Der Klügere gibt nach…

Wirklich? Das würde einiges erklären: Wenn die Klügeren ständig nachgeben, übernehmen
zwangsläufig die Dümmeren das Regiment.
Im richtigen Leben geben meistens nicht die Klügeren nach, sondern eher die Schwächeren.
Das alte Sprichwort ist eines der vielen Instrumente, wie man aus aufgeweckten Kindern
unsichere Erwachsene macht, die sich nicht durchsetzen können, nicht Nein sagen können,
ausgenutzt oder gemobbt werden und im besten Fall irgendwann in einer Therapie landen.
Da kann ihnen wenigstens geholfen werden.

Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin

Dieses Buch ist nicht umsonst ein Bestseller geworden.
Ich bin Jahre lang ein braves Mädchen und kann mich nie richtig durchsetzen.
Gegen meine Eltern und meinen großen Bruder habe ich sowieso keine Chance, vor allem als
Mädchen. Von den Nachbarskindern, im Kindergarten und in der Schule werde ich „gehänselt“
(heute würde man es Mobbing nennen). Meine pubertären Rebellionsversuche hätten mich
fast ins Grab gebracht, weil meine Mutter mir ständig vorwirft, dass ich sie zehn Jahre
früher ins Grab bringen würde. Also komme ich zu der Überzeugung, dass meine Eltern
ohne mich besser dran wären und will sie von dieser schrecklichen Last befreien, die
plötzlich kein braves Mädchen mehr sein will. Hat nicht geklappt, wie man sieht.

Also gebe ich weiter nach und mich passe mich zwangsläufig an, bis ich von zu Hause
ausziehen und im Studium endlich meine verpasste Jugend nachholen kann. Ein braves
Mädchen bin ich da nicht mehr… Ganz im Gegenteil. Vor allem auch, weil ich nicht
„Nein“ sagen kann. Zu niemandem. Meinen Nachbarn interessiert es nicht (damals gibt
es das „Nein heißt Nein“-Gesetz noch nicht. Aber er hätte sich eh nicht dran gehalten.)
Also ist es in diesem Fall wohl wirklich klüger, nachzugeben, weil ich definitiv die
Schwächere bin (und nicht im Krankenhaus landen will…)

Später hätte ich mir viele Probleme ersparen können, wenn ich mich nicht an das alte
Sprichwort gehalten hätte, obwohl es natürlich schmeichelt, wenn man klüger gehalten
wird als seine Kontrahenten.

Spielerisch lernen, wie man nicht ständig nachgibt

Zum Glück führt mein Weg zwangsläufig in eine Gruppentherapie.
Hier treffe ich auf viele nette Menschen, denen es ähnlich geht wie mir.
Alle waren als Kinder schüchtern, wurden autoritär erzogen, gemobbtund haben Probleme,
Grenzen zu setzen. Kein Wunder: Sie sind alle intelligent. Und der Klügere gibt nach…

Wir lernen in Rollenspielen, wie wir das besser machen können.
Ich kann mich auf ein wichtiges Personalgespräch vorbereiten, bei dem es um meine
berufliche Zukunft nach meiner 9-monatigen Zwangspause geht. Beim dritten Versuch
kann ich mich gegen meinen Mitpatienten durchsetzen, der die Chefrolle perfekt verkörpert.

Er kann sich ein paar Tage zuvor auch sehr gut gegen mich durchsetzen, als ich in die
Rolle seiner dominanten Mutter schlüpfe. Das fällt mir leicht, weil ich nur meine eigene
Mutter parodieren muss.

Beim ersten Durchgang wird mein 37-jähriger „Sohn“, der mich um mehr als einen
Kopf überragt, plötzlich ganz klein geworden. Im zweiten Durchgang tritt er ziemlich
selbstbewusst auf und spielt mich glatt gegen die Wand. ich gebe mich geschlagen.
Wir ernten viel Applaus für unsere (schauspielerischen) Leistungen.
Und wir profitieren enorm von der neuen Rollenverteilung, in der nicht der vermeintlich
Klügere und defacto Schwächere nachgibt, sondern der mit den schwächeren Argumenten.

