Gesundheit geht vor – auch im Job?

Die vergangene Arbeitswoche war ziemlich stressig. Die kommende wird es vermutlich auch noch. Dann kann ich mir die Arbeit hoffentlich wieder etwas besser einteilen und etwas weniger stressige Aufgaben bearbeiten, bevor ich die Schmerzgrenze erreiche.
Zur Zeit bin ich mit einer komplexe Programmierung beschäftigt. Die ist die Voraussetzung dafür, dass ich vernünftig weiter machen kann: Sprich, dass ich nicht ständig weitere komplexere Aufgaben zurückstellen muss, so wie ich das in den letzten Wochen gemacht habe. Ich habe das alte Jahr ruhig ausklingen lassen und lasse es auch im neuen Jahr erst mal etwas ruhiger angehen: Ich erledige Routine-Arbeiten halte auch brav meine Bildschirmpausen ein.
Es geht mir gesundheitlich noch ganz gut und ich kann auch relativ gut von der Arbeit abschalten.

Mit Mitte 30 die HWS eines 60-70-Jährigen…

Letzte Woche fange ich endlich mit den schwierigeren Aufgaben an.
Und schon geht es wieder mit den gesundheitlichen Problemen los:
Ich habe von Geburt an eine starke Rückgratverkrümmung und leide seit über 20 Jahren an einem chronischen HWS-Syndrom. Die ersten Probleme treten bereits mit 29 auf, also vor
25 Jahren. Mit Mitte 30 habe ich zwei Bandscheibenvorfälle in der HWS. In der Reha bin die zweitjüngste Patientin mit Rückenbeschwerden und die einzige mit Problemen in der Halswirbelsäule.

Das hat sich seitdem sicher geändert. Ich bin mit 23 zum ersten Mal am PC gesessen.
Die nachfolgenden Generationen wachsen mit PC und anderen elektronischen Medien
auf und entwickeln schon in sehr jungen Jahren den sprichwörtlichen „Handy-Nacken“.
Also war ich mit meinen Beschwerden gewissermaßen meiner Zeit voraus.

Der Orthopäde, der meine Kernspin-Aufnahmen begutachtet, lässt sich von der starken Abnutzung meiner Halswirbel zu einem trockenen Kommentar hinreißen:
„Meine Wirbelsäule würde eher zu einem 60-70-jährigen passen als zu jemandem mit
Mitte 30“, meint er. Diesen Spruch kann er mittlerweile sicher öfter ablassen.
Ich habe nach der Reha den Arzt gewechselt.

Klassische Berufskrankheit

Den Beruf kann ich nicht wechseln, obwohl mir klar ist, dass mein IT-Job meine Beschwerden  schlimmer macht. Das HWS-Syndrom ist eine klassische Berufskrankheit bei PC-Berufen. Aufregung oder Stress macht das Ganze grundsätzlich schlimmer.

Bis Dienstag wird das Ziehen im oberen Rücken zu Hause schnell besser und spricht gut auf Wärme an. Ab Mittwoch tun meine Bandscheibenvorfälle wieder richtig weh. Am Donnerstag helfen auch keine Kirschkernkissen mehr.

Also lege ich am Freitag gleich am Morgen ein ThermaCare-Wärmepflaster auf.
Das scheint tatsächlich zu helfen – bis das erste Programmier-Problem auftritt.
Schon sind die Schmerzen wieder da: Mit voller Wucht.
Als ich das Problem gelöst habe, entspannt sich meine Nackenmuskulatur wieder
und die Schmerzen gehen weg. Bis zum nächsten Problem.
Aber es hilft nichts: Da muss ich jetzt durch. Also Zähne zusammen beißen und weiter arbeiten. Gegen 11 Uhr habe ich den Fehler gefunden. Na bitte, geht doch! Ich atme erleichtert auf.

Die Programmierung ist zwar noch nicht ganz fertig, aber der Rest kann warten bis nächste Woche. In einer halben Stunde kann ich ins Wochenende starten und meiner angeschlagenen HWS eine dringend nötige PC-Pause gönnen. Eigentlich habe ich mir fürs Wochenende einiges vorgenommen, auch am PC. Aber das kann auch warten. Gesundheit geht vor. Ganz klar.

Ich kann wieder nicht von der Arbeit abschalten

Auf dem Heimweg fällt mir eine potentielle Lösung für den Teil ein, den ich nicht mehr geschafft habe. Ich verfolge den Gedanken weiter, während ich in die Pedale trete und schreibe es zu Hause gleich  auf.

Jetzt könnte ich eigentlich ins wohl verdiente und vor allem dringend benötigte Wochenende starten. Aber die Gedanken an die Arbeit lassen mich  nicht los.

