Bloggen als Therapie?

Ein besorgter Leidensgenosse hat mich auf Facebook gefragt, ob mich das
Bloggen nicht triggert, weil das doch auch eine Form von Dokumentation ist.
Schließlich habe ich über 10 Jahre an einem Dokumentierzwang gelitten.
Ich ich habe zwanghaft alles aufgeschrieben, was so um mich herum
oder in mir drin vorgegangen ist.

Nun, ich kann euch alle beruhigen: Mein Blog ist absolut zwangsfrei!

Ich schreibe zwar immer noch sehr gerne, aber mittlerweile nur noch,
wenn ich Lust darauf habe und/oder etwas mitteilen möchte –
so wie jetzt gerade.

Okay, am Anfang habe ich mir schon noch einiges von der Seele geschrieben.
Da hatte das Bloggen vielleicht wirklich noch ein wenig was von Therapie,
vielleicht auch als Ersatz für die Gespräche und den Erfahrungsaustausch
mit meinen MitpatientInnen in der Gruppentherapie, die mir unheimlich
geholfen haben. Und auch gefehlt, als ich plötzlich wieder alleine zu Hause
gesessen bin und nur einmal pro Woche mit meinem Mann und meiner
ambulaten Verhaltenstherapeutin über meine Probleme reden konnte,
weil meine Freunde alle nichts von meiner Zwangsstörung wissen.
Heimliche Krankheit und so. Ihr kennt das sicher auch…

Facebook als Therapie ?

Deshalb sind so viele wie ich auf Facebook und auch in der
Gruppe für Angststörung,Depressionen,Zwangsstörung u. Co.
Die kann ich übrigens wärmstens weiter empfehlen.

Auch wenn das Schreiben keine Therapie ersetzen kann und Facebook
keine echten Freunde in der realen Welt: Es tut trotzdem gut, wenn man
sich einfach mal etwas von der Seele schreiben kann und sieht, dass man
mit seinen Problemen nicht allein da steht, sondern dass es da draußen
ganz viele andere liebe Menschen gibt, die dich verstehen und ein paar
ermunternde oder tröstende Worte für dich finden.

Deshalb werde ich auch weiter bloggen und auf Facebook posten,
wenn ich  das Gefühl habe, dass ich vielleicht jemandem ein wenig
helfen oder zumindest für einen Moment ein wenig aus seinem
Seelentief herausholen kann.

Und das hoffentlich auch weiterhin ganz zwanglos 🙂

Dokumentierzwang

Wenn Schreiben zum Zwang wird

Nein, heute schreibe ich nichts auf ! Das nehme ich mir immer wieder fest vor,
wenn ich mit Freunden zusammen sitze. Meistens fange ich trotzdem sofort zu
schreiben an, sobald ich daheim bin. Weil ich schreiben muss. Zwanghaft.

Manchmal kann ich mich bis zum nächsten Tag beherrschen, vor allem, wenn es spät wird.
Dann muss ich aber schreiben. Unbedingt. Oft schreibe ich einen halben Tag und länger.
Natürlich muss ich auch aufschreiben, wie ich geschlafen habe, was ich geträumt habe,
wann wir aufgestanden sind, ob am Morgen irgendetwas vorgefallen ist, und und und…
Ich leide unter zwanghaftem Dokumentieren, einem Dokumentierzwang, auch Dokumentationszwang oder Schreibzwang genannt.

Ich dokumentiere immer mehr und immer ausführlicher

Dieses manische Schreiben hat sich im Laufe der Jahre entwickelt.
Zunächst notiere ich nur wichtige Ereignisse im Kalender: Ein Treffen mit Freunden, Veranstaltungen, die wir besucht haben, Bergtouren, Ausflüge. Dann dokumentiere
ich auch meine sportlichen Aktivitäten, beim Schwimmen und Radfahren auch mit
Zeiten und Entfernungen. Das machen andere auch und die meisten enwickeln dabei
keinen Dokumentierzwang. Ich schon. Irgendwann schreibe ich nicht nur auf, wie weit
und wie schnell ich geschwommen bin, sondern auch, ob ich jemanden gesehen habe,
ob mich jemand gegrüßt hat, ob mich jemand angerempelt hat oder ein Kind neben
mir ins Wasser gesprungen ist.

