Wer steckt hinter dem Inneren Kritiker?

Wer steckt hinter dem Inneren Kritiker ?

Was würden wir zu unserem besten Freund oder unserer besten Freundin sagen,
wenn er/sie glaubt, einen Fehler gemacht zu haben ?

a)   Etwas in der Richtung von:

Nimm’s nicht so tragisch. Das kann doch mal passieren !
Gut, dass dir auch mal so was passiert ! Das macht dich so menschlich … 🙂
(Version für Ehepartner)
Das passiert jedem mal ! Noboody is perfect ! Nicht mal du oder ich 🙂
Okay, du hast einen Fehler gemacht. Das kann man nicht mehr rückgängig machen.
Jetzt beruhige dich erst mal und dann schauen wir, was wir da machen können.
Möchtest du etwas trinken oder irgendwohin gehen, wo wir in Ruhe reden können ?

ODER

b)   Eher etwas wie:

Das gibt’s doch nicht ! Kannst du denn NIE was richtig machen !
Jetzt habe ich dir das schon hundert Mal gesagt und du hast es immer noch nicht kapiert !
Bist du denn total bescheuert ?
So doof kann man doch gar nicht sein !
Jetzt stell dich nicht so an !
Du kannst echt GAR nichts !
Mit dir hat man nur noch Probleme ! Du bringst mich noch ins Grab ! (beliebt in Familien…)

Was würdet Ihr lieber hören ? Eine Antwort aus     a) oder b) ?
Was würdet Ihr zu einem netten Menschen sagen, dem es gerade nicht gut geht ?   a) oder b) ?
Vermutlich a), oder ? Das hoffe ich zumindest…

Was sagt unser „Innerer Kritiker“ zu uns, wenn wir einen Fehler gemacht haben ?  a) oder b) ?

a)  Gratuliere ! Du hast es geschafft ! Freut mich trotzdem, dass du auf meinem Blog bist !
b)  Willkommen im Club ! Mir geht es genauso. Aber ich arbeite dran…

Der „Innere Kritiker“ ist nur ein Gedanke !

Habt ihr Euch eigentlich schon mal gefragt, wer hinter diesem ewig nörgelnden Wesen steckt,
das in unserem Kopfkino sein Unwesen treibt und uns ständig das Leben schwer macht ?
Genau, das sind wir selbst ! Genau gesagt: Unsere Gedanken.
Aber Moment mal: Ein Gedanke ist kein Mensch oder keine Tat ! Es ist nur ein Gedanke.
Ein Konstrukt in unserem Kopfkino. Und manchmal führt da halt der „Innere Kritiker“ Regie.

Aber wieso ist mein „Kritiker“ noch kritischer als bei anderen ?

Ist er das wirklich ? Ganz sicher ?
Glaubst du wirklich, dass alle anderen alles besser machen also du ?
Wer hat das behauptet ? Außer dem „Kritiker-Monster“ in deinem Kopf ?

Denk mal nach ! An wen erinnert dich das ? Wer hat das immer gesagt ?
Dass alle anderen alles besser machen als du ? Dein Bruder… deine Schwester…
das Kind der Nachbarn… Deine Mitschüler… Deine Kollegen…
Gibt es Menschen in deinem Leben, denen du noch nie etwas gut genug machen konntest ?
Egal, wie sehr du dich angestrengt hast ? Entweder war es nicht gut genug oder irgendwer
anderer hat es noch besser gemacht als du ?
Und wen interessiert, ob du gut Gitarre spielen, tanzen, malen oder Gedichte schreiben kannst ?
Damit kann man kein Geld verdienen ! Sieh lieber zu, dass du was Gescheites lernst und gute Noten hast ! So wie … oder … und …

