Raus aus dem Zwang – und dann ?

 

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„Was machen Sie denn nun mit der vielen Zeit, die Ihnen bleibt?“

Diese Frage stellt unsere Therapeutin einer Mitpatientin in der Gruppentherapie.
„Lauter schöne Sachen“, strahlt die junge Mutter, die ihren Hygiene- und Ordnungszwang überwunden hat. „Und meine kleine Tochter freut sich, dass ich jetzt mehr Zeit für sie habe
und dass sie nicht mehr so oft duschen muss“.

Die Frage ist berechtigt: Wir verbringen viel Zeit mit unseren Zwangshandlungen:
Mit Stunden langem Aufräumen, Putzen, Kontrollieren, Listen erstellen usw.
Ich habe Jahre lang alles ausführlich dokumentiert und mir immer überlegt,
wie viel ich doch schaffen könnte, wenn ich nicht ständig so viel schreiben müsste.

Jetzt schreibe ich nur noch, wenn ich Lust dazu habe. Im Beruf habe ich viel mehr Zeit für
meine eigentlichen Aufgaben, komme viel beser mit meinem Projekt voran und habe nicht
ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich so viel Zeit mit privaten Notizen verschwende.

Ich habe plötzlich viel mehr Zeit

Privat habe ich natürlich auch viel mehr Zeit. Ich habe keine Kinder und mein Mann
kann sich sehr gut selbst beschäftigten. Also habe ich wirklich viel Zeit. Zeit für mich.
Zeit, die ich nicht mehr mit Schreiben verbringe – außer wenn ich mal einen Beitrag
für meinen Blog erstelle. Das dauert höchstens 1-2 Stunden – incl. Korrekturlesen.

Auch meine ambulante Therapeutin fragt immer wieder, was ich mit meiner neu gewonnenen Freizeit mache. Sie macht sich Sorgen, dass ich wieder in meine Zwangsstörung zurückfallen könnte, wenn ich keine anderen Beschäftigungen finde, mit denen ich meinen Tag füllen kann.

250 Vorschläge für eine sinnvolle Freizeitgestaltung

In der Gruppentherapie bekommen wir eine mehrseitige Liste mit über 250 Vorschlägen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung. „Tagebuch schreiben“ ist vielleicht nicht unbedingt der optimale Vorschlag für jemanden mit Dokumentierzwang. Aber bei über 250 Vorschlägen ist wirklich für jeden etwas dabei.

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Vielleicht sollte ich mal wieder ein wenig aufräumen, denn ich kann die Liste momentan nicht finden. Aber mir ist in den letzten Monaten auch ohne therapeutische Unterstützung nicht langweilig geworden und das, obwohl es mir nicht leicht fällt, nichts zu tun. Ich bestimme nun wieder selbst, was ich mit der Zeit anfange,
die ich früher mit meinen Zwangshandlungen verbracht habe.
Und ich habe wieder viel mehr Freude am Leben.

 

Das Zwangsmonster

Im unserem Therapieraum steht ein Bild vom „Zwangsmonster“. Echt furchteinflößend.
Einige meiner Mitpatientinnen finden es beängstigend. Ich finde es erst mal total cool.
Das Werk eines früherer Patienten oder eine früheren Patientin trifft den Kern der Sache:
Der Zwang ist wirklich ein Monster, das von uns Besitz ergreift und uns nicht mehr los lässt.
Es macht uns Angst und gaukelt uns die unmöglichsten Dinge vor:
Dass wir schmutzig sind. Dass unsere Wohnung total chaotisch ist, obwohl alles picobello ausschaut. Dass wir den Herd angelassen haben und das Haus abbrennen könnte, obwohl
wir den Herd heute noch gar nicht eingeschaltet haben. Dass wir einen Fußgänger überfahren haben, obwohl wir noch im Rückspiegel gesehen haben, wie er die Straße überquert hat –
gesund und munter.

Habe ich gerade jemanden überfahren ?

Gesund und munter sind wir schon lange nicht mehr.
Denn das Zwangsmonster flößt uns unheimlich Angst ein.
Irrationale Ängste. So zwingt es uns zu verrückten Handlungen:
Wie ständigem Händewaschen oder Stunden langem Putzen und Aufräumen.
Oder wir müssen immer wieder kontrollieren, ob der Herd aus ist.
Oder beim Autofahren umdrehen und schauen, ob da wirklich kein Fußgänger auf der Straße liegt, den wir überfahren haben. Manchmal müssen wir sogar die Polizei anrufen, damit wir auch ganz sicher sein können, dass wir den Fußgänger vorher tatsächlich nicht überfahren haben. Auch wenn wir ihn noch im Rückspiegel gesehen haben. Quicklebendig. Und unsere Beifahrer uns schon zehnmal versichert haben, dass nichts passiert ist. Das hätten wir doch gemerkt, wenn wir jemanden angefahren hätten !
Eigentlich schon. Aber wir können es trotzdem nicht glauben.
Weil das Zwangsmonster auch an Bord ist und uns einredet, dass wir den anderen nicht trauen können. Und uns selbst schon gar nicht. Und unbedingt umdrehen und nachschauen müssen,
ob wir nicht gerade jemanden angefahren haben, der dringend Hilfe benötigt. Sonst begehen
wir am Ende noch Fahrerflucht. Oder der arme Kerl, den wir gerade angefahren haben, kommt nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus und stirbt am Ende noch. Nur weil wir nicht aufgepasst haben und nicht umgedreht sind, um noch mal zu kontrollieren, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Das Haus könnte abbrennen und ich und meine Nachbarn könnten alles verlieren

