Von der Angst zur Zwangsstörung

Angst ist der gemeinsame Auslöser vieler psychischer Erkrankungen, einschließlich Zwangsstörungen. Egal ob Kontrollzwang, Perfektionismus, Waschzwang, Keimphobie, Sammelzwang, oder Dokumentierzwang: Der gemeinsame Nenner dieser Zwangsstörungen
ist Angst.

Der Teufelskreis aus Angst und Zwangsstörung am Arbeitsplatz

Die Angst, das wir etwas vergessen oder nicht richtig gemacht haben und deswegen eine Katastrophe passiert, lässt uns immer wieder alles kontrollieren, zwanghaft. Wir schauen
am Morgen so oft nach, ob der Herd ausgeschaltet ist, alle Fenster zu sind und die Türe verschlossen ist, dass wir zu spät zur Arbeit kommen. Dort werden wir nie rechtzeitig mit unserer Arbeit fertig, weil wir auch alles unzählige Male überprüfen und kontrollieren müssen. Oder alles perfekt machen wollen, aus Angst, dass wir sonst Probleme mit dem Chef bekommen, bei der nächsten Beförderung übergangen werden oder sogar unseren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Dabei sind wir mit unserem zwanghaften Verhalten auf dem besten Weg, dass genau das passieren könnte. Paradox, oder ? Wir geraten zwangsläufig in einen Teufelskreis aus Angst
und Zwangshandlungen.

Ordnungszwang als Beziehungskiller

Die Angst vor Schmutz, Bakterien, Ansteckung, Krankheiten und auch die Angst, dass uns andere für schmutzig oder unordentlich halten, zwingt uns in Waschzwänge, Keimphobien
und Ordnungszwänge. Übertriebene Ordnungsliebe ist die Nummer Eins unter den Beziehungskillern. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Mutter ist zwanghaft ordentlich…
Mein Vater hat sich zwar nicht scheiden lassen, aber der Putz- und Ordnungsfimmel
meiner Mutter ist ihm und auch mir unser ganzes Leben auf die Nerven gegangen und
vielleicht einer der Gründe, warum ich schon als Kind Zwangsstörungen entwickelt habe.

Bloß nichts Wichtiges wegwerfen oder vergessen!

Die Angst, dass wir etwas Wichtiges vergessen könnten und dann etwas Schlimmes
passiert, lässt uns immer wieder alles aufschreiben. Wir führen endlose To-Do-Listen
oder dokumentieren jede Kleinigkeit, egal wie unbedeutend sie ist. Anstatt etwas einfach anzupacken und zu machen, schreiben wir ständig alles auf. Im Arbeitsleben kann das
fatale Folgen haben. Ich spreche aus Erfahrung.

Die Angst, dass wir etwas wegwerfen könnten, was wir irgendwann noch brauchen,
lässt unsere Schränke und Schubladen überquellen. Wenn wir dann etwas suchen,
können wir es in dem Chaos an unnützem Zeug oft nicht finden. Es sei denn, wir
leiden an einem Ordnungszwang oder dokumentieren haargenau, wo wir alles
verstaut haben. Schon wieder so eine paradoxe Situation…

Egal, ob wir nun Ordnung in unser Chaos bringen oder in einer Messie-Wohnung leben:
Wir wollen niemanden mehr in unsere Wohnung lassen, aus Angst, dass die anderen unser zwanghaftes Chaos entdecken – oder unsere zwanghafte Ordnung durcheinander bringen
und gar nicht merken, welches Chaos sie in uns dabei auslösen.

Habe ich gerade jemanden überfahren?

