Etwas sagen kann sehr hilfreich sein

In der ersten Therapiesitzung im neuen Jahr spreche ich natürlich an, dass ich an Weihnachten ziemlich viel von mir preis gegeben habe: Genau gesagt über meine Kindheit. Im nächsten Moment ist mir das schon furchtbar unangenehm, dass ich all diese sehr persönlichen und
auch höchst problematischen Dinge gesagt habe – in Gegenwart meines Schwagers, meiner Schwägerin, unserer Nichte, eines unserer Neffen und meines Mannes. Der war bis dahin der einzige, der davon wusste, dass ich mit 15 am liebsten gestorben wäre und davon überzeugt
war, dass meine Eltern ohne mich besser dran wären.
Die Stimmung ist vorher schon nicht sehr weihnachtlich, ganz im Gegenteil: Wir haben zu diesem Zeitpunkt gefühlt schon mindestens eine Stunde nur über sehr schwierige aktuelle Themen gesprochen, die auch mich betreffen. Irgendwann wird mir das dann einfach zu viel.
Wie gesagt: Ich bereue es sofort und bedauere meinen Gefühlsausbruch den ganzen Abend und
die nächsten Tage noch zutiefst, obwohl die Reaktionen meiner Verwandten sehr positiv sind:

Meine Schwägerin legt mir die Hand auf den Arm und stellt fest, dass sie und ihre Geschwister es als Kinder leichter hatten. Mein Schwager berichtet von seinen Problemen mit seiner eigenen Mutter und vermittelt mir auch ein Gefühl von Solidarität. Verständnis zeigen alle. Keiner ist mir böse. Ganz im Gegenteil.

Ich fühle mich verstanden und akzeptiert

Meine Schwägerin versichert mir, dass es gut ist, dass ich (noch) da bin.
Ich fühle mich von der Familie meines Mannes verstanden und akzeptiert.
Etwas, was mir in meiner eigenen Familie immer gefehlt hat.

Positive Gefühle festhalten

Dieses Gefühl soll ich festhalten. Das Gefühl, verstanden und angenommen zu werden.
Es ist in Ordnung, dass ich über meine Probleme gesprochen habe, auch wenn diese
schon lange zurück liegen und es aktuell um die Probleme meiner Schwiegermutter
geht, bei der sich das hohe Alter zunehmend bemerkbar macht.

Ich will nicht, dass meine Verwandten in mir jetzt einen weiteren „Problemfall“ sehen.
Aber um mich müssen sie sich nicht kümmern… Sie können sich weiterhin auf die Probleme ihrer Mutter konzentrieren. Und müssen dabei auch keine Rücksicht auf mich nehmen.
Aber vielleicht ist es trotzdem gut, dass sie nun wissen, warum ich kein so inniges Verhältnis
zu meiner Mutter habe wie sie zu ihrer und oft etwas gereizt reagiere, wenn ich auf meine Mutter angesprochen werde.

Ruhig mal was sagen – das brauchen wir Menschen

Meine Therapeutin versichert mir immer wieder, dass ich ab und zu mal was sagen soll.
Natürlich nicht zu jedem und ungefiltert. Aber zu Menschen, die mich verstehen.
Das brauchen wir Menschen. Einfach mal was raus zu lassen.

Ich schlucke schon mein ganzes Leben viel zu viel runter. Einer meiner Standardsprüche
lautet: „Ich ersticke noch mal an dem, was ich nicht sage…“
Und weil ich so oft nichts sagen kann, schreibe ich das Ungesagte auf:
So lange und so viel, dass es zwanghaft wird.

Ich würde immer noch unkontrolliert und zwanghaft schreiben, wenn nicht mein Chef
etwas zu mir gesagt hätte. Vielleicht wäre das Vertrauensverhältnis nicht komplett gestört,
wenn ich den Mut gefunden hätte, ihm etwas von meinen Problemen zu sagen, bevor er sie selbst entdeckt hat. Ich werde es nie erfahren.

Unsere Personalchefin und der Personalrat reagieren mit Verständnis, als sie von meinem Dokumentationszwang erfahren. Sie unternehmen alles erdenklich Mögliche unternommen,
damit ich im IT-Bereich weiter arbeiten kann – in einer anderen Abteilung.

Nicht jedem alles sagen

Meinen neuen Kolleginnen und Kollegen sollte ich aber lieber nichts sagen, meint die Personalratskollegin, als ich meine neue Stelle antrete. Aber mit ihr und den anderen Personalratsmitgliedern kann ich jederzeit über meine Probleme sprechen.
Und auch mit einigen Familienmitgliedern, wie ich an Weihnachten festgestellt habe.
Und natürlich mit meiner Verhaltenstherapeutin, die keineswegs nur gute Ratschläge
für das richtige Verhalten parat hat, sondern auch sehr intensiv nach den Ursachen
meiner Probleme forscht.

Einige dieser Ursachen habe ich an Weihnachten angesprochen: Unüberlegt, spontan
und in einem Gefühlsausbruch. Trotzdem sehe ich es im nachhinein positiv, dass das
alles aus mir heraus gebrochen ist.

Etwas sagen kann manchmal wirklich sehr hilfreich sein 🙂

Imagination in der Verhaltenstherapie

In der Imagination in der ambulanten Verhaltenstherapie versetze ich mich in eine schwierige Situation in meinem Leben zurück, meistens in meine Kindheit. Ich stelle mir den Ort vor, an dem ich damals war (fast immer mein Elternhaus), die Personen, die beteiligt waren (meistens meine Mutter), was meine Mutter gesagt hat und wie ich mich dabei gefühlt habe.

Zwischendurch fragt meine Therapeutin immer wieder nach, wie ich ich jetzt gerade fühle
und wo ich diese Gefühle im Körper spüre. Meistens wird mein Hals enger, manchmal auch
der Brustraum. Über meine Kindheit rede ich nicht gerne rede und ich bin froh, dass ich schon so lange erwachsen bin. Und jetzt muss ich in Gedanken wieder ein kleines Kind werden und geistig noch einmal erleben, was mich zu dem Menschen gemacht hat, der neun Wochen in einer psychosamatischen Tagklinik war und nun eine ambulante Verhaltenstherapie braucht.

Aber ich sehe vieles klarer. Aus der Sicht der Erwachsenen. Und auch aus der Sicht meiner Therapeutin, die mir klar macht, dass ich nicht alles falsch gemacht habe mein ganzes Leben lang, auch nicht in der Kindheit.

In der Imagination ist ein Happy End möglich

Manchmal darf ich meine Geschichte in der Imagination auch umschreiben.
Oder meine Therapeutin kommt mit ins Spiel und nimmt mich in Schutz.
Manchmal holt sie mich sogar aus der Situation raus. Für immer.
Ich kann ein neues Leben beginnen, mit einer guten Freundin, die für mich sorgt.
Was für eine herrliche Vorstellung !