Früher war das ein Dauerproblem bei mir: Dass ich einfach nicht abschalten konnte. Auch nicht am Wochenende. Ich habe sogar schon an Weihnachten fachliche Probleme für die Arbeit gelöst. Oft habe ich Dateien nach Hause gemailt und daheim daran weiter gearbeitet, bis ich eine Lösung gefunden habe.

Steuere ich schon wieder auf eine Überlastungsreaktion zu?

Heute mache ich das nicht. Ich kann mich beherrschen. Meine schmerzende Halswirbelsäule macht es mir leichter. Außerdem bin ich stehend k.o. und habe das Gefühl, dass ich schon wieder auf eine Überlastungsreaktion zusteuere. Wie schon so oft. Das geht jetzt gar nicht. Ich war fast neun Monate wegen meiner Zwangsstörung krank geschrieben und bin erst seit einem halben Jahr an der neuen Stelle, die extra für mich eingerichtet wurde. Genau gesagt wurde meine alte Stelle in eine andere Abteilung verlegt, für die ich in früheren Jahren schon viel gearbeitet habe. Warum ich so lange krank war, weiß da angeblich keiner. Dass ich schon öfter Rückenprobleme hatte, ist schon bekannt. Da befinde ich mich in bester Gesellschaft. Aber ich will nicht schon wieder krank geschrieben werden…

Eine kleine Auszeit im Café tut gut

Am Nachmittag gehen wir in ein Café, zum ersten Mal in diesem Jahr. Ich muss einfach raus, unter Leute, mich ablenken. Ich rede immer noch sehr viel über mein Programmierproblem.
Aber durch den Ortswechsel gewinne ich ein wenig Abstand. Die Erschöpfung fällt von mir ab. Die ansprechende Umgebung, die fröhlich plaudernden Menschen um mich herum, dazu ein großer Cappuccino und ein Stück Himbeerkuchen…

Endlich Wochenende ! Es geht doch nichts über ein wenig Selbstfürsorge!

Neue Lösungsansätze in der Nacht und beim Zähneputzen

Am Samstag wache ich mitten in der Nacht mit einer weiteren Idee für mein Programmier-Problem auf. Mir fällt öfter etwas buchstäblich im Schlaf ein. Ich kann wieder einschlafen.
Das ist keineswegs selbstverständlich bei mir. Ich habe schon Nächte lang über fachliche Probleme gegrübelt oder bin mitten in der Nacht aufgestanden und habe ganze Konzepte ausgearbeitet. Heute komme ich wieder zur Ruhe.

Beim Zähneputzen fällt mir wieder etwas ein. Ich hole Papier und Bleistift und schreibe alles ganz genau auf. In der Mathematik und auch in der Programmierung spricht man von Algorithmus. Wirklich strukturiert sind meine Notizen nicht. Ich muss nachträglich etwas einfügen und die Nummerierung anpassen.

Am liebsten würde ich die neuen Lösungsansätze sofort ausprobieren

Am liebsten würde ich meine Erkenntnisse sofort sauber am PC tippen und ins Büro mailen.
Am allerliebsten würde ich das ganze eigentlich sofort ausprobieren. Aber dann würde ich
wieder den halben Samstag am PC sitzen und meine HWS-Beschwerden wären wieder da.
Jetzt wo sie endlich weg sind, weil Wochenende ist.

Also mache ich das einzig Sinnvolle: Ich lege meine Notizen auf meine Bürotasche, zu den Notizen vom Vortag. Dann erledige ich ein wenig Hausarbeit, die ich eigentlich am Nachmittag machen wollte, bis ich mit meinem meinem Mann auf den Markt zum Einkaufen gehen kann. Anschließend backe ich einen kleinen Apfelkuchen her. Das hatte ich eigentlich nicht vor, aber meine Mann meint, dass die Äpfel langsam etwas schrumpelig werden. Ich habe den Wink verstanden…

Nerven-Nahrung

Mein neuer Chef hat mir zum Nikolaus zwei Pralinen geschenkt. Das ist Tradition, meint er,
und „Nerven-Nahrung“. Die kann ich brauchen.

Natürlich löst Schokolade keine Programmierprobleme. Und auch keine anderen Probleme.
Aber so eine kleine „Belohnung“ oder eine kleine Stärkung hat auch etwas mit Selbstfürsorge zu tun. Und die ist ganz wichtig – besonders dann, wenn es mal wieder besonders stressig ist und alles andere wichtiger zu sein scheint als das eigene Wohlbefinden.