Manche Menschen haben ständig Angst, jemanden überfahren zu haben. Auch wenn sie das vermeintliche Opfer im Rückspiegel noch unversehrt über die Straße gehen sehen und ihre Beifahrer ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist, leiden sie immer noch an der Vorstellung, gerade einen Menschen überfahren zu haben. Oft Stunden lang oder sogar Tage lang. Schlimm, wenn solchen Menschen auch noch an einer Keimphobie leiden und Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln haben…

Therapie von Ängsten und Zwangsstörungen

Die Liste an Angst-bedingten Zwangsstörungen ließe sich noch lange fortsetzen. Natürlich ist Angst nicht die einzige Ursache für eine Zwangsstörung. Aber Angst spielt immer eine große Rolle, oft die Hauptrolle. Einige Patientinnen in meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen waren vorher in der Angst-Gruppe und wurden in die Zwangsgruppe versetzt, als Ärzte und Therapeutinnen erkannten, dass ihre Zwangsstörung das Hauptproblem ist.

Nicht umsonst ist eines der Hauptinstrumente bei der Behandlung von Zwangsstörungen
die sog. Befürchtungskette: Hier stellst du dir vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn du deine Zwangshandlungen nicht mehr ausübst. Dann stellst du dich deinen Ängsten – in der Exposition.

Der einzige Weg raus aus dem Zwang ist: Raus aus der Angst.

Zwang als Normalverhalten ?

Beim Suchbegriff „Türklinke mit dem Ellbogen aufmachen“ bringt Google als zweiten Treffer einen „Hygiene-Türgriff“ unter der Rubrik „“Cooles neues Zeug – von Euch vorgeschlagen. Zum Entdecken, Abstimmen und Diskutieren.“
Die meisten finden das Teil richtig cool und würden es am liebsten sofort auf allen öffentlichen Toiletten oder am besten gleich überall einführen, wo viele Leute aus und eingehen.
Als Alternative haben viele immer ein Desinfektionsspray dabei, das sie natürlich auch eifrig benutzen. Nach kritischen Meinungen muss ich lange suchen. Das gibt mir zu denken…

In der Therapie spricht man von „Co-Zwängeln,“ wenn man Zwangshandlungen unterstützt. Genau das ist die übertriebene Angst vor Bakterien oder übertriebener Hygienewahn:
Eine Zwangsstörung. Auch wenn viele HygienefanatikerInnen und KeimphobikerInnen
der Meinung sind, dass sie alles richtig machen und die anderen unverantwortlich mit
ihrer Gesundheit oder der Gesundheit ihrer Kinder oder ihrer Mitmenschen umgehen,
wenn sie einfach alles anfassen und überall ihre Bakterien und Keime hinterlassen.

Übertriebene Hygiene als Gesundheitsrisiko

Übertriebene Hygiene ist einer der Gründe, warum immer mehr Kinder und Erwachsene eine Allergie entwickeln: Weil sie keine Abwehrkräfte mehr entwickeln können gegen den ganzen
Dreck, der uns nun mal überall umgibt. Und überall können wir nicht alles sauber machen
oder mit Desinfektionsspray einsprühen.
Meine Mutter ist auch super-ordentlich. Aber mein Bruder und ich durften als Kinder im
Garten spielen und uns auch mal dreckig machen. Dafür bin ich meinen Eltern echt dankbar !
Spätestens seit meiner neunwöchigen Therapie in einer psychosomatischen Tagesklinik,
die sich u. a. auf Zwangsstörungen spezialisiert hat.

Angst vor Schmutz und Krankheitserregern

Ich habe in der Therapie viele nette Leute kennen gelernt, die unheimliche Probleme mit
dem Anfassen von Türklinken oder anderen Gegenständen haben, die auch andere angefassen. Diese Leute können auch keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, weil man da auch nie weiß, wer vorher auf dem freien Platz gesessen ist oder den Haltegriff angefasst hat. Oder natürlich den Griff, mit dem man die Tür öffnen muss, wenn es kein anderer tut.
Die Klinik ist übrigens in München. Viele meiner MitpatientInnen kamen mit dem Auto und
hatten meistens ziemliche Probleme bei der Parkplatzsuche.