Ständig unter Spannung

Im Fitnessstudio schreibe ich nicht nur auf, wen ich getroffen habe, sondern auch
worüber wir geredet haben. Immer ausführlicher, oft mit wörtlichen Dialogen.
Ich sitze Stunden lang um PC und tippe ununterbrochen. Mein Mann stellt fest,
dass sich meine Atmung verändert. Pressatmung. Ein Zeichen für hohe Anspannung.
Ich möchte am liebsten alles auf einmal schreiben. Wenn ich nicht schreiben kann,
werde ich total unruhig, irgendwann ist die Anspannung kaum noch auszuhalten.

Wenn ich mit jemandem rede, hoffe ich, dass das Gespräch nicht zu lange dauert,
damit ich nicht so viel aufschreiben muss. In Gedanken sitze ich schon wieder am
PC und dokumentiere das ganze Gespräch. Auch in der Arbeit. Oft denke ich, dass
ich wohl den Eindruck mache, als wäre ich ständig total im Stress oder auf der Flucht.
Immer auf dem Sprung, geistig schon wieder vor meinem PC.

„Das muss ich gleich aufschreiben“

Das bin ich auch. Aber nicht, weil ich so dringende Arbeiten zu erledigen habe oder mir
gerade etwas kolossal Wichtiges eingefallen ist – vielleicht die Lösung für ein Problem,
an dem ich schon ewig rum bastle, also etwas, was ich wirklich sofort umsetzen sollte.
Ab und zu kommt das natürlich auch vor. Oder meine Kollegen haben einen Lösungsansatz
parat. Mein Standardsatz in solchen Situationen ist: „Das muss ich gleich aufschreiben.“

Leider muss ich nicht nur die fachlichen Informationen aufschreiben, sondern auch,
was mein Kollege sonst noch gesagt hat, was er gerade getan hat, als ich ins Büro
gekommen bin, ob mein Chef oder die anderen Kollegen gerade beim Rauchen draußen
stehen oder sich irgendwo unterhalten. Einfach alles, was mich eigentlich gar nicht
interessieren sollte am Arbeitsplatz.

Zwang macht einsam

Ich distanziere mich zunehmend von meinen Kollegen.
Das fällt nicht schwer, weil ich schon lange nicht mehr richtig dazu gehöre, seitdem ich
wegen meiner Teilzeit aus dem Systembereich raus gefallen bin. Das ist jetzt eine reine Männerdomäne, typisch IT. Irgendwie passe ich da nicht richtig rein. Auch ein Grund,
warum ich lieber schreibe als rede. Weil die anderen mich nicht verstehen. Oder nicht
verstehen wollen und meine Probleme mit nichts-sagenden Sätzen abtun wie
„Du musst einfach ruhiger werden und dir ein dickeres Fell zulegen.“

Also ziehe ich mich in mein Büro zurück und hacke auf meinen PC ein, anstatt mit
einem Kollegen zu reden. Erschwerend kommt hinzu, dass wir in einem kleinen
Nebengebäude sitzen, weit weg von den anderen. Meine Kollegen finden das toll.
Dann können uns die Anwender nicht ständig die Bude einrennen, wenn sie ein
Problem haben. Ich wäre lieber im Hauptgebäude (wo ich jetzt auch tatsächlich bin)
und nicht so isoliert. Als einzige Frau in einer klassischen Männerdomäne.

Schreiben als „Ventil“

Unser Personalratsvorsitzender erkennt richtig, dass das Schreiben für mich ein
„Ventil“ ist und ich es ohne Schreiben vielleicht gar nicht mehr ausgehalten hätte.
Dass ich todunglücklich bin mit meinem Arbeitsplatz weiß jeder. Auch mein Chef.
Dem habe ich das sogar wörtlich gesagt.
Dass ich immer weiter aus dem Team raus falle, müsste auch allen auffallen.
Genau wie meine ständige Tipperei, die meinen Zimmer-kollegen ziemlich auf die
Nerven geht. Das erfahre ich erst später, als ich schon aus der IT-Abteiolung raus bin.
Weil der neue Chef – unser langjähriger Systemadministrator, der zehn Jahre zuvor mit
ein paar Schlüsselsätzen endgültig die Weichen für meinen beruflichen Niedergang gestellt
hat
– nicht mehr mit mir zusammen arbeiten kann (oder will), weil das Vertrauensverhältnis gestört ist. Aufgrund meines Dokumentierzwangs. Weil ich alles aufgeschrieben habe.
Auch Dinge, die ich theoretisch gegen ihn oder meine Kollegen verwenden könnte.
Was ich nie vorhatte.