„Meine Mutter sitzt in meinem Kopf“

Wahrscheinlich kennt ihr das alle. Und die, die das zu uns sagen oder immer gesagt haben,
kennen das auch. Weil man das auch immer zu ihnen gesagt hat oder immer noch sagt.
Bei einer zweistündigen Analyse meiner Hintergrundproblematik hat der Oberarzt der
Tagklinik den Eindruck, dass „meine Mutter förmlich in meinem Kopf sitzt“.
Das tut sie tatsächlich. Meine Mutter ist das Vorbild für den Innerer Kritiker !
Ich möchte hier keine weiteren Zitate aufführen. Dass „ich sie 10 Jahre früher ins Grab bringe
und mein Bruder auch“, sollte reichen. Meine Mutter wird demnächst 90 und ist noch ziemlich
gut beieinander für ihr Alter. Auch wenn sie natürlich beklagt, dass sie nicht mehr so fit ist wie
mit 30. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie immer noch besser drauf als ich nach manchem Arbeitstag. Und das, obwohl ich zur Zeit nur vier Stunden am Tag arbeite…

Das kann ich ihr natürlich nicht sagen. Genauso wenig wie ich ihr sagen kann, dass ich seit
meiner Jugend massive psychische Probleme habe, schon mehrfach wegen Depressionen in Behandlung war und neun Wochen in einer psychosomatischen Klinik hinter mir habe.

Meine späteren Chefs haben mich teilweise sehr an meine Mutter erinnert und meinen
„Inneren Kritiker“ mehr unterstützt als mich.

Wer steckt hinter dem „Gefühlsunterdrücker?“

Smiley_Mund_verklebt

Ich konnte mich nie gegen meine Eltern oder meine Chefs wehren,
weil der „Gefühlsunterdrücker“ mir sofort einen Maulkorb verpasst
hat, bevor ich etwas sagen konnte. Sosnst wäre vielleicht alles noch schlimmer geworden und er hätte noch mehr Gefühle unterdrücken müssen… Und der Innere Kritiker wäre in meinem Kopf Amok gelaufen.
In der Therapie sind wir oft nicht sicher, wer da gerade aktiv isst,
weil er ziemlich viel Ähnlichkeit mit dem „Nörgelnden Kritiker“ hat.
Woher das wohl kommt …?

Regiestuhl
Aber es gibt noch einen Dritten im Bunde: Den Erwachsenen.
Also uns selbst.
Wie heißt es so schön: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt
zur Besserung ! Das gilt auch für das  Problem-Duo in unserem Kopf.
Wenn wir erst erkannt haben, dass der Falsche im Kopfkino den Ton
angibt, können wir ihn auch vom Regiesessel runter schubsen und
das Ruder selbst in die Hand nehmen. Dann sagen wir, wo’s lang geht.

Gefühlsunterdrücker als Lebensretter

Meine Therapeutin vermittelt mir immer wieder ganz neue Sichtweisen.
Manchmal bringt sie mich damit ein wenig durcheinander. Das ist aber keine Absicht.
Es ergibt sich halt, beispielsweise als ich feststellen muss, dass meine lockere Art, Probleme
mit einem lässigen „Halb so wild“ oder „Es gibt Schlimmeres“ klein zu reden oder einfach
beiseite zu schieben, nicht ganz so viel mit positivem Denken zu tun hat wie ich immer
gedacht habe. Das gibt mir so sehr zu denken, dass ich meinen „Inneren Kompensierer“
in „Gefühlsunterdrücker“ umtaufe, weil er mir gar keine Chance lässt, mich mit dem
Inneren Kritiker“ auseinanderzusetzen.

In der nächsten Therapiesitzung gibt es Entwarnung:
So schlimm ist der „Kompensierer“ alias „Gefühlsunterdrücker“ auch wieder nicht.
Das sagt mir meine Therapeutin nicht direkt, sondern sie bringt mich mit gezielten
Fragen dazu, dass ich selbst erkenne, wozu mein langjähriger innerer Begleiter gut ist.

Erste Frage: Welchen Nutzen hat oder hatte der „Gefühlsunterdrücker“ in meinem Leben?

Spontane Antwort: „Ich habe irgendwie überlebt. Ich bin nicht in völlige Depression verfallen“.
Ich habe negative Gefühle so weit in den Griff bekommen, dass es mir wieder besser ging
und ich irgendwie weiter machen konnte. In extremen Krisen hat der „Gefühlsunterdrücker“
dafür gesorgt, dass ich weiter funktionieren konnte.