Kontrollzwang

Viele meiner MitpatientInnen hatten auch einen Kontrollzwang und sind am Morgen noch mehrfach um ihr Auto rum gegangen, um zu schauen, ob mit dem guten Stück noch alles
in Ordnung ist nach der Fahrt durchs Münchner Verkehrschaos.

Angst vor Beschädigung

Ein Mitpatient hat sich einen ganzen Tag lang den Kopf zerbrochen, ob er sein neues Auto
in die Werkstatt bringen sollte, weil es einen Steinschlag an der Stoßstange erlitten hat
und sein 40.000 €-Gefährt nun „kaputt“ war. Der besagte Patient litt auch Höllenqualen,
wenn er seine Jacke nicht über seinen Stuhl hängen durfte, sondern auf einen Stuhl neben
der Türe legen musste. Da könnte dem guten Stück doch etwas zustoßen…

Kennt Ihr vielleicht auch jemanden, bei dem das Auto keinen Kratzer abgekommen darf ?
Oder kein Fusselchen auf der Kleidung sein darf ? Oder kein Krümel auf dem Fußboden ?
Und die Kissen auf dem Sofa ganz ordentlich nebeneinander liegen müssen ?
Ich wage zu bezweifeln, dass nur 2-3 % der Bevölkerung zwanghafte Züge aufweisen…

Die Angst, jemanden überfahren zu haben

Eine Mitpatientin litt unter der ständigen Angst, dass sie auf der Fahrt jemanden überfahren
haben könnte – auch wenn sie bei mehrfacher Überprüfung im Rückspiegel (Kontrollzwang !) gesehen hat, dass das potentielle Unfallopfer noch quicklebendig über die Straße gegangen ist
oder sogar wenn wenn ihr Mann und ihre Tochter ihr immer wieder versichert haben, dass da wirklich nichts passiert ist. Das würde man doch merken, wenn man jemanden anfährt !

Aber mal ganz ehrlich: Übertriebene Ängste kenne ich auch von anderen. Denen kann ich
auch 1.000 mal sagen, wie unwahrscheinlich das ist, dass ich erschossen werde, wenn ich
in die USA fahre oder in Afrika von einem Löwen gefressen werde – obwohl sie noch nie in
Amerika oder Afrika waren. Aber sie wissen trotzdem besser als ich, welche Gefahren da an
jeder Ecke lauern. Aber krankhaft ist das nicht … Auf gar keinen Fall !

Angstfrei in Zug und U-Bahn

Ich fahre grundsätzlich mit dem Zug nach München gefahren und dann mit der U-Bahn weiter.
Auto fahren wäre mir in einer Stadt München viel zu stressig – vor allem im Berufsverkehr.
Wenn ich mal aufs Klo musste, bin ich eben gegangen – auch im Zug oder am Bahnhof.
War nicht immer besonders appetitlich, aber ich habe mir auf öffentlichen Toiletten
noch nie was geholt. Da tummeln sich übrigens auch nicht mehr Keime als anderswo !

Bazillen02Zum Glück bin ich ziemlich unempflindlich, was Angst oder Ekel vor Keimen betrifft, obwohl meine Mutter immer schon eine Abneigung gegen alles hatte,
was sie nicht selbst geputzt hat. Zum Glück war mein Vater da deutlich lockerer und ich bin da wohl eher nach ihm geraten. Ganz anders als meine Cousinen.
Die Schwester meiner Mutter hat einen absoluten Ordnungsfanatiker geheiratet. Meine Cousine ist auf ihrer Hochzeit immer nach Hause gelaufen, wenn sie mal aufs Klo musste. Dazu wollte ich lieber nichts sagen…

Zwanghaft ? Ich doch nicht ! Oder doch ?