Meinen Mann stört es nicht, dass ich so viel schreiben

Ich wollte den ganzen Mist nicht aufschreiben. Ich musste.
Weil ich an einem Dokumentierzwang gelitten habe. Jahre lang. Unbemerkt.
Obwohl es alle hätten merken müssen. Meinem Mann fällt natürlich auch auf dass ich
immer so viel schreibe.  Aber ihn stört es nicht und er empfindet mein Verhalten auch
nicht als zwanghaft. Trotz meiner angespannten Körperhaltung und Pressatmung,
auf die er mich immer wieder aufmerksam macht, wenn ich am PC sitze. Aber nach
über 20 Jahren  gewöhnt man sich an die Eigenheiten seines Partners und akzeptiert
sie auch. Das ist vermutlich eines der „Geheimnisse“ einer guten Beziehung.

Meine Kollegen stört meine Tipperei, aber sie sagen nichts

Meine Kollegen stört meine ständige Tipperei schon. Aber sie sind  vermutlich einfach
zu bequem, um etwas zu sagen. Ich könnte ja irgendwie reagieren. Mit meinen schlechten
Nerven und meinem dünnen Fell…

Und so schreibe ich weiter. Über zehn Jahre lang. Immer mehr und immer zwanghafter.
Oft überlege ich, ob ich nicht zu meinem alten Chef gehen sollte, der mir über 20 Jahre
lang das Leben schwer gemacht hat und seit März 2015 in Rente ist. Vielleicht sollte ich
diesem ignoranten Chauvi, der nie eine Frau in seinem Team haben wollte, einfach sagen,
dass ich alles aufschreiben muss. Zwangsweise. Zwanghaft. Dass ich das nicht will, aber
einfach nicht anders kann. Und unheimlich darunter leide.

Meinen Schreibzwang ansprechen wäre eine Katastrophe gewesen

Aber das wäre sicher eine Katastrophe geworden. Ich konnte mit meinem alten Chef nicht
einmal über deutlich einfachere Probleme vernünftig sprechen. Und dem soll ich sage sagen,
dass ich einen Schreibzwang habe? Nein, bloß nicht !

Und so schreibe und leide ich weiter bis zu jenem fatalen Donnerstag im August 2015, als mein neuer Chef endlich die entscheidende Frage stellt: „Was schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“

Das ist das Beste, was mir passieren konnte.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durch gehalten hätte. Denn mein Schreibzwang ist
wirklich immer schlimmer geworden und ich habe mich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück gezogen, damit ich nicht noch mehr aufschreiben musste.

Zwang macht einsam und kann vieles kaputt machen

Zwang macht einsam. Und er kann Leben zerstören und viel kaputt machen. Freundschaften, Beziehungen, Karrieren. Meine „Karriere“ in der IT-Abteilung ist schlagartig beendet, als mein Chef und meine Kollegen von meinem Dokumentierzwang erfahren.

Meine Mitgliedschaft im Personalrat wird mir erst aufgekündigt, als ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurück kehre. Natürlich habe ich auch während den Personalratssitzungen immer ziemlich viel mitgeschrieben. Nicht immer. Manchmal konnte ich mich auch beherrschen,
bis ich daheim war. Natürlich habe ich mir immer wieder vorgenommen, nichts aufzuschreiben. Weil ich das gar nicht durfte. Und das wussste ich auch. Aber ich musste.
Auch wenn ich damit einen massiven Verstoß gegen den Datenschutz begangen habe.
Als Personalratsmitglied und als IT-Mitarbeiterin. Da wiegt dieses Vergehen doppelt schwer.
Trotzdem konnte ich das Dokumentieren nicht bleiben lassen.