Natürlich funkt da immer wieder die Erwachsene dazwischen. Aber die hat jetzt erst mal Sendepause. Das Kind in mir darf sich vorstellen, wie das alles hätte besser werden können damals. Und plötzlich wird alles leichter. Die Enge im Hals geht weg, die Stimmung wird
besser, fast heiter.

Dieses Gefühl soll ich fest halten und dann langsam wieder ins Hier und Jetzt zurück kehren:
In die Welt der Erwachsenen in der ambulanten Verhaltenstherapie, in der mir eine erwachsene Frau gegenüber sitzt, die meine Probleme versteht.

Schade, dass es diese Frau in meiner Kindheit nicht gegeben hat… Aber es gibt sie heute.

Auch eine ambulante Therapie ist nicht einfach. Aber sie hilft mir weiter.

 

 

 


Therapeutischer Brief

Der therapeutische Brief dient in erster Linie dazu, dir alles von der Seele zu schreiben,
was du einer bestimmten Person nicht (oder nicht mehr) sagen kannst, z. B. deiner
Mutter, deinem Vater, einem früheren Lebenspartner oder wer immer dir sonst noch
das Leben schwer macht oder gemacht hat. Therapeutische Briefe können auch an
Verstorbene adressiert sein.

Vielleicht werden dir beim Schreiben Dinge bewusst, die dir vorher nicht klar waren
oder die du vergessen oder verdrängt hast. Du schreibst den therapeutischen Brief
nicht für die Person, an die er sich richtet, sondern für dich.

Was du mit diesem Brief machst, ist deine Entscheidung:
Natürlich kannst du den Brief an die Person schicken, an die er adressiert ist.
Das kommt aber eher selten vor.

Wie gesagt: Der therapeutische Brief ist für dich. Du kannst den Brief behalten
und später wieder durchlesen oder auch zerreißen, wegwerfen oder verbrennen.

Meinen MitpatientInnen in der Gruppentherapie haben ihre Briefe geholfen.
Wenn ich mich dazu aufraffen kann, selbst einen therapeutischen Brief
zu schreiben, berichte ich darüber auf meinem Blog.

Vielleicht hast du schon Erfahrung mit therapeutischen Briefen?
Es wäre schön, wenn du sie uns mitteilen würdest!

Der Klügere gibt nach…

Wirklich? Das würde einiges erklären: Wenn die Klügeren ständig nachgeben, übernehmen
zwangsläufig die Dümmeren das Regiment.
Im richtigen Leben geben meistens nicht die Klügeren nach, sondern eher die Schwächeren.
Das alte Sprichwort ist eines der vielen Instrumente, wie man aus aufgeweckten Kindern
unsichere Erwachsene macht, die sich nicht durchsetzen können, nicht Nein sagen können,
ausgenutzt oder gemobbt werden und im besten Fall irgendwann in einer Therapie landen.
Da kann ihnen wenigstens geholfen werden.

Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin

Dieses Buch ist nicht umsonst ein Bestseller geworden.
Ich bin Jahre lang ein braves Mädchen und kann mich nie richtig durchsetzen.
Gegen meine Eltern und meinen großen Bruder habe ich sowieso keine Chance, vor allem als
Mädchen. Von den Nachbarskindern, im Kindergarten und in der Schule werde ich „gehänselt“
(heute würde man es Mobbing nennen). Meine pubertären Rebellionsversuche hätten mich
fast ins Grab gebracht, weil meine Mutter mir ständig vorwirft, dass ich sie zehn Jahre
früher ins Grab bringen würde. Also komme ich zu der Überzeugung, dass meine Eltern
ohne mich besser dran wären und will sie von dieser schrecklichen Last befreien, die
plötzlich kein braves Mädchen mehr sein will. Hat nicht geklappt, wie man sieht.

Also gebe ich weiter nach und mich passe mich zwangsläufig an, bis ich von zu Hause
ausziehen und im Studium endlich meine verpasste Jugend nachholen kann. Ein braves
Mädchen bin ich da nicht mehr… Ganz im Gegenteil. Vor allem auch, weil ich nicht
„Nein“ sagen kann. Zu niemandem. Meinen Nachbarn interessiert es nicht (damals gibt
es das „Nein heißt Nein“-Gesetz noch nicht. Aber er hätte sich eh nicht dran gehalten.)
Also ist es in diesem Fall wohl wirklich klüger, nachzugeben, weil ich definitiv die
Schwächere bin (und nicht im Krankenhaus landen will…)

Später hätte ich mir viele Probleme ersparen können, wenn ich mich nicht an das alte
Sprichwort gehalten hätte, obwohl es natürlich schmeichelt, wenn man klüger gehalten
wird als seine Kontrahenten.

Spielerisch lernen, wie man nicht ständig nachgibt

Zum Glück führt mein Weg zwangsläufig in eine Gruppentherapie.
Hier treffe ich auf viele nette Menschen, denen es ähnlich geht wie mir.
Alle waren als Kinder schüchtern, wurden autoritär erzogen, gemobbtund haben Probleme,
Grenzen zu setzen. Kein Wunder: Sie sind alle intelligent. Und der Klügere gibt nach…

Wir lernen in Rollenspielen, wie wir das besser machen können.
Ich kann mich auf ein wichtiges Personalgespräch vorbereiten, bei dem es um meine
berufliche Zukunft nach meiner 9-monatigen Zwangspause geht. Beim dritten Versuch
kann ich mich gegen meinen Mitpatienten durchsetzen, der die Chefrolle perfekt verkörpert.

Er kann sich ein paar Tage zuvor auch sehr gut gegen mich durchsetzen, als ich in die
Rolle seiner dominanten Mutter schlüpfe. Das fällt mir leicht, weil ich nur meine eigene
Mutter parodieren muss.

Beim ersten Durchgang wird mein 37-jähriger „Sohn“, der mich um mehr als einen
Kopf überragt, plötzlich ganz klein geworden. Im zweiten Durchgang tritt er ziemlich
selbstbewusst auf und spielt mich glatt gegen die Wand. ich gebe mich geschlagen.
Wir ernten viel Applaus für unsere (schauspielerischen) Leistungen.
Und wir profitieren enorm von der neuen Rollenverteilung, in der nicht der vermeintlich
Klügere und defacto Schwächere nachgibt, sondern der mit den schwächeren Argumenten.

