Zwang als Kündigungsgrund ?

Jemanden wegen einer Erkrankung raus werfen ist zum Glück nicht so einfach.
Bei massivem Fehlverhalten ist das schon was anderes…
Es sei denn, das Fehlverhalten ist nachweislich „Krankheitsbedingt“.
Dann kriegt man vielleicht mildernde Umstände: Also so wie ein kranker Straftäter,
der nicht in den Knast kommt, sondern in die geschlossene Abteilung in einer
Psychiatrischen Klinik.

So ungefähr habe ich mich gefühlt, als ich nach zehn Jahren aufgeflogen bin …
Als ich neun Monate später mein altes Büro ausräume – unter Aufsicht von zwei Kollegen-
komme ich mir vor wie ein verurteilter Straftäter, der seine Gefängniszelle räumt.

Mir war lange bewusst, dass ich ein ernstes Problem hatte. Auch in der Arbeit.
Anders als bei zwei Kolleginnen, die scheinbar unter einer zwanghaften Keimphobie
leiden, hat sich meine Zwangssötrung in der Arbeit massiv ausgewirkt.
Erstens hat es viel Zeit gekostet und zweitens habe ich viele Sachen aufgeschrieben,
die mich eigentlich nichts angehen oder die ich evtl. gegen meine Kollegen verwenden
könnte. Das hatte ich nie vor, ganz ehrlich ! Ich habe alles aufgeschrieben, weil ich es
aufschreiben musste. Dokumentierzwang Schreibzwang
Ich habe zehn Jahre lang unter einem ausgeprägten Dokumentationszwang gelitten.

Eigentlich müsste mein Chef „das aushalten“…

Als mein neuer Chef (und langjähriger Kollege) mein Fehlverhalten bemerkt und
ich ihm erkläre,  dass das zwanghaft ist, fordert er mich auf, mich sofort krank
zu melden und erst wieder in die Arbeit zurück zu kommen, wenn ich
„wieder ganz gesund bin“. Was immer das bei einer Zwangsstörung heißen mag …
Und er fügt auch gleich hinzu, dass er sich eine Zusammenarbeit mit mir nicht
mehr vorstellen kann, weil das Vertrauensverhältnis durch meinen Schreibzwang
gestört ist.

Eigentlich darf er das gar nicht. Alle Ärztinnen und Therapeutinnen sind sich einig,
dass er das „als Chef aushalten muss“.
Keiner kann verstehen, warum mein Chef mich jetzt plötzlich „so mobbt“.
Aber vermutlich können alle verstehen, warum ich keinem etwas von meiner
Zwangsstörung gesagt habe. Und wahrscheinlich ist auch den meisten klar,
dass ich das nicht mehr aushalten würde. Meine Zwangsstörung hatte Gründe…

Kündigung wegen Zwangsstörung geht nicht

Raus werfen können sie mich nicht: Ich bin zu diesem Zeitpunt seit 23 Jahren dabei,
über 50 und genieße als ehemaliges Personalratsmitglied noch zusätzlichen Schutz.

Eine Abmahnung bekomme ich auch nicht. Allerdings halte ich es für fraglich,
ob das überhaupt möglich gewesen wäre … Schließlich haben mich Chef und Personalchefin
für krank erklärt. Und der Personalratsvorsitzende, in dessen Büro das Gespräch stattfindet,
hat nicht widersprochen. Er begleitet mich auch zur Betriebsärztin, die als kompetente
Medizinerin diese laienhafte Diagnose bestätigt.
Damit dürfte wohl klar sein, dass das mit der Abmahnung tatsächlich nicht so leicht
gewesen wäre und nicht nur eine freundliche Geste meines Arbeitgebers ist.

Neustart nach neun Monaten

Also versuche ich nach neun Monaten unfreiwilliger Auszeit – incl. vier Wochen Urlaub
und neun Wochen teilstationärer Therapie in einer Psychosomatischen Tagklinik –
einen Neustart in der Abteilung, in der mindestens eine weitere Kollegin an einer
Zwangsstörung leidet: Sie hat Angst vor Schmutz und Bakterien hat traut sich keine
Wasserhähne, Handtuchspender und Türklinken anzufassen.

Mal schauen, ob ich mich irgendwann traue, mit ihr über ihre offensichtliche
oder meine (ehemalige) Zwangsstörung zu sprechen…
Meine neuen Kolleginnen und Kollegen und auch mein neuer Chef wissen angeblich
nicht, warum ich so lange weg war und in ihre Abteilung versetzt worden bin.
Das ist sicher auch besser so…

Danke an Ärtze, Therapeutinnen und MitpatientInnen

Dass ich weiterhin einen Arbeitsplatz habe, der meiner Qualifikation entspricht,
habe ich auch meiner Ärztin, meinen Therapeutinnen und meinen Mitpatientinnen
und Mitpatienten zu verdanken. Sie alle haben mir mir während meiner Therapie
so viel Mut gemacht, dass ich mich auch in dem entscheidenden Gespräch mit
meinem Arbeitgeber nicht habe klein kriegen lassen – so wie all die Jahre davor.
Und so hat sich eine enorme Krise zu einer großen Chance für meine berufliche
Zukunft entwickelt.

Ich kann also wirklich jedem raten: Lasst euch helfen ! Geht in Therapie !
Lasst euch zeigen, wie ihr mit dem Zwangsmonster fertig werdet oder mit eurem
„Inneren Kritiker“ oder den anderen Dämonen, die euch das Leben schwer machen !
Wenn ich das geschafft habe, könnt ihr es auch schaffen !!!