Dokumentierzwang

Wenn Schreiben zum Zwang wird

Nein, heute schreibe ich nichts auf ! Das nehme ich mir immer wieder fest vor,
wenn ich mit Freunden zusammen sitze. Meistens fange ich trotzdem sofort zu
schreiben an, sobald ich daheim bin. Weil ich schreiben muss. Zwanghaft.

Manchmal kann ich mich bis zum nächsten Tag beherrschen, vor allem, wenn es spät wird.
Dann muss ich aber schreiben. Unbedingt. Oft schreibe ich einen halben Tag und länger.
Natürlich muss ich auch aufschreiben, wie ich geschlafen habe, was ich geträumt habe,
wann wir aufgestanden sind, ob am Morgen irgendetwas vorgefallen ist, und und und…
Ich leide unter zwanghaftem Dokumentieren, einem Dokumentierzwang, auch Dokumentationszwang oder Schreibzwang genannt.

Ich dokumentiere immer mehr und immer ausführlicher

Dieses manische Schreiben hat sich im Laufe der Jahre entwickelt.
Zunächst notiere ich nur wichtige Ereignisse im Kalender: Ein Treffen mit Freunden, Veranstaltungen, die wir besucht haben, Bergtouren, Ausflüge. Dann dokumentiere
ich auch meine sportlichen Aktivitäten, beim Schwimmen und Radfahren auch mit
Zeiten und Entfernungen. Das machen andere auch und die meisten enwickeln dabei
keinen Dokumentierzwang. Ich schon. Irgendwann schreibe ich nicht nur auf, wie weit
und wie schnell ich geschwommen bin, sondern auch, ob ich jemanden gesehen habe,
ob mich jemand gegrüßt hat, ob mich jemand angerempelt hat oder ein Kind neben
mir ins Wasser gesprungen ist.

Ständig unter Spannung

Im Fitnessstudio schreibe ich nicht nur auf, wen ich getroffen habe, sondern auch
worüber wir geredet haben. Immer ausführlicher, oft mit wörtlichen Dialogen.
Ich sitze Stunden lang um PC und tippe ununterbrochen. Mein Mann stellt fest,
dass sich meine Atmung verändert. Pressatmung. Ein Zeichen für hohe Anspannung.
Ich möchte am liebsten alles auf einmal schreiben. Wenn ich nicht schreiben kann,
werde ich total unruhig, irgendwann ist die Anspannung kaum noch auszuhalten.

Wenn ich mit jemandem rede, hoffe ich, dass das Gespräch nicht zu lange dauert,
damit ich nicht so viel aufschreiben muss. In Gedanken sitze ich schon wieder am
PC und dokumentiere das ganze Gespräch. Auch in der Arbeit. Oft denke ich, dass
ich wohl den Eindruck mache, als wäre ich ständig total im Stress oder auf der Flucht.
Immer auf dem Sprung, geistig schon wieder vor meinem PC.

„Das muss ich gleich aufschreiben“

Das bin ich auch. Aber nicht, weil ich so dringende Arbeiten zu erledigen habe oder mir
gerade etwas kolossal Wichtiges eingefallen ist – vielleicht die Lösung für ein Problem,
an dem ich schon ewig rum bastle, also etwas, was ich wirklich sofort umsetzen sollte.
Ab und zu kommt das natürlich auch vor. Oder meine Kollegen haben einen Lösungsansatz
parat. Mein Standardsatz in solchen Situationen ist: „Das muss ich gleich aufschreiben.“

Leider muss ich nicht nur die fachlichen Informationen aufschreiben, sondern auch,
was mein Kollege sonst noch gesagt hat, was er gerade getan hat, als ich ins Büro
gekommen bin, ob mein Chef oder die anderen Kollegen gerade beim Rauchen draußen
stehen oder sich irgendwo unterhalten. Einfach alles, was mich eigentlich gar nicht
interessieren sollte am Arbeitsplatz.