Ein besserer Arbeitsplatz, weil ich nicht nachgegeben habe

Wenn ich in meinem Wiedereingliederungsgespräch so stark nachgegeben hätte wie in
meinen 28 Berufsjahren zuvor, würde ich jetzt trotz Uniabschluss bei deutlich niedrigerem
Gehalt in der Pforte oder im Schreibdienst arbeiten, weil da gerade Stellen frei waren.
Stattdessen bestehe ich auf meinem Recht auf eine gleichwertige Stelle und weise auf eine
entsprechende schriftliche Bestätigung der Rechtsabteilung meiner Gewerkschaft hin.
Außerdem führe ich an, dass ich ein Projekt fertig stellen möchte, das schon vor Jahren
begonnen wurde und das mir wirklich am Herzen liegt.

Nachdem ich wegen meines Jahrelangen Dokumentierzwangs nicht an meinen IT-Arbeitsplatz zurück kehren kann, schafft unsere Personalstelle eine neue IT-Stelle in der Abteilung, für die ich nun mein Projekt fertig stellen kann. Das ist im Öffentlichen Dienst theoretisch fast ein
Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem hat mein Arbeitgeber meinem Wunsch nachgegeben.
Vielleicht, weil er rechtlich gesehen in der schwächeren Position ist. Vielleicht auch, weil
das eine klügere Entscheidung ist als eine IT-Spezialistin mit 28 Jahren Berufserfahrung
auf eine Stelle zu versetzen, für die sie völlig überqualifiziert ist und für die es zahlreiche
andere interessierte und qualifizierte BewerberInnen gibt.

Recht geben ist besser als Nachgeben

An meiner neuen Arbeitsstelle fühle ich mich deutlich wohler.
Natürlich spreche ich meine Ideen mit meinem Kollegen ab. Und ich gebe auch nach,
wenn ich das Gefühl habe, dass er einen besseren Lösungsansatz hat.
Genau genommen gebe ich dann nicht nach, sondern ich gebe dem anderen Recht.
Ein guter Teamplayer gibt zu, wenn der andere etwas besser weiß oder besser kann.
Mit ein wenig Lob und Anerkennung fällt auch das Nachgeben leichter.

Nicht so bescheiden !

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr…“
Grammatikalisch nicht ganz korrekt. Trotzdem zutreffend.
„Schwätzer machen die beste Karriere“ titelt die Süddeutsche Zeitung in den späten
1980er Jahren. Daran hat sich seitdem nichts geändert.

Die Leute in meiner Therapiegruppe haben vieles gemeinsam, u. a. mangelndes Selbstbewusstsein oder ein schlechtes Selbstwertgefühl. Woher kommt das?

„Generation Mauerblümchen?“

„Eigenlob stinkt! Gib nicht so an!“ Klassische Ansagen aus meiner Kindheit und Jugend.
Etwas poetischer drückt es ein beliebter Vers in dem damals bei Mädchen sehr beliebten Poesiealbum aus: „Sei wie das Veilchen im Moose. Sittsam, bescheiden und rein.
Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“

So wird eine ganze Generation von Mauerblümchen herangezogen, die sich später in der Erwachsenenwelt und in der leistungsorientierten Berufswelt durchsetzen soll und nie
gelernt hat, wie das geht. Ich weiß, wovon ich rede. Der oben zitierte  Spruch steht auch
in meinem Poesiealbum. Der erweiterte Spruch mit der Bescheidenheit gefällt mir besser.
Deshalb habe ich den auch als Aufhänger für meinen Beitrag gewählt.

Das kann ich gut – darauf bin ich stolz

In der Gruppentherapie sagt jeder am Freitag Nachmittag, worauf er in dieser Woche stolz ist.
Wenn ein neues Mitglied zu unserer Therapiegruppe stößt, stellen wir uns alle vor:
Mit Namen, Alter, unseren Zwängen und – last but not least – etwas, was wir gut können.
Nach ein paar Wochen wird das immer schwieriger. Weil wir jedes Mal etwas anderes sagen müssen. Aber es fällt uns auch immer leichter, unsere positiven Eigenschaften herauszustellen. Schließlich ist vieles, was wir gut können, auch für die anderen nützlich.

Ich beschließe meine Vorstellung am ersten Tag mit der postiven Eigenschaft
„Ich kann gut zuhören“. In den nächsten Wochen betone ich vor allem gute Eigenschaften,
die in der Therpie von Nutzen sind: „Ich kann mich gut in andere hineinversetzen.“
„Ich kann andere zum Lachen bringen.“ „Ich kann gut über mich selbst lachen.“

Ich kann gut schreiben…

Passend dazu breche ich nach ein paar Wochen ein Tabu: „Ich kann gut schreiben.“
Das bringt einige zum Lachen, weil ich wegen meines Schreibzwangs in Therapie bin
und zu diesem Zeitpunkt schon über mein Problem lachen kann. Weil ich auf einem
guten Weg bin. Und weil gut schreiben auch nützlich sein kann. Ich habe mir zwar
meinen Kindheitstraum nicht erfüllt und bin keine Schriftstellerin geworden. Ich bin
auch keine Journalistin geworden, weil mir dazu ein paar andere wichtige Eigenschaften
fehlen, z. B. das nötige Durchsetzungsvermögen, um Informationen von Leuten zu
bekommen, die Journalisten nicht mögen. Wie gesagt: „Generation Mauerblümchen…“
Ich konnte mich auch in der Männer-Domäne IT nie richtig durchsetzen, vielleicht auch,
weil meine Kollegen sich und ihre Ideen immer besser „verkaufen“ konnten.

Erfolgserlebnisse nicht klein reden

Eine „stolze Rose“ werde ich wohl nie. Aber ich habe mich trotzdem aus meinem „Mauerblümchen-Dasein“ befreit und einiges erreicht in meinem Leben, auch beruflich.
Und ich habe gelernt, ein wenig stolz auf das zu sein, was ich gut kann oder wenn ich
etwas gut gemacht habe.