Ein besserer Arbeitsplatz, weil ich nicht nachgegeben habe

Wenn ich in meinem Wiedereingliederungsgespräch so stark nachgegeben hätte wie in
meinen 28 Berufsjahren zuvor, würde ich jetzt trotz Uniabschluss bei deutlich niedrigerem
Gehalt in der Pforte oder im Schreibdienst arbeiten, weil da gerade Stellen frei waren.
Stattdessen bestehe ich auf meinem Recht auf eine gleichwertige Stelle und weise auf eine
entsprechende schriftliche Bestätigung der Rechtsabteilung meiner Gewerkschaft hin.
Außerdem führe ich an, dass ich ein Projekt fertig stellen möchte, das schon vor Jahren
begonnen wurde und das mir wirklich am Herzen liegt.

Nachdem ich wegen meines Jahrelangen Dokumentierzwangs nicht an meinen IT-Arbeitsplatz zurück kehren kann, schafft unsere Personalstelle eine neue IT-Stelle in der Abteilung, für die ich nun mein Projekt fertig stellen kann. Das ist im Öffentlichen Dienst theoretisch fast ein
Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem hat mein Arbeitgeber meinem Wunsch nachgegeben.
Vielleicht, weil er rechtlich gesehen in der schwächeren Position ist. Vielleicht auch, weil
das eine klügere Entscheidung ist als eine IT-Spezialistin mit 28 Jahren Berufserfahrung
auf eine Stelle zu versetzen, für die sie völlig überqualifiziert ist und für die es zahlreiche
andere interessierte und qualifizierte BewerberInnen gibt.

Recht geben ist besser als Nachgeben

An meiner neuen Arbeitsstelle fühle ich mich deutlich wohler.
Natürlich spreche ich meine Ideen mit meinem Kollegen ab. Und ich gebe auch nach,
wenn ich das Gefühl habe, dass er einen besseren Lösungsansatz hat.
Genau genommen gebe ich dann nicht nach, sondern ich gebe dem anderen Recht.
Ein guter Teamplayer gibt zu, wenn der andere etwas besser weiß oder besser kann.
Mit ein wenig Lob und Anerkennung fällt auch das Nachgeben leichter.

Nicht so bescheiden !

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr…“
Grammatikalisch nicht ganz korrekt. Trotzdem zutreffend.
„Schwätzer machen die beste Karriere“ titelt die Süddeutsche Zeitung in den späten
1980er Jahren. Daran hat sich seitdem nichts geändert.

Die Leute in meiner Therapiegruppe haben vieles gemeinsam, u. a. mangelndes Selbstbewusstsein oder ein schlechtes Selbstwertgefühl. Woher kommt das?

„Generation Mauerblümchen?“

„Eigenlob stinkt! Gib nicht so an!“ Klassische Ansagen aus meiner Kindheit und Jugend.
Etwas poetischer drückt es ein beliebter Vers in dem damals bei Mädchen sehr beliebten Poesiealbum aus: „Sei wie das Veilchen im Moose. Sittsam, bescheiden und rein.
Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“

So wird eine ganze Generation von Mauerblümchen herangezogen, die sich später in der Erwachsenenwelt und in der leistungsorientierten Berufswelt durchsetzen soll und nie
gelernt hat, wie das geht. Ich weiß, wovon ich rede. Der oben zitierte  Spruch steht auch
in meinem Poesiealbum. Der erweiterte Spruch mit der Bescheidenheit gefällt mir besser.
Deshalb habe ich den auch als Aufhänger für meinen Beitrag gewählt.

Das kann ich gut – darauf bin ich stolz

In der Gruppentherapie sagt jeder am Freitag Nachmittag, worauf er in dieser Woche stolz ist.
Wenn ein neues Mitglied zu unserer Therapiegruppe stößt, stellen wir uns alle vor:
Mit Namen, Alter, unseren Zwängen und – last but not least – etwas, was wir gut können.
Nach ein paar Wochen wird das immer schwieriger. Weil wir jedes Mal etwas anderes sagen müssen. Aber es fällt uns auch immer leichter, unsere positiven Eigenschaften herauszustellen. Schließlich ist vieles, was wir gut können, auch für die anderen nützlich.