Apropos kontrollieren: Haben wir am Morgen eigentlich kontrolliert, ob der Herd aus ist ?
Wir haben ihn zwar gar nicht eingeschaltet, weil wir zum Frühstück außer Kaffee nichts kochen. Was ist, wenn wir die Kaffeemaschine nicht ausgeschaltet haben ? Da könnte doch die Warmhalteplatte durchbrennen. Und einen Kurzschluss auslösen oder einen Zimmerbrand.
Dann könnte das ganze Haus abbrennen und unser Haustier qualfall zu Tode kommen.
Und vielleicht auch noch die alte Frau, die im Stockwerk über uns wohnt und nicht mehr
so gut zu Fuß ist. Oder das Baby unserer Nachbarin.
Dann haben wir alles verloren: Unsere Wohnung und unser gesamtes Hab und Gut.
Und kein Mensch redet mehr mit uns, weil wir schuld daran sind, dass das Haus abgebrannt ist. Weil wir nicht mehr kontrolliert haben, ob wir den Herd angelassen haben. Und ins Gefängnis kommen wir vielleicht auch noch. Weil wir ja schuld an dieser Katastrophe sind, bei der wir und unsere Nachbarn alles verloren haben. Und einige vielleicht sogar ihr Leben…
Nur weil wir die Kaffeemaschine und den Herd nicht kontrolliert haben…

Alles kontrollieren ist ganz normal …

Alles kontrollieren, bevor man das Haus verlässt, ist für meine MitpatientInnen ganz normal.
Natürlich wissen sie alle, dass das nicht normal ist. Sonst wären sie jetzt nicht hier.
Aber sie können einfach nicht anders.
Und sie beineiden mich, dass ich so zwanglos mit den Gefahren des Alltags umgehe, die auf uns lauern. Immer und überall. Genau wie das Zwangsmonster, das uns dauernd Angst vor diesen Gefahren macht und uns diese total abwegigen und irrationalen Gedanken einredet und dazu bringt, ständig diese nervigen Zwangshandlungen auszuführen.

Habe ich einem anderen absichtlich weh getan ? So wie man mir weh getan hat ?

Andere glauben oft, dass sie einer andereren Person absichtlich ein Leid zugefügt haben.
Zum Beispiel einem Kind Gift in die Limonade gemischt. Oder es unsittlich berührt.
Vielleicht so wie sie in der Kindheit von Freunden der Familie berührt wurden…
Obwohl sie das nie machen würden.
Aber diese Patientiennen und Patienten übertragen die furchtbaren Dinge, die ihnen angetan wurden, auf sich selbst und glauben, dass sie diese schrecklichen Dinge anderen antun könnten.
Nicht nur Kindern, sondern auch wildfremden Leuten auf der Straße. Oder vielleicht sogar ihren Mitpatienten…

Das Zwangsmonster existiert tatsächlich

Plötzlich kann ich verstehen, warum einige meiner Mitpatientinnen das Bild mit dem Zwangsmonster gar nicht anschauen wollen. Weil sie es kennen gelernt haben. Schon als Kind.
Plötzlich finde ich das Zwangsmonster auch nicht mehr so cool.
Sondern beängstigend. Vor allem, weil es wirklich existiert.
In den Köpfen der netten Männer und Frauen um mich herum und den vielen anderen Menschen, die an einer Zwangserkrankung leiden.

Langsam verstehe ich auch, warum so viele Betroffene nicht über ihre Zwangsproblematik

sprechen können. Ich habe ja auch keinem gesagt, was mit mir los ist. Und es weiß auch nicht jeder, dass auch ich sexuellen Übergriffen ausgesetzt war. Allerdings war ich da „schon“ 19 und später schon Ende 20, als ich ein paar Jahre mit unserem „Grabscher vom Dienst“ zusammen arbeiten. Ziemlich eng sogar. Was er natürlich auch ganz anders verstanden hat…

Nicht nur der Zwang ist ein Monster, das uns einfach packt und zu Dingen zwingt, die wir nicht machen wollen.
Sondern auch der liebe Onkel oder der nette Nachbar von nebenan oder ein Freund der Familie, der das Vertrauen eines unschuldigen Kindes missbraucht und genau weiß, dass das Kind nichts sagen wird. Weil es nicht versteht, was da mit ihm passiert. Oder sich selbst die Schuld dafür gibt. Oder dass man ihr nicht glaubt. Am Ende behaupten die Eltern sogar noch, sie sei schuld gewesen an dem, was ihr als Kind passiert ist. Bei Erwachsenen ist sowieso immer die Frau Schuld. Sie hätte nicht mitten in der Nacht auf der Straße sein sollen.
Achtung liebe Krankenschwestern, Bedienungen, Zeitungszustellerinnen und andere Frauen
im Schichtdienst: Augen auf bei der Berufswahl ! Das Böse lauert immer und überall…