Smiley_Mund_verklebt

Oft hält er mich auch davon ab, meinem Gegenüber zu sagen,
was ich wirklich von ihm oder ihr denke. Das kann sehr hilfreich
sein, z. B. bei Konflikten mit Vorgesetzten oder anderen Autoritäts-
personen. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, an dem zu
ersticken, was ich nicht sage…

 

Nächste Frage: Was wäre denn, wenn der „Gefühlsunterdrücker“ nie da gewesen wäre ?

Albtraum-Szenarien laufen vor meinem inneren Auge ab:
Ich denke an Situationen zurück, in denen es mir wirklich schlecht ging.
An sehr große Probleme und schwere Zeiten, die jeder durchmacht, weil sie einfach
zum Leben gehören. An meine Dauer-Krisen in der Arbeit …

Rote_Ampel

Ich stelle mir vor, wie ich auf dem Weg in die Arbeit am Morgen mal wieder
an der roten Ampel stehe und denke: Wenn ich jetzt einfach auf die Straße rolle,
wenn wieder ein LKW mit 80 Sachen um die Kurve brettert, können meine
Kollegen ihren Sch… allein machen …

Dann fallen mir meine letzten Jahren in meinem Elternhaus ein.

Meine Mutter war damals gerade in den Wecheljahren und hatte Null Verständnis dafür,
dass auch ihre pubertierenden Tochter eine Hormonumstellung durch machte und auch
bei mir einiges im Umbruch war.

Ich weiß nicht, wie oft mir meine Mutter an den Kopf geworfen hat, dass ich  Kreuz
sie noch 10 Jahre früher ins Grab bringe würde. Und mein Bruder auch. Jedenfalls
oft genug, dass ich irgendwann dachte, dass es für alle Beteiligten besser wäre,
wenn ich nicht mehr da wäre.

„Gefühlsunterdrücker“ kompensiert traumatische Erlebnisse

Als ich endlich unter der Fuchtel meiner Mutter raus war war und dachte, ich könnte nun
mein eigenes Leben leben, stürzt mein neuer Nachbar mich in die nächste Lebenskrise.
Mein Hausherr hat mir erklärt, dass ich Küche und Bad mit einer anderen netten Studentin
und einer netten Dame und ihrem Sohn teilen muss. Die beiden Frauen sind wirklich nett.
Der einzige Mann im Haus ist leider nicht der Sohn meiner 40-jährigen Nachbarin, sondern
ihr 30-jähriger Lebensgefährte: Einen Kopf größer als ich, ungefähr doppelt so breit, goldenes Halskettchen, Tattoos überall – und das zu einer Zeit, als das noch ziemlich unüblich war.
Damals waren nur zwei Arten von Menschen tättowiert: Seeleute und Knackis.
Bei der Marine war mein Nachbar nicht… Aber im Knast. Unzählige Male wegen Körperverletzung, schwerer Körperverletzung, sehr schwerer Körperverletzung. Wenn ihn nicht immer wieder jemand zurück gehalten hätte, hätte er sicher auch schon jemanden umgebracht. Weil er nicht aufhören kann, auf jemanden einzuschlagen. Auch dann nicht, wenn der andere schon am Boden liegt und sich nicht mehr rührt.

Heute ist mir klar, dass dieser offene Umgang mit seiner gewalttägigen Vergangenheit
nichts war als reine Einschüchterungstaktik. Es hat funktioniert: Ich war eingeschüchtert.
So sehr, dass ich zwei Jahre lang mit niemandem über meinen Nachbarn reden konnte
Heute würde ich sofort professionelle Hilfe suchen und in eine Therapie gehen.
Damals habe ich alles mit mir selbst ausgemacht.
Ich habe nach drei Monaten einen Platz in einem Studentenwohnheim bekommen
und mein Studium geschafft, auch die Klausuren am Ende des ersten Semesters.
Weil ich es irgendwie geschafft habe, das Erlebte so weit hinter mir zu lassen,
dass ich mich wieder auf mein Studium konzentrieren konnte.