Deshalb verbringe ich am Wochenende relativ wenig Zeit am PC und höre sofort auf,
sobald ich das erste Signal von meinem Körper bekomme. In der Arbeit geht das nicht so leicht. Trotzdem sollte – oder müsste – ich mich auch im Beruf ein wenig zurücknehmen, wenn mein Körper wieder deutliche Schmerzsignale sendet.

Gesundheit ist das Wichtigste im Leben. Gesundheit ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.

Ein freier Tag … Was nun ?

Eigentlich wollte ich heute von 10-16 Uhr einen Kurs an der VHS besuchen. Damit wäre der Tag ziemlich verplant gewesen. Vor einigen Tagen kam der Anruf von der VHS: Sie bedauern es sehr. Aber das Seminar findet nicht statt, weil sich zu wenig Personen angemeldet haben. Vielleicht war ich sogar die einzige.

Natürlich bin ich enttäuscht. Ich habe ich mich auf den Kurs gefreut und auch darauf, einen Tag mit neuen Leuten zu verbringen. Meine Therapeutin meint, dass es sehr wichtig für mich ist, unter Leute zu gehen. In der Arbeit bin ich zur Zeit Einzelkämpferin und habe relativ wenig Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen. Meine Freunde haben zur Zeit alle ihre eigenen Probleme und ich ehrlich gesagt auch. Da wäre so ein Seminar eine nette Abwechslung gewesen und ich wäre vielleicht auf andere Gedanken gekommen. Das meinte auch meine Therapeutin, als sie mich am Montag in die Woche verabschiedet hat.

Ich habe nichts vor und bin trotzdem aufgeregt

Ich wäre sicher etwas aufgeregt vor dem Kurs. Das ist ganz normal. EU-Stress, also positiver Stress in freudiger Erwartung, was da auf mich zukommt. Nun habe ich einen freien Tag
vor mir und nichts Besonderes vor und bin trotzdem aufgeregt. Oder vielleicht gerade,
weil ich nichts vor habe ?

Eigentlich habe ich daheim immer genug zu tun und ich will auch bis Jahresende noch einiges fertig bringen. Das meiste davon habe ich noch gar nicht angefangen. Deshalb habe ich auch sofort die positive Seite gesehen: Ich habe das ganze Wochenende für mich und kann meinen eigenen Kram machen. Vielleicht findet das Seminar im nächsten Semester statt. Es soll auf jeden Fall wieder angeboten werden. Und so wichtig war es auch wieder nicht. Nur interessant. Und halt mal was anderes als daheim sitzen am PC oder auf der Couch oder Hausarbeiten und
all die Dinge zu erledigen, zu denen mir während der Woche oft die Zeit und vor allem die Energie fehlt.

Warum brauche ich immer eine Beschäftigung ?

Also warum habe ich dann ein Problem damit, dass ich heute frei habe ?
Warum brauche ich immer eine Beschäftigung ? Gestern Abend sitze ich auf der Couch.
Ich bin müde und habe leichte Kopfschmerzen. Eigentlich könnte ich noch ein wenig
Musik hören bis zur Tagesschau um 20 Uhr. Stattdessen löse ich noch schnell ein Sudoku
in der TV-Zeitschrift, die ich am nächsten Tag entsorgen möchte. Seltsamerweise schaffe
ich das sogar ganz leicht, obwohl ich denke, dass ich eigentlich zu müde bin, um mich
richtig zu konzentrieren. Aber die Zahlen tragen sich fast wie von selbst in die Kästchen
ein. Und es sind auch tatsächlich die richtigen.

Wäre ich wirklich glücklich, wenn ich nicht mehr arbeiten müsste ?

Wieso schaffe ich das nicht mal bei einem Lotto-Schein … ?
Dann könnte ich meinen Job kündigen, der mir so viel Energie raubt und nur noch
an meinen eigenen Projekten arbeiten. Aber wäre ich dann wirklich glücklich und
zufrieden ? Wenn ich die ganze Zeit daheim wäre ? Wenn ich schon ein Problem
damit habe, einen freien Tag am Wochenende zu genießen ?

Ich atme tief durch und beschließe, erst mal einen Kuchen zu backen.
Es ist zwar noch ein halber da, aber den teilen wir uns heute Nachmittag mit meiner Schwiegermutter. Der Besuch war eigentlich nicht geplant. Aber sie freut sich unheimlich,
dass wir vorbei kommen. Und ich kann meinen unerwarteten freien Tag sinnvoll nutzen.
Auch wenn der Nachmittag vermutlich wieder anstrengend wird und ich am Rest des Wochenendes wieder einiges verarbeiten muss… Aber wenigstens habe ich wieder eine
sinnvolle Aufgabe an diesem „geschenkten“ Tag.

