben oder zumindest Trost spenden.
Ich gewinne neue Freunde und werde selbst zum Freund.
Und ich kann endlich offen über meine Probleme sprechen, die jemand mit „Normalverhalten“ wohl kaum verstehen kann.
Das ist meine große Chance: Raus aus dem Zwang und zurück in ein zwangsfreies Leben.