Allerdings habe ich damals auch einige Zwänge entwickelt …

Der Gefühlsunterdrücker wird gebraucht

Meiner Therapeutin fällt auf, dass ich plötzlich sehr still geworden bin.

Das stimmt. Mir geht es richtig schlecht. Hals und Brustraum sind enger geworden.
Da kommt einfach zu viel hoch, was ich schon seit Jahrzehnten am liebsten ganz weit
hinter mir lassen würde. Vorbei und vergessen. Das wäre am besten…
Scheinbar werde ich gerade wieder richtig depressiv.
Aber die Therapiesitzung dauert noch eine halbe Stunde ! Und diese kostbare Zeit will
ich natürlich noch sinnvoll nutzen. Also muss ich weiter machen. Weiter funktionieren….

Langsam wird es Zeit, dass sich der „Gefühlsunterdrücker“ wieder einschaltet.
Vielleicht sollte ich ihn doch wieder in „Kompensierer“ umbenennen ?
Er hat offensichtlich auch positive Seiten: Zum Beispiel nimmt er mich in Schutz vor
dem „nörgelnden Kritiker„. Nicht nur vor dem in meinem Kopf, sondern auch vor einigen nörgelnden Mitmenschen, denen man nie etwas recht machen kann, z. B. meinem Ex-Chef
oder meiner Mutter…
Dass ich irgendwann an dem ersticken werde, was ich runter schlucke, weil ich es nicht sagen
kann, habe ich schon oft zu meinem Bruder gesagt, natürlich nur, wenn wir unter uns waren…

„Gefühlsunterdrücker“ als Lebensretter

Es geht mir wieder etwas besser und ich erarbeite mit meiner Therapeutin die positven Aspekte
des „Gefühlsunterdrückers“ erarbeiten.

Lebensretter

Er hat mir in schweren Zeiten geholfen, weiter zu „funktionieren“
Ohneihn hätte ich vermutlich vieles im Leben nicht geschafft:
Abitur, Studium, Beruf…
Oder ich wäre über einiges nicht hinweg gekommen und wäre
jetzt nicht glücklich verheiratet…
Er hat er mich auch davor bewaht, den ultimativen Ausweg aus großen Lebenskrisen zu suchen… So gesehen hat er mir das Leben gerettet. Vielleicht sollte ich ihn doch wieder „Kompensierer“ nennen.
In gewisser Weise hilft er mir auch, positiv zu denken…

Meine Therapeutin fragt nach den Nachteilen des „Gefühlsunterdrückers“:

Was unterdrückt wird, kann ich nicht richtig verarbeiten. Unterdrücktes wird verdrängt
und kommt irgendwann wieder hoch. Zwangsläufg. Als Depression oder als Zwangsstörung…
Der „Gefühlsunterdrücker“ lässt mich gar nicht richtig an meine Probleme ran.
Kaum versuche ich, mich mit einem Problem auseinanderzusetzen, mischt er sich schon
wieder ein und redet das Problem klein und behauptet, dass das alles halb so wild ist.

Smiley_Mund_verklebtDass mir der Gefühlsunterdrücker immer sofort einen Maulkorb
verpasst, wenn ich mal jemandem die Meinung sagen will,
hat den Nachteil, dass ich mir zu viel gefallen lasse.
Ich ersticke zwar nicht an dem, was ich runter schlucke.
Aber oft liegt mir das dann schwer im Magen, buchstäblich,
ich habe immer wieder psychosomatische Magenbeschwerden.
Oder es macht sich anderweitig bemerkbar mit Verspannungen, Kopfschmerzen, depressiven Verstimmungen, Zwang …

Nun wollen wir aber nach vorne blicken:

Was wäre denn, wenn der Gefühlsunterdrücker nicht mehr so stark wäre ?

Ich würde vieles klarer sehen und könnte mich besser mit meinen Gefühlen und
Emotionen auseinandersetzen.
Vielleicht könnte ich mich auch besser mit meinen Mitmenschen auseinander setzen
und öfter meine Meinung sagen. Schließlich bin ich kein kleines Kind mehr, sondern
eine erwachsene Frau mit ziemlich viel Lebenserfahrung. Das wäre auch an meiner
neuen Arbeitsstelle wichtig, bevor es wieder so weit kommt wie in den 25 Jahren zuvor…
Langfristig könnte ich so schwierige Situationen besser bewältigen anstatt Probleme
zu verdrängen.

