Zwang als Normalverhalten ?

Beim Suchbegriff „Türklinke mit dem Ellbogen aufmachen“ bringt Google als zweiten Treffer einen „Hygiene-Türgriff“ unter der Rubrik „“Cooles neues Zeug – von Euch vorgeschlagen. Zum Entdecken, Abstimmen und Diskutieren.“
Die meisten finden das Teil richtig cool und würden es am liebsten sofort auf allen öffentlichen Toiletten oder am besten gleich überall einführen, wo viele Leute aus und eingehen.
Als Alternative haben viele immer ein Desinfektionsspray dabei, das sie natürlich auch eifrig benutzen. Nach kritischen Meinungen muss ich lange suchen. Das gibt mir zu denken…

In der Therapie spricht man von „Co-Zwängeln,“ wenn man Zwangshandlungen unterstützt. Genau das ist die übertriebene Angst vor Bakterien oder übertriebener Hygienewahn:
Eine Zwangsstörung. Auch wenn viele HygienefanatikerInnen und KeimphobikerInnen
der Meinung sind, dass sie alles richtig machen und die anderen unverantwortlich mit
ihrer Gesundheit oder der Gesundheit ihrer Kinder oder ihrer Mitmenschen umgehen,
wenn sie einfach alles anfassen und überall ihre Bakterien und Keime hinterlassen.

Übertriebene Hygiene als Gesundheitsrisiko

Übertriebene Hygiene ist einer der Gründe, warum immer mehr Kinder und Erwachsene eine Allergie entwickeln: Weil sie keine Abwehrkräfte mehr entwickeln können gegen den ganzen
Dreck, der uns nun mal überall umgibt. Und überall können wir nicht alles sauber machen
oder mit Desinfektionsspray einsprühen.
Meine Mutter ist auch super-ordentlich. Aber mein Bruder und ich durften als Kinder im
Garten spielen und uns auch mal dreckig machen. Dafür bin ich meinen Eltern echt dankbar !
Spätestens seit meiner neunwöchigen Therapie in einer psychosomatischen Tagesklinik,
die sich u. a. auf Zwangsstörungen spezialisiert hat.

Angst vor Schmutz und Krankheitserregern

Ich habe in der Therapie viele nette Leute kennen gelernt, die unheimliche Probleme mit
dem Anfassen von Türklinken oder anderen Gegenständen haben, die auch andere angefassen. Diese Leute können auch keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, weil man da auch nie weiß, wer vorher auf dem freien Platz gesessen ist oder den Haltegriff angefasst hat. Oder natürlich den Griff, mit dem man die Tür öffnen muss, wenn es kein anderer tut.
Die Klinik ist übrigens in München. Viele meiner MitpatientInnen kamen mit dem Auto und
hatten meistens ziemliche Probleme bei der Parkplatzsuche.

Kontrollzwang

Viele meiner MitpatientInnen hatten auch einen Kontrollzwang und sind am Morgen noch mehrfach um ihr Auto rum gegangen, um zu schauen, ob mit dem guten Stück noch alles
in Ordnung ist nach der Fahrt durchs Münchner Verkehrschaos.

Angst vor Beschädigung

Ein Mitpatient hat sich einen ganzen Tag lang den Kopf zerbrochen, ob er sein neues Auto
in die Werkstatt bringen sollte, weil es einen Steinschlag an der Stoßstange erlitten hat
und sein 40.000 €-Gefährt nun „kaputt“ war. Der besagte Patient litt auch Höllenqualen,
wenn er seine Jacke nicht über seinen Stuhl hängen durfte, sondern auf einen Stuhl neben
der Türe legen musste. Da könnte dem guten Stück doch etwas zustoßen…

Kennt Ihr vielleicht auch jemanden, bei dem das Auto keinen Kratzer abgekommen darf ?
Oder kein Fusselchen auf der Kleidung sein darf ? Oder kein Krümel auf dem Fußboden ?
Und die Kissen auf dem Sofa ganz ordentlich nebeneinander liegen müssen ?
Ich wage zu bezweifeln, dass nur 2-3 % der Bevölkerung zwanghafte Züge aufweisen…

Die Angst, jemanden überfahren zu haben

Eine Mitpatientin litt unter der ständigen Angst, dass sie auf der Fahrt jemanden überfahren
haben könnte – auch wenn sie bei mehrfacher Überprüfung im Rückspiegel (Kontrollzwang !) gesehen hat, dass das potentielle Unfallopfer noch quicklebendig über die Straße gegangen ist
oder sogar wenn wenn ihr Mann und ihre Tochter ihr immer wieder versichert haben, dass da wirklich nichts passiert ist. Das würde man doch merken, wenn man jemanden anfährt !

Aber mal ganz ehrlich: Übertriebene Ängste kenne ich auch von anderen. Denen kann ich
auch 1.000 mal sagen, wie unwahrscheinlich das ist, dass ich erschossen werde, wenn ich
in die USA fahre oder in Afrika von einem Löwen gefressen werde – obwohl sie noch nie in
Amerika oder Afrika waren. Aber sie wissen trotzdem besser als ich, welche Gefahren da an
jeder Ecke lauern. Aber krankhaft ist das nicht … Auf gar keinen Fall !

