Von der Angst zur Zwangsstörung

Angst ist der gemeinsame Auslöser vieler psychischer Erkrankungen, einschließlich Zwangsstörungen. Egal ob Kontrollzwang, Perfektionismus, Waschzwang, Keimphobie, Sammelzwang, oder Dokumentierzwang: Der gemeinsame Nenner dieser Zwangsstörungen
ist Angst.

Der Teufelskreis aus Angst und Zwangsstörung am Arbeitsplatz

Die Angst, das wir etwas vergessen oder nicht richtig gemacht haben und deswegen eine Katastrophe passiert, lässt uns immer wieder alles kontrollieren, zwanghaft. Wir schauen
am Morgen so oft nach, ob der Herd ausgeschaltet ist, alle Fenster zu sind und die Türe verschlossen ist, dass wir zu spät zur Arbeit kommen. Dort werden wir nie rechtzeitig mit unserer Arbeit fertig, weil wir auch alles unzählige Male überprüfen und kontrollieren müssen. Oder alles perfekt machen wollen, aus Angst, dass wir sonst Probleme mit dem Chef bekommen, bei der nächsten Beförderung übergangen werden oder sogar unseren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Dabei sind wir mit unserem zwanghaften Verhalten auf dem besten Weg, dass genau das passieren könnte. Paradox, oder ? Wir geraten zwangsläufig in einen Teufelskreis aus Angst
und Zwangshandlungen.

Ordnungszwang als Beziehungskiller

Die Angst vor Schmutz, Bakterien, Ansteckung, Krankheiten und auch die Angst, dass uns andere für schmutzig oder unordentlich halten, zwingt uns in Waschzwänge, Keimphobien
und Ordnungszwänge. Übertriebene Ordnungsliebe ist die Nummer Eins unter den Beziehungskillern. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Mutter ist zwanghaft ordentlich…
Mein Vater hat sich zwar nicht scheiden lassen, aber der Putz- und Ordnungsfimmel
meiner Mutter ist ihm und auch mir unser ganzes Leben auf die Nerven gegangen und
vielleicht einer der Gründe, warum ich schon als Kind Zwangsstörungen entwickelt habe.

Bloß nichts Wichtiges wegwerfen oder vergessen!

Die Angst, dass wir etwas Wichtiges vergessen könnten und dann etwas Schlimmes
passiert, lässt uns immer wieder alles aufschreiben. Wir führen endlose To-Do-Listen
oder dokumentieren jede Kleinigkeit, egal wie unbedeutend sie ist. Anstatt etwas einfach anzupacken und zu machen, schreiben wir ständig alles auf. Im Arbeitsleben kann das
fatale Folgen haben. Ich spreche aus Erfahrung.

Die Angst, dass wir etwas wegwerfen könnten, was wir irgendwann noch brauchen,
lässt unsere Schränke und Schubladen überquellen. Wenn wir dann etwas suchen,
können wir es in dem Chaos an unnützem Zeug oft nicht finden. Es sei denn, wir
leiden an einem Ordnungszwang oder dokumentieren haargenau, wo wir alles
verstaut haben. Schon wieder so eine paradoxe Situation…

Egal, ob wir nun Ordnung in unser Chaos bringen oder in einer Messie-Wohnung leben:
Wir wollen niemanden mehr in unsere Wohnung lassen, aus Angst, dass die anderen unser zwanghaftes Chaos entdecken – oder unsere zwanghafte Ordnung durcheinander bringen
und gar nicht merken, welches Chaos sie in uns dabei auslösen.

Habe ich gerade jemanden überfahren?

Manche Menschen haben ständig Angst, jemanden überfahren zu haben. Auch wenn sie das vermeintliche Opfer im Rückspiegel noch unversehrt über die Straße gehen sehen und ihre Beifahrer ihnen versichern, dass alles in Ordnung ist, leiden sie immer noch an der Vorstellung, gerade einen Menschen überfahren zu haben. Oft Stunden lang oder sogar Tage lang. Schlimm, wenn solchen Menschen auch noch an einer Keimphobie leiden und Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln haben…

Therapie von Ängsten und Zwangsstörungen

Die Liste an Angst-bedingten Zwangsstörungen ließe sich noch lange fortsetzen. Natürlich ist Angst nicht die einzige Ursache für eine Zwangsstörung. Aber Angst spielt immer eine große Rolle, oft die Hauptrolle. Einige Patientinnen in meiner Gruppentherapie für Zwangsstörungen waren vorher in der Angst-Gruppe und wurden in die Zwangsgruppe versetzt, als Ärzte und Therapeutinnen erkannten, dass ihre Zwangsstörung das Hauptproblem ist.