Ich beschließe meine Vorstellung am ersten Tag mit der postiven Eigenschaft
„Ich kann gut zuhören“. In den nächsten Wochen betone ich vor allem gute Eigenschaften,
die in der Therpie von Nutzen sind: „Ich kann mich gut in andere hineinversetzen.“
„Ich kann andere zum Lachen bringen.“ „Ich kann gut über mich selbst lachen.“

Ich kann gut schreiben…

Passend dazu breche ich nach ein paar Wochen ein Tabu: „Ich kann gut schreiben.“
Das bringt einige zum Lachen, weil ich wegen meines Schreibzwangs in Therapie bin
und zu diesem Zeitpunkt schon über mein Problem lachen kann. Weil ich auf einem
guten Weg bin. Und weil gut schreiben auch nützlich sein kann. Ich habe mir zwar
meinen Kindheitstraum nicht erfüllt und bin keine Schriftstellerin geworden. Ich bin
auch keine Journalistin geworden, weil mir dazu ein paar andere wichtige Eigenschaften
fehlen, z. B. das nötige Durchsetzungsvermögen, um Informationen von Leuten zu
bekommen, die Journalisten nicht mögen. Wie gesagt: „Generation Mauerblümchen…“
Ich konnte mich auch in der Männer-Domäne IT nie richtig durchsetzen, vielleicht auch,
weil meine Kollegen sich und ihre Ideen immer besser „verkaufen“ konnten.

Erfolgserlebnisse nicht klein reden

Eine „stolze Rose“ werde ich wohl nie. Aber ich habe mich trotzdem aus meinem „Mauerblümchen-Dasein“ befreit und einiges erreicht in meinem Leben, auch beruflich.
Und ich habe gelernt, ein wenig stolz auf das zu sein, was ich gut kann oder wenn ich
etwas gut gemacht habe.

Meine Therapeutin ermutigt mich weiterhin, meine Erfolgserlebnisse nicht klein zu reden
und mich zu freuen, wenn ich etwas geschafft habe. Auch wenn meine Kollegen das sicher
auch geschafft oder eine Lösung im Internet gefunden hätten. Oder andere das sicher schneller
und besser hin kriegen, z. B. die Leute, die die Lösungen im Internet veröffentlicht haben.
Das ändert nichts daran, dass ich es auch geschafft habe. Und ich habe sicher Qualitäten,
die Computer-Freaks im Internet nicht haben. Die meisten von denen können wahrscheinlich
nicht so gut schreiben und vermutlich auch nicht so gut zuhören oder sich in andere hinein versetzen oder andere zum lachen bringen oder über sich selbst lachen…

Positiv-Liste statt falscher Bescheidenheit

Jeder Mensch hat Fehler und Schwächen. Aber jeder Mensch hat auch seine guten Seiten
und Stärken, also auch du ! Die musst du dir nur klar machen !
Probier’s doch mal mit einer Positiv-Liste. Schreib alles auf, was du gut kannst und schon
erreicht hast. Dann schreibe regelmäßig auf, was du heute geschafft hast. Wenn da mal
nichts drin steht, ist das auch nicht schlimm! Jeder Mensch muss auch mal Pausen machen.
Und wenn du vielleicht das Gefühl hast, dass du schon etwas zu lange Pasue machst,
dann lies dir einfach durch, was du schon alles geschafft hast in deinem Leben.
Und sei ruhig ein wenig stolz darauf !
Du weißt ja, wie das ist mit der (falschen) Bescheidenheit…
Ggf. diesen Artikel noch mal von vorne lesen ! 🙂

Lob und konstruktive Kritik

Jeden Freitag Nachmittag werden in der Gruppentherapie die Namen aller PatientInnen
auf ein Flipchart geschrieben. Dann muss jeder einen grünen und einen roten Pfeil vergeben:

Den Gruener_und_roter_Pfeilgrünen für etwas Positives, den roten für etwas, was man nicht
so optimal gefunden hat. Der grüne Pfeil symbolisiert also Lob oder Dank. 
Der rote Pfeil steht für konstruktive Kritik (die Betonung liegt auf konstruktiv).
Auf eine Person dürfen auch mehrere grüne und rote Pfeile abgeschossen werden.