Regiestuhl

FAZIT: Der „Gefühlsunterdrücker“ erfüllt seinen Zweck und hat wichtige Aufgaben. Aber er ist nicht der einzige, der gegen den „Inneren nörgelnden Kritiker“ oder all die anderen Nörgler und Kritiker vorgehen sollte, die uns
das Leben schwer machen.
Wir müssen „nur“ erkennen, wer in unserem Kopfkino gerade den Ton
angibt und die Falschen rechtzeitig vom Regiesessel runter schubsen.
Denn in unserem Leben sollte nur einer bestimmen, wo es lang geht:
Wir selbst.

Innerer Kritiker und Co.

Innerer Kritiker, Gefühlsunterdrücker und Co.

Erwachsener  Kompensierer                      Nörgelnder Kritiker

Jahre lang dachte ich, ich hätte eine gut Strategie, um meine Probleme
in den Griff zu kriegen: Positives Denken.
Das Glas war halb voll. Probleme halb so wild. Take it easy ! Es gibt Schlimmeres…

Nun stellt meine Therapeutin wieder Stühle auf:
Einen für die „kleine Betty“ – also den kindlichen Anteil, den jede/r in sich trägt.
Einen für die erwachsene Frau, die sich oft nicht durchsetzen kann.
Einen für den „inneren Kritiker“, der uns das Leben schwer macht.
Und einen für meinen langjährigen vermeintlichen Freund und Helfer,
den „Kompensierer“, der immer sofort alle Probleme klein redet und den
schlechten Gefühlen keine Chance lassen will. Oder der erwachsenen Frau…
Diesen Stuhl stellt meine Therapeutin direkt vor mich hin –
und anschließend meine langjährige Bewältigungsstrategie in Frage.

Wer führt im Kopfkino Regie ?

Wer sagt, dass alles halb so wild ist und es Schlimmeres gibt ?
Die erwachsene Frau ? Oder eher „der Kompensierer?“
Ich muss zugeben: Es ist der „Kompensierer“, der sich ständig zwischen mich
und den „inneren Kritiker“ schiebt, bevor sich die erwachsene Frau einschalten
kann und sich konstruktiv mit ihrem Problem auseinander setzen kann,
genauer gesagt: Mit meinem Problem.
Der „Kompensierer“ ist noch schlauer als das Zwangsmonster !
Weil er sich als guter Freund tarnt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Monster mehr…
Eher eine gute Therapeutin. Die habe ich zum Glück.

Es geht mir richtig schlecht

Wie es mir jetzt gerade geht ?
Nicht gut. Eigentlich sogar richtig schlecht.
Ich dachte immer, ich hätte eine gute Strategie mit positivem Denken.
Jetzt wird mir plötzlich klar, dass ich scheinbar ständig meine Gefühle unterdrücke. Das tut weh. Richtig weh.
Mein Hals schnürt sich zu. Auch im Brustkorb wird es enger…
Eine Depression breitet sich aus. Unaufhaltsam.
Es geht mir echt beschissen. Anders kann ich es nicht mehr sagen.

Ich schiebe den „Kompensierer“ zur Seite

Erwachsener                                Kompensierer Nörgelnder Kritiker

Der Kompensierer-Stuhl bedrängt mich. Anders als meine Gefühle darf ich ihn weg schieben.
Also schiebe ich ihn ganz rüber zu dem anderen Stuhl, auf dem mein unsichtbarer „innerer Kritiker“ sitzt. Jetzt soll er mal dem auf die Pelle rücken. Das tut er eh die ganze Zeit.
Kaum meldet sich der „Kritiker“, springt der „Kompensierer“ ein und lässt die
„erwachsene Frau“ gar nicht zu Wort kommen.
Unverschämter Kerl ! „Kompensierer“ ist viel zu positiv für den !
Ich taufe meinen vermeintlichen Helfer um in „Gefühlsunterdrücker.“ Das trifft es eher.
Und weil ich gerade dabei bin, verpasse ich dem Kritiker noch das Attribut „nörgelnd.“