Nicht umsonst ist eines der Hauptinstrumente bei der Behandlung von Zwangsstörungen
die sog. Befürchtungskette: Hier stellst du dir vor, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn du deine Zwangshandlungen nicht mehr ausübst. Dann stellst du dich deinen Ängsten – in der Exposition.

Der einzige Weg raus aus dem Zwang ist: Raus aus der Angst.

Perfektionismus als Zwangsstörung ?

Mit Perfektionismus ist es ein wenig wie mit Burnout. Beides ist gesellschaftlich anerkannt
oder zeichnet die Betroffenen sogar aus. Viele große Schauspieler und Regisseure sind Perfektionisten. Und alle finden es gut, dass die so tolle Filme machen. Außer den Leuten,
die an diesen Filmen mitarbeiten und nichts gut genug machen können für die großen Meister.
Auch Psychologen sehen den ständigen Drang nach Perfektion kritisch. Im Grunde genommen
ist Perfektionismus eine Zwangsstörung, genau gesagt ein klassisches Merkmal für eine zwanghafte Persönlichkeit. Am verbreitetsten sind vermutlich übertriebene Ordnungsliebe
und ein ausgeprägter Putzfimmel (Hygienezwang).

Perfektionismus als Beziehungskiller

Übrigens ist übertriebene Ordnungsliebe laut einer Umfrage die unangefochte Nummer 1
der Eigenschaften, die am Partner am meisten nerven. Das kann ich bestätigen.
Meine Mutter ist extrem ordnungsliebend. Mein Vater war extrem schlampig.
Keine Ahnung, wie die beiden das 54 Jahre miteinander ausgehalten haben.
Ich war jedenfalls felsenfest überzeugt, dass ich nie heiraten werde, bis ich mit 30 Jahren
meinen Mann kennen gelernt habe, der genauso unordentlich ist wie mein Vater und ich.

Können Perfektionisten einen „Schlamper“ beneiden ?

Manchmal wünsche ich mir, dass meine Mann oder ich etwas mehr Lust zum Aufräumen hätten. Aber spätestens seit meiner Gruppentherapie in einer pychsosomatischen Tagesklinik bin ich froh, dass ich das „Schlamper-Gen“ meines Vaters geerbt habe. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie sehr ein zwanghaft ordentlicher Mensch unter der geringsten Unordnung leidet, wenn ich es nicht bei meinen MitpatientInnen erlebt hätte. Der Gedanke, dass die Jacke nicht richtig aufgehängt ist, sondern einfach achtlos über einen Stuhl geworfen wurde, kann extreme Unruhe, Angstzustände, Herzrasen und andere körperliche Beschwerden auslösen.

Ich möchte nicht wissen, was meine Mutter über 50 Jahre lang durchgemacht hat mit ihrem schlampigen Ehemann und ihrer schlampigen Tochter…

Anders als meine Mutter akzeptieren mich meine ordnungsliebenden und perfektionistischen Mitpatientinnen und Mitpatienten so, wie ich bin. Sie beneiden mich sogar darum, dass ich es
mit der Ordnung nicht so genau nehme. Bis dahin war ich immer der Meinung, ich hätte von meinen Eltern jeweils das mitgekriegt, was ich nicht brauchen kann: Von meiner Mutter die schlechten Nerven und von meinem Vater das schlechte Benehmen, also eine gewisse Nachlässigkeit in Sachen Ordnung, Kleidung (ich hasse es, wenn ich mich gut anziehen muss)
oder „unangemessene Gelassenheit“, wenn ich etwas nicht perfekt hin kriege.
Und jetzt sind da plötzlich Leute, die total ordentlich sind und immer alles perfekt machen
wollen. Und die beneiden mich darum, dass ich nicht so ordentlich bin!
Meine Güte, ich kann es kaum glauben!
Scheinbar bin ich gar nicht so schlimm, wie ich immer dachte 🙂

Perfektionismus als Spaß-Killer

In der Therapie muss keiner alles perfekt machen. Im Gegenteil.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie die gesamte Therapiegruppe incl. Kunsttherapeutin
ganz entsetzt ist, als ein Mitpatient eine Zeichnung zerreißt, weil sie seiner Meinung nach
nicht gut genug ist. Ich sitze damals neben ihm und kann es nicht fassen, wie fertig er ist,
weil er dieses Bild nicht besser hingekriegt hat.