Meine Therapeutin ermutigt mich weiterhin, meine Erfolgserlebnisse nicht klein zu reden
und mich zu freuen, wenn ich etwas geschafft habe. Auch wenn meine Kollegen das sicher
auch geschafft oder eine Lösung im Internet gefunden hätten. Oder andere das sicher schneller
und besser hin kriegen, z. B. die Leute, die die Lösungen im Internet veröffentlicht haben.
Das ändert nichts daran, dass ich es auch geschafft habe. Und ich habe sicher Qualitäten,
die Computer-Freaks im Internet nicht haben. Die meisten von denen können wahrscheinlich
nicht so gut schreiben und vermutlich auch nicht so gut zuhören oder sich in andere hinein versetzen oder andere zum lachen bringen oder über sich selbst lachen…

Positiv-Liste statt falscher Bescheidenheit

Jeder Mensch hat Fehler und Schwächen. Aber jeder Mensch hat auch seine guten Seiten
und Stärken, also auch du ! Die musst du dir nur klar machen !
Probier’s doch mal mit einer Positiv-Liste. Schreib alles auf, was du gut kannst und schon
erreicht hast. Dann schreibe regelmäßig auf, was du heute geschafft hast. Wenn da mal
nichts drin steht, ist das auch nicht schlimm! Jeder Mensch muss auch mal Pausen machen.
Und wenn du vielleicht das Gefühl hast, dass du schon etwas zu lange Pasue machst,
dann lies dir einfach durch, was du schon alles geschafft hast in deinem Leben.
Und sei ruhig ein wenig stolz darauf !
Du weißt ja, wie das ist mit der (falschen) Bescheidenheit…
Ggf. diesen Artikel noch mal von vorne lesen ! 🙂

Therapie kann Freude bereiten

Eine Therapiestunde ist kein Kaffeekränzchen. Meine Therapeutin meint, heute hätte
ich mir einen Kaffee verdient, weil es sehr anstrengend war. Das ist es eigentlich immer.
Und das ist gut so. Daran merkt man, dass ich mir Mühe gebe. Ich lasse mich auf alles ein –
auch wenn mir manches auf auf den ersten Blick etwas seltsam vorkommt.

Ich habe volles Vertrauen zu meiner Therapeutin und bin sicher, dass sie das Richtige tut,
damit es mir langfristig besser geht. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass es mir nach den
Sitzungen teilweise nicht so gut geht. Auch das gehört dazu, wenn man sich mit Ereignissen
auseinandersetzt, die man am liebsten ganz weit hinter sich lassen oder gleich ganz aus
seinem Leben streichen würde.

Aber das geht nicht. Wir können unsere Vergangenheit nicht ungeschehen machen oder
die Menschen ändern, die unser Leben beeinflusst haben. Aber wir können versuchen,
das alles besser zu verstehen.
Und wir können lernen, wie wir besser mit den Folgen umgehen können. Oder wie wir
ähnliche Situationen in Zukunft besser meistern können, damit es erst gar nicht zu
solchen Folgen kommt.

Darum gehe ich zur Therapie und mache auch alles bereitwillig mit.
Meine Therapeutin freut sich immer, wenn ich komme. Weil ich für alles offen bin
und mich auf alles einlasse. Das freut mich natürlich. Ich verlasse die Praxis mit einem
Lächeln auf dem Gesicht und freue mich auf die nächste Therapiestunde – auch wenn
es sicher wieder anstrengend wird und mir vielleicht manchmal wieder etwas seltsam
vorkommen wird…

Therapeuten-Suche

Eine Therapie ist meine einzige Chance, um wieder an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren,
an dem ich ein halbes Jahr zuvor „zwangs-beurlaubt“ wurde – einen Tag nachdem mein Chef meinen Dokumentationszwang entdeckt hatte.
Genau genommen werde ich nicht suspendiert – auch wenn es mir so vorkommt.
Die Krankenkassen-Lösung ist natürlich einfacher und kostet den Arbeitgeber nach sechs
Wochen auch fast nichts mehr. Und fordert mein Chef mich dazu auf, mich umgehend krank
zu melden und „erst wieder in die Arbeit zu kommen, wenn ich wieder ganz gesund bin“.

Die frustrierende Suche nach einem geeigneten Therapieplatz

Die Suche nach einem Verhaltenstherapeuten ist als sehr schwierig und extrem frustrierend.
Ganz nebenbei muss ich meine erfolglosen Versuche auch noch ganz genau dokumentieren,
damit meine Krankenkasse notfalls eine Behandlung bei einem Therapeuten ohne Kassenzulassung bewilligen kann, falls ich niemanden finden sollte, der meinen Dokumentationszwang behandeln kann. Ist ziemlich paradox, geht aber nicht anders.

Also rufe ich jeden Tag mehrere Nummern aus der endlosen Liste im Internet an und erhalte folgende Rückmeldungen:

„Unsere Praxis ist bis einschließlich … geschlossen“.
„Sie erreichen mich am Montag von 12-13 Uhr“
„Sie erreichen mich jeweils 10 Minuten vor der vollen Stunde“.
„Wir behandeln grundsätzlich keine Zwangspatienten“.
„Ich kann Sie gerne auf meine sehr lange Warteliste setzen.
Rufen Sie in drei Monaten wieder an, wenn Sie bis dahin niemanden
gefunden haben. Aber wie gesagt: Meine Warteliste ist SEHR lang.“

Die einzige Therapeutin, bei der ich mich sofort vorstellen könnte, hat einen ziemlich
eigenwilligen Therapieansatz. Sie sieht die Ursache für Zwangsstörungen grundsätzlich
in einem Familiengeheimnis und fordert mich zur Lektüre eines Buchs auf, das ich nicht
weiter empfehlen möchte. Ich soll zwei Kapitel darin lesen und mich dann entscheiden,
ob ich zu ihr gehen will. Ich lege das Buch nach dem ersten Kapitel weg und suche weiter.

Die Krankenkasse hilft auch nicht wirklich weiter

Zwischendurch schaue ich bei meiner Krankenkasse vorbei und lege die lange Liste meiner erfolglosen Bemühungen vor, einen Therapieplatz zu finden – mit Datum und Uhrzeit der jeweiligen Anrufe und Begründung, warum ich da vorerst nicht dran kommen kann.

Der Sachbearbeitet druckt mir eine Liste mit drei freien Therapieplätzen aus.
Die meisten melden das natürlich gar nicht, weil die eh immer gleich wieder belegt sind.
Eine Praxis ist über 30 km von meinem Wohnort entfernt. Das wäre noch zumutbar, auch
wenn man nicht gerne Auto fährt oder Medikamente nehmen muss, die die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen könnten. Schließlich gibt es auch öffentliche Verkehrsmittel.

Der erste freie Platz an meinem Wohnort hätte bereits fünfmal vergeben werden können.
Die zweite Praxis ist telefonisch nicht erreichbar und ziemlich weit von meiner Wohnung
entfernt, aber immerhin noch mit dem Stadtbus erreichbar. Mein Mann fährt mich hin.
Wir finden weder am Haus noch an den Briefkästen oder an den Klingeln ein Schild, das
auf eine psychotherapeutische Praxis hinweist. im 2. Stock finden wir endlich das gesuchte
Schild neben dem Aufzug. Nur gibt es in diesem Stockwerk nur Privatwohnungen.
In der Physiotherapie ein Stockwerk höher weiß auch keiner, was aus der Psychotherapeutin geworden ist.