Angstfrei in Zug und U-Bahn

Ich fahre grundsätzlich mit dem Zug nach München gefahren und dann mit der U-Bahn weiter.
Auto fahren wäre mir in einer Stadt München viel zu stressig – vor allem im Berufsverkehr.
Wenn ich mal aufs Klo musste, bin ich eben gegangen – auch im Zug oder am Bahnhof.
War nicht immer besonders appetitlich, aber ich habe mir auf öffentlichen Toiletten
noch nie was geholt. Da tummeln sich übrigens auch nicht mehr Keime als anderswo !

Bazillen02Zum Glück bin ich ziemlich unempflindlich, was Angst oder Ekel vor Keimen betrifft, obwohl meine Mutter immer schon eine Abneigung gegen alles hatte,
was sie nicht selbst geputzt hat. Zum Glück war mein Vater da deutlich lockerer und ich bin da wohl eher nach ihm geraten. Ganz anders als meine Cousinen.
Die Schwester meiner Mutter hat einen absoluten Ordnungsfanatiker geheiratet. Meine Cousine ist auf ihrer Hochzeit immer nach Hause gelaufen, wenn sie mal aufs Klo musste. Dazu wollte ich lieber nichts sagen…

Zwanghaft ? Ich doch nicht ! Oder doch ?

Ich will ich mir gar nicht vorstellen, was meine Mutter, meine Tante oder meine Cousinen
sagen würden, wenn ich sie als „zwanghaft“ bezeichnen würde …
Deshalb weiß in meinem familiären Umfeld außer meinem Mann auch keiner von meiner Zwangserkrankung. Wie gesagt: Zwang ist die „heimliche Krankheit„.
Vielleicht auch deshalb, weil viele ihren Zwang gar nicht wahr haben wollen oder –
noch schlimmer – für „Normalverhalten“ halten. Und glauben, dass nur sie alles richtig
machen und alle anderen sind schlampig, nachlässig, unvorsichtig und einfach überhaupt
ganz fürchterliche Menschen sind.
Ich weiß, wovon ich rede. Ich kenne dieses falsche Weltbild seit meiner frühesten Kindheit.
Das ist vermutlich einer der Gründe, warum ich selbst eine Zwangsstörung entwickelt habe.

Ich kann endlich offen über meine Zwänge reden

In der Therapie kann ich endlich ganz offen über alles reden. Und das tut unheimlich gut.
Keiner schaut den anderen schief an, weil er oder sie irgendetwas macht, was man selbst
nie machen würde.
Vieles erscheint so abstrus, dass man es sich kaum vorstellen kann, dass das überhaupt
jemand macht. Deshalb redet auch keiner mit den „Normalen“ über eine Zwangsstörung.
Obwohl die vielleicht selbst gar nicht so „normal“ sind…

Ansprechpartnerin für „Normalverhalten“

In der Therapie wird mir erst bewusst, welche Ausmaße eine Zwangsstörung annehmen kann.
Ich habe bald das Gefühl, dass ich der „leichteste Fall“ bin und freue mich, dass mich die netten Menschen um mich herum immer wieder fragen, was ich in bestimmten Situtationen mache.
Die meisten können es kaum fassen, dass ich öffentliche Toiletten benutze und einfach so alles anfassen kann und mir keinen Kopf über mögliche Verseuchungen oder Krankheiten mache oder dass sich jemand vor mir ekeln könnte, weil ich irgendwas angefasst und mir nicht sofort die Hände gewaschen habe. Oder dass ich mich nicht sofort dusche, wenn ich am Abend in mein Hotel zurück komme, auch nicht am Anreisetag – also nach der Fahrt mit Zug und U-Bahn.
Oder dass ich zwei Tage hintereinander dieselbe Hose anhabe, weil ich nicht so viel Klamotten mit schleppen will. Für viele wäre das absolut undenkbar gewesen.
Und so werde ich für meine MitpatientInnen die Ansprechpartnerin für „Normalverhalten“.

Schreibzwang ist keine „klassische“ Zwangsstörung

Meine MitpatientInnen fragen mich immer wieder, warum ich eigentlich hier bin,
wenn ich keinen Waschzwang, Hygienezwang, Kontrollzwang oder Keimphobie habe.
Von einem „Dokumentationszwang“ oder „Dokumentierzwang“ hat noch keiner etwas gehört.
Außerdem habe ich meinen Schreibzwang schon weitgehend unter Kontrolle, als ich mit
der teilstationären Therapie anfange. Meistens kann ich mich bis zum Abend mit dem
Schreiben gedulden.Ich schreibe auch nur noch relativ wenig, also nur ein normales Tagebuch.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt raus aus dem Zwang

Aber mir ist trotzdem bewusst, dass mein Verhalten in den letzten 10 Jahre nicht normal war.
Genauso wie meinen MitpatientInnen bewusst ist, dass ihr Verhalten  nicht „normal“ ist.
Also das Stunden lange Wohnung putzen, alles ganz exakt ausrichten, alles zigmal kontrollieren, Stunden lang duschen, ständig Hände waschen und die ständige Angst, dass sie sich irgendwas holen könnte, wenn sie eine Türklinke anfasst oder mit der U-Bahn fahren.

Aber wir „Zwängler“ aus der Psycho-Klinik sind den vielen Extrem-Ordnungsfanatikern, Mega-Putzteufeln und Hyper-Kontrollfreaks, die nicht wahr haben oder nicht zugeben
können, dass sie vielleicht ein wenig übertrieben, in einem Punkt voraus:
Wir haben erkannt, dass mit uns etwas nicht stimmt.
Und wir haben den nächsten Schritt gewagt: Rein in die Therapie. Raus aus dem Zwang.

Beispiele für Zwang als Normalverhalten aus meinem Berufsalltag