Ich würde mich freuen, wenn ich nur annähernd so gut malen und zeichnen könnte wie er.
Dann könnte ich auch ein paar eigene Illustrationen für meinen Blog machen. Aber bei mir
kommen immer Kinderzeichnungen raus. Trotzdem macht mir die Kunsttherapie Spaß.
Bei der Besprechung am Ende der Stunde präsentiere ich meine „Kunstwerke“ immer
mit Humor und ein wenig Selbstironie. Und ich bekomme immer viel Zustimmung,
auch wenn meine Bilder nie mit den Werken einiger MitpatientInnen mithalten können,
die wirklich künstlerisch begabt sind, so wie der Patient, der sein fertiges Bild zerrissen
hat, das allen anderen gefallen hat. Aber eben nur den anderen. Dass er das Bild zerrissen
hat, gefällt keinem. Er muss dafür sehr viel Kritik einstecken (auch in Form von roten Pfeilen).
Aber Perfektionisten sind ohnehin selbst ihre härtesten Kritiker.

Wenn es perfekt sein müsste, würde nie etwas fertig

Zugegeben: Ein bisschen perfektionistisch bin ich auch, z. B. bei meinen Texten.
Ich habe über zwei Monate gewartet, bis ich die Leute aus meiner Therapiegruppe
über meinen Blog informiert habe, weil ich unbedingt ein paar Dinge drin haben wollte,
z. B. die Beiträge über die „Lachsamkeit“ und Positiv-Liste. Die kommen auch ganz gut an.
Aber deswegen ist mein Blog nicht um Klassen besser als vorher und schon gar nicht perfekt.

Den perfekten Zeilenumbruch habe ich mittlerweile weitgehend aufgegeben. Das ist im Internet sowieso sinnlos, weil die verschiedenen Webbrowser teilweise ihre eigenen Gesetze haben. Das fängt schon beim Hauptmenü an. Keine Ahnung, wie lange ich daran rum getüftelt und nichts erreicht habe. Wenn alles in allen Browsern perfekt ausschauen müsste, könnte ich nie etwas veröffentlichen.

Also schreibe ich jetzt einfach munter drauf los, wenn mir etwas einfällt, was andere
auch interessieren könnte, lese das Ganze noch mal durch, mache ein paar Korrekturen –
und dann geht’s ab ins World Wide Web. Sicher nicht perfekt.

Aber es macht Spaß und ich freue mich über jeden Beitrag, den ich veröffentlichen kann.
Vielleicht helfen meine Texte irgendwem da draußen in der großen weiten Welt ein bisschen
weiter – auch wenn sie nicht perfekt sind.

Exposition in der Psychotherapie – Stelle dich deinen Zwängen

Es gibt noch eine Steigerung zur Befürchtungskette: Die Exposition, kurz Expo.
Hier begibst du dich bewusst in Situationen, die du normalerweise vermeiden möchtest
und versuchst, keine Zwänge auszuüben. Am Anfang ist eine Therapeutin dabei, meistens
musst du da aber allein durch.
Am Ende sollst du noch eine Viertelstunde für Selbstfürsorge reservieren, sprich:
Du sollst dir zur Belohnung etwas Gutes gönnen, z. B. Musik hören, einen Tee trinken,
ein wenig spazieren. Alles, was dir gut tut und entspannt.
Anschließend werden die Erfahrungen in der Gruppe besprochen.
Da ist grundsätzlich eine Therapeutin dabei. Und das ist auch gut so.

Skulptur_SitzendNachdem ich keine klassische Zwangsstörung habe, verbringe ich die
Expo-Zeit meistens mit Befürchtungsketten – oder wie ich es nenne –
mit „therapeutischem Grübeln“. Eigentlich möchte ich weniger grübeln
und mir weniger Sorgen um meine Zukunft machen.
Jetzt muss ich mir ständig die schlimmsten Szenarien vorstellen…
Dann auch noch aufschreiben, was mir so durch den Kopf geht.
Ich muss also meine Befürchtungsketten dokumentieren.
Obwohl ich wegen eines Dokumentierzwangs in Behandlung bin
und Jahre lang zwanghaft alles aufschreiben musste.
Irgendwie paradox. Aber es geht nicht anders. Und es hilft. Irre.

Klassische Beispiele für Expositionen in der Zwangstherapie

Und es ist bei weitem nicht so schlimm wie das, was meine Mitpatientinnen und Mitpatienten
in der Expo-Zeit über sich ergehen lassen müssen. Bei mir spielen sich die potentiellen Dramen
nur im Kopf ab. Die anderen müssen sich ihren schlimmsten Ängsten in der realen Welt stellen:
So wie jemand mit Höhenangst auf eine hohe Brücke oder einen hohen Turm steigen und dann ganz tapfer runter schauen muss.