Zwang macht einsam

Ich distanziere mich zunehmend von meinen Kollegen.
Das fällt nicht schwer, weil ich schon lange nicht mehr richtig dazu gehöre, seitdem ich
wegen meiner Teilzeit aus dem Systembereich raus gefallen bin. Das ist jetzt eine reine Männerdomäne, typisch IT. Irgendwie passe ich da nicht richtig rein. Auch ein Grund,
warum ich lieber schreibe als rede. Weil die anderen mich nicht verstehen. Oder nicht
verstehen wollen und meine Probleme mit nichts-sagenden Sätzen abtun wie
„Du musst einfach ruhiger werden und dir ein dickeres Fell zulegen.“

Also ziehe ich mich in mein Büro zurück und hacke auf meinen PC ein, anstatt mit
einem Kollegen zu reden. Erschwerend kommt hinzu, dass wir in einem kleinen
Nebengebäude sitzen, weit weg von den anderen. Meine Kollegen finden das toll.
Dann können uns die Anwender nicht ständig die Bude einrennen, wenn sie ein
Problem haben. Ich wäre lieber im Hauptgebäude (wo ich jetzt auch tatsächlich bin)
und nicht so isoliert. Als einzige Frau in einer klassischen Männerdomäne.

Schreiben als „Ventil“

Unser Personalratsvorsitzender erkennt richtig, dass das Schreiben für mich ein
„Ventil“ ist und ich es ohne Schreiben vielleicht gar nicht mehr ausgehalten hätte.
Dass ich todunglücklich bin mit meinem Arbeitsplatz weiß jeder. Auch mein Chef.
Dem habe ich das sogar wörtlich gesagt.
Dass ich immer weiter aus dem Team raus falle, müsste auch allen auffallen.
Genau wie meine ständige Tipperei, die meinen Zimmer-kollegen ziemlich auf die
Nerven geht. Das erfahre ich erst später, als ich schon aus der IT-Abteiolung raus bin.
Weil der neue Chef – unser langjähriger Systemadministrator, der zehn Jahre zuvor mit
ein paar Schlüsselsätzen endgültig die Weichen für meinen beruflichen Niedergang gestellt
hat
– nicht mehr mit mir zusammen arbeiten kann (oder will), weil das Vertrauensverhältnis gestört ist. Aufgrund meines Dokumentierzwangs. Weil ich alles aufgeschrieben habe.
Auch Dinge, die ich theoretisch gegen ihn oder meine Kollegen verwenden könnte.
Was ich nie vorhatte.

Meinen Mann stört es nicht, dass ich so viel schreiben

Ich wollte den ganzen Mist nicht aufschreiben. Ich musste.
Weil ich an einem Dokumentierzwang gelitten habe. Jahre lang. Unbemerkt.
Obwohl es alle hätten merken müssen. Meinem Mann fällt natürlich auch auf dass ich
immer so viel schreibe.  Aber ihn stört es nicht und er empfindet mein Verhalten auch
nicht als zwanghaft. Trotz meiner angespannten Körperhaltung und Pressatmung,
auf die er mich immer wieder aufmerksam macht, wenn ich am PC sitze. Aber nach
über 20 Jahren  gewöhnt man sich an die Eigenheiten seines Partners und akzeptiert
sie auch. Das ist vermutlich eines der „Geheimnisse“ einer guten Beziehung.

Meine Kollegen stört meine Tipperei, aber sie sagen nichts

Meine Kollegen stört meine ständige Tipperei schon. Aber sie sind  vermutlich einfach
zu bequem, um etwas zu sagen. Ich könnte ja irgendwie reagieren. Mit meinen schlechten
Nerven und meinem dünnen Fell…

Und so schreibe ich weiter. Über zehn Jahre lang. Immer mehr und immer zwanghafter.
Oft überlege ich, ob ich nicht zu meinem alten Chef gehen sollte, der mir über 20 Jahre
lang das Leben schwer gemacht hat und seit März 2015 in Rente ist. Vielleicht sollte ich
diesem ignoranten Chauvi, der nie eine Frau in seinem Team haben wollte, einfach sagen,
dass ich alles aufschreiben muss. Zwangsweise. Zwanghaft. Dass ich das nicht will, aber
einfach nicht anders kann. Und unheimlich darunter leide.