Unterschiedliche Meinungen sind ganz normal

Ich bekomme einmal einen grünen und einen roten Pfeil dafür, wie ich meine Lebensgeschichte erzählt habe, weil zwei Patientinnen das unterschiedlich beurteilen. Die Patientin mit dem roten Pfeil meint, ich hätte mich an einem bestimmten Punkt kürzer fassen sollen (und ist mit dieser Meinung nicht allein). Die Patientin, die mir den grünen Pfeil gibt, bewundert, wie tapfer ich das durchgestanden habe.
Das ist ganz normal. Wie im richtigen Leben … Diese völlig unterschiedliche Einschätzung finden auch Ärtzin und Therapeutinnen richtig spannend.

Wir erfahren erst am Montag, was wir falsch gemacht haben

Wir müssen uns bis Montag gedulden, bis wir erfahren, womit wir unsere roten Pfeile verdient haben und was die anderen so viel besser gemacht haben, wenn wir bei den grünen Pfeilen leer
ausgegangen sind, obwohl wir uns doch die ganze Woche so sehr um die anderen bemüht haben.

Auch das ist ein Teil der Therapie: Diese Ungewissheit über das Wochenende auszuhalten,
ohne sich das Wochenende verderben zu lassen. Wir halten es alle aus, weil wir wissen,
dass die Kritik unsere MitpatientInnen immer von Herzen kommt und sie uns mit ihren
roten Pfeilen nicht verletzen wollen, sondern uns helfen, besser mit unseren Problemen
und Schwachstellen fertig zu werden.

Lob fällt leichter als Kritik

Trotzdem fällt uns allen Lob leichter als Kritik. Jeder könnte jede Woche  mehrere grüne Pfeile vergeben. Am liebsten würde ich jeden Montag der ganzen Gruppe dafür danken, dass sie so
toll zusammen halten, sich gegenseitig unterstützen, zuhören, trösten, aufmuntern, Hilfe anbieten… Leider dürfen wir nur einer Person unseren besonderen Dank oder ein dickes
Lob aussprechen.

Noch schwerer fällt es, einen Mitpatienten oder eine Mitpatientin vor versammelter Runde
zu kritisieren. Oft fällt uns partout nichts ein, was uns an einem anderen wirklich gestört hat.
Dann müssen wir eben irgendwelche Kleinigkeiten kritisieren, über die wir normalerweise
hinweg sehen würden. Wir wissen, dass der oder die andere weiß, dass es nicht böse gemeint ist.

„Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage…“

Konstruktive Kritik erteilen und Kritik annehmen sind wichtige Bestandteile der Therapie.
Die meisten von uns sind ziemlich konfliktscheu. Und das ist eines unserer ganz großen Probleme: Wir schlucken viel zu viel runter und stecken viel zu viel ein, anstatt dem anderen mal ordentlich die Meinung zu geigen. Und das oft schon unser ganzes Leben lang.

Einer Smiley_Mund_verklebtmeiner Standardsprüche lautet:
„Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage.“
Aber das ist meistens nicht so bedrohlich wie die Vorstellung,
wie die anderen reagieren könnten, WENN ich sagen würde,
was ich tatsächlich denke, z. B. meine früheren Chefs oder meine Mutter.
Allein bei dem Gedanken schnürt sich mir schon der Hals zu. Also lieber
Klappe halten und versuchen, anderweitig damit fertig zu werden. Zwangsläufig. Oder zwanghaft…

Der richtige Umgang mit Kritik

In der Gruppentherapie lernen wir, besser mit Kritik umzugehen. Unsere Mitpatienten machen
uns keine halbherzige Komplimente oder hauen uns unsere jüngsten Fehltritte um die Ohren.
Ganz im Gegenteil. Jeder muss erklären, warum er dem anderen einen grünen oder roten Pfeil gegeben hat und welche Gefühle das bei ihm ausgelöst hat. Dabei sitzen sich die beiden „Kontrahenten“ direkt gegenüber und schauen sich in die Augen.

Hier ein konkretes Beispiel:

GrübelBetty, du bekommst von mir heute einen roten Pfeil, weil ich es schade fand,
dass du am Dienstag mein Kompliment nicht angenommen hast. Du hast da in einer
knappen Stunde auf deinem Laptop eine ganz tolle Collage gemacht, wie du dir deinen
optimalen Arbeitsplatz vorstellen würdest. Ich habe gesagt:
„Dafür würde ich eine ganze Woche brauchen. Und dann bekäme ich es wahrscheinlich
immer noch nicht so gut hin.“
Du hast geantwortet: „Ich mache das schon seit Jahren beruflich!“ anstatt dich über mein Kompliment zu freuen. Das hat mich echt traurig gemacht!