Ich will ich mir gar nicht vorstellen, was meine Mutter, meine Tante oder meine Cousinen
sagen würden, wenn ich sie als „zwanghaft“ bezeichnen würde …
Deshalb weiß in meinem familiären Umfeld außer meinem Mann auch keiner von meiner Zwangserkrankung. Wie gesagt: Zwang ist die „heimliche Krankheit„.
Vielleicht auch deshalb, weil viele ihren Zwang gar nicht wahr haben wollen oder –
noch schlimmer – für „Normalverhalten“ halten. Und glauben, dass nur sie alles richtig
machen und alle anderen sind schlampig, nachlässig, unvorsichtig und einfach überhaupt
ganz fürchterliche Menschen sind.
Ich weiß, wovon ich rede. Ich kenne dieses falsche Weltbild seit meiner frühesten Kindheit.
Das ist vermutlich einer der Gründe, warum ich selbst eine Zwangsstörung entwickelt habe.

Ich kann endlich offen über meine Zwänge reden

In der Therapie kann ich endlich ganz offen über alles reden. Und das tut unheimlich gut.
Keiner schaut den anderen schief an, weil er oder sie irgendetwas macht, was man selbst
nie machen würde.
Vieles erscheint so abstrus, dass man es sich kaum vorstellen kann, dass das überhaupt
jemand macht. Deshalb redet auch keiner mit den „Normalen“ über eine Zwangsstörung.
Obwohl die vielleicht selbst gar nicht so „normal“ sind…

Ansprechpartnerin für „Normalverhalten“

In der Therapie wird mir erst bewusst, welche Ausmaße eine Zwangsstörung annehmen kann.
Ich habe bald das Gefühl, dass ich der „leichteste Fall“ bin und freue mich, dass mich die netten Menschen um mich herum immer wieder fragen, was ich in bestimmten Situtationen mache.
Die meisten können es kaum fassen, dass ich öffentliche Toiletten benutze und einfach so alles anfassen kann und mir keinen Kopf über mögliche Verseuchungen oder Krankheiten mache oder dass sich jemand vor mir ekeln könnte, weil ich irgendwas angefasst und mir nicht sofort die Hände gewaschen habe. Oder dass ich mich nicht sofort dusche, wenn ich am Abend in mein Hotel zurück komme, auch nicht am Anreisetag – also nach der Fahrt mit Zug und U-Bahn.
Oder dass ich zwei Tage hintereinander dieselbe Hose anhabe, weil ich nicht so viel Klamotten mit schleppen will. Für viele wäre das absolut undenkbar gewesen.
Und so werde ich für meine MitpatientInnen die Ansprechpartnerin für „Normalverhalten“.

Schreibzwang ist keine „klassische“ Zwangsstörung

Meine MitpatientInnen fragen mich immer wieder, warum ich eigentlich hier bin,
wenn ich keinen Waschzwang, Hygienezwang, Kontrollzwang oder Keimphobie habe.
Von einem „Dokumentationszwang“ oder „Dokumentierzwang“ hat noch keiner etwas gehört.
Außerdem habe ich meinen Schreibzwang schon weitgehend unter Kontrolle, als ich mit
der teilstationären Therapie anfange. Meistens kann ich mich bis zum Abend mit dem
Schreiben gedulden.Ich schreibe auch nur noch relativ wenig, also nur ein normales Tagebuch.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt raus aus dem Zwang

Aber mir ist trotzdem bewusst, dass mein Verhalten in den letzten 10 Jahre nicht normal war.
Genauso wie meinen MitpatientInnen bewusst ist, dass ihr Verhalten  nicht „normal“ ist.
Also das Stunden lange Wohnung putzen, alles ganz exakt ausrichten, alles zigmal kontrollieren, Stunden lang duschen, ständig Hände waschen und die ständige Angst, dass sie sich irgendwas holen könnte, wenn sie eine Türklinke anfasst oder mit der U-Bahn fahren.