Meine Kollegen reden noch mit mir

Meine Kollegen sind nicht mehr zu einem klärenden Gespräch bereit, als ich nach 9 Monaten unfreiwilliger Auszeit und einer 9-wöchigen Therapie in einer psychosomatischen Tagesklinik
an meinen neuen Arbeitsplatz zurück kehre. In einer anderen Abteilung und einem anderen Gebäude, aber immer noch im IT-Bereich. Aber sie reden noch mit mir, wenn ich aus fachlichen
Gründen in der IT anrufen muss.
Mein ehemaliger Zimmerkollege ist sogar in mein neues Büro gekommen und hat mir lange
und ausführlich erklärt, warum die hilfreichen Links auf PDF-Dateien im Internet und Intranet nicht mehr funktionieren (aus Sicherheitsgründen und weil es da größere Probleme gab in der langen Zeit, in der ich weg war). Er hat mir wahrscheinich deutlich mehr erzählt als seinem
Chef lieb ist.

Scheinbar hat mein Kollege trotz meines Dokumentierzwangs noch Vertrauen zu mir.
Und ich habe sein Vertrauen nicht enttäuscht.

Ich schreibe nur noch, wenn es mir Spaß macht

Ich habe nicht aufgeschrieben, was er mir alles berichtet hat.
Und ich werde es auch nicht mehr aufschreiben.
Weil ich meinen Dokumentationszwang überwunden habe.
Ich schreibe nur noch, wenn es mir Spaß macht. Und nicht, weil ich schreiben muss.

So habe ich meinen Dokumentationszwang überwunden

Reden ist Silber, Schreiben ist Gold?

Als Kind möchte ich Schriftstellerin werden. Natürlich haben meine Eltern etwas dagegen.
Sie haben auch später etwas dagegen, dass ich Journalistin werden will. Obwohl mir das
Schreiben schon immer im Blut liegt.

In der Schule schreibe ich immer sehr lange Aufsätze. Meine Lehrer klagen zwar immer,
dass sie das alles lesen und korrigieren müssen. Aber scheinbar lesen sie meine Aufsätze
gang gern. Sie werden auch oft vorgelesen. Das macht mich natürlich stolz und motiviert
mich zum Weitermachen. Meine ersten schriftstellerischen Versuche scheitern kläglich –
nicht nur am Widerstand meiner Eltern, sondern auch daran, dass ich mit 12 Jahren
einfach noch nicht das nötige KnowHow habe.

Tagebuch schreiben

Also konzentriere ich mich eben auf die Schule und beginne mit Tagebuch schreiben.
Bis meine Eltern meine privaten Aufzeichnungen lesen. Damals bin ich 15 und zum
ersten Mal unglücklich verliebt. In den nächsten Jahren will ich nur noch raus und
meine eigenes Leben leben. Das geht aber erst nach dem Abitur. Bis dahin ziehe ich
mich in eine Traumwelt von einem besseren und freieren Leben zurück.
Mit dem Tagebuch schreiben fange ich erst wieder während des Studiums an,
als ich sicher sein kann, dass meine Aufzeichnungen nicht mehr gefunden und
gelesen werden können. Bald muss ich für die Uni so viel schreiben, dass ich
keine Zeit und keine Lust mehr für private Aufzeichnungen habe.

Die Probleme sind vorprogrammiert

Mit dem Tagebuch schreiben beginne ich erst wieder, als ich schon lange im Beruf bin.
Und wieder an einem Punkt, an dem ich nur noch raus will aus allem. Nur ist das jetzt
nicht mehr so leicht wie mit 15. Ich habe einen IT-Job und bin fast 30. Da wird es schwierig,
einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden, wenn man nicht jeden Tag drei Stunden pendeln will.
Wie durch ein Wunder bekomme ich mit 30 einen neuen Arbeitsplatz – und neue Probleme.
Mein damaliger Chef will eigentlich keine Frau im Team haben. Ich bin aber die einzige
qualifizierte Bewerberin. „Auf deine Stelle hat sich nur Schrott beworben“. Sagt mein Chef.
Immer wieder. Ohne Einschränkungen. Also wirklich „nur Schrott“ (mich eingeschlossen).
Ein Kollege teilt mir im Vertrauen mit, dass meine Stelle sogar erneut ausgeschrieben
werden sollte, obwohl ich alle Anforderungen erfülle.
Die Probleme sind vorprogrammiert…

