Nicht so bescheiden !

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr…“
Grammatikalisch nicht ganz korrekt. Trotzdem zutreffend.
„Schwätzer machen die beste Karriere“ titelt die Süddeutsche Zeitung in den späten
1980er Jahren. Daran hat sich seitdem nichts geändert.

Die Leute in meiner Therapiegruppe haben vieles gemeinsam, u. a. mangelndes Selbstbewusstsein oder ein schlechtes Selbstwertgefühl. Woher kommt das?

„Generation Mauerblümchen?“

„Eigenlob stinkt! Gib nicht so an!“ Klassische Ansagen aus meiner Kindheit und Jugend.
Etwas poetischer drückt es ein beliebter Vers in dem damals bei Mädchen sehr beliebten Poesiealbum aus: „Sei wie das Veilchen im Moose. Sittsam, bescheiden und rein.
Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“

So wird eine ganze Generation von Mauerblümchen herangezogen, die sich später in der Erwachsenenwelt und in der leistungsorientierten Berufswelt durchsetzen soll und nie
gelernt hat, wie das geht. Ich weiß, wovon ich rede. Der oben zitierte  Spruch steht auch
in meinem Poesiealbum. Der erweiterte Spruch mit der Bescheidenheit gefällt mir besser.
Deshalb habe ich den auch als Aufhänger für meinen Beitrag gewählt.

Das kann ich gut – darauf bin ich stolz

In der Gruppentherapie sagt jeder am Freitag Nachmittag, worauf er in dieser Woche stolz ist.
Wenn ein neues Mitglied zu unserer Therapiegruppe stößt, stellen wir uns alle vor:
Mit Namen, Alter, unseren Zwängen und – last but not least – etwas, was wir gut können.
Nach ein paar Wochen wird das immer schwieriger. Weil wir jedes Mal etwas anderes sagen müssen. Aber es fällt uns auch immer leichter, unsere positiven Eigenschaften herauszustellen. Schließlich ist vieles, was wir gut können, auch für die anderen nützlich.

Ich beschließe meine Vorstellung am ersten Tag mit der postiven Eigenschaft
„Ich kann gut zuhören“. In den nächsten Wochen betone ich vor allem gute Eigenschaften,
die in der Therpie von Nutzen sind: „Ich kann mich gut in andere hineinversetzen.“
„Ich kann andere zum Lachen bringen.“ „Ich kann gut über mich selbst lachen.“

Ich kann gut schreiben…

Passend dazu breche ich nach ein paar Wochen ein Tabu: „Ich kann gut schreiben.“
Das bringt einige zum Lachen, weil ich wegen meines Schreibzwangs in Therapie bin
und zu diesem Zeitpunkt schon über mein Problem lachen kann. Weil ich auf einem
guten Weg bin. Und weil gut schreiben auch nützlich sein kann. Ich habe mir zwar
meinen Kindheitstraum nicht erfüllt und bin keine Schriftstellerin geworden. Ich bin
auch keine Journalistin geworden, weil mir dazu ein paar andere wichtige Eigenschaften
fehlen, z. B. das nötige Durchsetzungsvermögen, um Informationen von Leuten zu
bekommen, die Journalisten nicht mögen. Wie gesagt: „Generation Mauerblümchen…“
Ich konnte mich auch in der Männer-Domäne IT nie richtig durchsetzen, vielleicht auch,
weil meine Kollegen sich und ihre Ideen immer besser „verkaufen“ konnten.

Erfolgserlebnisse nicht klein reden

Eine „stolze Rose“ werde ich wohl nie. Aber ich habe mich trotzdem aus meinem „Mauerblümchen-Dasein“ befreit und einiges erreicht in meinem Leben, auch beruflich.
Und ich habe gelernt, ein wenig stolz auf das zu sein, was ich gut kann oder wenn ich
etwas gut gemacht habe.

Meine Therapeutin ermutigt mich weiterhin, meine Erfolgserlebnisse nicht klein zu reden
und mich zu freuen, wenn ich etwas geschafft habe. Auch wenn meine Kollegen das sicher
auch geschafft oder eine Lösung im Internet gefunden hätten. Oder andere das sicher schneller
und besser hin kriegen, z. B. die Leute, die die Lösungen im Internet veröffentlicht haben.
Das ändert nichts daran, dass ich es auch geschafft habe. Und ich habe sicher Qualitäten,
die Computer-Freaks im Internet nicht haben. Die meisten von denen können wahrscheinlich
nicht so gut schreiben und vermutlich auch nicht so gut zuhören oder sich in andere hinein versetzen oder andere zum lachen bringen oder über sich selbst lachen…