Aber wir „Zwängler“ aus der Psycho-Klinik sind den vielen Extrem-Ordnungsfanatikern, Mega-Putzteufeln und Hyper-Kontrollfreaks, die nicht wahr haben oder nicht zugeben
können, dass sie vielleicht ein wenig übertrieben, in einem Punkt voraus:
Wir haben erkannt, dass mit uns etwas nicht stimmt.
Und wir haben den nächsten Schritt gewagt: Rein in die Therapie. Raus aus dem Zwang.

Beispiele für Zwang als Normalverhalten aus meinem Berufsalltag

Angst vor Schmutz und Bakterien

Dass mit meiner Kollegin etwas nicht stimmt, wird mir sofort klar, als ich hinter ihr am Waschbecken stehe. Nachdem sie sich die Hände gewaschen hat, macht sie den Wasserhahn
mit dem Ellbogen zu. Anschließend betätigt sie den Griff am Spender für die Papierhandtücher – ebenfalls mit den Ellbogen.
Bevor sie die Türklinke mit dem Ellbogen runter drückt, erklärt sie mir:
„Da hat man sich gerade die Hände gewaschen und schon greift man wieder überall hin,
wo die ganzen Bakterien drauf sind !“
Ich stimme halbherzig zu und mache den Wasserhahn auf: Mit der Hand.
Natürlich drücke ich auch den Hebel am Handtuchspender mit zwei Fingern runter und die Türklinke mache ich auch ganz normal auf: Also mit der rechten Hand, die ich mir gerade gewaschen habe und mit der ich gleich wieder die Türklinke zum Schulungsraum aufdrücken, anschließend mit der Tastatur meinen PC entsperren und dann die Maus anfassen werde –
nicht nur meine, sondern vielleicht auch die der Schulungsteilnehmerin, die mir gerade
signalisiert hat, dass sie eine Phobie vor Schmutz, Bakterien und anderen linken Bazillen hat.
Ich habe nur eine Phobie gegen Computer-Viren. Berufsbedingt. Ich arbeite in der IT.

Angst vor Computermäusen, Tastaturen und Unterlagen

Maus_mit_TaschentuchEin paar Wochen später kontrolliert eine andere
Kursteilnehmerin erst ganz genau ihren Stuhl,
bevor sie sich hinsetzt. Anschließend putzt sie
an der Tastatur rum. Dann legt sie ein frisches
Taschentuch über die Maus, bevor sie sie anfasst.
Okay: Im Schulungsraum sitzen alle möglichen
Leute an den PCs. Keiner weiß, wo die vorher
waren und was sie alles angefasst haben.
Oder ob sie sich nach der Toilette die Hände gewaschen haben.
Ich kann gleich mal alle beruhigen: Ich mache das immer. Mit Wasser und Seife.
Meistens trockne ich sie mir auch noch ab. Mit einem Papierhandtuch.
Eines reicht – der Umwelt zuliebe.
Wenn ich es mal eilig habe – oder einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz leisten will –
wische ich sie mir auch schon mal auf dem Rückweg ins Büro oder in den Schulungsraum
einfach an der Hose ab, die normalerweise nicht frisch gewaschen ist.
Selbst wenn sie das wäre, wären sicher schon wieder erste Verschmutzungen drauf von
der morgendlichen Fahrt mit dem Rad in die Arbeit. Oder vom Toner-Wechsel am Laserdrucker oder vielleicht auch von der Breze, von der mir in der Kaffeepause was drauf gefallen.
Das kann alles passieren.
Mir macht das nichts aus. Das ist doch ganz normal.

Meine beiden überbesorgten Kursteilnehmerinnen sehen das sicher anders:

Vielleicht haben sie auch ein Problem damit, meine selbst erstellten Schulungsunterlagen anzufassen, die ich kurz vorher ausgeteilt habe – und dabei offensichtlich keine sterilen Einweghandschuhe getragen habe. Wir sind ja hier nicht in einem OP, sondern in einem Schulungsraum.
Deshalb muss ich zwischendurch auch mal an den einen oder anderen Schulungs-PC ran,
wenn jemand ein größeres Problem hat, das ich mit Worten allein nicht lösen kann.
Man kennt das ja: Man kommt irgendwo drauf und schon ist alles durcheinander. Am PC.
Manchmal auch bei dem, der davor sitzt. Aber geht man man ja auf Schulung.
Normal kann man das ganz schnell wieder in Ordnung bringen. Man muss nur wissen,
wo man hinlangen muss.