Als einzige Frau in einer Männer-Domäne

Eigentlich habe ich kein Problem damit, dass ich die einzige Frau im Team bin, das mittlerweile
7 Mann stark ist. An meiner alten Stelle war ich die einzige Frau in einem 3-Personen-Team.
Leider waren mein Chef und mein Kollege bis aufs Blut verfeindet und haben ihre Konflikte teilweise auf meinem Rücken ausgetragen. Ganz nebenbei hat mir mein Chef ein paar Wochen zuvor einen Teil seiner Lebensgeschichte erzählt. Und zwar den Teil, von dem seine Frau nichts
wissen darf. Mein Kollege war der „Grabscher vom Dienst“.

Diese Probleme habe ich mit meinen neuen Kollegen nie. Sie verhalten sich immer absolut korrekt. Nur sehen Männer vieles anders als Frauen, z. B. wie man mit Anwender-Problemen umgehen soll. Für mich hat der Mensch immer Priorität, egal wie unbedeutend sein Problem erscheinen mag. Die anderen haben aber tatsächlich ein Problem. Sonst würden sie nicht bei der IT-Hotline anrufen. Mein Chef und meine Kollegen sind der Meinung, dass „ich nicht immer gleich springen oder alles stehen und liegen lassen soll, bloß weil da irgendwer ein Problem hat. Die können ruhig ein bisschen warten.“ Sonst könnte vielleicht der Eindruck entstehen, dass wir nichts Besseres zu tun haben, als uns um Anwender-Probleme zu kümmern.

Dokumentieren kann viel Zeit und Ärger sparen

Für mich ist das wirklich das Beste an meinem IT-Beruf: Leuten helfen oder etwas zu entwickeln, was ihnen die Arbeit leichter macht. Ich erstelle als einzige regelmäßig Arbeitsanleitungen und stelle sie den betroffenen KollegInnen zur Verfügung.
Außerdem halte ich Inhouse-Schulungen und erstelle dafür sehr umfangreiche Kursunterlagen,
die genau auf meine Kurse und die Bedürfnisse meiner TeilnehmerInnen abgestimmt sind.
Wenn jemand an einem neuen Thema interessiert ist, baue ich es in die Unterlagen ein.

Ich bin in meinem Element: Ich kann schreiben.
Ich dokumentiere auch im Tagesgeschäft alles, was wichtig ist: Probleme, Fehlermeldungen, Lösungen, Lösungsansätze, die nicht funktioniert haben, wie man das Problem in Zukunft vermeiden kann und noch vieles andere.
Mein Vorschlag, eine zentrale „Knowledge-Base“ (Wissensdatenbank) aufzubauen, auf die
auch unsere AnwenderInnen Zugriff haben, wird abgeschmettert. Ich frage mich, ob dieser
Vorschlag angenommen worden wäre, wenn er von einem meiner männlichen Kollegen
gekommen wäre…

Aber die halten nichts vom Dokumentieren und überlegen lieber Stunden lang, wie sie
damals dieses Problem gelöst haben. „Das war doch schon mal, vor ein paar Wochen.
Weißt du noch? Was haben wir damals gemacht? Keine Ahnung… Ich kann mich auch
nicht mehr erinnern. Mist!“

Ich hätte es vermutlich gewusst, wenn ich dabei gewesen wäre. Weil ich es aufgeschrieben hätte. Dann könnten wir jetzt nachschauen und uns viel Zeit und Stress sparen. Und den Anwendern,
die von dem Probleme betroffen sind, auch.