Positiv-Liste statt falscher Bescheidenheit

Jeder Mensch hat Fehler und Schwächen. Aber jeder Mensch hat auch seine guten Seiten
und Stärken, also auch du ! Die musst du dir nur klar machen !
Probier’s doch mal mit einer Positiv-Liste. Schreib alles auf, was du gut kannst und schon
erreicht hast. Dann schreibe regelmäßig auf, was du heute geschafft hast. Wenn da mal
nichts drin steht, ist das auch nicht schlimm! Jeder Mensch muss auch mal Pausen machen.
Und wenn du vielleicht das Gefühl hast, dass du schon etwas zu lange Pasue machst,
dann lies dir einfach durch, was du schon alles geschafft hast in deinem Leben.
Und sei ruhig ein wenig stolz darauf !
Du weißt ja, wie das ist mit der (falschen) Bescheidenheit…
Ggf. diesen Artikel noch mal von vorne lesen ! 🙂

Schöner Moment und Stolz

Psychosomatisch Tagesklinik, Therapieraum der Zwangsgruppe, Freitag um 14:30 Uhr

Nach einer anstrengenden Therapie-Woche steht das Wochenende bevor. Vielen steht es
wirklich bevor. Die Gruppe bietet Sicherheit und Rückhalt. Am Wochenende sind wir auf
uns allein gestellt – allein mit unseren Zwängen. Deshalb besprechen wir in der Gruppe
noch unsere Wochenendplanung – mit zwei Therapeutinnen oder einer Ärztin und einer Therapeutin:

Wo könnte uns der Zwang begegnen und was wollen wir dagegen unternehmen ?
Gibt es etwas, was am Wochenende schwierig werden könnte und wie wollen wir
damit umgehen ? Worauf können wir uns am Wochenende freuen ?
Was haben wir geplant, was uns Freude bereitet, gut tut, Spaß macht: Stichwort Selbstfürsorge.

Kurz vor 15 Uhr sollen alle noch zwei wichtige Fragen beantworten –
auch die Ärtzin und  die Therapeutinnen.
Was war ein in dieser Woche ein schöner Moment ? Und worauf sind wir stolz ?

Ein schöner Moment in dieser Woche

Schöne Momente gab es viele. Bei jedem. Vor allem in der Gruppe. Wir haben zusammen
gelacht, haben uns gegenseitig zugehört, unterstützt, Hilfe angeboten. Wie gesagt,
die Gruppe bietet Rückhalt und auch Geborgenheit.
Manchmal sind es Kleinigkeiten, die uns Freude bereitet haben:
Ein Schmetterling auf einer Blüte. Eine schöne Erinnerung.
Ein schöner Sonnenaufgang oder spektakuläres Abendrot.
Dass wir einer Frau mit Kinderwagen die Tür aufhalten konnten.
Das Lächeln und das Dankeschön, das wir dafür bekommen haben.

Worauf bin ich diese Woche stolz ?

Die zweite Frage können wir oft nicht so leicht beantworten.
Worauf sind wir stolz? In dieser Woche? Also nicht auf die großen Dinge, die wir in unserem
Leben schon erreicht haben. Sondern etwas, was wir die letzten fünf Tagen gut gemacht haben.
Worauf soll man stolz sein, wenn man gerade eine Therapie in einer psychosomatischen Klinik macht?

In der ersten Woche kannst du stolz sein, dass du es überhaupt in die Klinik geschafft hast
und dich deinen Zwängen stellen willst. In der zweiten Woche bist du vielleicht stolz darauf,
dass du die vielen Fragebögen ausgefüllt hast. Das ist echt eine Leistung !
In der dritten Woche machst du deine erste Exposition. Ganz egal, wie es dir dabei gegangen ist:
Du kannst stolz sein, dass du es überhaupt gemacht hast.

Irgendwann hast du dein erstes Erfolgserlebnis in der Therapie. Darauf kannst du definitiv
stolz sein! Oder du kannst einen anderen aufmuntern, dem es gerade nicht so gut geht.
Oder einfach nur zuhören und für jemanden da sein, das Gefühl geben, dass keiner mit
seinen Problemen allein ist. Vielleicht hast du auch erkannt, wo dein Problem liegen
könnte. Oder du hast eine schwierige Situtation gemeistert – ohne Zwang!

Du hast eine Woche Therapie geschafft !

Auf jeden Fall kannst du stolz darauf sein, dass du hier bist. Du hast wieder eine Woche
in der Gruppentherapie geschafft. Du kannst stolz darauf sein, dass du den Kampf gegen
das Zwangsmonster aufgenommen hast – auch wenn es immer noch an jeder Ecke auf
dich lauert und scheinbar stärker ist als du. Du bist auf jeden Fall auf dem richtigen Weg !

Und bald kannst du ganz stolz verkünden:
„Ich habe diese Woche etwas geschafft, was ich wegen meiner Zwänge lange nicht machen
konnte. Ich bin auf dem besten Weg. Raus aus dem Zwang und zurück in ein „normales“ Leben.

Wenn dir wirklich gar nichts einfällt, dann sag einfach:
„Ich bin stolz darauf, dass ich gegen meine Zwänge ankämpfe.“
Denn darauf kannst du auf jeden Fall stolz sein !