Ein Problem gelöst – ein neues Problem ausgelöst

Und habe ich das PC-Problem gelöst.
Und bei meiner Schulungsteilnehmerin ein viel größeres Problem ausgelöst, das ich leider
nicht mit ein paar Mausklicks und ein paar erklärenden Worten aus der Welt bringe:
Ich habe ihre Tastatur und ihre Maus angefasst ! Mit der rechten Hand !
Also mit der Hand, mit der ich vorher auch den Bakterien-verseuchten Handtuchspender
und die Türklinke in der TOILETTE angefasst habe. Einfach SO !

Was geht in dem Opfer meines unvorsichtigen und verantwortungslosen Verhaltens vor ?

Bazillen01HILFE ! Die fasst meine Tastatur/Maus an …
Dabei hat die gerade alles Mögliche auf dem KLO angefasst !
Wo doch eh alle erkältet sind und rumhusten und rumschnupfen
und alle möglichen Bakterien und Viren verbreiten !
Hoffentlich setzt die sich jetzt nicht auf noch auf meinen Stuhl !
Wo die doch vorhin die Hände an der Hose abgewischt hat.
Da sind ihr vorhin in Cafeterria ein paar Brösel von ihrer Butterbreze
drauf gefallen. Die hat sie einfach mit den Fingern aufgehoben und
auf den Teller zurück gelegt. Wenigstens hat sie sie nicht auf den
Boden gewischt. Aber trotzdem …

Und wer weiß, was da sonst noch alles an dieser Hose dran hängt !
Die hatte sie gestern doch auch schon an ! Frisch gewaschen sieht die nicht aus.
Außerdem fährt die am Morgen immer mit dem Rad in die Arbeit.
Womöglich hat sie da auch noch Straßenschmutz dran.
Und jetzt hat die gerade mit ihrer dreckigen Hose mein Bein berührt !
Natürlich hat sie sich sofort entschuldigt. Aber das hilft mir jetzt auch nichts mehr !
Und wer weiß, was da alles an diesen Unterlagen dran ist !
Wenn die nie richtig aufpasst und ständig irgendwo dran kommt.
Aber der ist das scheinbar völlig egal, wenn sie sich
alles Mögliche einfängt. Und das gibt sie dann an ihre Schulungsteilnehmer weiter.
Kein Wunder, dass in der EDV-Stelle schon wieder zwei Leute krank sind !

Tastatur_Reinigung

Am liebsten würde ich jetzt sofort die Tastatur
und die Maus abputzen, wo die gerade mit ihren
dreckigen Fingern hin gelangt hat. Und eine andere
Hose anziehen. Aber das geht ja nicht ! Der Kurs
dauert noch eine ganze Stunde und die würde das
sicher merken, wenn ich jetzt mein Desinfektionsspray raus hole. Die anderen würden das sicher auch wieder nicht verstehen. Genau wie meine Kolleginnen, die immer die Augen verdrehen und dumm daherreden.
Nur weil ich meinen Arbeitsplatz richtig sauber halte.
Warum sind nur alle außer mir so schlampig ?
Und die da ist genauso schlampig.
Und SO eine darf SCHULUNGEN halten !!!!
Und überall hinfassen, wo dann die anderen auch wieder hinfassen müssen.
Und wir werden dann alle krank.

Was ist schon normal ? – Das nicht !