Ich schiebe den nörgelnden Kritiker in die Ecke

Erwachsener                Kompensierer          Nörgelnder Kritiker

Zufrieden über meine kreativen Einfälle schiebe ich den „nörgelnden Kritiker“ in die Ecke
und drehe ihn um. Der steht jetzt mit dem Rücken zur erwachsenen Frau.
Das erinnert mich an meine Schulzeit. In den 1960er und 1970er Jahren mussten Kinder
noch „in der Ecke stehen“, wenn sie etwas angestellt und den Unterricht gestört haben
oder die Lehrkraft. Mit dem Rücken zur Klasse.
Genauso geht es jetzt meinem „inneren Nörgler“. Jetzt kann er schauen, wo er bleibt.
Und darüber nachdenken, was er mir die ganze Zeit antut.

Die erwachsene Frau ist zufrieden

Erleichtert setze ich mich auf den Stuhl, der für die „erwachsene Frau“ reserviert ist und betrachte zufrieden das neue Szenario: Der nörgelnde Kritiker ist weit weg und steht verkehrt herum. Der kann mich also gar nicht mehr sehen. Der „Gefühlsunterdrücker“ steht verloren im Raum und weiß nicht so recht, wo er jetzt hin soll. Jetzt wo der Kritiker so weit weg ist und ihm den Rücken zudreht und ich gegenüber auf dem Erwachsenen-Stuhl sitze und ihn selbstgefällig angrinse. Ja, so gefällt mir das. Meiner Therapeutin gefällt es auch.
Die Depression wird schon ein wenig leichter und Hals und Brust fühlen sich auch nicht mehr ganz so eng an wie vorher.

Die richtige Rollenverteilung im Alltag

Jetzt muss ich das Gelernte nur noch im Alltag anwenden.
Und es für meine Therapeutin dokumentieren. So paradox das wieder erscheinen mag.
Schließlich bin ich wegen eines Dokumentationszwangs in Therapie gekommen.
Aber den habe ich mittlerweile zum Glück überwunden und kann mich mit meinen Hintergrundthemen auseinandersetzen. Also mit den Zeitgenossen, die in meinem
Kopfkino auf den „falschen“ Stühlen sitzen und mir den Regiestuhl streitig machen.
Ich bin hier die Erwachsene ! Also sollte ich auch was zu sagen haben, oder ?

Ich bekomme eine Tabelle mit fünf Spalten:

Situation       Gedanken       WER ?            Gefühle/Körper                Verhalten

Das soll ich dokumentieren, soweit es möglich ist. Trotz Schreibzwang.
Das WER könnte schwierig werden. Also wer gerade das Ruder in der Hand hält.
Den nörgelnden Kritiker erkenne ich sofort, die „kleine Betty“ kann ich mittlerweile
auch ganz gut identifizieren.

Dem Gefühlsunterdrücker werde ich es zeigen !

Nur mit dem „Gefühlsunterdrücker“ habe ich noch so meine Probleme. Der hat sich einfach
zu lange als „erwachsene Frau“ getarnt, die vielleicht ein wenig zu erwachsen sein will und
dem „inneren Kind“ keinen Raum lässt.
Vielleicht habe ich deshalb als einzige in der teilstationären Therapie nie geweint ?
Absicht war das keine. Ich hätte gerne mal alles raus gelassen. Aber scheinbar hatte der „Gefühlsunterdrücker“ etwas dagegegen, dass die „kleine Betty“ das Steuer in die Hand
nimmt und den Gefühlen freien Lauf lässt – so wie alle meine Mitpatientinnen und Mitpatienten.

Na warte, Bürschen ! Dir werde ich’s zeigen ! Und das sagt jetzt die erwachsene Frau (ohne „“).
Die weist ein paar Tage später erst mal den „Nörgelnden Kritiker“ in die Schranken.