Natürlich melde ich dieses Malheur sofort meiner Krankenkasse und bitte weiterhin um Informationen über freie Therapieplätze. Tatsächlich bekomme ich am nächsten Tag eine
Mail mit den drei „freien“ Plätzen, von denen ich zwei als belegt bzw. nicht mehr existent
gemeldet habe.

Ist eine stationäre Behandlung zwangsläufig erforderlich ?

Zum Glück gehen die Sommerferien zu Ende und eine Therapeutin reagiert sofort auf meine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Ihr 15-Uhr-Termin hat abgesagt und sie hat keine Lust,
an ihrem ersten Arbeitstag ihre lange Warteliste durch zu telefonieren. Also ruft sie eben bei
mir an. Auch Therapeuten sind nur Menschen und machen es sich manchmal leicht.
Ihr Beruf ist schwer genug…

Die Dame macht zwar keine Verhaltenstherapie, würde mich aber trotzdem nehmen.
Nach einer halben Stunde rät sie mir zu einem stationären Aufenthalt in einer renommierten psychosomatischen Klinik, die sich u. a. auf Zwangsstörungen spezialisiert hat.
Ich bin noch frustrierter als zuvor, rufe aber die empfohlene Klinik an.
Die WKrankenhausartezeit für Zwangspatienten beträgt 9 Monate.
„Zwangspatienten bleiben immer etwas länger, also mindestens 8-10 Wochen“.
Meiner Stimmung entsprechend frage ich nach den Warte- und Behandlungszeiten bei Depressionen. Da käme ich schon in vier Wochen dran und nach 6-8 Wochen wieder raus.

Therapie in einer Tagklinik als perfekte Alternative

Dass diese Klinik auch eine sehr gute Tagklinik in München beftreibt,
erfahre ich erst von der Verhaltenstherapeutin, bei der ich zwei Wochen
später einen Termin bekomme. Sie hat sich gerade selbständig gemacht
und baut sich erst ihren Patientenstamm auf. Eigentlich ist sie nicht auf
Zwang spezialisiert, sondern auf die Behandlung von Depressionen und Angststörungen. Aber die sind ohnehin häufig der Auslöser für eine Zwangsstörung und depressiv bin ich zu diesem Zeitpunkt definitiv.

Ich fühle mich bei meiner Therapeutin vom ersten Moment an sehr gut aufgehoben und
bin ihr auch sehr dankbar dafür, dass sie mir nach einigen Sitzungen die psychosomatische Tagesklinik in München empfohlen hat. Ich kann die Klinik und meine Therapeutin
wärmstens weiter empfehlen.

Wer steckt hinter dem Inneren Kritiker?

Wer steckt hinter dem Inneren Kritiker ?

Was würden wir zu unserem besten Freund oder unserer besten Freundin sagen,
wenn er/sie glaubt, einen Fehler gemacht zu haben ?

a)   Etwas in der Richtung von:

Nimm’s nicht so tragisch. Das kann doch mal passieren !
Gut, dass dir auch mal so was passiert ! Das macht dich so menschlich … 🙂
(Version für Ehepartner)
Das passiert jedem mal ! Noboody is perfect ! Nicht mal du oder ich 🙂
Okay, du hast einen Fehler gemacht. Das kann man nicht mehr rückgängig machen.
Jetzt beruhige dich erst mal und dann schauen wir, was wir da machen können.
Möchtest du etwas trinken oder irgendwohin gehen, wo wir in Ruhe reden können ?

ODER

b)   Eher etwas wie:

Das gibt’s doch nicht ! Kannst du denn NIE was richtig machen !
Jetzt habe ich dir das schon hundert Mal gesagt und du hast es immer noch nicht kapiert !
Bist du denn total bescheuert ?
So doof kann man doch gar nicht sein !
Jetzt stell dich nicht so an !
Du kannst echt GAR nichts !
Mit dir hat man nur noch Probleme ! Du bringst mich noch ins Grab ! (beliebt in Familien…)

Was würdet Ihr lieber hören ? Eine Antwort aus     a) oder b) ?
Was würdet Ihr zu einem netten Menschen sagen, dem es gerade nicht gut geht ?   a) oder b) ?
Vermutlich a), oder ? Das hoffe ich zumindest…

Was sagt unser „Innerer Kritiker“ zu uns, wenn wir einen Fehler gemacht haben ?  a) oder b) ?

a)  Gratuliere ! Du hast es geschafft ! Freut mich trotzdem, dass du auf meinem Blog bist !
b)  Willkommen im Club ! Mir geht es genauso. Aber ich arbeite dran…

Der „Innere Kritiker“ ist nur ein Gedanke !

Habt ihr Euch eigentlich schon mal gefragt, wer hinter diesem ewig nörgelnden Wesen steckt,
das in unserem Kopfkino sein Unwesen treibt und uns ständig das Leben schwer macht ?
Genau, das sind wir selbst ! Genau gesagt: Unsere Gedanken.
Aber Moment mal: Ein Gedanke ist kein Mensch oder keine Tat ! Es ist nur ein Gedanke.
Ein Konstrukt in unserem Kopfkino. Und manchmal führt da halt der „Innere Kritiker“ Regie.

Aber wieso ist mein „Kritiker“ noch kritischer als bei anderen ?

Ist er das wirklich ? Ganz sicher ?
Glaubst du wirklich, dass alle anderen alles besser machen also du ?
Wer hat das behauptet ? Außer dem „Kritiker-Monster“ in deinem Kopf ?

Denk mal nach ! An wen erinnert dich das ? Wer hat das immer gesagt ?
Dass alle anderen alles besser machen als du ? Dein Bruder… deine Schwester…
das Kind der Nachbarn… Deine Mitschüler… Deine Kollegen…
Gibt es Menschen in deinem Leben, denen du noch nie etwas gut genug machen konntest ?
Egal, wie sehr du dich angestrengt hast ? Entweder war es nicht gut genug oder irgendwer
anderer hat es noch besser gemacht als du ?
Und wen interessiert, ob du gut Gitarre spielen, tanzen, malen oder Gedichte schreiben kannst ?
Damit kann man kein Geld verdienen ! Sieh lieber zu, dass du was Gescheites lernst und gute Noten hast ! So wie … oder … und …

„Meine Mutter sitzt in meinem Kopf“

Wahrscheinlich kennt ihr das alle. Und die, die das zu uns sagen oder immer gesagt haben,
kennen das auch. Weil man das auch immer zu ihnen gesagt hat oder immer noch sagt.
Bei einer zweistündigen Analyse meiner Hintergrundproblematik hat der Oberarzt der
Tagklinik den Eindruck, dass „meine Mutter förmlich in meinem Kopf sitzt“.
Das tut sie tatsächlich. Meine Mutter ist das Vorbild für den Innerer Kritiker !
Ich möchte hier keine weiteren Zitate aufführen. Dass „ich sie 10 Jahre früher ins Grab bringe
und mein Bruder auch“, sollte reichen. Meine Mutter wird demnächst 90 und ist noch ziemlich
gut beieinander für ihr Alter. Auch wenn sie natürlich beklagt, dass sie nicht mehr so fit ist wie
mit 30. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie immer noch besser drauf als ich nach manchem Arbeitstag. Und das, obwohl ich zur Zeit nur vier Stunden am Tag arbeite…

Das kann ich ihr natürlich nicht sagen. Genauso wenig wie ich ihr sagen kann, dass ich seit
meiner Jugend massive psychische Probleme habe, schon mehrfach wegen Depressionen in Behandlung war und neun Wochen in einer psychosomatischen Klinik hinter mir habe.