Vielleicht klappt es ja nächstes Wochenende mit dem Relaxen …

Achtsamkeit – eine kleine Auszeit

Ich betrachte den großen Baum vor meinem Bürofenster. Er verliert schon Blätter.
Das Laub wird immer bunter, viele Blätter sind schon gelb, einige rot. Ein Vogel
fliegt in den Baum. Der Himmel ist mit dichten grauen Wolken überzogen, aber
es regnet nicht. Ich betrachte wieder den herbstlich gefärbten Baum. Den Vogel
kann ich nicht mehr entdecken.

Ich spüre die Wärme der Teetasse in meiner Hand. Ich hebe die Tasse an den Mund
und rieche das würzige Aroma des Yogi-Tees. Ich kann Zimt riechen, die anderen
Gewürze kann ich nicht erkennen. Ich nehme einen Schluck und schmecke den
würzigen Tee. Er rinnt meine Kehle hinunter. Sein Geruch liegt in der Luft.

Ein gelbes Blatt fällt von dem Baum auf den Boden.

In dem Gebäude gegenüber gehen ab und zu Menschen aus und ein.
Auf der Baustelle wird nicht gearbeitet. Es ist ruhig.
Der Himmel ist immer noch grau und bewölkt.

Ich trinke einen weiteren Schluck Tee, rieche und schmecke das würzige Aroma,
spüre nach, wie das warme Getränk meine Kehle hinunter läuft. Ich betrachte
wieder den Baum vor dem Fenster mit seinen bunten Blättern und den bewölkten
Himmel darüber.

Ich stehe mit beiden Füßen fest auf der Erde. Ich spüre die Kanten des Stehpults
in meinem Rücken, als ich mich dagegeben lehne. Ich nehme einen weiteren Schluck
Tee, trinke und genieße ihn ganz bewusst, nehme seinen würzigen Geruch und seinen
Geschmack wahr und wie das warme Getränk meine Kehle hinunter rinnt.

Die Tasse ist noch halb voll. Ich fühle mich ruhig und möchte weiter arbeiten.

Tägliche kleine Auszeit von der Arbeit mit viel Achtsamkeit

Ich setze mich an meinen PC, mache mir bewusst, was ich in den beiden letzten Stunden geschafft habe und erkenne, dass ich den Stress relativ gelassen genommen habe und die unerklärlichen Programmier-Probleme als Herausforderung gesehen habe, weil ich wusste,
dass ich den Fehler finden würde, wenn ich systematisch und in aller Ruhe danach suchen würde.

Anschließend gönne ich mir eine Teepause – meine tägliche kleine Auszeit von der Arbeit
mit viel Achtsamkeit, so wie ich das in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen gelernt
habe. In der Gruppe wird aus der Achtsamkeit öfter „Lachsamkeit.“ Eigentlich nicht wirklich zielführend, aber eine schöne Erinnerung an die Zeit in der psychosomatischen Tagesklinik.

Einen kurzen Moment lasse ich die Gedanken noch schweifen, denke an die Menschen,
die ich in der Gruppentherapie kennen gelernt habe und überlege, wie es ihnen geht
und ob auch sie noch regelmäßig ihre Achtsamkeits-Übungen machen und an die „Lachsamkeit“ denken.

Achtsamkeit statt Zwangshandlung und Gedankenkarrussell

Mit einem Lächeln greife ich zur Maus und konzentriere mich wieder auf meine Arbeit.

Auch Konzentration ist eine Form von Achtsamkeit. Wenn wir uns voll und ganz auf eine Aufgabe konzentrieren, sind wir ganz bei uns. Wenn wir nichts tun, kreisen die Gedanken
in unserem Kopf unaufhaltsam. Wir haben zwei Möglickkeiten, das Gedankenkarrussell
für einen Moment abzustellen: Mit einer Zwangshandlung oder mit ein paar Minuten Achtsamkeit.

Achtsamkeit geht immer und überall. Auch am Arbeitsplatz. Wenn du nicht allein im
Büro bist, kannst du an einen Ort gehen, an dem du ungestört bist. Wenn du deinen
Blick nicht auf etwas Schönes in deiner Umgebung richten kannst, kannst du deine
Augen schließen und auf deine Atmung achten und deinen Körper wahrnehmen.

Wie ein Stück Schokolade durch Achtsamkeit zum Hochgenuss wird

Oder du kannst ganz bewusst einen Apfel oder ein Stück Schokolade essen.
In der Gruppentherapie hat unsere Therapeutin uns die Achtsamkeitsübung nach
dem Mittagessen mit einem Schoko-Bon versüßt, den wir erst aufmerksam betrachten,
dann ganz langsam auswickeln, nochmals betrachten, in den Mund stecken und dann
auf der Zunge zergehen lassen. Die meisten merken bei dieser Übung zum ersten Mal,
dass in der süßen Leckerei kleine Nusssplitter stecken, die noch für ein zusätzlichen
Genusserlebnis sorgen.