Meinen Schreibzwang ansprechen wäre eine Katastrophe gewesen

Aber das wäre sicher eine Katastrophe geworden. Ich konnte mit meinem alten Chef nicht
einmal über deutlich einfachere Probleme vernünftig sprechen. Und dem soll ich sage sagen,
dass ich einen Schreibzwang habe? Nein, bloß nicht !

Und so schreibe und leide ich weiter bis zu jenem fatalen Donnerstag im August 2015, als mein neuer Chef endlich die entscheidende Frage stellt: „Was schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“

Das ist das Beste, was mir passieren konnte.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durch gehalten hätte. Denn mein Schreibzwang ist
wirklich immer schlimmer geworden und ich habe mich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück gezogen, damit ich nicht noch mehr aufschreiben musste.

Zwang macht einsam und kann vieles kaputt machen

Zwang macht einsam. Und er kann Leben zerstören und viel kaputt machen. Freundschaften, Beziehungen, Karrieren. Meine „Karriere“ in der IT-Abteilung ist schlagartig beendet, als mein Chef und meine Kollegen von meinem Dokumentierzwang erfahren.

Meine Mitgliedschaft im Personalrat wird mir erst aufgekündigt, als ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurück kehre. Natürlich habe ich auch während den Personalratssitzungen immer ziemlich viel mitgeschrieben. Nicht immer. Manchmal konnte ich mich auch beherrschen,
bis ich daheim war. Natürlich habe ich mir immer wieder vorgenommen, nichts aufzuschreiben. Weil ich das gar nicht durfte. Und das wussste ich auch. Aber ich musste.
Auch wenn ich damit einen massiven Verstoß gegen den Datenschutz begangen habe.
Als Personalratsmitglied und als IT-Mitarbeiterin. Da wiegt dieses Vergehen doppelt schwer.
Trotzdem konnte ich das Dokumentieren nicht bleiben lassen.

Meine Kollegen reden noch mit mir

Meine Kollegen sind nicht mehr zu einem klärenden Gespräch bereit, als ich nach 9 Monaten unfreiwilliger Auszeit und einer 9-wöchigen Therapie in einer psychosomatischen Tagesklinik
an meinen neuen Arbeitsplatz zurück kehre. In einer anderen Abteilung und einem anderen Gebäude, aber immer noch im IT-Bereich. Aber sie reden noch mit mir, wenn ich aus fachlichen
Gründen in der IT anrufen muss.
Mein ehemaliger Zimmerkollege ist sogar in mein neues Büro gekommen und hat mir lange
und ausführlich erklärt, warum die hilfreichen Links auf PDF-Dateien im Internet und Intranet nicht mehr funktionieren (aus Sicherheitsgründen und weil es da größere Probleme gab in der langen Zeit, in der ich weg war). Er hat mir wahrscheinich deutlich mehr erzählt als seinem
Chef lieb ist.

Scheinbar hat mein Kollege trotz meines Dokumentierzwangs noch Vertrauen zu mir.
Und ich habe sein Vertrauen nicht enttäuscht.

Ich schreibe nur noch, wenn es mir Spaß macht

Ich habe nicht aufgeschrieben, was er mir alles berichtet hat.
Und ich werde es auch nicht mehr aufschreiben.
Weil ich meinen Dokumentationszwang überwunden habe.
Ich schreibe nur noch, wenn es mir Spaß macht. Und nicht, weil ich schreiben muss.

So habe ich meinen Dokumentationszwang überwunden

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