Und so geht es in der Therapie weiter (Thema: Funktion des Gefühlsunterdrückers)

Ich darf frustriert sein

In einer Therapiesitzung habe ich erfahren, dass mein vermeintliches positives Denken
oft  nur der Versuch ist, Probleme so schnell wie möglich weg zu schieben und mich vor
negativen Gefühlen zu bewahren. Denen soll ich mich jetzt stellen und schauen, wie es
mir damit geht. Ich darf also frustriert sein, wenn das nächste Problem daher kommt !
Das kommt schon am nächsten Tag in der Arbeit (wo auch sonst…)

Der „innere Kompensierer“ leistet wieder gute Arbeit

Ich tüftle mal wieder an einem Programmierproblem rum und finde ewig keine Lösung.
Also bemühe ich Google und siehe da: Volltreffer !
Der Programmcode, den ich in mein Projekt rein kopiere, macht genau das, was ich will.
Ich habe keine Ahnung, wie er das macht. Aber da muss außer mir eh keiner dran arbeiten.
Scheinbar leistet der „Kompensierer“ wieder gute Arbeit und unterdrückt erfolgreich das frustrierende Gefühl, dass ich das nicht selbst auf die Reihe gekriegt habe.

Ich weise den „nörgelnden Kritiker“ in die Schranken

Ein paar Minuten später denke ich beim Händewaschen:
„Ich bin echt ein Sch… Programmierer!“
Mein nächster Gedanke: „Schnauze da hinten !“ Hinter mir steht niemand.
Mit „da hinten“ meine ich den „nörgelnden Kritiker“, den ich am Tag
zuvor in der Therapie ins hinterste Eck geschoben habe. Also den Stuhl,
auf dem er theoretisch sitzt.
Wer hat da gerade den „Inneren Kritiker“ in die Schranken gewiesen?
Der „Kompensierer“ alias „Gefühlsunterdrücker“ oder die erwachsene Frau?

Mit Ausdauer und Durchhaltevermögen knacke ich jedes Programmierproblem

Tatsache ist: Ich bin nicht gerade die geborene Programmiererin und
auch kein Computer-Freak. Aber das mache ich mit Ausdauer und Durchhaltevermögen wieder wett. Oder mit Kreativität
und Google. Hauptsache, das Teil läuft.

Vorerst. Eine Stunde später läuft plötzlich gar nichts mehr. Weder das elegante Teil aus
dem Internet noch die deutlich einfacher strukturierten Befehle, die ich in den letzten
Tagen zusammen gestopselt habe.

Spricht da schon wieder der nörgelnde Kritiker?
Pfui! Aus! Schnauze dahinten!
Ich habe bisher jedes Programmierproblem gelöst.
Und zwar so, dass es meine Kollegen, die mit Programmieren eigentlich
nichts am Hut haben, auch mal was anpassen könnten, wenn ich gerade
nicht da bin. Ohne dass gleich das ganze Programm abstürzt.
So wie bei mir jetzt. Ich habe nur einen einzigen neuen Button eingefügt.
Und jetzt läuft das Ding plötzlich nicht mehr ! Einfach total frustrierend !

Ich darf frustriert sein !

Ich probiere und bastle noch eine halbe Stunde rum, obwohl meine Zeit für heute eigentlich
schon rum ist.

Ente mit Hammer am PC Dann gehe ich heim. Unverrichteter Dinge und total frustriert.
Ich kann es mir einfach nicht erklären.
Sch… EDV ! Sch… Programmiererei !
Und ich habe mich noch gefreut, dass ich dieses Endlos-Projekt doch noch fertig machen kann, nachdem ich aus meiner alten Stelle in der IT raus geflogen bin wegen
meines Dokumentierzwangs. Schreibzwang
Von wegen neues Lebensmotto „Krise als Chance…“
Mir geht es echt richtig besch…