Und so wird so etwas Alltägliches wie der Verzehr einer kleinen Schokokugel zu einem
ganz besonderen Erlebnis und einem schönen Moment, den wir jederzeit wiederholen
können: Mit ein wenig Achtsamkeit in unserem Alltag.

Gedankenkarrussell statt Ruhe

Gehörst du auch zu den Leuten, die immer eine Beschäftigung brauchen?
Wenn ja: Was passiert, wenn du mal nichts zu tun hast? Oder nichts tun kannst?
Fühlst du dich unnütz? Wirst du unruhig? Kommst du ins Grübeln? Warum?

Was ist falsch daran, dir eine Pause zu gönnen, zu entschleunigen, Zeit für dich zu nehmen,
die Seele baumeln zu lassen, einfach mal zu entspannen und den Alltag hinter dir zu lassen?
In der Therapie nennt man das „Selbstfürsorge.“ Und die ist ganz wichtig.

Aber warum fällt es uns so schwer, einfach mal nichts zu tun?
Woher kommt diese innere Unruhe, dieses ungute Gefühl? Dieses ständige Getrieben-Sein?

„Müßiggang ist aller Laster Anfang“

Vielleicht aus der Kindheit?  „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt mein Mutter immer.
Das lerne ich schon als kleines Kind. Meine Mutter kann nie still sitzen, hat immer etwas
zu tun, wird nie müde, zu putzen und Ordnung zu schaffen, obwohl bereits alles sauber und
ordentlich ist. Freizeit? Fehlanzeige! Mütter, die zum Sport gehen oder sich mit Freundinnen
treffen: Ganz schlimm! Haben die denn zu Hause nichts zu tun?
Nun ist meine Mutter fast 90 und leidet darunter, dass sie nicht mehr so viel Energie hat wie früher. Die Hausarbeit fällt ihr immer schwerer, sie muss zwangsläufig Pausen machen und weiß dann nichts mit sich anzufangen, weil sie nie gelernt hat, einfach mal nichts zu tun und das Leben zu genießen. Denn: Nichts tun = Müßiggang = böse, schlimm, der Anfang vom Ende.

Nichts tun will gelernt sein

Mit gutem Gewissen „nichts tun“ will gelernt sein. Das kann nicht jeder.
Ich fühle mich auch nicht wohl, wenn ich längere Zeit gar nichts mache. Im Urlaub nur faul
am Strand liegen oder am Wochenende nur auf der Couch sitzen, wäre mir viel zu langweilig.
Vor kurzem habe ich frei und will den Tag „sinnvoll“ nutzen. Leider habe ich einen gewaltigen Durchhänger und gebe nach einem kurzen und etwas frustrierten Beitrag für meinen Blog
meine Pläne für einen erfüllten Tag auf.

Natürlich ärgert es mich, dass ich an meinem freien Tag nichts Gescheites auf die Reihe kriege. Aber jeder hat mal einen schlechten Tag und vielleicht brauche ich einfach eine Pause. Die letzten Wochen waren doch etwas anstregend. Ich muss wirklich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein paar Stunden nur Musik höre, E-Mails lese oder einfach aus dem Fenster schaue und „nichts“ tue. Das nennt sich Selbstfürsorge und ist ganz wichtig. Das haben wir in der Gruppentherapie für Zwangsstörungen gelernt und meine ambulante Therapeutin mahnt mich auch immer wieder, rechtzeitig Pausen zu machen und nicht erst, wenn ich mit meiner Energie am Ende bin.

Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen

Also akzeptiere ich, dass ich heute nicht so aktiv bin wie ich gehofft habe und genieße meinen freien Tag. Draußen ist es noch ein wenig frisch. Also bleibe ich erst mal drin. Und habe ständig die ganze Arbeit vor der Nase, die ich eigentlich zu erledigen hätte. Und auf die ich heute so überhaupt keine Lust habe.

Aber warum nur? Warum sitze ich jetzt dumm rum und schaffe nichts?
Okay: Nichts tun ist besser als unter Mühen nichts zu schaffen.
Aber waren die letzten Tage und Wochen wirklich so anstrengend ?
Und was soll ich dann heute den ganzen Tag machen?
Wann soll ich den ganzen Kram erledigen, den ich schon seit Wochen vor mir herschiebe?
Wo doch in den nächsten Wochen noch so viel ansteht: Arzttermine, Familiengeburtstage,
meine Schulfreundin will mal wieder vorbei kommen in den Herbstferien, für meinen alten
Freund aus dem Studium würde ich mir auch gerne wieder Zeit nehmen, der hat es gerade
nicht leicht mit seinen Eltern, meine Schwiegermutter baut auch ziemlich ab, da sollten
wir auf jeden Fall auch bald mal wieder vorbei schauen…

STOP !!! Halte das Gedankenkarrussell an!