Meine späteren Chefs haben mich teilweise sehr an meine Mutter erinnert und meinen
„Inneren Kritiker“ mehr unterstützt als mich.

Wer steckt hinter dem „Gefühlsunterdrücker?“

Smiley_Mund_verklebt

Ich konnte mich nie gegen meine Eltern oder meine Chefs wehren,
weil der „Gefühlsunterdrücker“ mir sofort einen Maulkorb verpasst
hat, bevor ich etwas sagen konnte. Sosnst wäre vielleicht alles noch schlimmer geworden und er hätte noch mehr Gefühle unterdrücken müssen… Und der Innere Kritiker wäre in meinem Kopf Amok gelaufen.
In der Therapie sind wir oft nicht sicher, wer da gerade aktiv isst,
weil er ziemlich viel Ähnlichkeit mit dem „Nörgelnden Kritiker“ hat.
Woher das wohl kommt …?

Regiestuhl
Aber es gibt noch einen Dritten im Bunde: Den Erwachsenen.
Also uns selbst.
Wie heißt es so schön: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt
zur Besserung ! Das gilt auch für das  Problem-Duo in unserem Kopf.
Wenn wir erst erkannt haben, dass der Falsche im Kopfkino den Ton
angibt, können wir ihn auch vom Regiesessel runter schubsen und
das Ruder selbst in die Hand nehmen. Dann sagen wir, wo’s lang geht.

Gefühlsunterdrücker als Lebensretter

Meine Therapeutin vermittelt mir immer wieder ganz neue Sichtweisen.
Manchmal bringt sie mich damit ein wenig durcheinander. Das ist aber keine Absicht.
Es ergibt sich halt, beispielsweise als ich feststellen muss, dass meine lockere Art, Probleme
mit einem lässigen „Halb so wild“ oder „Es gibt Schlimmeres“ klein zu reden oder einfach
beiseite zu schieben, nicht ganz so viel mit positivem Denken zu tun hat wie ich immer
gedacht habe. Das gibt mir so sehr zu denken, dass ich meinen „Inneren Kompensierer“
in „Gefühlsunterdrücker“ umtaufe, weil er mir gar keine Chance lässt, mich mit dem
Inneren Kritiker“ auseinanderzusetzen.

In der nächsten Therapiesitzung gibt es Entwarnung:
So schlimm ist der „Kompensierer“ alias „Gefühlsunterdrücker“ auch wieder nicht.
Das sagt mir meine Therapeutin nicht direkt, sondern sie bringt mich mit gezielten
Fragen dazu, dass ich selbst erkenne, wozu mein langjähriger innerer Begleiter gut ist.

Erste Frage: Welchen Nutzen hat oder hatte der „Gefühlsunterdrücker“ in meinem Leben?

Spontane Antwort: „Ich habe irgendwie überlebt. Ich bin nicht in völlige Depression verfallen“.
Ich habe negative Gefühle so weit in den Griff bekommen, dass es mir wieder besser ging
und ich irgendwie weiter machen konnte. In extremen Krisen hat der „Gefühlsunterdrücker“
dafür gesorgt, dass ich weiter funktionieren konnte.

Smiley_Mund_verklebt

Oft hält er mich auch davon ab, meinem Gegenüber zu sagen,
was ich wirklich von ihm oder ihr denke. Das kann sehr hilfreich
sein, z. B. bei Konflikten mit Vorgesetzten oder anderen Autoritäts-
personen. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, an dem zu
ersticken, was ich nicht sage…

 

Nächste Frage: Was wäre denn, wenn der „Gefühlsunterdrücker“ nie da gewesen wäre ?

Albtraum-Szenarien laufen vor meinem inneren Auge ab:
Ich denke an Situationen zurück, in denen es mir wirklich schlecht ging.
An sehr große Probleme und schwere Zeiten, die jeder durchmacht, weil sie einfach
zum Leben gehören. An meine Dauer-Krisen in der Arbeit …

Rote_Ampel

Ich stelle mir vor, wie ich auf dem Weg in die Arbeit am Morgen mal wieder
an der roten Ampel stehe und denke: Wenn ich jetzt einfach auf die Straße rolle,
wenn wieder ein LKW mit 80 Sachen um die Kurve brettert, können meine
Kollegen ihren Sch… allein machen …

Dann fallen mir meine letzten Jahren in meinem Elternhaus ein.

Meine Mutter war damals gerade in den Wecheljahren und hatte Null Verständnis dafür,
dass auch ihre pubertierenden Tochter eine Hormonumstellung durch machte und auch
bei mir einiges im Umbruch war.

Ich weiß nicht, wie oft mir meine Mutter an den Kopf geworfen hat, dass ich  Kreuz
sie noch 10 Jahre früher ins Grab bringe würde. Und mein Bruder auch. Jedenfalls
oft genug, dass ich irgendwann dachte, dass es für alle Beteiligten besser wäre,
wenn ich nicht mehr da wäre.

„Gefühlsunterdrücker“ kompensiert traumatische Erlebnisse

Als ich endlich unter der Fuchtel meiner Mutter raus war war und dachte, ich könnte nun
mein eigenes Leben leben, stürzt mein neuer Nachbar mich in die nächste Lebenskrise.
Mein Hausherr hat mir erklärt, dass ich Küche und Bad mit einer anderen netten Studentin
und einer netten Dame und ihrem Sohn teilen muss. Die beiden Frauen sind wirklich nett.
Der einzige Mann im Haus ist leider nicht der Sohn meiner 40-jährigen Nachbarin, sondern
ihr 30-jähriger Lebensgefährte: Einen Kopf größer als ich, ungefähr doppelt so breit, goldenes Halskettchen, Tattoos überall – und das zu einer Zeit, als das noch ziemlich unüblich war.
Damals waren nur zwei Arten von Menschen tättowiert: Seeleute und Knackis.
Bei der Marine war mein Nachbar nicht… Aber im Knast. Unzählige Male wegen Körperverletzung, schwerer Körperverletzung, sehr schwerer Körperverletzung. Wenn ihn nicht immer wieder jemand zurück gehalten hätte, hätte er sicher auch schon jemanden umgebracht. Weil er nicht aufhören kann, auf jemanden einzuschlagen. Auch dann nicht, wenn der andere schon am Boden liegt und sich nicht mehr rührt.