ScDepressivheinbar macht es meinen Mitpatienten immer noch traurig,
als er sich diese Szene ins Gedächtnis ruft. Obwohl das schon fast
eine Woche her ist. Ich muss erst einmal tief durchatmen und dann wiederholen, was mir mein Gegenüber gerade mitgeteilt hat:
„Du hast mir heute einen roten Pfeil gegeben, weil ich am Dienstag
dein Kompliment nicht angenommen habe (…) Das hat dich traurig gemacht. Danke, dass du mir das gesagt hast.“

Nicht sofort verteidigen und Kritik zunächst nicht bewerten

Verteidigen darf ich mich jetzt nicht. Ich darf die Kritik an mir auch nicht bewerten,
auch dann nicht, wenn ich sie für ungerechtfertigt halte.

Einmal bekomme ich einen roten Pfeil, weil ich den Tischdienst nicht machen wollte, weil ich ausgerechnet in dieser Woche eine Erkältung mit Husten und Schnupfen habe.

Hier muss ich etwas tiefer Luft holen als bei der absolut gerechtfertigten Kritik,
dass ich kein Lob annehmen kann. Ich darf meiner jungen Mitpatientin nicht sagen,
was Sache ist: Dass es doch total blöd ist, ausgerechnet dann den Tischdienst zu übernehmen,
wenn ich nicht fit bin. Ich bin noch ein paar Wochen da und habe noch genug Gelegenheit, diese Aufgabe zu übernehmen. Und abgesehen davon haben einige in der Gruppe eine Keimphobie.
Ich möchte nicht wissen, wie die reagieren, wenn ich ihnen ins Essen huste oder niese.
Das sollte sie eigentlich am besten wissen – mit ihrer Angst, sich durch Essen oder Trinken
zu vergiften. Diese Kritik kommt echt genau von der Richtigen…!

Mit scheinbar ungerechtfertigte Kritik konstruktiv umgehen

Das wäre wohl die „normale“ Reaktion auf ungerechtfertigte Kritik.
In der Therapie muss ich mich beherrschen und ganz ruhig und sachlich wiederholen,
was meine Mitpatientin an mir gestört hat. Ich darf mich auch nicht rechtfertigen. Noch nicht.

Nach der Stunde darf ich natürlich erklären, dass ich den Tischdienst wegen
meiner Erkältung nicht machen wollte. Passenderweise mache ich das beim Mittagessen, damit auch die anderen mitkriegen, dass ich mich nicht drücken wollte.

Die Patientin, deren roter Pfeil für mich eher ein rotes Tuch war, fragt dann ganz besorgt
nach,  ob ich vielleicht ein Problem mit dem Tischdienst hätte. Das gibt es nämlich auch,
dass sich jemand keine Tabletts anfassen traut oder Angst hat, dass seine Keime auf
andere übertragen werden, wenn sie etwas anfassen, was sie vorher in der Hand hatten.
Ein paar Wochen später stößt tatsächlich eine Patientin zu unserer Gruppe, die genau diese Probleme hat.

Ich kann alle beruhigen: Es war wirklch nur wegen der Erkältung. Wenn ich eine Keimphobie
hätte, hätte ich es gesagt. Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass wir offen über alles reden können – auch über etwas, was uns an jemandem nicht passt. Ruhig und sachlich und bei Bedarf mit konstruktiver Kritik.

Gruener_und_roter_PfeilMeistens treffen auch die roten Pfeile ins Schwarze.
Und jeder Pfeil bringt uns ein Stück weiter auf unserem Weg:
Raus aus dem Zwang und zurück in ein zwangfreies Leben.

Therapie kann Freude bereiten

Eine Therapiestunde ist kein Kaffeekränzchen. Meine Therapeutin meint, heute hätte
ich mir einen Kaffee verdient, weil es sehr anstrengend war. Das ist es eigentlich immer.
Und das ist gut so. Daran merkt man, dass ich mir Mühe gebe. Ich lasse mich auf alles ein –
auch wenn mir manches auf auf den ersten Blick etwas seltsam vorkommt.