Kaum sitze ich eine halbe Stunde auf der Couch, schon gehen mir wieder die unmöglichsten Dinge durch den Kopf, mit denen ich mir meinen freien Tag eigentlich auch nicht verderben wollte. GrübelBetty live…

Aber so ist das halt nun mal: Kaum sind wir aus unserer Tretmühle raus, kommt das Gedanken-Karussell im Kopf in Schwung und lässt sich nicht mehr anhalten.

Also suchen wir uns so schnell wie möglich wieder eine Beschäftigung, die uns von unseren Grübeleien ablenkt. Im Extremfall entwickeln wir eine Zwangsstörung.

Aber es gibt einen Weg raus aus dem Zwang und raus aus stopden Grübeleien:
Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe ein schwere Zwangsstörung überwunden
und gelernt, rechtzeitig STOP! zu sagen und mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge für einen positiven Ausgleich zu sorgen. Mit etwas Übung geht es immer besser. Wenn ich fleißig weiter übe, brauche vielleicht sogar einen neuen Spitznamen 🙂

Keine Sorge – Selbstfürsorge

Selbstfürsorge wird in der Therapie groß geschrieben.

Das ist das absolute Kontrastprogramm zu dem, was unsere Eltern Jahre lang gepredigt haben:
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ – „Ohne Fleiß kein Preis“
„Müßiggang ist aller Laster Anfang“
„Ich hatte es nicht so schön, als ich in deinem Alter war. Ich musste den ganzen Tag arbeiten“.
„Für so was habe ich keine Zeit. Ich habe noch nie ein Fitnessstudio gebraucht oder oder
musste zum Schwimmen oder Joggen. Ich habe daheim genug Arbeit…“

Habt ihr das auch so oft gehört, dass ihr es nicht mehr hören könnt ?
Dann geht es euch so wie mir und meinen Mitpatienten und Mitpatientinnen aus der Klinik
(und zigtausend anderen…)

Vielleicht denkt ihr mal kurz über folgende Fragen nach
(muss nicht gleich sein, ist nur eine Anregung…)

a) Wie ging es euch dabei als Kind ?
b) Wie habt ihr als Jugendliche darüber gedacht ?
c) Wie denkt ihr jetzt darüber ?
d) Was würde ein Therapeut dazu sagen ?

Therpeuten sind sich einig: Das Zauberwort heißt „Selbstfürsorge.“

In der Therapie sollen wir uns nach besonders anstrengenden Aktivitäten mindestens
eine Viertelstunde Zeit für uns selbst nehmen. In dieser Zeit sollen wir etwas machen,
was uns gut tut: Musik hören, spazieren gehen, lesen, einen Tee trinken…
Auch Videospiele auf dem Handy sind erlaubt.
Hauptsache, es geht uns gut dabei und wir können wieder Kraft tanken für die nächsten anstrengenden Herausforderungen.

Selbstfürsorge ist auch im Alltag wichtig. Auch am Arbeitsplatz.
Das hat mir vor kurzem auch meine Therapeutin klar gemacht, als sie mir dringend geraten
hat, regelmäßig Pausen einzulegen. Ihr guter Rat hat sich bewährt und mich zu einem weiteren
Beitrag inspiriert.

Ich werde auch weiterhin viel Wert auf Selbstfürsorge legen. Deshalb schließe ich meine
Arbeitam PC für heute ab und genieße mein freies Wochenende bei strahlendem Sonnenschein,
mit einem guten Buch und einer Tasse Kaffee und einem Stück selbst gebackenem Kirschkuchen.

Morgen ist auch noch ein Tag zum Bloggen…

Schließlich will ich nicht irgendwann einen Blog über Burnout machen…

Machen Sie auch mal eine Pause ?

Nach zwei Monaten Wiedereingliederung mit 2-4 Stunden pro Tag arbeite ich nun wieder
regulär, sprich halbtags, also ca. 5 Stunden pro Tag.

An meinem ersten regulären Arbeitstag freue ich mich, dass ich endlich nicht mehr krank geschrieben bin und wieder ganz normal arbeiten kann. Ich kann auch die zusätzliche Stunde gut gebrauchen, weil ich gerade an etwas Interessantem dran bin und das noch fertig machen kann.