Wo der Zwang Regie führt, spielt die Vernunft keine Rolle mehr

Das Fatale am Zwangsmonster ist, dass es nicht zu fassen ist und uns nur zu Dingen zwingt,
die eigentlich ganz gut sind: Wie Händewaschen oder Putzen oder aufpassen, dass nichts kaputt geht und niemand zu Schaden kommt.
Solange wir das ganze in vernünftigem Umfang machen.
Nur hat die Vernunft keine Chance mehr, wenn das Zwangsmonster Regie führt.
Der Zwang ist stärker als die Vernunft. Es schaltet die Realität einfach aus und tracktiert uns mit völlig abwegigen Gedanken, die uns das Leben zur Hölle machen. So lange, bis wir nachgeben und die Zwangshandlungen ausführen, die uns Stunden unseres Lebens und jede Menge Nerven kosten.

Zwang ist eine Krankheit.„It’s not me. It’s my OCD“ (obsessive-compulsive disorder).
„Das bin nicht ich, sondern meine Zwangsstörung“.
So steht es in den Unterlagen, die wir in der Klinik bekommen haben.
Im Gruppenraum steht das Bild vom Zwangsmonster. Der Feind hat ein Gesicht bekommen.

Krankheit statt Störung

Ein Mensch mit Zwängen ist nicht „gestört“, sondern krank

Der Begriff „Zwangsstörung“ spricht Bände: Wer unter Zwängen leidet, ist gestört.
Kein Wunder, dass keiner seine Zwangsstörung zugeben will.
Stichwort „Heimliche Krankheit“ und so.
Deshalb werde ich ab sofort von „Zwangserkrankung“ sprechen.
Denn genau das sind Zwänge: Eine Krankheit.
Genau wie Krebs, Aids, Alkoholismus oder Depressionen.
Die kommen bei einer Zwangserkrankung meistens noch dazu. Zwangsläufig.
Und dann muss man vielleicht doch zum Arzt oder in Therapie gehen.
Das Problem ist nur, dass die Betroffenen auch hier häufig nichts über ihre
Zwangsstörung sagen.
Weil sie sich sogar vor den Leuten schämen, die ihnen helfen könnten.
Aus Angst, dass die sie für gestört halten. Was sie ja eigentlich auch sind. Oder ?

Der Teufelskreis aus Angst und Zwängen

Angst spielt überhaupt eine große Rolle beim Zwang. Oft sogar die Hauptrolle:
Die Angst, dass die Krankheit entdeckt wird und dich keiner versteht –
nicht einmal Ärzte und Therapeuten…
Oder dich alle für total verrückt erklären. Oder eben für „gestört“ halten.
Und nichts mehr mit dir zu tun  haben wollen.
Und dann verlierst du deinen Arbeitsplatz.
Und deine Freunde.
Oder vielleicht sogar deinen Partner…
Und was macht der „Zwängler“, um seine Angst in den Griff zu kriegen
und sich wieder zu beruhigen: Genau: Er führt Zwangsrituale aus !
Und damit schließt sich der Teufelskreis aus Angst und Zwängen.
Und die Zwangsstörung wird immer schlimmer.
Die Ängste und Depressionen auch immer mehr.
Nur das Selbstwertgefühl wird immer weniger.
Und der „Zwängler“ kommt sich immer blöder vor. Weil er total „gestört“ ist.

Deshalb noch mal: Zwang ist keine „Störung“, sondern eine schwere
psychische Erkrankung.
Ein Mensch mit Zwängen ist also nicht „gestört“, sondern krank.

Zwang – die heimliche Krankheit

Zwang ist die heimliche Art, unheimlich zu leiden

Depressionen zählen schon lange zu den Volkskrankheiten.
Burnout – also die ultimative Depression – ist schon fast salonfähig geworden.
Wer einen Burnout hat, hat sich richtig rein gehört und passt in unsere Leistungsgesellschaft.

Aber eine ZWANGSSTÖRUNG ?

Bloß nicht ! So was hat man einfach nicht !!!

Zwanghaft ? Ich doch nicht ! – Oder vielleicht doch ?

Also besser nicht zugeben, dass man so was hat.
Oder am besten gleich ignorieren, dass man sowas haben könnte.
Zwangsstörungen gelten als „heimliche Krankheit“.
Oder wie ich es gerne sage: „Zwang ist die heimliche Art, unheimlich zu leiden“.

Raus aus dem Tabu !

Das muss nicht sein !

Mir hat es unheimlich geholfen, als ich endlich offen und ungezwungen über meinen Schreibzwang und meine weiteren Probleme reden konnte: Mit Ärztinnen, Therapeutinnen
und vor allem mit vielen netten Menschen, die auch seit Jahren unheimlich darunter leiden, dass sie ihre Krankheit verheimlichen müssen – in einer Gruppentherapie in einer ambulanten Tagesklinik.