Ich habe volles Vertrauen zu meiner Therapeutin und bin sicher, dass sie das Richtige tut,
damit es mir langfristig besser geht. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass es mir nach den
Sitzungen teilweise nicht so gut geht. Auch das gehört dazu, wenn man sich mit Ereignissen
auseinandersetzt, die man am liebsten ganz weit hinter sich lassen oder gleich ganz aus
seinem Leben streichen würde.

Aber das geht nicht. Wir können unsere Vergangenheit nicht ungeschehen machen oder
die Menschen ändern, die unser Leben beeinflusst haben. Aber wir können versuchen,
das alles besser zu verstehen.
Und wir können lernen, wie wir besser mit den Folgen umgehen können. Oder wie wir
ähnliche Situationen in Zukunft besser meistern können, damit es erst gar nicht zu
solchen Folgen kommt.

Darum gehe ich zur Therapie und mache auch alles bereitwillig mit.
Meine Therapeutin freut sich immer, wenn ich komme. Weil ich für alles offen bin
und mich auf alles einlasse. Das freut mich natürlich. Ich verlasse die Praxis mit einem
Lächeln auf dem Gesicht und freue mich auf die nächste Therapiestunde – auch wenn
es sicher wieder anstrengend wird und mir vielleicht manchmal wieder etwas seltsam
vorkommen wird…

Innerer Kritiker und Co.

Innerer Kritiker, Gefühlsunterdrücker und Co.

Erwachsener  Kompensierer                      Nörgelnder Kritiker

Jahre lang dachte ich, ich hätte eine gut Strategie, um meine Probleme
in den Griff zu kriegen: Positives Denken.
Das Glas war halb voll. Probleme halb so wild. Take it easy ! Es gibt Schlimmeres…

Nun stellt meine Therapeutin wieder Stühle auf:
Einen für die „kleine Betty“ – also den kindlichen Anteil, den jede/r in sich trägt.
Einen für die erwachsene Frau, die sich oft nicht durchsetzen kann.
Einen für den „inneren Kritiker“, der uns das Leben schwer macht.
Und einen für meinen langjährigen vermeintlichen Freund und Helfer,
den „Kompensierer“, der immer sofort alle Probleme klein redet und den
schlechten Gefühlen keine Chance lassen will. Oder der erwachsenen Frau…
Diesen Stuhl stellt meine Therapeutin direkt vor mich hin –
und anschließend meine langjährige Bewältigungsstrategie in Frage.

Wer führt im Kopfkino Regie ?

Wer sagt, dass alles halb so wild ist und es Schlimmeres gibt ?
Die erwachsene Frau ? Oder eher „der Kompensierer?“
Ich muss zugeben: Es ist der „Kompensierer“, der sich ständig zwischen mich
und den „inneren Kritiker“ schiebt, bevor sich die erwachsene Frau einschalten
kann und sich konstruktiv mit ihrem Problem auseinander setzen kann,
genauer gesagt: Mit meinem Problem.
Der „Kompensierer“ ist noch schlauer als das Zwangsmonster !
Weil er sich als guter Freund tarnt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Monster mehr…
Eher eine gute Therapeutin. Die habe ich zum Glück.

Es geht mir richtig schlecht

Wie es mir jetzt gerade geht ?
Nicht gut. Eigentlich sogar richtig schlecht.
Ich dachte immer, ich hätte eine gute Strategie mit positivem Denken.
Jetzt wird mir plötzlich klar, dass ich scheinbar ständig meine Gefühle unterdrücke. Das tut weh. Richtig weh.
Mein Hals schnürt sich zu. Auch im Brustkorb wird es enger…
Eine Depression breitet sich aus. Unaufhaltsam.
Es geht mir echt beschissen. Anders kann ich es nicht mehr sagen.