Am nächsten Tag bin ich nach drei Stunden schon total ausgepowert und frage mich,
wie ich  den Rest des Vormittags rum kriegen soll. Irgendwie schaffe ich es. Die letzte
halbe Stunde schlage ich allerdings nur noch Zeit tot.

Am dritten Tag ist das Leistungstief schon nach einer Stunde da, obwohl sich herausstellt,
dass das Problem vom Vortag gar nicht so kompliziert ist wie ich dachte, sondern sogar
ganz banal. Ich darf keine Großbuchstaben verwenden. Kleine Ursache, große Wirkung.
Wie so oft in der IT…

Anstatt mich darüber zu freuen, dass ich mir eine Menge Arbeit und viel Programmiererei
sparen kann, bin ich total frustriert, dass ich die Fehlerursache nicht sofort bemerkt habe.
Aber am Tag zuvor war ich schon ziemlich k.o., als dieses Problem aufgetaucht ist. Deshalb
will ich es erst am nächsten Tag bearbeiten – mit frischen Kräften. Und die sind jetzt dahin.
Es ist kurz vor 8 Uhr. Noch 3,5 Stunden bis zum Kernzeitende. Und ich habe den vollen Durchhänger …

Solche Tage kennt jeder. Bei mir ist das eher der Normalzustand. Seit über 20 Jahren.

Machen Sie denn auch mal Pausen ?

Heute kann ich mein Dauerproblem am Nachmittag mit meiner  Therapeutin besprechen.
Das Gefühl, mit meinen Kräften viel zu schnell am Ende zu sein, habe ich nicht nur in der
Arbeit, sondern auch daheim, auch bei Sachen, die mir Spaß machen, z. B. bei meinem Blog.
Da bin ich manchmal auch nach ein oder zwei Stunden so fertig, dass ich erst längere Zeit
etwas anderes machen muss, bevor ich wieder etwas Vernünftiges am PC zustande bringe.

Meine Therapeutin stellt mir eine ganz einfache Frage: Machen Sie denn auch mal Pausen ?

Ja klar, daheim schon. Wenn ich nicht mehr kann, mache ich etwas anderes. Einkaufen oder Haushalt oder ich setze mich einfach mal eine halbe Stunde auf die Couch und höre Musik.

Und in der Arbeit ? Gibt es da keine Pausen ?

So richtige Pausen gibt es bei uns nicht. Also z. B. eine gemeinsame Kaffeepause am Vormittag.
Und Mittag gehe ich heim. Also fällt die Mittagspause in der Arbeit auch flach.

Aber machen Sie denn mal eine Pause ?

Ich muss überlegen: Pause … in der Arbeit …? Äh… Eigentlich nicht so wirklich…

Aber Sie müssen Pausen machen ! Jeder Mensch braucht Pausen!
(Stimmt nicht. Meine Mutter nicht und meine Tante auch nicht und mein Bruder arbeitet
scheinbar auch Tag und Nacht…)

Sie haben eine anstrengende und anspruchsvolle Tätigkeit.
Das haben meine Kollegen auch und die arbeiten Vollzeit…

Und Ihre Bildschirmarbeit ist sehr anstrengend für die Augen.
Stimmt. Manchmal sehe ich trotz Bildschirmbrille nicht wirklich scharf. Das kennt auch jeder. Tagesform. Oder Überlastung…?
Aber meine Kollegen sitzen den ganzen Tag am PC, ich nur fünf Stunden. Trotzdem bin ich
Mittag oft so ausgepowert, dass ich daheim fast nichts mehr schaffe. PC-Arbeiten mache ich
fast nur noch am Wochenende. Manchmal habe ich nicht mal mehr die Energie fürs Schwimmen, obwohl mir das Spaß machen würde.

„Der Schwächel vom Dienst“

Wie ich mich dabei fühle ?
Wie der „Schwächel vom Dienst“. Mit diesen Worten habe ich auch meine Rolle in der Kindheit
in meiner Familie charakterisiert. Scheinbar bin ich das geblieben. Meine fast 90-jährige Mutter schafft scheinbar noch mehr als ich und beklagt sich dann auch noch, dass sie nicht mehr so fit
ist wie vor 20-30 Jahren…

Die Therapeutin erteilt mir meine Hausaufgabe bis zur nächsten Sitzung:
Ich soll in der Arbeit Pausen machen.

Einen kurzen Moment muss ich fast lachen. Das ist ja mal eine tolle Hausaufgabe !
Aber so komisch ist das nicht.