Das darf es auch. Der „Gefühlsunterdrücker“ hat jetzt Pause. Mir darf es richtig schlecht gehen.
Ich habe ein Mega-Problem in der Arbeit. Nun, so Mega ist es eigentlich auch wieder nicht. Nichts im Vergleich zu der Katastrophe vor neun Monaten, als ich von heute auf morgen aus meinem alten Job raus katapultiert wurde, weil mein Chef mitgekriegt hat, dass ich einen Schreibzwang habe.
Technische Probleme gehören dazu, wenn man in der IT arbeitet. Und bisher konnte ich sie immer lösen. Vielleicht nicht sofort, aber ich habe es immer hingekriegt. Also kriege ich es diesmal auch wieder hin. Dann muss ich morgen halt noch mal von vorne anfangen.
Das Teil war eh noch nicht fertig und ich wollte sowieso noch einiges umbauen.
Pause beendet beim „Gefühls-Dingsbums-Kompensierer ?“

Die erwachsene Frau findet eine Lösung

Was hat mir meine Therapeutin geraten ? Problem analysieren, Gedanken und Gefühle
beobachten und das Ganze stichpunktartig dokumentieren. Das mache ich.
Ich kann zwar nicht wirklich sagen, wer da gerade das Gedankenkarussell in meinem
Kopf steuert und Regie führt – also der „Kompensierer“ oder die erwachsene Frau.
Aber auch das ist okay. Schließlich mache ich das noch nicht lange und mit der Zeit
sollte es mir immer leichter fallen. Meint meine Therapeutin. Sie muss es wissen.

 Dann setze ich mich an den PC und tüftle noch eine Stunde rum.
Und finde einen neuen Ansatz. Zu Hause. Mit ganz einfachen Mitteln.
Und so, dass es auch Schmalspur-Programmierer wie ich oder meine
Kollegen von der Fachabteilung verstehen.
So schlecht bin ich scheinbar gar nicht !
Sagt die erwachsene Frau (hoffe ich wenigstens).

Der „nörgelnde Kritiker“ vermiest mir meine Erfolgserlebnisse

Mir geht es immer noch nicht gut. Obwohl ich eine Lösung gefunden habe.
Unterdrückt der „Gefühlsunterdrücker“ auch positive Gefühle ? Vielleicht sollte ich ihn
wieder „Kompensierer“ nennen ? Aber das würde ihn sicher auch nicht beeindrucken…

Übrigens tritt das unerklärliche Programm-Phänomen zwei Tage später erneut auf.
PC_Fehler_gefundenAusgerechnet am Freitag…
Diesmal finde ich die Lösung ziemlich schnell. Ohne Google.
Die Fehlerursache springt mich plötzlich förmlich an.
Und die Lösung folgt auf dem Fuß.
Ich brauche zwar noch ein wenig, bis wieder alles richtig läuft.
Aber in Zukunft weiß ich, was ich machen muss.
Ich habe also wieder eine Menge dazu gelernt.

Eigentlich könnte ich jetzt total zufrieden und beschwingt ins Wochenende starten.
Schließlich hatte ich gerade ein grandioses Erfolgserlebnis !
Aber irgendwas hindert mich daran, mich darüber zu freuen. Und das ist sicher nicht der lästige
Gegenwind beim Heim-Radeln oder der leichte Nieselregen, der aufhört, als ich zu Hause bin.
Es ist irgendwas in mir drin:
Der „nörgelnde Kritiker,“ der nicht zugeben will, dass ich auch mal was auf die Reihe kriege ?
(Weil ich als Kind zu viel kritisiert und zu wenig gelobt wurde ?
Und/oder in Bayern die Devise am Arbeitsplatz lautet: „Nicht geschimpft ist genug gelobt ?“)
Oder unterdrückt der „Gefühlsunterdrücker“ auch positive Gefühle ? Aus Angst, dass ich mich
zu früh freuen könnte und schon das nächste Problem auf mich lauert ?
Vermutlich eine Kombination aus beiden…
Darüber sollte ich unbedingt mit meiner Therapeutin reden in der der nächsten Sitzung …

Bis dahin werde ich weiterhin diese kleinen inneren Monster im Auge behalten, die mir das
Leben schwer machen. Nicht dass plötzlich wieder das Zwangsmonster das Ruder übernimmt.
Dann müsste ich sofort mit dem Schreiben aufhören. Und das fände ich echt schade.
Denn das macht mir mittlerweile wieder richtig Spaß – so ganz zwanglos 🙂

Beim nächsten Mal läuft die Sache schon besser…