Perfektionismus als Zwangsstörung ?

Mit Perfektionismus ist es ein wenig wie mit Burnout. Beides ist gesellschaftlich anerkannt
oder zeichnet die Betroffenen sogar aus. Viele große Schauspieler und Regisseure sind Perfektionisten. Und alle finden es gut, dass die so tolle Filme machen. Außer den Leuten,
die an diesen Filmen mitarbeiten und nichts gut genug machen können für die großen Meister.
Auch Psychologen sehen den ständigen Drang nach Perfektion kritisch. Im Grunde genommen
ist Perfektionismus eine Zwangsstörung, genau gesagt ein klassisches Merkmal für eine zwanghafte Persönlichkeit. Am verbreitetsten sind vermutlich übertriebene Ordnungsliebe
und ein ausgeprägter Putzfimmel (Hygienezwang).

Perfektionismus als Beziehungskiller

Übrigens ist übertriebene Ordnungsliebe laut einer Umfrage die unangefochte Nummer 1
der Eigenschaften, die am Partner am meisten nerven. Das kann ich bestätigen.
Meine Mutter ist extrem ordnungsliebend. Mein Vater war extrem schlampig.
Keine Ahnung, wie die beiden das 54 Jahre miteinander ausgehalten haben.
Ich war jedenfalls felsenfest überzeugt, dass ich nie heiraten werde, bis ich mit 30 Jahren
meinen Mann kennen gelernt habe, der genauso unordentlich ist wie mein Vater und ich.

Können Perfektionisten einen „Schlamper“ beneiden ?

Manchmal wünsche ich mir, dass meine Mann oder ich etwas mehr Lust zum Aufräumen hätten. Aber spätestens seit meiner Gruppentherapie in einer pychsosomatischen Tagesklinik bin ich froh, dass ich das „Schlamper-Gen“ meines Vaters geerbt habe. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie sehr ein zwanghaft ordentlicher Mensch unter der geringsten Unordnung leidet, wenn ich es nicht bei meinen MitpatientInnen erlebt hätte. Der Gedanke, dass die Jacke nicht richtig aufgehängt ist, sondern einfach achtlos über einen Stuhl geworfen wurde, kann extreme Unruhe, Angstzustände, Herzrasen und andere körperliche Beschwerden auslösen.

Ich möchte nicht wissen, was meine Mutter über 50 Jahre lang durchgemacht hat mit ihrem schlampigen Ehemann und ihrer schlampigen Tochter…

Anders als meine Mutter akzeptieren mich meine ordnungsliebenden und perfektionistischen Mitpatientinnen und Mitpatienten so, wie ich bin. Sie beneiden mich sogar darum, dass ich es
mit der Ordnung nicht so genau nehme. Bis dahin war ich immer der Meinung, ich hätte von meinen Eltern jeweils das mitgekriegt, was ich nicht brauchen kann: Von meiner Mutter die schlechten Nerven und von meinem Vater das schlechte Benehmen, also eine gewisse Nachlässigkeit in Sachen Ordnung, Kleidung (ich hasse es, wenn ich mich gut anziehen muss)
oder „unangemessene Gelassenheit“, wenn ich etwas nicht perfekt hin kriege.
Und jetzt sind da plötzlich Leute, die total ordentlich sind und immer alles perfekt machen
wollen. Und die beneiden mich darum, dass ich nicht so ordentlich bin!
Meine Güte, ich kann es kaum glauben!
Scheinbar bin ich gar nicht so schlimm, wie ich immer dachte 🙂

Perfektionismus als Spaß-Killer

In der Therapie muss keiner alles perfekt machen. Im Gegenteil.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie die gesamte Therapiegruppe incl. Kunsttherapeutin
ganz entsetzt ist, als ein Mitpatient eine Zeichnung zerreißt, weil sie seiner Meinung nach
nicht gut genug ist. Ich sitze damals neben ihm und kann es nicht fassen, wie fertig er ist,
weil er dieses Bild nicht besser hingekriegt hat.

Ich würde mich freuen, wenn ich nur annähernd so gut malen und zeichnen könnte wie er.
Dann könnte ich auch ein paar eigene Illustrationen für meinen Blog machen. Aber bei mir
kommen immer Kinderzeichnungen raus. Trotzdem macht mir die Kunsttherapie Spaß.
Bei der Besprechung am Ende der Stunde präsentiere ich meine „Kunstwerke“ immer
mit Humor und ein wenig Selbstironie. Und ich bekomme immer viel Zustimmung,
auch wenn meine Bilder nie mit den Werken einiger MitpatientInnen mithalten können,
die wirklich künstlerisch begabt sind, so wie der Patient, der sein fertiges Bild zerrissen
hat, das allen anderen gefallen hat. Aber eben nur den anderen. Dass er das Bild zerrissen
hat, gefällt keinem. Er muss dafür sehr viel Kritik einstecken (auch in Form von roten Pfeilen).
Aber Perfektionisten sind ohnehin selbst ihre härtesten Kritiker.

Wenn es perfekt sein müsste, würde nie etwas fertig

Zugegeben: Ein bisschen perfektionistisch bin ich auch, z. B. bei meinen Texten.
Ich habe über zwei Monate gewartet, bis ich die Leute aus meiner Therapiegruppe
über meinen Blog informiert habe, weil ich unbedingt ein paar Dinge drin haben wollte,
z. B. die Beiträge über die „Lachsamkeit“ und Positiv-Liste. Die kommen auch ganz gut an.
Aber deswegen ist mein Blog nicht um Klassen besser als vorher und schon gar nicht perfekt.

Den perfekten Zeilenumbruch habe ich mittlerweile weitgehend aufgegeben. Das ist im Internet sowieso sinnlos, weil die verschiedenen Webbrowser teilweise ihre eigenen Gesetze haben. Das fängt schon beim Hauptmenü an. Keine Ahnung, wie lange ich daran rum getüftelt und nichts erreicht habe. Wenn alles in allen Browsern perfekt ausschauen müsste, könnte ich nie etwas veröffentlichen.

Also schreibe ich jetzt einfach munter drauf los, wenn mir etwas einfällt, was andere
auch interessieren könnte, lese das Ganze noch mal durch, mache ein paar Korrekturen –
und dann geht’s ab ins World Wide Web. Sicher nicht perfekt.

Aber es macht Spaß und ich freue mich über jeden Beitrag, den ich veröffentlichen kann.
Vielleicht helfen meine Texte irgendwem da draußen in der großen weiten Welt ein bisschen
weiter – auch wenn sie nicht perfekt sind.