Eine junge Patientin mit Kontrollzwang darf am Morgen nichts kontrollieren, bevor sie aus dem Haus geht und muss mit der Vorstellung fertig werden, dass der Herd noch eingeschaltet ist und das ganze Haus abbrennt mit allem, was sie hat incl. ihrem geliebten Haustier.

Toilette

Einige Patienten und Patientinnen mit einer Schmutzphobie müssen
in einer Toilette in der U-Bahn-Station alles anfassen und dürfen sich
erst vor dem Mittagessen wieder die Hände waschen – also nach 1,5 Stunden.
(Das Foto ist nicht an der U-Bahnstation bei der Klinik aufgenommen).

Mehrere Patientinnen und Patienten, die wegen ihrer Schmutzphobie öffentliche Verkehrsmittel meiden, müssen mit einer Therapeutin in die U-Bahn steigen und an alle möglichen Stellen hin fassen, wo es besonders dreckig ist. Und sich natürlich auch hinsetzen – egal, wie schmutzig die Sitze sein könnten. Natürlich dürfen auch sie sich erst vor dem Essen die Hände waschen.
Und umziehen geht natürlich gar nicht. Zu Hause würden sie sofort die getragene Kleidung
in die Waschmaschine werfen. Jetzt müssen sie die schmutzige Hose den ganzen Tag anbehalten.
Sie halten es aus – auch wenn es ihnen am Anfang schwer fällt. Aber mit der Zeit wird es
leichter und irgendwann kommen die meisten ganz gut klar.

Eine Patientin mit Ordnungs- und Putzzwang muss in ihrer Wohnung und in ihren Taschen bewusst Unordnung schaffen und darf Tage lang nicht aufräumen. Nach ein paar Wochen
gelingt ihr das sehr gut.

Der Patient neben mir, der ebenfalls unter einem Ordnungs- und Putzzwang leidet und ständig befürchtet, dass seine Sachen kaputt gehen könnten, muss seine Jacke achtlos über einen Stuhl neben der Tür werfen, der zu allem Überfluss direkt neben dem Mülleimer steht.

Gift-Warnschild

Eine junge Patientin, die unter der ständigen Angst leidet, sich mit etwas
zu vergiften, muss einen Cappuccino aus der Tankstelle neben einer Eibe trinken und dann die Vorstellung ertragen, dass irgendwas mit dem Tankstellen-Kaffee nicht in Ordnung gewesen sein könnte und sie sich
an der Eibe vergiftet hat. Dass Eiben giftig sind, wusste bisher keiner.
Die meisten wussten nicht einmal, wie eine Eibe aussieht geschweige
denn, dass eine direkt neben der U-Bahn-Station steht.
Die Patientin wird von ihrem Mann mit dem Auto in die Klinik gebracht und wieder abgeholt,
weil sie sich weder öffentliche Verkehrsmittel benutzen noch selbst Auto fahren traut.
Am Ende der Therapie kommt die junge Frau selbst mit dem Auto oder mit der U-Bahn
und sie traut sich auch alles essen und trinken – sogar neben der giftigen Eibe.

DepressivIch muss wohl nicht schildern, welche Dramen sich nach den Expos
in unserem Gruppenraum abspielen. Da kommen mir meine Zukunftsängste plötzlich klein und nichtig vor.
Ich sitze wie fest gewurzelt auf meinem Stuhl und höre mir fassungslos
all die Ängste an, die diese netten Leute um mich herum durchstehen.
Ich halte die Luft an. Ich höre unbewusst auf zu atmen.
Mein Hals wird immer enger.
Am liebsten würde ich weinen. Aber ich kann nicht. Ich bin in neun Wochen die einzige,
die nie weint. Oft weinen nicht (nur) diejenigen, die gerade über ihre schlimmsten
Befürchtungen reden, sondern auch andere. Männer und Frauen gleichermaßen.
Alle außer mir.

Ich höre nur zu und weiß, dass ich jetzt nichts sagen darf. Den anderen nicht gut zureden darf.
Bei der Expo darf man keine Beruhiger einsetzen. Da muss man einfach durch.
Die Betroffenen und die anderen in der Gruppe, die genauso betroffen sind von all dem Elend,
das sie hier zu hören bekommen. Die die Sorgen und Nöte mit ihren MitpatientInnen teilen,
die schon lange zu Freunden geworden sind.

Gruppentherapie ist hart. Aber sie hilft.