Das ist doch nicht normal, oder ?
Doch, ist es. Keine Ahnung, was bei einem Menschen wirklich „normal“ ist.
Die Keimphobie meiner beiden Schulungsteilnehmerinnen ist es nicht.
Die zwei sind echt nett, freundlich und höflich und alles.
Sie haben beide eifrig mitgearbeitet, keinen Ärger gemacht und ich konnte mich auch
in der Kaffeepause immer recht nett mit ihnen unterhalten.
Was sie von meinem unvorsichtigen Umgang mit Straßenschmutz, Brezenkrümeln und Türklinken halten und ob sie mich für sie eine wandelnde Bakterienschleuder halten, haben sie nicht gesagt.
Ich könnte es mir aber gut vorstellen, nachdem ich neun Wochen mit vielen anderen netten, freundlichen und liebenswerten Menschen verbracht habe, die unter ähnlichen Problemen
leiden und endlich ganz offen darüber sprechen konnten, was in ihnen vorgeht, ohne dass sie
für durchgeknallt erklärt wurden oder die anderen nichts mehr mit ihnen zu tun haben sollten.

Was denken die Kollegen ?

In der Arbeit ist das natürlich besonders schlimm. Wenn einem der Chef oder die Kollegen
plötzlich nicht mehr im Team haben wollen, weil man ein ganz spezielles Problem hat.
Deshalb ist es vielleicht besser, wenn meine beiden liebenswerten Kolleginnen nichts sagen.
Sie leisten gute Arbeit und werden auch von ihren Vorgesetzten geschätzt, weil sie immer
alles ganz korrekt erledigen. (Mir sind immer mal wieder Fehler unterlaufen, aber mein
Chef war recht zufrieden mit mir – bis er gemerkt hat, was mit mir los ist …)
Ihr Schreibtisch ist immer aufgeräumt. Da findet jeder sofort alles, auch wenn die Kollegin
gerade  mal nicht da ist.
Nicht wie bei mir, wo es meistens aussieht, als wäre gerade eine Bombe eingeschlagen.
Ich bin nicht besonders ordnungsliebend … (Das hat meinen Chef scheinbar nie gestört …)

Reden ist Silber – Schweigen ist Gold ?

Aber meine beiden Kursteilnehmerinnen würde es stören.
Bei ihren Kolleginnen stört es sie natürlich auch, dass die so furchtbar unordentlich sind.
Aber wehe man sagt was …
Dann kommt höchstens wieder so ein blöder Spruch wie: „Da sieht man wenigstens,
dass hier gearbeitet wird“.
Oder man hat man gleich das halbe Kollegium gegen sich, weil man angeblich einen „Ordnungsfimmel“ hat und mehr Zeit mit Schreibtisch-Aufräumen verbringen als
mit richtiger Arbeit …

Also sagen die beiden lieber nichts. Sondern ertragen stillschweigend und stoisch all
die schrecklichen Dinge, die um sie herum vorgehen. Tag für Tag und Jahr für Jahr.
Sie reißen sich zusammen und schlucken ihre Ängste und ihren Ärger runter,
anstatt einfach mal alles raus zu lassen und den Kolleginnen und Kollegen zu sagen,
wie sehr sie unter all den Gefahren leiden, die überall auf sie lauern und wie sehr
es sie nervt, dass alle außer ihnen so furchtbar schlampig sind und die Türgriffe
mit der Hand anfassen.

Zwangsstörungen – die heimliche Krankheit

Darunter leiden sie. Unheimlich. Oft Jahre lang. Und heimlich.
Weil sie keiner versteht und jeder sog. „normale“ Mensch für überspannt oder verrückt
erklären würde. Oder gestört.
Zwangs-gestört.
Die beiden Kolleginnen leiden an einer klassischen Zwangsstörung.
Leider ist ihnen das nicht bewusst. Sie halten ihre Krankheit für Normalverhalten.
Zwangsstörungen werden oft erst nach 10-15 Jahren oder noch später erkannt.
Oder gar nicht. Wenn sie bemerkt werden, kann das ziemliche Konsequenzen haben.

Solche Folgen kann eine Zwangsstörung im Berufsleben haben …