Ich schiebe den „Kompensierer“ zur Seite

Erwachsener                                Kompensierer Nörgelnder Kritiker

Der Kompensierer-Stuhl bedrängt mich. Anders als meine Gefühle darf ich ihn weg schieben.
Also schiebe ich ihn ganz rüber zu dem anderen Stuhl, auf dem mein unsichtbarer „innerer Kritiker“ sitzt. Jetzt soll er mal dem auf die Pelle rücken. Das tut er eh die ganze Zeit.
Kaum meldet sich der „Kritiker“, springt der „Kompensierer“ ein und lässt die
„erwachsene Frau“ gar nicht zu Wort kommen.
Unverschämter Kerl ! „Kompensierer“ ist viel zu positiv für den !
Ich taufe meinen vermeintlichen Helfer um in „Gefühlsunterdrücker.“ Das trifft es eher.
Und weil ich gerade dabei bin, verpasse ich dem Kritiker noch das Attribut „nörgelnd.“

Ich schiebe den nörgelnden Kritiker in die Ecke

Erwachsener                Kompensierer          Nörgelnder Kritiker

Zufrieden über meine kreativen Einfälle schiebe ich den „nörgelnden Kritiker“ in die Ecke
und drehe ihn um. Der steht jetzt mit dem Rücken zur erwachsenen Frau.
Das erinnert mich an meine Schulzeit. In den 1960er und 1970er Jahren mussten Kinder
noch „in der Ecke stehen“, wenn sie etwas angestellt und den Unterricht gestört haben
oder die Lehrkraft. Mit dem Rücken zur Klasse.
Genauso geht es jetzt meinem „inneren Nörgler“. Jetzt kann er schauen, wo er bleibt.
Und darüber nachdenken, was er mir die ganze Zeit antut.

Die erwachsene Frau ist zufrieden

Erleichtert setze ich mich auf den Stuhl, der für die „erwachsene Frau“ reserviert ist und betrachte zufrieden das neue Szenario: Der nörgelnde Kritiker ist weit weg und steht verkehrt herum. Der kann mich also gar nicht mehr sehen. Der „Gefühlsunterdrücker“ steht verloren im Raum und weiß nicht so recht, wo er jetzt hin soll. Jetzt wo der Kritiker so weit weg ist und ihm den Rücken zudreht und ich gegenüber auf dem Erwachsenen-Stuhl sitze und ihn selbstgefällig angrinse. Ja, so gefällt mir das. Meiner Therapeutin gefällt es auch.
Die Depression wird schon ein wenig leichter und Hals und Brust fühlen sich auch nicht mehr ganz so eng an wie vorher.

Die richtige Rollenverteilung im Alltag

Jetzt muss ich das Gelernte nur noch im Alltag anwenden.
Und es für meine Therapeutin dokumentieren. So paradox das wieder erscheinen mag.
Schließlich bin ich wegen eines Dokumentationszwangs in Therapie gekommen.
Aber den habe ich mittlerweile zum Glück überwunden und kann mich mit meinen Hintergrundthemen auseinandersetzen. Also mit den Zeitgenossen, die in meinem
Kopfkino auf den „falschen“ Stühlen sitzen und mir den Regiestuhl streitig machen.
Ich bin hier die Erwachsene ! Also sollte ich auch was zu sagen haben, oder ?

Ich bekomme eine Tabelle mit fünf Spalten:

Situation       Gedanken       WER ?            Gefühle/Körper                Verhalten

Das soll ich dokumentieren, soweit es möglich ist. Trotz Schreibzwang.
Das WER könnte schwierig werden. Also wer gerade das Ruder in der Hand hält.
Den nörgelnden Kritiker erkenne ich sofort, die „kleine Betty“ kann ich mittlerweile
auch ganz gut identifizieren.

Dem Gefühlsunterdrücker werde ich es zeigen !

Nur mit dem „Gefühlsunterdrücker“ habe ich noch so meine Probleme. Der hat sich einfach
zu lange als „erwachsene Frau“ getarnt, die vielleicht ein wenig zu erwachsen sein will und
dem „inneren Kind“ keinen Raum lässt.
Vielleicht habe ich deshalb als einzige in der teilstationären Therapie nie geweint ?
Absicht war das keine. Ich hätte gerne mal alles raus gelassen. Aber scheinbar hatte der „Gefühlsunterdrücker“ etwas dagegegen, dass die „kleine Betty“ das Steuer in die Hand
nimmt und den Gefühlen freien Lauf lässt – so wie alle meine Mitpatientinnen und Mitpatienten.

Na warte, Bürschen ! Dir werde ich’s zeigen ! Und das sagt jetzt die erwachsene Frau (ohne „“).
Die weist ein paar Tage später erst mal den „Nörgelnden Kritiker“ in die Schranken.

Und so geht es in der Therapie weiter (Thema: Funktion des Gefühlsunterdrückers)