Gesundheit geht vor – auch im Job?

Die vergangene Arbeitswoche war ziemlich stressig. Die kommende wird es vermutlich auch noch. Dann kann ich mir die Arbeit hoffentlich wieder etwas besser einteilen und etwas weniger stressige Aufgaben bearbeiten, bevor ich die Schmerzgrenze erreiche.
Zur Zeit bin ich mit einer komplexe Programmierung beschäftigt. Die ist die Voraussetzung dafür, dass ich vernünftig weiter machen kann: Sprich, dass ich nicht ständig weitere komplexere Aufgaben zurückstellen muss, so wie ich das in den letzten Wochen gemacht habe. Ich habe das alte Jahr ruhig ausklingen lassen und lasse es auch im neuen Jahr erst mal etwas ruhiger angehen: Ich erledige Routine-Arbeiten halte auch brav meine Bildschirmpausen ein.
Es geht mir gesundheitlich noch ganz gut und ich kann auch relativ gut von der Arbeit abschalten.

Mit Mitte 30 die HWS eines 60-70-Jährigen…

Letzte Woche fange ich endlich mit den schwierigeren Aufgaben an.
Und schon geht es wieder mit den gesundheitlichen Problemen los:
Ich habe von Geburt an eine starke Rückgratverkrümmung und leide seit über 20 Jahren an einem chronischen HWS-Syndrom. Die ersten Probleme treten bereits mit 29 auf, also vor
25 Jahren. Mit Mitte 30 habe ich zwei Bandscheibenvorfälle in der HWS. In der Reha bin die zweitjüngste Patientin mit Rückenbeschwerden und die einzige mit Problemen in der Halswirbelsäule.

Das hat sich seitdem sicher geändert. Ich bin mit 23 zum ersten Mal am PC gesessen.
Die nachfolgenden Generationen wachsen mit PC und anderen elektronischen Medien
auf und entwickeln schon in sehr jungen Jahren den sprichwörtlichen „Handy-Nacken“.
Also war ich mit meinen Beschwerden gewissermaßen meiner Zeit voraus.

Der Orthopäde, der meine Kernspin-Aufnahmen begutachtet, lässt sich von der starken Abnutzung meiner Halswirbel zu einem trockenen Kommentar hinreißen:
„Meine Wirbelsäule würde eher zu einem 60-70-jährigen passen als zu jemandem mit
Mitte 30“, meint er. Diesen Spruch kann er mittlerweile sicher öfter ablassen.
Ich habe nach der Reha den Arzt gewechselt.

Klassische Berufskrankheit

Den Beruf kann ich nicht wechseln, obwohl mir klar ist, dass mein IT-Job meine Beschwerden  schlimmer macht. Das HWS-Syndrom ist eine klassische Berufskrankheit bei PC-Berufen. Aufregung oder Stress macht das Ganze grundsätzlich schlimmer.

Bis Dienstag wird das Ziehen im oberen Rücken zu Hause schnell besser und spricht gut auf Wärme an. Ab Mittwoch tun meine Bandscheibenvorfälle wieder richtig weh. Am Donnerstag helfen auch keine Kirschkernkissen mehr.

Also lege ich am Freitag gleich am Morgen ein ThermaCare-Wärmepflaster auf.
Das scheint tatsächlich zu helfen – bis das erste Programmier-Problem auftritt.
Schon sind die Schmerzen wieder da: Mit voller Wucht.
Als ich das Problem gelöst habe, entspannt sich meine Nackenmuskulatur wieder
und die Schmerzen gehen weg. Bis zum nächsten Problem.
Aber es hilft nichts: Da muss ich jetzt durch. Also Zähne zusammen beißen und weiter arbeiten. Gegen 11 Uhr habe ich den Fehler gefunden. Na bitte, geht doch! Ich atme erleichtert auf.

Die Programmierung ist zwar noch nicht ganz fertig, aber der Rest kann warten bis nächste Woche. In einer halben Stunde kann ich ins Wochenende starten und meiner angeschlagenen HWS eine dringend nötige PC-Pause gönnen. Eigentlich habe ich mir fürs Wochenende einiges vorgenommen, auch am PC. Aber das kann auch warten. Gesundheit geht vor. Ganz klar.

Ich kann wieder nicht von der Arbeit abschalten

Auf dem Heimweg fällt mir eine potentielle Lösung für den Teil ein, den ich nicht mehr geschafft habe. Ich verfolge den Gedanken weiter, während ich in die Pedale trete und schreibe es zu Hause gleich  auf.

Jetzt könnte ich eigentlich ins wohl verdiente und vor allem dringend benötigte Wochenende starten. Aber die Gedanken an die Arbeit lassen mich  nicht los.