Heute ist mir klar, dass dieser offene Umgang mit seiner gewalttägigen Vergangenheit
nichts war als reine Einschüchterungstaktik. Es hat funktioniert: Ich war eingeschüchtert.
So sehr, dass ich zwei Jahre lang mit niemandem über meinen Nachbarn reden konnte
Heute würde ich sofort professionelle Hilfe suchen und in eine Therapie gehen.
Damals habe ich alles mit mir selbst ausgemacht.
Ich habe nach drei Monaten einen Platz in einem Studentenwohnheim bekommen
und mein Studium geschafft, auch die Klausuren am Ende des ersten Semesters.
Weil ich es irgendwie geschafft habe, das Erlebte so weit hinter mir zu lassen,
dass ich mich wieder auf mein Studium konzentrieren konnte.

Allerdings habe ich damals auch einige Zwänge entwickelt …

Der Gefühlsunterdrücker wird gebraucht

Meiner Therapeutin fällt auf, dass ich plötzlich sehr still geworden bin.

Das stimmt. Mir geht es richtig schlecht. Hals und Brustraum sind enger geworden.
Da kommt einfach zu viel hoch, was ich schon seit Jahrzehnten am liebsten ganz weit
hinter mir lassen würde. Vorbei und vergessen. Das wäre am besten…
Scheinbar werde ich gerade wieder richtig depressiv.
Aber die Therapiesitzung dauert noch eine halbe Stunde ! Und diese kostbare Zeit will
ich natürlich noch sinnvoll nutzen. Also muss ich weiter machen. Weiter funktionieren….

Langsam wird es Zeit, dass sich der „Gefühlsunterdrücker“ wieder einschaltet.
Vielleicht sollte ich ihn doch wieder in „Kompensierer“ umbenennen ?
Er hat offensichtlich auch positive Seiten: Zum Beispiel nimmt er mich in Schutz vor
dem „nörgelnden Kritiker„. Nicht nur vor dem in meinem Kopf, sondern auch vor einigen nörgelnden Mitmenschen, denen man nie etwas recht machen kann, z. B. meinem Ex-Chef
oder meiner Mutter…
Dass ich irgendwann an dem ersticken werde, was ich runter schlucke, weil ich es nicht sagen
kann, habe ich schon oft zu meinem Bruder gesagt, natürlich nur, wenn wir unter uns waren…

„Gefühlsunterdrücker“ als Lebensretter

Es geht mir wieder etwas besser und ich erarbeite mit meiner Therapeutin die positven Aspekte
des „Gefühlsunterdrückers“ erarbeiten.

Lebensretter

Er hat mir in schweren Zeiten geholfen, weiter zu „funktionieren“
Ohneihn hätte ich vermutlich vieles im Leben nicht geschafft:
Abitur, Studium, Beruf…
Oder ich wäre über einiges nicht hinweg gekommen und wäre
jetzt nicht glücklich verheiratet…
Er hat er mich auch davor bewaht, den ultimativen Ausweg aus großen Lebenskrisen zu suchen… So gesehen hat er mir das Leben gerettet. Vielleicht sollte ich ihn doch wieder „Kompensierer“ nennen.
In gewisser Weise hilft er mir auch, positiv zu denken…

Meine Therapeutin fragt nach den Nachteilen des „Gefühlsunterdrückers“:

Was unterdrückt wird, kann ich nicht richtig verarbeiten. Unterdrücktes wird verdrängt
und kommt irgendwann wieder hoch. Zwangsläufg. Als Depression oder als Zwangsstörung…
Der „Gefühlsunterdrücker“ lässt mich gar nicht richtig an meine Probleme ran.
Kaum versuche ich, mich mit einem Problem auseinanderzusetzen, mischt er sich schon
wieder ein und redet das Problem klein und behauptet, dass das alles halb so wild ist.

Smiley_Mund_verklebtDass mir der Gefühlsunterdrücker immer sofort einen Maulkorb
verpasst, wenn ich mal jemandem die Meinung sagen will,
hat den Nachteil, dass ich mir zu viel gefallen lasse.
Ich ersticke zwar nicht an dem, was ich runter schlucke.
Aber oft liegt mir das dann schwer im Magen, buchstäblich,
ich habe immer wieder psychosomatische Magenbeschwerden.
Oder es macht sich anderweitig bemerkbar mit Verspannungen, Kopfschmerzen, depressiven Verstimmungen, Zwang …

Nun wollen wir aber nach vorne blicken:

Was wäre denn, wenn der Gefühlsunterdrücker nicht mehr so stark wäre ?

Ich würde vieles klarer sehen und könnte mich besser mit meinen Gefühlen und
Emotionen auseinandersetzen.
Vielleicht könnte ich mich auch besser mit meinen Mitmenschen auseinander setzen
und öfter meine Meinung sagen. Schließlich bin ich kein kleines Kind mehr, sondern
eine erwachsene Frau mit ziemlich viel Lebenserfahrung. Das wäre auch an meiner
neuen Arbeitsstelle wichtig, bevor es wieder so weit kommt wie in den 25 Jahren zuvor…
Langfristig könnte ich so schwierige Situationen besser bewältigen anstatt Probleme
zu verdrängen.

Regiestuhl

FAZIT: Der „Gefühlsunterdrücker“ erfüllt seinen Zweck und hat wichtige Aufgaben. Aber er ist nicht der einzige, der gegen den „Inneren nörgelnden Kritiker“ oder all die anderen Nörgler und Kritiker vorgehen sollte, die uns
das Leben schwer machen.
Wir müssen „nur“ erkennen, wer in unserem Kopfkino gerade den Ton
angibt und die Falschen rechtzeitig vom Regiesessel runter schubsen.
Denn in unserem Leben sollte nur einer bestimmen, wo es lang geht:
Wir selbst.

Innerer Kritiker und Co.

Innerer Kritiker, Gefühlsunterdrücker und Co.