„Du bist in der Systembetreuung nicht mehr tragbar, weil du nie da bist“

Aber ich bin nie dabei bei wirklich wichtigen Aktionen. Obwohl ich Jahre lang hauptverantwortlich mehrere Großrechnersysteme mit verschiedenen Betriebssystemen administriert habe (u. a. UNIX und LINUX). Irgendwann kommt mein Chef zu der Überzeugung, dass ich in der „Systembetreuung nicht mehr tragbar bin, weil ich zu wenig da bin“.
Ich arbeite seit 1998 in Teilzeit, weil ich in meinem Beruf immer unglücklicher geworden bin
und das auch massive Auswirkungen auf meine Gesundheit hatte – körperlich und psychisch: Wiederkehrende Magenprobleme, chronische Verspannungen im Nacken, chronische Schmerzen
im Bereich Hals- und Brustwirbelsäule, Bandscheibenvorfälle in der HWS, Depressionen.

Die berufliche Veränderung gelingt nicht

Natürlich versuche ich, mich beruflich zu verändern – intern und extern. Ohne Erfolg.
Ich schaffe es nur bei einer einzigen Bewerbung bis zum Vorstellungsgespräch. Auf diese
Stelle bewirbt sich auch ein jüngerer Kollege, der später eine Stelle bei einem anderen
Arbeitgeber bekommt. Ich bin also nicht die einzige, die da raus will.
Meine internen Bewerbungen werden auch nie berücksichtigt.

Nachdem ich mit Mitte 30 scheinbar schon unter die Rubrik „schwer vermittelbar“ falle,
versuche ich, mich selbständig zu machen. Auch ohne Erfolg.

„Für dich ist der Zug abgefahren“ – „Dein Sch… interessiert hier keinen“

Also versuche ich, wieder den Anschluss an meine IT-Kollegen zu finden.
Unser Systemadministrator, der 2015 der neue Chef des IT-Teams wird , zerschmettert
meine Hoffnungen mit einem einzigen Satz: „Beim System ist der Zug für dich abgefahren.“

Meine Kollegen machen mir deutlich klar, dass sie von meinen Problemen nichts wissen wollen: „Dein Sch.. interessiert hier keinen“.
Wenn ich über Probleme mit dem Chef klage, heißt es nur:
„Betty, du musst einfach ruhiger werden. Du musst dir ein dickeres Fell zulegen!
Mir macht das schon lange nichts mehr aus! Ich habe mittlerweile eine Elefantenhaut.“
Damit hat mein Kollege sogar Recht: Elefanten sind ausgesprochen dünnhäutig.
Genau wie mein „dickfelliger“ Kollege, der sich wenig später bei meinem Zimmerkollegen
über exakt dasselbe Problem klagt und gefühlt eine halbe Stunde über unseren Chef schimpft.
Ihm hört mein Kollege natürlich zu und zeigt Verständnis. Schließlich geht es uns doch alle so
mit unserem Chef, der sich immer in alles einmischt und immer alles besser weiß, auch wenn
er keine Ahnung hat.

Die Probleme meiner Kollegen interessieren schon

Ich sitze da und bin sprachlos. Jetzt schreit unser total cooler und dickfelliger Kollege,
dem alles am A… vorbei geht, hier Stunden lang rum – in meinem (unseren) Büro.
Und ich kann nicht mehr vernünftig arbeiten, weil ich mich bei dem Rum-Gezetere
natürlich nicht mehr konzentrieren kann. Und zu mir sagt er, „ich soll ruhiger werden
und mir ein dickeres Fell zulegen…“

Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr…
Oder gute Freunde, die immer da sind und zuhören und trösten… Oder irgendeine andere Möglichkeit, um den Druck los zu werden, wenn gerade keiner da ist, der zuhören und
trösten kann – wie meistens. Oder in der Arbeit eigentlich fast immer. Schließlich will
ich auch keinen stören und von der Arbeit abhalten – so wie unser Kollege das gerade macht.
Außerdem bringt das bei mir meistens sowieso nichts. Ganz im Gegenteil.

Schreiben als Ersatz für Reden

Also verlege ich mich aufs Schreiben. Das liegt mir eh besser.
Papier und Tastatur sind geduldig. Auf jeden Fall geduldiger als meine Kollegen.
Reden ist Silber. Schreiben ist Gold…
Und so wird aus dem sinnvollen Dokumentieren in der Arbeit und dem privaten Tagebuch
ein Dokumentationszwang und Schreibzwang, der mir das Leben immer schwerer macht.

Wenn das das Schreiben zum Zwang wird