Früher war das ein Dauerproblem bei mir: Dass ich einfach nicht abschalten konnte. Auch nicht am Wochenende. Ich habe sogar schon an Weihnachten fachliche Probleme für die Arbeit gelöst. Oft habe ich Dateien nach Hause gemailt und daheim daran weiter gearbeitet, bis ich eine Lösung gefunden habe.

Steuere ich schon wieder auf eine Überlastungsreaktion zu?

Heute mache ich das nicht. Ich kann mich beherrschen. Meine schmerzende Halswirbelsäule macht es mir leichter. Außerdem bin ich stehend k.o. und habe das Gefühl, dass ich schon wieder auf eine Überlastungsreaktion zusteuere. Wie schon so oft. Das geht jetzt gar nicht. Ich war fast neun Monate wegen meiner Zwangsstörung krank geschrieben und bin erst seit einem halben Jahr an der neuen Stelle, die extra für mich eingerichtet wurde. Genau gesagt wurde meine alte Stelle in eine andere Abteilung verlegt, für die ich in früheren Jahren schon viel gearbeitet habe. Warum ich so lange krank war, weiß da angeblich keiner. Dass ich schon öfter Rückenprobleme hatte, ist schon bekannt. Da befinde ich mich in bester Gesellschaft. Aber ich will nicht schon wieder krank geschrieben werden…

Eine kleine Auszeit im Café tut gut

Am Nachmittag gehen wir in ein Café, zum ersten Mal in diesem Jahr. Ich muss einfach raus, unter Leute, mich ablenken. Ich rede immer noch sehr viel über mein Programmierproblem.
Aber durch den Ortswechsel gewinne ich ein wenig Abstand. Die Erschöpfung fällt von mir ab. Die ansprechende Umgebung, die fröhlich plaudernden Menschen um mich herum, dazu ein großer Cappuccino und ein Stück Himbeerkuchen…

Endlich Wochenende ! Es geht doch nichts über ein wenig Selbstfürsorge!

Neue Lösungsansätze in der Nacht und beim Zähneputzen

Am Samstag wache ich mitten in der Nacht mit einer weiteren Idee für mein Programmier-Problem auf. Mir fällt öfter etwas buchstäblich im Schlaf ein. Ich kann wieder einschlafen.
Das ist keineswegs selbstverständlich bei mir. Ich habe schon Nächte lang über fachliche Probleme gegrübelt oder bin mitten in der Nacht aufgestanden und habe ganze Konzepte ausgearbeitet. Heute komme ich wieder zur Ruhe.

Beim Zähneputzen fällt mir wieder etwas ein. Ich hole Papier und Bleistift und schreibe alles ganz genau auf. In der Mathematik und auch in der Programmierung spricht man von Algorithmus. Wirklich strukturiert sind meine Notizen nicht. Ich muss nachträglich etwas einfügen und die Nummerierung anpassen.

Am liebsten würde ich die neuen Lösungsansätze sofort ausprobieren

Am liebsten würde ich meine Erkenntnisse sofort sauber am PC tippen und ins Büro mailen.
Am allerliebsten würde ich das ganze eigentlich sofort ausprobieren. Aber dann würde ich
wieder den halben Samstag am PC sitzen und meine HWS-Beschwerden wären wieder da.
Jetzt wo sie endlich weg sind, weil Wochenende ist.

Also mache ich das einzig Sinnvolle: Ich lege meine Notizen auf meine Bürotasche, zu den Notizen vom Vortag. Dann erledige ich ein wenig Hausarbeit, die ich eigentlich am Nachmittag machen wollte, bis ich mit meinem meinem Mann auf den Markt zum Einkaufen gehen kann. Anschließend backe ich einen kleinen Apfelkuchen her. Das hatte ich eigentlich nicht vor, aber meine Mann meint, dass die Äpfel langsam etwas schrumpelig werden. Ich habe den Wink verstanden…

Nerven-Nahrung

Mein neuer Chef hat mir zum Nikolaus zwei Pralinen geschenkt. Das ist Tradition, meint er,
und „Nerven-Nahrung“. Die kann ich brauchen.

Natürlich löst Schokolade keine Programmierprobleme. Und auch keine anderen Probleme.
Aber so eine kleine „Belohnung“ oder eine kleine Stärkung hat auch etwas mit Selbstfürsorge zu tun. Und die ist ganz wichtig – besonders dann, wenn es mal wieder besonders stressig ist und alles andere wichtiger zu sein scheint als das eigene Wohlbefinden.

Deshalb verbringe ich am Wochenende relativ wenig Zeit am PC und höre sofort auf,
sobald ich das erste Signal von meinem Körper bekomme. In der Arbeit geht das nicht so leicht. Trotzdem sollte – oder müsste – ich mich auch im Beruf ein wenig zurücknehmen, wenn mein Körper wieder deutliche Schmerzsignale sendet.

Gesundheit ist das Wichtigste im Leben. Gesundheit ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.