Erwachsener  Kompensierer                      Nörgelnder Kritiker

Jahre lang dachte ich, ich hätte eine gut Strategie, um meine Probleme
in den Griff zu kriegen: Positives Denken.
Das Glas war halb voll. Probleme halb so wild. Take it easy ! Es gibt Schlimmeres…

Nun stellt meine Therapeutin wieder Stühle auf:
Einen für die „kleine Betty“ – also den kindlichen Anteil, den jede/r in sich trägt.
Einen für die erwachsene Frau, die sich oft nicht durchsetzen kann.
Einen für den „inneren Kritiker“, der uns das Leben schwer macht.
Und einen für meinen langjährigen vermeintlichen Freund und Helfer,
den „Kompensierer“, der immer sofort alle Probleme klein redet und den
schlechten Gefühlen keine Chance lassen will. Oder der erwachsenen Frau…
Diesen Stuhl stellt meine Therapeutin direkt vor mich hin –
und anschließend meine langjährige Bewältigungsstrategie in Frage.

Wer führt im Kopfkino Regie ?

Wer sagt, dass alles halb so wild ist und es Schlimmeres gibt ?
Die erwachsene Frau ? Oder eher „der Kompensierer?“
Ich muss zugeben: Es ist der „Kompensierer“, der sich ständig zwischen mich
und den „inneren Kritiker“ schiebt, bevor sich die erwachsene Frau einschalten
kann und sich konstruktiv mit ihrem Problem auseinander setzen kann,
genauer gesagt: Mit meinem Problem.
Der „Kompensierer“ ist noch schlauer als das Zwangsmonster !
Weil er sich als guter Freund tarnt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Monster mehr…
Eher eine gute Therapeutin. Die habe ich zum Glück.

Es geht mir richtig schlecht

Wie es mir jetzt gerade geht ?
Nicht gut. Eigentlich sogar richtig schlecht.
Ich dachte immer, ich hätte eine gute Strategie mit positivem Denken.
Jetzt wird mir plötzlich klar, dass ich scheinbar ständig meine Gefühle unterdrücke. Das tut weh. Richtig weh.
Mein Hals schnürt sich zu. Auch im Brustkorb wird es enger…
Eine Depression breitet sich aus. Unaufhaltsam.
Es geht mir echt beschissen. Anders kann ich es nicht mehr sagen.

Ich schiebe den „Kompensierer“ zur Seite

Erwachsener                                Kompensierer Nörgelnder Kritiker

Der Kompensierer-Stuhl bedrängt mich. Anders als meine Gefühle darf ich ihn weg schieben.
Also schiebe ich ihn ganz rüber zu dem anderen Stuhl, auf dem mein unsichtbarer „innerer Kritiker“ sitzt. Jetzt soll er mal dem auf die Pelle rücken. Das tut er eh die ganze Zeit.
Kaum meldet sich der „Kritiker“, springt der „Kompensierer“ ein und lässt die
„erwachsene Frau“ gar nicht zu Wort kommen.
Unverschämter Kerl ! „Kompensierer“ ist viel zu positiv für den !
Ich taufe meinen vermeintlichen Helfer um in „Gefühlsunterdrücker.“ Das trifft es eher.
Und weil ich gerade dabei bin, verpasse ich dem Kritiker noch das Attribut „nörgelnd.“

Ich schiebe den nörgelnden Kritiker in die Ecke

Erwachsener                Kompensierer          Nörgelnder Kritiker

Zufrieden über meine kreativen Einfälle schiebe ich den „nörgelnden Kritiker“ in die Ecke
und drehe ihn um. Der steht jetzt mit dem Rücken zur erwachsenen Frau.
Das erinnert mich an meine Schulzeit. In den 1960er und 1970er Jahren mussten Kinder
noch „in der Ecke stehen“, wenn sie etwas angestellt und den Unterricht gestört haben
oder die Lehrkraft. Mit dem Rücken zur Klasse.
Genauso geht es jetzt meinem „inneren Nörgler“. Jetzt kann er schauen, wo er bleibt.
Und darüber nachdenken, was er mir die ganze Zeit antut.

Die erwachsene Frau ist zufrieden

Erleichtert setze ich mich auf den Stuhl, der für die „erwachsene Frau“ reserviert ist und betrachte zufrieden das neue Szenario: Der nörgelnde Kritiker ist weit weg und steht verkehrt herum. Der kann mich also gar nicht mehr sehen. Der „Gefühlsunterdrücker“ steht verloren im Raum und weiß nicht so recht, wo er jetzt hin soll. Jetzt wo der Kritiker so weit weg ist und ihm den Rücken zudreht und ich gegenüber auf dem Erwachsenen-Stuhl sitze und ihn selbstgefällig angrinse. Ja, so gefällt mir das. Meiner Therapeutin gefällt es auch.
Die Depression wird schon ein wenig leichter und Hals und Brust fühlen sich auch nicht mehr ganz so eng an wie vorher.

Die richtige Rollenverteilung im Alltag

Jetzt muss ich das Gelernte nur noch im Alltag anwenden.
Und es für meine Therapeutin dokumentieren. So paradox das wieder erscheinen mag.
Schließlich bin ich wegen eines Dokumentationszwangs in Therapie gekommen.
Aber den habe ich mittlerweile zum Glück überwunden und kann mich mit meinen Hintergrundthemen auseinandersetzen. Also mit den Zeitgenossen, die in meinem
Kopfkino auf den „falschen“ Stühlen sitzen und mir den Regiestuhl streitig machen.
Ich bin hier die Erwachsene ! Also sollte ich auch was zu sagen haben, oder ?

Ich bekomme eine Tabelle mit fünf Spalten:

Situation       Gedanken       WER ?            Gefühle/Körper                Verhalten

Das soll ich dokumentieren, soweit es möglich ist. Trotz Schreibzwang.
Das WER könnte schwierig werden. Also wer gerade das Ruder in der Hand hält.
Den nörgelnden Kritiker erkenne ich sofort, die „kleine Betty“ kann ich mittlerweile
auch ganz gut identifizieren.

Dem Gefühlsunterdrücker werde ich es zeigen !

Nur mit dem „Gefühlsunterdrücker“ habe ich noch so meine Probleme. Der hat sich einfach
zu lange als „erwachsene Frau“ getarnt, die vielleicht ein wenig zu erwachsen sein will und
dem „inneren Kind“ keinen Raum lässt.
Vielleicht habe ich deshalb als einzige in der teilstationären Therapie nie geweint ?
Absicht war das keine. Ich hätte gerne mal alles raus gelassen. Aber scheinbar hatte der „Gefühlsunterdrücker“ etwas dagegegen, dass die „kleine Betty“ das Steuer in die Hand
nimmt und den Gefühlen freien Lauf lässt – so wie alle meine Mitpatientinnen und Mitpatienten.

Na warte, Bürschen ! Dir werde ich’s zeigen ! Und das sagt jetzt die erwachsene Frau (ohne „“).
Die weist ein paar Tage später erst mal den „Nörgelnden Kritiker“ in die Schranken.

Und so geht es in der Therapie weiter (Thema: Funktion des Gefühlsunterdrückers)