Vor einigen Jahren hat mich ein Kollege gewarnt, ich sei Burnout-gefährdet. Das konnte
ich natürlich nicht glauben. Wo ich doch nur halbtags arbeite… Aber wie oft war ich schon
wegen Überlastungsreaktionen krank geschrieben ? Mindestens 1-2 mal pro Jahr.
Ganz zu schweigen von den psychosomatischen Erkrankungen,
meistens Folgen von Überlastungsreaktionen. Aber Rücken- oder Magenprobleme werden
etwas mehr akzeptiert als „Überlastung“. Vor allem bei Teilzeitkräften. Wovon sollen die „überlastet“ sein ?

Meine Therapeutin ergreift wieder das Wort: Jeder Mensch braucht Pausen.
Andere rauchen oder trinken Kaffee.
Stimmt, mein ehemaliger Chef und die Hälfte seines Teams sind Raucher und Kaffeetrinker.
Da ergeben sich Pausen von selbst. Ich muss eben etwas anderes machen, um den Kopf frei
zu bekommen und wieder Kräfte zu sammeln für meine Arbeit, die viel Konzentration erfordert.
(Früher habe ich geschrieben, aber das darf ich nicht mehr. Auf keinen Fall ! Raus aus dem Zwang!)

Achtsam sein und Tee trinken

Meine Therapeutin macht einige Vorschläge: Achtsamkeit. Achtsamkeit ist immer gut.
Das habe ich in der Klinik gelernt. Da machen wir jeden Tag zwei Achtsamkeitsübung:
Am Morgen und nach der Mittagspause.

Oder einen Tee machen und achtsam trinken. In der kälteren Jahreszeit eine gute Idee !
Momentan sitzen wir beide im T-Shirt rum und der Ventilator verteilt die schwül-warme
Luft im Raum, die neben dem Verkehrslärm durch das geöffnete Fenster zu uns dringt.
Nehme ich gerade meine Umgebung achtsam wahr ?

Es gibt noch ein Leben außerhalb der Arbeit

Ich kann auch im Büro aus dem Fenster schauen und beobachten, was sich draußen abspielt: Baulärm, der meistens den Verkehrslärm übertönt. Ab und zu geht jemand durch den Flur,
den ich von meinem Büro aus sehen kann. Wenn ich aufstehe und ans Fenster gehe, sehe
ich einen großen Baum. Das beruhigt.
Ich kann auch meine Urlaubsfotos an der Wand anschauen:
Das weckt Erinnerungen an schöne Zeiten, spektakuläre Wanderungen und aufregende
Erlebnisse in (m)einem Leben außerhalb des Büros und weit weg von PC-Problemen…

Leider liegt der letzte Urlaub weit zurück und der nächste ist nicht in Sicht.
Aber es gibt auch im Alltag vieles, worauf ich mich freuen kann. Ich rufe mir kurz in
Erinnerung, was ich an meinem freien Nachmittag machen möchte oder dass ich auf
dem Heimweg noch Kirschen kaufen will.

Jeder macht Pausen – außer dir!

Ich bin nach dieser Therapiesitzung nicht so erschöpft wie sonst.
Als ich meinem Mann über den Ratschlag mit den Arbeits-Pausen berichte, sagt er etwas
Ähnliches wie meine Therapeutin: „Es macht wirklich jeder Pausen. Außer dir !“

Pflichtbewusst wie ich bin, befolge ich die therapeutischen Anweisungen und lege am nächsten Arbeitstag gegen 9 Uhr eine Pause ein. Eigentlich fühle ich mich noch ziemlich fit, obwohl ich gerade ein größeres Problem zurückgestellt habe, weil ich mich ein wenig verzettelt habe und
das Gefühl habe, dass ich damit heute nicht mehr weiter komme. Ich gehe ein wenig in mich,
schaue die Urlaubsbilder an der Wand an, stehe auf und beobachte durch das offene Fenster
den Baum im Innenhof und die dichter werdenden Wolken am Himmel.
Ich überlege, dass ich auf dem Heimweg noch zum Einkaufen und am Nachmittag zum
Schwimmen gehen könnte, weil das Wetter scheinbar nicht so schön wird wie angekündigt.
Dann ist nicht so viel los. (Ich schaffe sogar sogar meine beste Zeit in diesem Jahr!)

Dann schenke ich mir noch ganz bewusst ein Glas Wasser ein, nehme einen tiefen Schluck
und widme mich der nächsten Aufgabe. Eine Stunde später gönne ich meinen Augen wieder
ein wenig Erholung von der anstrengenden Bildschirmarbeit.

Als ich um 11:20 Uhr meinen Kollegen ein schönes Wochenende wünsche, sehe ich das
ungelöste Problem immer noch ziemlich entspannt. Immerhin habe ich wieder etwas
dazu gelernt und außerdem ist mir auch noch eingefallen, wie ich es lösen kann.
Nächste Woche dann. Vor der ersten Pause…